Pyramiden

Johann Caspar Lavater (1741–1801)

Auf den Titelseiten aller vier Bände seiner »Physiognomischen Fragmente« (I. Versuch 1775 — II. Versuch 1776 — III. Versuch 1777 — IV. Versuch 1778) hat Johann Caspar Lavater emblem-artige Bilder ohne erläuternde Texte anbringen lassen.

Oben ein lichtvoller Himmel, darunter eine finstre Wolke, der untere Teil des Bauwerks wird von Insekten (Bienen?) umschwärmt; die Pyramide steht auf einem Sockel, der mit Wahrheit! angeschrieben ist.

Was bedeutet diese Pyramide?

Von Johann Rudolf Schellenberg (1709–1795) gibt es eine Vorzeichnung zur Pyramiden-Titelvignette. Darauf aufmerksam gemacht hat Carsten Jöhnk im Jahrbuch des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg, Band 15/16 (1996797) S.99ff. insbes. S. 105:

Für das Titelbild wurde dann unten der Sockel mit Wahrheit angeschrieben; die Fledermaus ist weggeflogen ...

Andreas Moser (Lavater-Edition UZH) macht aufmerksam auf die Digitalisierung der Briefe von und an Lavater, wo man Stellen zur Pyramide findet:
> https://jclavater-briefwechsel.ch/edition/list?fulltext=pyramide*

• Johann Georg Zimmermann (1728–1795) an Lavater, Hannover 9. April 1775:

Deine Physiognomik wird stehen wie eine Pyramide in alle Jahrhunderte hinaus; und ihre Verächter und Verspotter werden ihr Angesicht verhüllen vor dir, vergehen wie der Spreü […]

• Lavater, Brief vom 30. Mai 1775 an Johann Georg Zimmermann :

Herder hat Erlaüterungen übers N. T. heraus gegeben, die eine Pyramide sind, woran sich die Insekten Teller [*] und Comp. den Schädel zerstoßen werden.
Stirn die Basis der Physiognomik, der Mund der Focus – die Spitze – der Pyramide!

[*] Wilhelm Abraham Teller (1734–1804), der den pietistisch gesinnten Theologen als Ketzer galt.

• Zimmermann an Lavater 19. Februar 1776:

Dann, mein Wehrter! lasst uns sehen, ob das Werk noch eine Pyramide in Ihrem, oder eine Pyramide in meinem Sinn sey — „Ein perennes Monument menschlicher Geistes u. Schöpfungs Kraft“ — u. zugleich (denn Pyramide drückt mir nur Festigkeit u. Himmelstrebung, als Bedeütung aus —) Pallast, wo Könige u. Lakayen schlafen, wachen, schaffen u. würken können. — So wie ein einziger nicht genug geprüfter Umstand Pyramiden der Imagination stürtzt.

• Lavater in: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniße und Menschenliebe, Zweyter Versuch (1776), Textband / Erster Abschnitt/ Zwölftes Fragment: Wie viel man aus den Schattenrissen sehen kann? / Erste Tafel / S.102 (ohne Nennung der silhouettierten Person; gemäß der Abbildung könnte J.G.Herder gemeint sein):

Nachstehende Silhouette ist — eines unerreichbaren, immer fortbringenden, unter sich grabenden, hochaufliegenden, überschauenden, umfassenden, festen, allgewaltigen Genies voll Schöpfungs- und Zerstörungskraft. Wie seine Werke, Eine Pyramide, an welcher Mäuse nagen und Insekten den Kopf zerstoßen.
Diesen Übergang von Stirn zu Nase hab' ich noch an keinem gemeinen Menschen gesehen.

https://www.e-rara.ch/zut/content/zoom/295825

Hat Lavater den Bildspender Pyramide "freigestellt", das heisst: die Bedeutung camoufliert, und die Pyramide gleichsam als "Eye catcher" aufs Titelblatt gesetzt? (Für ihn war die Bedeutung ja klar: Mein Werk ist eine Pyramide ...)

Die Pyramide ist ein häufiges Emblem (vgl. dazu hier). Möglichwerweise spielte eine solche Deutung mit hinein, oder Betrachter des Titelkupfers (die ja die Korrespondenz von Lavater nicht kannten) konnten solche Assoziationen bilden.

Weil sich keine Systematik bilden lässt, seien hier Beispiele chronologisch aufgelistet. (Was sich aber nicht präzis einhalten lässt, insofern als Impresen, Embleme u.dgl. immer wieder "abgekupfert" wurden...)

Woher kannte man einst Pyramiden?


(Pyramide und Obelisk wurden nicht immer deutlich geschieden; wir nehmen beide in die Sammlung auf.)

