Probleme der Deutung

 

Hier konzentrieren wir uns auf ikonographische Probleme: Identifikation von bedeutungsvollen Elementen in der bildenden Kunst. – Es geht nicht darum, zu imaginieren, was ein Bild (insbesondre wenn es aus früherer Zeit oder aus einer anderen Kultur stammt) doch in unserer Seele alles erregt ("Anmutungsqualität"). Sondern war es sagen und bewirken wollte.

Staunen über Unerklärtes – das ist eine produktive Methode. Und nach dem Staunen das Problem fokussieren und nach einer Lösung suchen :::

Im Focus stehen Bilder aus der Periode vor Futurismus, Suprematismus, Konstruktivismus, Drip painting usw. (vgl. https://www.artfritz.ch/konkrete_kunst.html).

Das Interesse liegt im folgenden auch nicht auf der Ästhetik, dem Stil (obwohl solche formale Gesichtspunkte einen Impact haben auf das Inhaltliche).

Zu überlegen ist:

Welche Aufgabe mag der Bildproduzent für zeitgenössische Betrachter gehabt haben? (vgl. hierzu das Kapitel zu den Funktionen)

Welche Bildmuster lagen bereits vor, die man verwenden oder adptieren konnte? (beispielsweise in Lexika, in Emblembüchern usw.)

Welche ideologische Vorgaben mussten bei der Verbildlichung befolgt werden? (z.Bsp: im protestantischen Umfeld waren Heiligenbilder nicht opportun)

Bilder haben gelegentlich Leerstellen und auch bedeutungslose, schmückende Zugaben (Parergon)

Künstlern unterlaufen mitunter Missverständnisse....

Wie ästhetisch-kreativ (oder auch nachlässig) war der Bildproduzent? Dann ein guter Maler ist inwendig voller Figur, und obs müglich wär, dass er ewiglich lebte, so hätt er aus den inneren Ideen, dovan Plato schreibt, allbeg etwas Neus durch die Werk auszugießen (Dürer, Lob der Malerei, 1512)

Daraus ergeben sich die Aufgaben für Interpreten. Zu bedenken: Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht. Oft sieht man lange Jahre nicht, was reifere Kenntniß und Bildung an dem täglich vor uns liegenden Gegenstande erst gewähren läßt. (Goethe zu Kanzler Friedrich von Müller, 24.4.1819)

Aufdecken des historischen Hintergrunds:

Rekonstruktion des Zusammenhangs; insbesondere, wenn ein Bild aus dem Kontext gerissen überliefert ist: In welchem Buch / auf welchem Flugblatt stand das Bild? Wo war es angebracht (profane ode sakrale Umgebung)? Text dazu?

Welche "Vorurteile" (vgl. Hans-Georg Gadamer: ›Vorverständnis‹) lese ich mit meinem kuturellen Hintergund in das zu Deutende hinein? (z.B. ästhetische Konzepte; Behutsamkeit gegenüber rassistischer Dikriminierung)

Fußnote: Kritik an dieser enggeführten Ikonographie wurde immer wieder laut. Kunst sei doch nicht einfach Gedankeneinkleidung zum Zweck leichterer Kommunikation; man könne doch das Wesen eines Kunstwerks nicht ergünden, indem man es auf sprachlich formulierte Ideen zurückführe; usw. — Bei den hier angeführten Fragen geht es indessen nicht um Kategorien wie "Anmutungsqualität".

 

Für alle diese im folgenden angeführten Problemchen hat ja AI in Millisekunden eine schön ausformulierte Lösung ...

Wer ohne Künstliche Idiotie eine Idee hat, schickt bitte ein Mail an:

Immer wieder Fragen; hie und da Vermutungen.

Kombination einer positiven und einer negativen Tat?

Von Francesco Maffei (ca. 1605 – 1660) stammt dieses Bild:

> https://en.wikipedia.org/wiki/File:Maffei_Judith.jpg

•• Judith hat den Holofernes mit einem Schwert enthauptet, aber den Kopf nicht auf einer Schüssel getragen (Judit Kap. 13).



•• Salome (die Tochter des Herodias) hat Johannes nicht mit dem Schwert geköpft, aber überreicht das Haupt des Johannes auf einer Schüssel dem Herodias (Matthäus 14,1–12 und Markus 6,14–29).

(Die Bildausschnitte aus derselben Bibel: Neuwe biblische Figuren deß Alten und Neuwen Testaments/ geordnet vnd gestellt durch den fürtrefflichen vnd Kunstreichen Johann Bocksbergern … vnd nachgerissen mit sonderm fleiß durch den Kunstverstendigen vnd wohlerfahrenen Joß Amman von Zürich …, Frankfurt/M M.D.LXIIII. 1564)

Deutung?

Hinweis bei Erwin Panofsky, Studies in Iconology, NY 1939; Sinn und Bedeutung in der bildenen Kunst, Köln: DuMont 1975, S. 46.

Wer mehr Bibelillustrationen sucht >>> hier gibts einige

A – B – C –

Johann David Nessenthaler (inv. et fecit) / Martin Engelbrecht (excud.) haben (vor 1756) ein Alphabet entworfen, wo für jeden Buchstaben Gegenstände oder Personen abgebildet sind, die damit beginnen:

> https://www.metmuseum.org/art/collection/search/700324

Hier also:

Tiger Turteltaube Traube Türke

Uhr Urne Ulan

Vogel

Wagen Wolf Wurst Wappen

Zeit Zaumzeug Zange Ziegel Zipfelmütze

Wer ist bei X dargestellt?

Unser Mitglied M.S. in L. vermutet: »Könnte es sich um König Xerxes handeln? Und Xantippe – bloss die Mistgabel will nicht dazu passen. Im griechischen Wort für Heugabel διχάλα ist in der Mitte ein schönes X zu sehen ...«.

Literaturhinweis: Joseph Kiermeier-Debre / Fritz Franz Vogel, Poetisches Abracadabra. Neuestes ABC- und Lesebüchlein, München: 1992 (dtv 2305) .

Titelbild von Hans Holbein für den Drucker Froben

Dasselbe Bild wurde auch für ganz andere Bücher verwendet: Erasmus, Paraphrasis in Euangelium secundum Ioannem ... Basel: Froben 1523 und Hilarius Pictaviensis (Digitalisat BSB)

Ist der mit DIONYSIVS angeschriebene, eine Krone tragende Mann, der eine männlichen Statue am Bart reisst, der Tempelschänder Dionysios I., Tyrann von Syrakus? Und die oben mit ESCVLAPIˢ bezeichnete Statue Asclepius, der für die Heilkunde zuständige Gott? Und was geschieht auf der anderen Bildseite? Er raubt die Schätze von Eileithya, Göttin der Geburtswehen? (vgl. Paulys Realencyclopädie s.v.)

Und was bedeutet die sich von Schlangen ums Leben bringende CLEOPATRA unten?

Augen – Herzen

Holzschnitt des Petrarcameisters mt Versen von Johannes von Schwarzenberg:

Wer sich will machen mackel frey/
Schwaw hie was zier vnd vnzier sey.
Vnd wie kein tugent des embiert/
[das nicht hat]
Das warlich alle menschen ziert.

Auf dem Tondo (ist es ein Spiegel?) sind Augen und Herzen dargestellt.

aus: Officia M. T. C. Ein Buoch So Marcus Tullius Cicero der Römer zuo seynem Sune Marco. Von den tugentsamen ämptern vnd zuogehörungen eynes wol vnd rechtlebenden Menschen in Latein geschriben, Welchs auff begere Herren Johansen von Schwartzenbergs etc. verteütschet/ Vnd volgens Durch jne in zyerlicher Hochteütsch gebracht. Mit vil Figuren vnnd Teütschen Reymen gemeynem nutz zuo guot in Druck gegeben worden, Augspurg: Steyner, MD.XXXI. Fol. XXIII recto
> http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0001/bsb00010109/images/

Mit demselben Text als Titelbild wiederabgedruckt in: Johannes von Schwarzenberg, Ein Büchle, genannt Memorial der Tugend, 1534

Das Motiv erscheint dann auch auf dem Titelblatt von Johann Michael Moscherosch (1601–1669). In der Vorrede an den Leser steht:

Ein solcher spiegel schier ist dieses buch zu nennen/
So da gibt iedermanns gebrechen zuerkennen/
Macht iedem/ der es list/ gar eygendlich bekannt/
Waß übel-ständig sey/ waz gott-loos/ sünd und schand.
Drum sieh es fleüssig an! ...