Herodot (484–425) war in Ägypten. Historien, Buch II, 124:

Es waren immer zehnmal zehntausend Menschen bei der Arbeit, jeweils drei Monate lang. Zehn lange Jahre dauerte es, bis das geplagte Volk die Strasse gebaut hatte, auf der sie die Stein zogen, und ihre Erbauung war eine Leistung nicht viel geringer als die Erbauung der Pyramide, meine ich jedenfalls; […] Aber zwanzig Jahre dauerte es, die Pyramide selber zu bauen, deren Fronten, eine wie die andre, denn sie ist quadratisch, acht Plethren messen, und die Höhe das gleiche, und die Stein sind geglättet und genau aneinander gepasst. Kein Steinblock ist kleiner als dreissig Fuss.

Vgl. Franz Löhner > www.cheops-pyramide.ch

Plinius, Naturalis historia XXXVI,xvi,75/76, wobei hier die Bauwerke nicht beschrieben werden:

Dicantur obiter et pyramides in eadem Aegypto, regum pecuniae otiosa ac stulta ostentatio, quippe cum faciendi eas causa a plerisque tradatur, ne pecuniam successoribus aut aemulis insidiantibus praeberent aut ne plebs esset otiosa. multa circa hoc vanitas hominum illorum fuit.76 vestigia complurium incohatarum extant.

≈ Die Pyramiden in Ägypten gelten als sinnlose und törichte Zurschaustellung des Reichtums der Könige. Der Hauptgrund für ihren Bau liegt laut den meisten Quellen darin, dass die Könige ihren Nachfolgern oder ihnen nachstellenden Rivalen kein Geld zur Verfügung stellen wollten oder um den Pöbel zu beschäftigen. Dies war für die damaligen Männer mit großer Eitelkeit verbunden. Einiger dieser Ursprünge sind erhalten.. […] Drei Pyramiden sind tatsächlich für Seefahrer aus allen Richtungen sichtbar und liegen in Afrika, auf einem felsigen und kargen Berg zwischen der Stadt Memphis und dem sogenannten Delta.

Horaz Oden III,30:

Exegi monumentum aere perennius
regalique situ pyramidum altius,
quod non imber edax, non aquilo impotens
possit diruere aut innumerabilis
annorum series et fuga temporum.

≈ Ich habe ein Denkmal errichtet, das dauerhafter als Erz ist und höher als der königliche Bau der Pyramiden, das kein gefräßiger Regen, kein ungezähmter Nordwind zerstören kann oder eine unzählbare Reihe von Jahren und die Flucht der Zeiten.

Auch in Europa standen seit der Antike Pyramiden und in Rom 13 Obelisken.

Beispiele:

▲ Pyramide de Couhard bei Autun
> https://de.wikipedia.org/wiki/Pyramide_de_Couhard
> Bild (aus dem Jahr 1846)

▲ Cestius-Pyramide in Rom

aus: Abgebildetes Altes Romm/ Darinn Die weyland gewesenen Kirchen/ Schawbürge/ Runden-Schawbürge/ Ren-Kreisse/ Schiffgefecht-Plätze/ Triumph-Bogen/ Rahthäuser/ Palläste/ Säulen/ Triumphs-Process, Kriegs- und Bürger-Dignitäten/ Gebräuche/ Ceremonien/ und dergleichen denckwürdige Sachen dero Stadt Rom/ […] gründlich beschrieben/ […] ins Hochteutsche mit Fleiß übergesetzet von Alberto Reimaro […] Aernhem, In Verlegung Johan Friedrich Haagen, Buchhändlers, 1662.

Ähnlich: bei Erasmus Francisci (1627–1694: Die Ehre der verblichenen alten Heiden/ Jüden und Christen. In vier Conversationen oder Unterredungen etlicher guten Freunde/ verfasst: Darinn zuforderst Die letzte Dienste/ so die Griechen/ Römer und andre berühmte Heiden/ ihren Todten erwiesen; Nürnberg: Endter 1690.
> http://diglib.hab.de/drucke/hl-33/start.htm?image=00259

Giovanni Battista Piranesi (1720–1778)
1755 > https://www.metmuseum.org/art/collection/search/364374
1756 > https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Piranesi-3-40.jpg


Schon im 17. Jh. gab es Beschreibungen und Bilder von ägyptischen Pyramiden:

▲ In der »Cosmographie« von Sebastian Münster (1488–1552) gibt es seit der Ausgabe 1545 Bilder von Pyramiden; zunächst sehen die Pyramides Ægypti aus wie Obelisken:

(Die Stelle von Plinius zur Hoffart der Pharaonen wird zitiert!)
> https://digital.ulb.hhu.de/content/zoom/193937

Dann etwas pyramidaler:

Cosmographei oder beschreibung aller länder, herrschafften, fürnemsten stetten, geschichten, gebreüchen, hantierungen etc. / zum offteren mal trefflich seer durch Sebastianum Munsterum gebessert in weldtlichen vnd natürlichen historien […] gemeret. Item auff ein neüws mit hübschen figuren vnd landtaflen geziert, Basel: Petri 1553. > http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-61122

▲ Reisebericht: Johann Helffrich (1543–1588): Kurtzer und Warhafftiger Bericht, Von der Reis aus Venedig nach Hierusalem, Von dannen in Aegypten, auff den Berg Sinai, Und folgends widerumb gen Venedig Durch Johan. Helffrich, jetzo Bürger in Leipzig, volbracht und beschrieben, Leipzig: Berwaldt 1578.