Über dem Tondo abgekürzt die delphische Inschrift ΓΝΩθΙ ΣΑΥΤΟΝ (Erkenne Dich selbst).

Les Visiones De Don Francesco De Quevedo Villegas oder Wunderbahre Satyrische gesichte / Verteutscht durch Philander von Sittewalt/ … Strasburg: Mülbe [1640].
> http://dx.doi.org/10.25673/opendata2-9638

Walter Ernst Schäfer, Johann Michael Moscherosch. Staatsmann, Satiriker und Pädagoge im Barockzeitalter, München 1982 (S. 78ff.) hat folgende Textstellen zum Schild beigebracht, den er als Wappen der Weltliebe deutet:

Die fleischliche, weltliche Liebe schleicht durchs Auge ins Hertz (Justus Georg Schottel, Ethica, 1669, S. 149)

wer mit eröffneten augen deß verstands um sich sieht/ leichtlich kan wahr nemmen – wie sich der viehische Mensch verhält (Moscherosch, Vorrede)

Man könnte die nebeneinander dargestellten Organe auch beziehen auf den bilischen Satz 1.Samuel 16,7: Ein Mensch sihet was fur augen ist / der HERR aber sihet das hertz an. (Lutherbibel 1545; anders als in der Vulgata)

(Hier mehr zu den "satyrischen Schriften")

Unser Mitglied M.S. in L. erinnert an Sirach 17,13ff: Die Größe der Herrlichkeit haben ihre Augen gesehen / und die Herrlichkeit seiner Stimme hat ihr Ohr gehört. […] Ihre Wege sind von Jugend an auf Böses aus, / sie waren nicht stark genug, / ihre Herzen aus Stein zu solchen aus Fleisch zu machen.

Tafelfreuden

Warum sitzen die drei Paare beim Schmausen nur an der hinteren Tischkante? War es damals üblich, eine Tischkante freizulassen, damit die Bediensteten guten Zugang beim Servieren hatten? Aber die kommen hier ja von hinten!

Der Petrarcameister konnte Figuren gut in repoussoir-Ansicht darstellen (vgl. z.B. I,38. I,85. I,109; u.a.) das kann nicht der Grund sein.

Möchte er uns Betrachtern die Personen face-to-face zeigen, und was da alles auf dem Tisch serviert ist? (Es sind sieben Formen von Gläsern!)

Von verhoffter Glori auß beywonung (I, 119). – Die Personifikation der Freude ist der rechts eintretene junge Mann, der in der Hoffnung auf Ruhm durch Gesellschaft (beywonung) kommt, von dem die Schmausenden aber keine Notiz nehmen.

Trostspiegel in Glück vnd Vnglück. Francisci Petrarche, des Hochberümpten, Fürtrefflichen, vnd hochweisen Poeten vnd Oratorn, zwey Trostbücher, Von Artznei vnd Rath, beydes in gutem vnd widerwertigem Glück ... ; Allen Haußuättern vnd Regimentspersonen ... sehr nützlich vnd tröstlich zuwissen. Jetzund von newem widerumb zugericht vnd in Truck verfertiget, Franckfort am Meyn: Egenolff 1572 [Erstausgabe 1532]
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00084729/image_1

Hier wird das Passamahl (Exodus 12,8) unverstellt präsentiert, weil es die zentrale Idee verkörpert:

(Leonardo da Vinci, Jesus und die 12 Jünger beim Abendmahl lassen grüßen)

Eine zusätzliche Figur am Wegrand

Im Matthäusevangelium (2,13 ff.) wird berichtet: Nach der Geburt von Jesus

DA sie [die drei Weisen] aber hin weg gezogen waren / Sihe / da erschein der Engel des HERRN dem Joseph im trawm / vnd sprach / Stehe auff / vnd nim das Kindlin vnd seine Mutter zu dir / vnd fleuch in Egyptenland / vnd bleib alda / bis ich dir sage. Denn es ist fur handen / das Herodes das Kindlin suche / das selb vmb zu bringen. Vnd er stund auff / vnd nam das Kindlin vnd seine Mutter zu sich / bey der nacht / vnd entweich in Egyptenland / vnd bleib alda / bis nach dem tod Herodis. Auff das erfüllet würde / das der HERR durch den Propheten gesagt hat / der da spricht / Aus Egypten hab ich meinen Son geruffen. (Lutherbibel 1545)

Melchior Küsel (1626–1683) illustriert das 1679 so:

Icones Biblicae Veteris et Novi Testamenti. Figuren biblischer Historien Alten und Neüen Testaments. roprio aere aeri incisae, et venales expositae a Melchiore Kysel, Augustano. Augustae Vind. MDCLXXIX.
> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b8452397d/f355.item

Das kleine Engel Joseph und Maria den Weg nach Ägypten zeigen, versteht man. Aber: Was beutet diese eine Kugel haltende Figur auf dem Sockel hinten, die herunterzufallen scheint?

Deutungsversuche siehe hier

Diskrepanz zwischen Bild und Inschrift

> https://risdmuseum.org/art-design/collection/thetis-and-chiron-71005

Der Kupferstich von Georg Pencz († 1550) aus dem Jahr 1543 ist oben rechts angeschrieben mit:

ACHILLEM. HV-Ø-NC. MAGISTRO. SVO. CHIR-Ø-ONE

≈ Den Achilles seinem Lehrer Chiron (Χειρων)

Am nähesten kommt der mythologische Text aus Apollodor, Bibliotheca 3,172 ≈ III,xiii,6: Peleus brachte den Knaben zu Chiron. Dieser nahm ihn an und nährte ihn mit den Eingeweiden von Löwen und wilden Schweinen und mit dem Mark von Bären. Er nannte ihn Acchileus.

Ein Löwenfell trägt Herakles, ok. –– Es ist aber kein Kentaur (das wäre die Gestalt von Chiron) abgebildet, sondern ein Satyr. — Ist das tote Tier am Boden, auf den die Frau mit Redegestus hinweist, ein Nahrungsmittel für Achilles? — Wer sind die anderen Frauen in der Höhle? — Wo ist Achilles?

Eine antike Darstellung hier > https://www.theoi.com/Gallery/K15.5.html

Weiterentwicklung eines Bildtyps?

Das Bild von Anton Wierix (ca. 1555 – 1604) zeigt zum Text

Mortua cuncta iacent si non serventur ab igne /
     Omnia vivificat namque calore suo

≈ Alle liegen ohnmächtig, wenn sie nicht vom Feuer erhalten werden /
      Mit seiner Wärme belebt es nämlich alles.

ganz passend einen von Feuersalamandern gezogenen Wagen.
(Mehr zu diesem im Feuer gedeihenden Tier hier.)

> https://nds.museum-digital.de/object/39597

Planetenbilder des Typs "zwei Tiere ziehen einen Wagen, den ein Planet lenkt und dessen Räder mit den zwei zugehörigen Bildern des Zodiakus versehen sind" kennt man seit Ausgaben von Hygins »Poeticon astronomicon«;

Jedem Planeten ist ein Tierkreiszeichen zugeordnet, und zwar jenes, das seiner Natur am besten entspricht. In dem ihm zugeteilten Domizil ist er Herrscher oder Regent. Beispiele: Mars ≈ Widder — Jupiter ≈ Schütze — Sonne ≈ Löwe — Mond ≈ Krebs.

hier Mars in der Fassung von Georg Pencz (1. Hälfte 16. Jh.):

(Das ganze Bild > http://www.zeno.org/nid/20004214595 )
Im unteren, (*) realistischen Bildteil: typische von der Konstellation bewirkte Fälle.

Bei Wierix:

V Die Frauengestalt mit Fackel und loderndem Haar passt gut zum Thema, ebenso die beiden Salamander.