> https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11210584?page=181

John Greaves (1602–1652): Pyramidographia: or a description of the pyramids in Aegypt, London 1646.

> https://archive.org/details/b30327775/page/n7/mode/2up

▲ Reisebericht: Olfert Dapper (1639–1689)

Naukeurige beschrijvinge der Afrikaensche gewesten van Egypten, Barbaryen, Libyen, Biledulgerid, Negroslant, Guinea, Ethiopiën, Abyssinie ... : getrokken uit verscheyde hedendaegse lantbeschrijvers en geschriften van bereisde ondersoekers dier landen, t'Amsterdam : By Jacob van Meurs 1668.
> https://archive.org/details/gri_33125009359999/page/n141/mode/2up

Das Bild aus der dt. Übersetzung Umbständliche und Eigentliche Beschreibung von Africa, Und denen darzu gehörigen Königreichen und Landschaften, als Egypten, […] 1670.
> https://www.e-rara.ch/zuz/content/zoom/15214130

(Man fragt sich: Haben die späteren Verfasser Pyramiden selbst vor Ort zeichnen lassen oder sind diese Bilder nicht ein bisschen inspiriert von Dapper?)

Athanasius Kircher (1602–1680)

Sphinx mystagoga, sive Diatribe hieroglyphica qua mumiae ex memphiticis pyramidum adytis erutae ... exhibetur interpretatio, ex officina Janssonio-Waesbergiana (Amstelodami) 1676.
> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k3118679/f166.item

Edward Melton (?)

Eduward Meltons, Engelsch edelmans, Zeldzaame en gedenkwaardige zee- en land-reizen; door Egypten, West-Indien, Perzien, Turkyen, Oost-Indien, en d'aangrenzende gewesten; Amsterdam: Jan ten Hoorn 1681.
> https://archive.org/details/eduwardmeltonsen00melt/page/n59/mode/1up

▲ In diesem Werk von Eberhard Werner Happel (1647–1690) werden Die Pyramides in Egypten (Band I, S. 254–262) ausführlich behandelt:

Der Nahme und Orth dieser Pracht-Säulen
Der Erbauer / und die Uhrsache der Auffrichtung solcher Pracht-Säulen
Die grosse Anzahl und unermeßliche Unkosten zu diesen drey Haupt-Pyramiden
Die Grösse der Pyramiden
Die auswendige heutige Beschaffenheit und Steine dieser Pyramiden
Die inwendige Beschaffenheit der grösten Pyramide
Einige nützliche Anmerckungen über die Pyramiden


Als Quellen zitiert Happel: Plinius, Wiilam Lithgow (Reisebericht 1614), Jean de Thévenot (1664, 1674), Olfert Dapper (1668/70, s.oben), E. Melton (1681 s.oben) u.a.

E. G. Happelii Gröste Denkwürdigkeiten der Welt Oder so genannte Relationes Curiosæ. Worinnen dargestellet/ und Nach dem Probier-Stein der Vernunfft examiniret werden/ die vornehmsten Physicalis. Mathematis. Historische und andere Merckwürdige Seltzamkeiten/ Welche an unserm sichtbahren Himmel/ in und unter der Erden/ und im Meer jemahlen zu finden oder zu sehen gewesen/ und sich begeben haben. Der Erste Theil. Einem jeden curieusen Liebhaber zu gut auffgesetzet/ in Duck verfertiget/ und mit vielen Figuren und Abrissen erläutert, Hamburg: Wiering 1683.
> https://archive.org/stream/image.....page/n0/mode/2up
> https://gdz.sub.uni-goettingen.de/id/PPN615799892


Nun zu den allegorischen Deutungen:

Claude Paradin (ca. 1510–1573)

Te stante virebo ≈ Solange du [Pyramide] stehst, werde ich [Efeu] gedeihen.

Quel Memphien miracle se haussant
Porte du ciel l’argentine lumiere,
Laquelle va (tant qu’elle soit entiere
En sa rondeur) tousjours tousjours croissant?

Quel sacre saint Liërre gravissant
Jusqu’au plus haut de cette sime fiere,
De son apui (ô nouvelle maniere)
Se fait l’apui, plus en plus verdissant?

Soit notre Roy la grande Pyramide:
Dont la hauteur en sa force solide
Le terme au ciel plante de sa victoire:
Prince Prelat tu sois le saint Liërre,
Qui saintement abandonnant la terre
De ton soutien vas soutenant la gloire.

Applikation: Sei unser König die große Pyramide:
Deren Höhe in ihrer festen Stärke
Mit ihrem Sieg den Himmel erreicht:
Fürst Prälat, sei du der heilige Efeu,
Der du, heilig die Erde verlassend,
Gehst und den Ruhm stützend.