? Zu den beiden Tierkreiszeichen Waage und Schütze (ein Paar, das nie so vorkommt) gesellt sich ungehörigerweise noch ein drittes: Skorpion.

? Die Tiere werden gelenkt und angetrieben von einer zusätzlichen Figur: einer/m fauchenden Jugendlichen mit Zügel und Peitsche, der/die wie Fortuna auf einer Kugel sitzt.

? zuvordrest am Wagen eine Zierfigur: ein Putto mit einer weiteren Fackel

? Auf dem Wagen sitzt ausserdem noch "Prodigalitá" mit dem Füllhorn (Cornucopia).

? Und was tut hier der dreiköpfige (von Herakles einst in die Oberwelt gebrachte) Cerberus?

? Links im Hintergrund die (von Raffael musterhaft gezeichnete) (*) realistische Szene: Aeneas rettet seinen Vater Anchises und seinen Sohn Ascanius aus dem brennenden Troja – wurden die drei "vom Feuer erhalten / belebt?"

Sapientia besieht sich im Spiegel und …

Achille Bocchi (Bologna, 1488–1562) hat ein reichhaltiges Emblembuch verasst, dessen erste Auflage 1555 erscheint:

Achillis Bocchii Bonon. Symbolicarum quaestionum de universo genere quas serio ludebat libri quinque, Bononiae 1555
> http://resolver.sub.uni-hamburg.de/goobi/PPN84020969X

1. Teil, Emblem Nummer XI:

  • Die Überschrift SAPIENTIÆ SPECIES INENARRABILIS versteht man ≈ Das Bild (das Spiegelbild, species bedeutet aber auch "schöne Gestalt") der Weisheit ist unbeschreiblich.
  • Sapientia ist personifiziert (warum nackt ? In der Ikonographie unüblich; Meistens wird sie mit Minerva identifiziert und in einer Rüstung dargestellt. Nackt wie die Wahrheit?)
  • auf der Kopfbedeckung die Buchstaben IHS für Jesus. Seltstamerweise im Spiegelbild nicht zu sehen …
  • auf dem angeketteten Stein: De reb[us] optime iudicat ≈ sie weiss bestens über die Dinge Bescheid.
  • auf dem Stein, worauf sie sitzt: Semper eadem ≈ immer dieselbe.

?   und der siebenköpfige Drache, auf den sie mit dem Fuß tritt? Die Bosheit der Welt? Der apokalyptische Drache aus Apokalypse 13,1–8 ?

Achillis Bocchii ... Symbolicarum quaestionum, de universo genere, quas serio ludebat, libri quinque Bononiae, apud Societatem Typographiae Bononiensis, MDLXXIIII

1574er-Ausgabe > https://www.e-rara.ch/zut/content/zoom/10467539
Eine Seite weiterblättern, da steht der lange lateinische Text! So würde alles klar...

 

Schneckenhaus

Von Giovanni Bellini (ca. 1430 – 1516) ist dieses Bild überliefert:

Bei den Personifikationsallegorien zum Thema Laster/Tugenden findet sich keine Parellele....

Bellini hat noch andere solch rätselhafte Bilder hinterlassen, z.B.

> http://www.zeno.org/nid/20003887634

Patricia Görg, Der Sturz aus dem Schneckenhaus. Bilder und Rätsel, München: Schirmer/Mosel 2023, S.72–83.

In der Literatur zu Bellini liest man Formulierungen wie: Die üblichen Schlüssel für die Interpretation passen hier nicht — Er sucht gezielt den Regelverstoß — freies Schweifen des Blicks — spielerische Unbestimmtheit — ein Werk, das mit bestehenden Traditionsvorgaben bricht ....

Welche – die Darstellung allenfalls erläuternden – Deutungen kannte man zur Zeit von Bellini?

Denkbar wäre es, dass Bellini sich lächerlich macht über einen Adligen, der eine entsprechende, eine Schnecke darstellende Devise / Imprese zur Kennzeichnung seiner Familie führte. Freilich sind die bebilderten Sammlungen von Claude Paradin (Devises heroïqes 1551) und Paolo Giovio (Imprese militari et amorose 1559) erst später erschienen. Eine Anregung könnten auch die skurrilen Hierogylphen sein; auch hier: Pierio Valeriano, Hieroglyphica erst 1556.