Claude Paradin (ca. 1510–1573), Devises heroïques, Lyons: Jean de Tournes and Guillaume Gazeau, 1557 (noch nicht in der Ausgeb 1551)
> https://www.emblems.arts.gla.ac.uk/french/emblem.php?id=FPAb042

Lodovico Dolce (1508–1568)

Te stante virebo

Ebenfalls eine Imprese: Wie der Efeu einer Stütze bedarf, an der er sich in die Höhe ranken kann, so müssen edle Unternehmungen durch Standhaftigkeit unterstützt werden.

Lodovico Dolce, Imprese nobili ... di diversi Prencipi ... illustri. - Venedig, 1578
> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k15226404

         vgl. die Übernahmen unten

Achille Bocchi (1488–1562)

Resurgit ex virtute vera gloriaDignum magnamino viro sepulcrum.
≈ Wahrer Ruhm entspringt der Tugend – Ein Grab, das eines großen Mannes würdig ist.

IN FRONTE PYRAMIDIS. A

Nescia fortunae virtus cessisse, subjactis
   Sensisbus, excelso vertice summa petit.

≈ A. Die Tugend, (nicht wissend, dem Schicksal gewichen zu sein =) im Bewusstsein, dem Schicksal nicht nachgegeben zu haben, hat die Sinne sich unterworfen und strebt erhobenen Hauptes das Höchste an.

In QVADRATO INFERIORE. B.

Heroi merito sedes quadrata dicatur,
   Rectus enim semper constitit ille sibi.

≈ B. Mit Recht wird der viereckige Sitz als der des Helden benannt. Dieser steht nämlich immer geradlinig zu seiner Meinung.

D. O. M.

≈ Deo Optimo Maximo ≈ Gott, dem Besten und Größten [gewidmet]

Achillis Bocchii Bonon. Symbolicarvm quaestionvm de vniverso genere qvas serio lvdebat libri qvinqve, Bononiae, in aedibus Novaae Academicae Bocchianae 1555.
> https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11347818?page=158,159
> http://resolver.sub.uni-hamburg.de/goobi/PPN84020969X

Spätere Ausgabe: Achillis Bocchii Bonon. Symbolicarum quaestionum, de vniuerso genere, quas serio ludebat, libri quinque, Bononiae [Società Tipografica bolognese] 1574
> https://www.e-rara.ch/zut/content/zoom/10467617
> https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=uiuo.ark:/13960/t42r4d04h&seq=160

Girolamo Ruscelli († 1566)

Ut ipse finiam ≈ Ich soll es selbst fertigstellen

Die Imprese des Fabbione de' Pepoli zeigt eine unvollendete Pyramide und daneben herumliegende Werkzeuge. Dies bezieht sich auf die Situation des Impresenträgers, der als junger Stammhalter einer traditionsreichen Familie die auf ihm ruhenden Hoffnungen zu erfüllen suchte. Der Ruhm, den seine Vorfahren bereits für den Namen der Familie erworben hatte, wird mit dem Bau einer Pyramide verglichen, deren Abschluß nunmehr dem jungen Erben Fabio zukomme.

Le imprese illustri, con esposizioni et discorsi, Venedig 1566, S.202
> https://archive.org/details/leimpreseillustr00rusc/page/n9/mode/2up

Matthias Holtzwart (ca. 1530 – 1580)

 

Mundana gloria vana.

Der Text auf der im Buch gegenüberliegenden Seite ist eine Übersetzung des lat. Texts unter dem Bild:

Weltlich Ehr eyn kleyne Ehr.

Mit disem Fleysch Herr Jesu Christ
Daran mir gantz keyn zweiffel ist
Würt ich dich gwißlich wider sehen/
Sathan ich thu nichts vm dich geben/
Du Hell dein brennen laß an mir
Dein Strick/ ich auch Fleyschlich begir
Veracht/ Wollust zeuch fluchs hinauß/
Tod dein Pfeil macht mir auch keyn grauß:
Dann ich achte nicht vm eyn haar
Euern betrug vnd list fürwar/
Dann ob gleich Fleysch muß vntergehn/
Würt es doch wider aufferstehn/
Vnd wirts Christus inn seiner hut
Erhalten. Wanns sein befelch thut/
Allhie auff Erd. Drum weltlich Ehr
Als zergaenglich von dannen kehr.

Die Pyramiden/Obelisken im Hintergrund bedeuten die betrügerische weltliche Ehre.

Emblematvm Tyrocinia: Sive Picta Poesis Latinogermanica. Das ist. Eingeblümete Zierwerck/ oder Gemälpoesy : Jnnhaltend Allerhand GeheymnußLehren/ durch Kunstfündige Gemäl angepracht/ vnd Poetisch erkläret, Straßburg: Jobin, 1581.
> http://diglib.hab.de/drucke/t-355-helmst-8f-2/start.htm?image=00159

Juan de Borja (*1553)

SIC ITUR AD ASTRA

Juan de Borja, Empresas Morales, Prag: Georgius Nigrinus 1581.

So geht man zu den Sternen

Die Flammen steigen hin/ wo sie entsprungen sind;
Der Flüße Wasser läuft zu seinen ersten Quellen;
Wer einen rechten Trieb der Tugend bey sich findt/
Geht ungehindert fort biß an des Himmels Schwellen.

Aller Anfang/ so wohl der Wissenschafften als Verrichtungen/ ist schwer / und ob dieses schon ins gemein wahr / so ist doch kein schärfferer Streit / keine grössere Schwerigkeit / als wenn wir in den Tugenden anfangen / zu finden […]
Welches mit dem Sinnbilde der Pyramide und der Überschrifft / So geht man zu
den Sternen / bemercket wird. Denn / wie die Pyramide oben spitzig und schmal ist / hernachmahls aber allmählich breiter wird / also ist der Weg der Tugend im Anfange verdrießlich und beschwehrlich / aber ie weiter man darauf fortgehet / ie
angenehmer und leichter macht ihn die Gewohnheit. Und geht die Sache da hinaus/ daß / obleich die Tugend wegen der höchsten Lieblichkeit und Wollust/ nicht zuverlangen stünde/ man dennoch nach ihr das Leben anstellen solte.

Aus der Übersetzung: Joannes de Boria, Moralische Sinn-Bilder. Von Jhme vor diesem in Spanisch geschrieben/ nachmahls in Lateinisch/ nunmehro aber wegen seiner Vortrefflichkeit in die Hoch-Teutsche Sprache übersetzet/ von Georg Friedrich Scharffen, Berlin: Rüdiger 1698.
> http://diglib.hab.de/drucke/xb-2/start.htm
> https://archive.org/details/empresasmorales00borj/page/n98/mode/1up

Camillo Camilli (ca. 1560 – 1615)


IMMOTA MANET ≈ Unverrückt hat sie Bestand

Quale al soffiar de’ piu rabbiosi venti
Salda eccelsa piramide non cede:
Mà, come se spirasser lievi, e lenti,
Immota starsi incontro à lor sie vede:
Tal di fido amator non fieno spenti
Gli ardori, e non ritragge indietro il piede:
Benche vento di sdegni, ò d’altri danni,
Farlo à terra cader molto s’affanni.

≈ Wie sie dem Blasen der wildesten Winde,
die feste, hohe Pyramide, nicht nachgibt,
nein, wie wenn die nur leicht und milde bliesen,
man unbewegt sie ihnen entgegenzustehen sieht:
so wird die Glut eines treuen Liebhabers
nicht gelöscht, und er macht keinen Schritt zurück:
wenngleich ein Sturm von Missgunst oder andern Nachteilen
sich sehr bemüht, ihn zu Boden zu werfen. (besonderer Dank an Thomas G.!)

Imprese illustri di diuersi, coi discorsi di Camillo Camilli, et con le figure intagliate in rame di Girolamo Porro Padouano, Venedig: F. Ziletti 1586
> https://archive.org/details/impreseillustrid04cami/page/136/mode/2up

Ein weiteres Pyramidenemblem
> https://archive.org/details/impreseillustrid04cami/page/124/mode/2up

Piramide Papistique 1599


Eine protestantische Invektive, gedruckt von Hendrik Hondius I (1573–1650).

Der Obelisk ist aus gewundenen Schlangen gebildet; eine Ausgeburt der Hölle; zuoberst mit Tiara ist gemeint Papst Clemens VIII.
Verwiesen wird u.a. auf: 2.Thess. 2,3f: der Antichrist wird kommen – Apokalypse 17: babylonischer Drache
Die Pyramidenform repräsentiert die Hierarchie der kathol. Kirche.

> https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_1992-0125-16
Wolfgang Harms, Deutsche illustrierte Flugblätter des 16. und 17. Jahrhunderts, Die Sammlung der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, Band II, München: Kraus 1980, II,61 — Mit Kommentar

Thematisch zu vergleichen ist die Karikatur The Pyramid of Capitalist System (1911)
> https://en.wikipedia.org/wiki/Pyramid_of_Capitalist_System

Joachim Camerarius (1534–1598)

Symbolorum et emblematum ex re herbaria desumtorum centuria una, Noribergæ impensis Johannis Hofmanni & Huberti Camoxii (1590), Emblem LXIII.

TE STANTE VIREBO ≈ Solange du feststehst, werde ich grünen.

Pyramidis surgentem hederam [Efeu] munimine [an einem Bollwerk] cernis?
   Talis stat pietas fulta favore DEI.

> https://archive.org/details/symbolorvmetembl01came/page/73/mode/1up

≈ Siehst du, wie der Efeu dank der Stütze der Pyramide emporsteigt?
    Eine solche Frömmigkeit wird durch die Gunst Gottes gestützt.

Hier in der Übersetzung 1671:

Weil du stehest werd ich grünen/
Dich beehren und dir dienen.