Unter welchem Stichwort würde man Allegorien der Schnecke suchen? (lat. coc<h>lea? limax?) Die »Iconologia« von Cesare Ripa erscheint erst 1593.

Hermann Heinrich Frey (1549–1599) zitiert eine Stelle des Kirchenvaters Hieronymus († 420): Die langsame Schneck im Heuslein bedeutet die Ketzer/ die im Koth vnd Unflat jhrer Jrrthumb stecken/ vnd gemählich daher geschliechen kommen.
in: Therobiblia, Biblisch Thierbuch/ Darinne alle vierfüssige/ zahme/ wilde/ gifftige vnd kriechende Thier/ Vogel vnd Fisch/ deren in der Bibel meldung geschicht sampt jren Eigenschafften vnnd anhangenden nützlichen Historien beschrieben sind. Mit der alten vnd newen Kirchenlehrer Außlegungen fleissig erkleret, Leipzig: J.Beyer 1594/1595 [Reprint hg. Heimo Reinitzer] — Fünffter Theil, S. 358 verso

Das »Reductorium morale« von Petrus Berchorius († nach 1361) hat glücklicherweise Aegidius Albertinus (um 1560 – 1620) komprimierend übersetzt: »Der Welt Tummel= und Schaw-Platz« (1612). Hier aus dem Passus zur Schnecke (S. 349): Sie bedeutet, weil sie aus dem ekligen Lehm geboren ist, die geile vnd vnkeusche Leut, … die alles was sie berüren und anathmen … inficiren. Dennoch hat die Schnecke Hörner, das bedeutet ihre Hoffart und den Übermut

>>> http://diglib.hab.de/drucke/21-phys/start.htm?image=00377

Was die Schlange in Bellinis Bild bedeutet und wer die beiden die Schnecke tragenden Männer sind, ist damit freilich noch ungeklärt.

Oder hat Bellini einen der ornamentalen Scherze übernommen, wie sie sich in mittelalterlichen illustrierten Manuskripten am Rand ungezählte Male finden?

Ein ähnlicher Fall: Giorgione, »Il tempesta« (1508); vgl.

Ulrich Stadler, Giorgiones ›Gewitter‹. Über den Umgang mit Ungereimtheiten in: Zeitschrift für Ideengeschichte, S. 85–90.

Salvatore Settis, La „Tempesta" Interpretata. Giorgione, i committenti, il soggetto, Turin: Einaudi 1978. — Dazu: Marin Warnke, in: kritische berichte Band 7; Nr. 2/3 (1979) > https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/kb/article/view/10921/4784

Groteske Initialen ...

... kennt man in gotischen Handschriften massenweise; vgl. >>> hier

Seltsam ist indessen im Psalterium Cantuariense [Canterbury-Psalter; 1176-1200]
diese Initiale D = ausgerechnet ein Scheusal im Wort Deus.

> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b10551125c/f257.item

Der Text : Deus iudicium tuum regi da (Ps. 71,2 ≈ Gott, verleihe dein Richteramt dem König; [gemeint ist Salomon; dann]: und dem Sohn des Königs deine Gerechtigkeit....)

Hat hier der Schreiber des Codex einfach eine lustige Vorlage verwendet? Oder hat ihn ein Geistlicher beraten, und der Drache bedeutet etwas?

Man müsste in den (interlinearen) Kommentaren den Text lesen. Unter dem D ist erkennbar: et non usurpat regnum ... (≈ er reisst das Königreich nicht an sich, weil er der Sohn des Königs ist) . Was sagen die Psalmen-Kommentare?

Meint der Drache einen Usurpator ???

Wer ist gemeint auf diesen Titelbildern?

Die »Dunkelmännerbriefe«: 1515: »Epistolae obscurorum virorum«

Haben die auf dem Titelblatt abgebildeten lesenden und schriebenden Männer (Mönche?) eine präzise Bedeutung? — Die fiktiven Schreiber haben mitunter sprechende Namen, was aber nicht umgesetzt wird, z.Bsp.: (Brief 3:) Bernhardus Plumilegus ≈ Federleser – (Brief 4) Joannes Cantrifusoris ≈ Kannegiesser – (Brief 6:) Nicolaus Caprimulgius ≈ Ziegenmelker – {Bief 16): Mattheus Mellilambius ≈ Honiglecker.