Schau! wie der Eppich hier so herrlich wächst und steiget/
Dieweil die Thurn-Seul ihm so hohe Gunst erzeíget/  
 [Thurn ≈ Turm, Mauer]
Daß sie ihn unterhält: So kan die Frommigkeit
Auff Gottes Gnad und Huld sich stützen jederzeit.

Vierhundert Wahl-Sprüche und Sinnen-Bilder, durch welche beygebracht und außgelegt werden die angeborne Eigenschafften, wie auch lustige Historien und Hochgelährter Männer weiße Sitten-Sprüch. Und zwar Im 1. Hundert: Von Bäumen und allerhand Pflanzen. […] Vormahls durch den Hochgelährten Hn. Ioachimum Camerarium In Lateinischer Sprach beschrieben: Und nach ihm […] ins Teutsch versetzet, Maintz: Bourgeat 1671.

Vgl. ferner das Emblem mit Obelisk in IV,81

Während die Deutung bei Camerarius eine geistliche ist, wendet Heinsius sie ins Erotische!

Daniel Heinsius (1580–1655)

Te stante virebo.

Ut virides ederae, durat dum Pyramis, errant,
   Sic mihi te stabit stante virente viror.

≈ Wie grüner Efeu umherschweift, solange die Pyramide aufrecht steht,
so bleibt / wird mir – da du blühend stehst – deine Lebenskraft zuteil / die Manneskraft instand.

(Heinsius spielt bei virides und virente mit der Wurzel vir- "lebenskräftig", doch bei viror lässt er auch noch an vir "Mann" denken.)   

Emblemata aliquot amatoria. Cum additamento aliorum nunc primum in lucem
Afbeeldinghen van Minne. Emblemes d’amovr, Amsterdam: Ianszoon 1618.

> https://hdl.handle.net/2027/uiuc.7450944

Und noch eine neue Verwendung desselben Motivs:

Juan de Solórzano Pereira (1575-1655)

Sic docti a potentibus sublimandi ≈ So sollen die Gelehrten / Künstler von den Herrschern unterstützt werden

Schon will die Rebe mit eiligem Schritt die Höhe erreichen
   und strebt zum Gipfel der himmelhohen Pyramide:
Und die strahlende Spitze weigert sich nicht, den Gliedern zu dienen
   des fruchttragenden Zweigs, während dieser seinen künftigen Wein emporhebt.
Nicht anders wird einer, der zum hohen Gipfel der Herrschaft aufgestiegen ist,
   die Reben der Gelehrsamkeit stützen und pflegen. (< Thomas G.)

D. Ioannis de Solorzano Pereira ... Emblemata centum, regio politica. Aeneis laminis affabre caelata, vividisque et limitatis carminibus explicata, & singularibus commentarijs affatim illustrata. Quibus, quicquid ad regum institutionem, et rectam reip. administrationem conducere & pertinere videtur, summo studio disseritur, … [ohne Verlagsangabe] 1652 (EA 1651)
> https://archive.org/details/dioannisdesolorz00solo/page/665/mode/1up

Cesare Ripa (ca.1555 – 1622)

Zum Stichwort Gloria de’ Prencipi

Eine geschmückte Frau, die mit der linken Hand eine Pyramide hält, die den klaren und erhabenen Ruhm der Fürsten versinnbildlicht, die prächtige und gewaltige Bauwerke errichten, durch die sich ihr Ruhm offenbart.

Donna bellissima, fronte cinta con un cerchio d’oro, capelli ricciuti e biondi, con la mano sinistra cinge una piramide. I capelli saranno ricciuti, e biondi, significando i magnanimi, e i gloriosi pensieri, che occupano le menti de’ Prencipi, nell’opere de’ quali sommosamente risplende la gloria loro. Terrà con la sinistra mano una piramide, la quale significa la chiara, & alta gloria de i Prencipi, che con magnificenza fanno fabbriche sontuose, e grandi, con le quali si mostra essa gloria. Et Martiale benche di alto proposito parlando disse:

Barbara pyramidum sileat miracula Memphis, (Martial, De Spectaculis 1 ≈ Es schweige das ägyptische Memphis vom Wunder der Pyramiden … Jegliche Leistung verschwindet vor Caesars Amphitheater.)

Iconologia Overo Descrittione Di Diverse Imagini cavate dall'antichità, & di propria inuentione, Roma 1603. S.189–192.
> http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ripa1603

Mehr zu Cesare Ripa hier

PYRAMIS INVERSA (1606/1610)

 

PYRAMIS INVERSA Demolitae Parisiensi Iesuitarum Pyramidi suffecta
[Die umgedrehte P., welche die zerstörte P. ersetzt]

Am 27. Dezember 1594 verübte der Student Jean Châtel ein Attentat auf Heinrich IV. von Frankreich und verletzte diesen dabei. Der Attentäter wurde hingerichtet. Als seine Hintermänner verdächtigte man die Jesuiten, die daraufhin des Landes verwiesen und ihrer Güter enteignet wurden.

Zur Erinnerung an das Attentat errichtete man an dem Platz des niedergerissenen Hauses Châtels ein beschriftetes Standbild zur Erinnerung an das Attentat gegen den Monarchen.

Nach der Rückkehr der Jesuiten nach Paris wurde das Denkmal 1605 (von diesen) abgerissen.

Das Flugblatt bezieht sich in der Gestalt eines Figurentexts auf die Niederreissung des Pariser Mahnmals. Die "umgestürzte" Pyramide warnt vor den Jesuiten.

Wolfgang Harms, Deutsche illustrierte Flugblätter des 16. und 17. Jahrhunderts, Die Sammlung der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, Band II, München: Kraus 1980. —  II,73 mit Kommentar

Sebastian de Couarrubias Orozco (1539-1613)

Immote flectitur umbra ≈ Er bleibt unbewegt/standhaft, während sein Schatten wandert

Ein rechter Mann gleicht einer Säule oder einem standhaften Obelisken, auf dessen Spitze eine abnehmende Mondsichel angebracht ist, über die hinweg die Sonne ihre Bahn nimmt. Er fürchtet Schicksalsschläge kaum, kein Mißgeschick verletzt ihn. Die Leiden sind nur Schatten seiner [an der Spitze angebrachten] Mondsichel: sie wandeln sich, doch er bleibt standhaft. (Übersetzung in Henkel/Schöne Sp. 1224)

Zitiert wird dann Horaz, Epist. I, i, 60f.:
    Hic murus aeneus
nil conscire sibi, nulla pallescere culpa!

    Das sei unsere Mauer aus Erz:
nichts (Üblen) sich bewusst zu sein, vor keiner Schuld zu erblassen

Emblemas morales de Don Sebastian de Couarrubias Orozco […], Madrid: Luis Sanchez 1610.
> https://archive.org/details/emblemasmoralesd00covar

Juan De Pineda S.J. (1558–1637)

Zu Beginn des Werks hat der Verfasser dem biblischen Hiob (wenn man das Lebensalter von CCLXXX Jahren berücksichtigt) ein Grabmal (tumulus) errichtet. H.S.E. = hic situs est ≈ hier liegt begraben.

HOSPES ASTA, ET PELLEGE ≈ Fremder, bleib stehen und lies! (aus einer römischen Grabinschrift)

Joannis De Pineda, Societatis Jesu Commentariorum, In Job Libri Tredecim Coloniae Agrippinae: Hierat 1613.
> https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10327233?page=17

Jacob Cats (1577–1660)

In ostio formosa, in recessu nihil ≈ Am Eingang schön, im Inneren nichtswertig.

Niet dan voor ’t oogh.

Die Verse von Lukrez stammen aus De rerum natura IV, 1278ff.:

Nec divinitus interdum Venerisque sagittis
deteriore fit ut forma muliercula ametur.
nam facit ipsa suis interdum femina factis
morigerisque modis et munde corpore culto,
ut facile insuescat te secum degere vitam.

≈ Und es geschieht nicht durch göttliche Gunst und Pfeile der Venus,
Dass bisweilen eine Mädchen von minderer Schönheit geliebt wird.
Wirkt doch die Frau selbst manchmal durch ihr Betragen,
fügsame Art und sauber gepflegten Körper,
so dass sie dich leicht gewöhnt, das Leben mit ihr zu verbringen.

Der Ovid-Vers stammt aus Ars amatoria II, 107f.:

Sit procul omne nefas, ut ameris, amabilis esto;
    Quod tibi non facies, solave forma dabit.

≈ Alle Untat sei fern! Sei liebenswert, willst du geliebt sein!
    Schönheit allein und Gestalt wird dir das nicht verleihen.

Proteus of te Minne-Beelden verandert in Sinne-Beelden, Rotterdam: Waesberge 1627.
> http://diglib.hab.de/drucke/2-1-eth/start.htm?image=00347
> https://archive.org/details/ned-kbn-all-...../page/296/mode/2up

[Zacharias Härtel] Des Unvergleichlichen Holländischen Poëten, Jacob Cats, Sinnreicher Werke und Gedichte, Aus dem Niederländischen übersetzt, Hamburg: Wiering 1710.

    Sie kan sonst zu nichtes taugen
    Als zu füllen nur die Augen.

ES ließ das Alterthumb sich Pyramiden bauen
Die da zu nichtes nutz als nur bloß anzuschauen:
   Ein Weibs⸗Bild / welches da auch euserlich nur schön
   Was ist daran doch mehr als die Gestalt zu sehn.
Ein tugendsames Weib soll man mehr Ehr' erweisen
Als die auswendig ist nur bloß für schön zu preisen:
   Ein schöner Leib ist was; doch einen schönen Geist
   Den lieb' ich mehr als ihn / den preis' ick allermeist.

(Es folgen zwei weitere Deutungen; vgl. Henkel / Schöne Sp. 1225f.)