Epistolae obscurorum virorum. Herausgegeben von Aloys Bömer, Einführung und Text, Heidelberg 1924. — Dt.Übersetzung von Wilhelm Binder 1876 = insel-Taschenbuch 1297, Frankfurt/M.1991.

Als Empfänger der Briefe ist der Kölner Theologe Ortwin Gratius (1491–1542) angegeben. Dieser gibt in seiner scherzhaften Erwiderung den Namen der Humanisten zurück, womit sie ihn und seine Anhänger bedacht hatten: Die Klagen der obskuren Männer.

Der Teufel links im Bild hält eine leuchtende Kerze und einen »Augenspiegel« (Wort für die Brille; Anspielung auf die Schrift von Reuchlin 1511, auf der dies auf dem Titelblatt abgebildet war); der Teufel rechts einen Blasbalg.

In der vorderen Reihe stehen v.l.n.r.:
ein Jude (Hut!) – ein Mohammedaner – ein sich Entsetzender – ein armer Mann.

Frage: Wer ist mit diesen Männern gemeint, denen Teufel die Brille aufsetzen und üble Gedanken einblasen?

Lamentationes obscurorum virorum non prohibitę per sedem Apostolicam. Epistola D. Erasmi Roterodami: quid de obscuris sentiat. cum ceteris quibusdam non minus lectu iucundis quam cognitu necessariis; Quentel, 1518
> https://digital.ub.uni-paderborn.de/eab/content/zoom/1774268

Lat. Text >>> https://archive.org/details/bub_gb_lma6-ghpVFgC/mode/2up

Forschung > Dietrich Reichling: Ortwin Gratius, Heiligenstadt: Delion, 1884.

Weitere Beispiele auf unserer Website

zu vier Werken von Dürer

Die Kanzel von Casaccia

Philosophische Vertiefung:

 

Plato: ›Und auf welche Art, Sokrates, wirst du nun das untersuchen, wovon du so ganz und gar nicht weisst, was es ist?‹ (Menon 80d)

Michel de Montaigne:
Il faut quelque degré d’intelligence, à pouvoir remarquer qu’on ignore: et faut pousser à une porte, pour sçavoir qu’elle nous est close. ≈ Es bedarf eines gewissen Grades von Einsicht, um wahrnehmen zu können, dass man nicht weiss, und man muss eine Tür zu öffnen versucht haben, um zu erkennen, dass sie verschlossen ist. (Essais, III,13).

G.W.F. Hegel: Vorlesungen über die Ästhetik
II. Entwicklung des Ideals zu den besonderen Formen des Kunstschönen
I. Die symbolische Kunstform
B. Vergleichungen, welche in der Verbildlichung mit der Bedeutung den Anfang machen
1. Das Rätsel

Das eigentliche Symbol ist an sich rätselhaft, insofern die Äußerlichkeit, durch welche eine allgemeine Bedeutung zur Anschauung kommen soll, noch verschieden bleibt von der Bedeutung, die sie darzustellen hat, und es deshalb dem Zweifel unterworfen ist, in welchem Sinne die Gestalt genommen werden müsse.
   Das Rätsel aber gehört der bewußten Symbolik an und unterscheidet sich von dem eigentlichen Symbol sogleich dadurch, daß die Bedeutung von dem Erfinder des Rätsels klar und vollständig gewußt und die verhüllende Gestalt, durch welche sie erraten werden soll, daher absichtlich zu dieser halben Verhüllung auserwählt ist.
   Die eigentlichen Symbole sind vor- und nachher unaufgelöste Aufgaben, das Rätsel dagegen ist an und für sich gelöst, weshalb denn auch Sancho Panza ganz richtig sagt: er habe es viel lieber, wenn ihm erst das Auflösungswort und dann das Rätsel gegeben werde.

usw. > https://www.textlog.de/5953

Letztes Update 31.5.26 PM