Hübsch die Fassung aus dem 19.Jh.:


J. Cats, Alle de Wercken Zwolle, 1862, S.99
> https://www.dbnl.org/tekst/cats001...../cats001jvan02_01_0060.php

Paul Fleming (1609–1640)

Epigramme VI, Nr. 26

Pyramides, quae conspiciuntur Sultaniae Persarum.
1637. Juni.

Nubiferae moles, nimbos adversus et auras,
    quae sic perpetuum * statis, ut estis, opus.
Si quid in aeterna divinum laude putatis
    jugeque gestitis nomen habere solo,
ite sub imbellem depictae, quaeso, papyrum,
    qua manus ad vivum vos ea pingit opus.
Stabitis aeternae specie fortassis in ista,
    perpetuae sed in hac stabitis usque scheda.
                            Icones earum apud L. B. itineris comitem.

Übersetzung von Jörg Kurth (2017):
    In der Überschrift werden „Pyramides“ genannt, die in einer Stadt, „Sultaniae“ in Persien, zu sehen sind.
1 Wolkentragende Riesenbauten, die ihr, so wie ihr [Personifizierung!] seid (nämlich riesig und gleichsam die Last der Wolken tragend) als beständiges * Werk gegen Regenstürme und Winde fest steht (ohne zu wanken).
3 Wenn ihr glaubt, dass in ewigem Ruhm etwas Göttliches bestehe, und wenn ihr (somit) heftig danach verlangt, auf dem Grund (auf dem ihr steht), einen beständigen (ruhmvollen) Namen zu besitzen,
5 dann kommt, bitte, herunter auf das ‚unkriegerische‘ Papierblatt,
6 wo euch diese Hand gemäss eurem ‚lebenden Werk‘ (das ihr darstellt) abmalt.
7 Ihr werdet in dieser eurer Gestalt vielleicht (auch) ewig dastehen, doch (wirklich) beständig werdet ihr (nur) auf diesem Blatt (hier) bestehen bleiben.
    Aus der Nachbemerkung geht hervor, dass es „Icones“ derselben gibt, die sich bei einem Reisebegleiter L.B. (der Name des Reisebegleiters ist nur in Initialen gegeben) befinden.

*) Die Übersetzung von ‚perpetuum‘ mit ‚beständig‘ ergibt einen nicht gesuchten Effekt auf Grund der gemeinsamen Etymologie von ‚stare‘ und ‚stehen‘.)

Kommentar: 1636–39 reiste Fleming mit einer Reisegruppe unter Adam Olearius nach Persien bis Isfahan. In der Überschrift werden „Pyramides“ genannt, die in einer Stadt, „Sultaniae“ in Persien, zu sehen sind. Das Gedicht beruht auf Autopsie. Die Nachbemerkung hebt hervor, dass es zur lyrischen Gestaltung der Pyramides auch noch bildliche Darstellungen gibt. Die Pyramiden gibt es also in dreifacher Form: in der persischen Stadt, in bildlichen Darstellungen (Icones) und im Gedicht.

Bei Adam Olearius, Außführliche Beschreibung der Kundbaren Reyse Nach Muscow und Persien, 1663 (Vierdtes Buch, 28. Capitel = S. 476ff.: Von der Stadt Sultanie) ist nicht von einer Pyramide die Rede. Von einem Gebäude heisst es: Es ging sehr hoch und in der mitten als ein runder Thurm zusammen. Auch der Kupferstich auf S. 476 zeigt keine Pyramide.

Quelle: Paul Flemings lateinische Gedichte, hg. J.M Lappenberg, Stuttgart 1863 (Bibliothek des litt. vereins Stuttgart LXXIII), S. 387

Jakob Bornitz (ca. 1560 – 1625)

 

(Auf dem Obelisk:) VERBUM DEI MANET IN Æ.

NEC APEX PERIBIT ≈ Die Spitze wird nicht untergehen

Et terra, et Cæli, vel in his quæcumque peribunt.
   Vox tu in æternum dia, Jehova, manet.

Das Wort des HErren ewig steht/
   Ob Himmel und die Erd vergeht.

Im Hintergrund der Turm von Babel, dessen Erbauung ins Unglück führte (Genesis 11,1–9)

Erste Auflage: Jacobi Bornitii Emblematum Sacrorum et Civilium Sylloge I. miscellanea Manu Petri Rollos Chalcographi Berolinensis Sculpta Eiusdemque Impensis Excusa, Francofurti ad Moenum: Zetter 1638. (Sylloge posterior, XIII)
> http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0000F2DE00000000

Neuauflage: Jacobi Bornitii emblemata ethico politica, ingenuâ atque eruditâ interpretatione nunc primùm illustrata per M. Nicolaum Meerfeldt, Moguntiae : Bourgeat 1669. (daraus das Bild hier)
> https://archive.org/details/iacobibornitiiic00born/page/125/mode/1up

Carlo Bovio (ca. 1576/1577 – 1646)

Erutus et erectus ≈ Zutage gefördert und aufgerichtet

Wie der Obelisk aufgerichtet wurde, so begann mit der Erforschung der eigenen Sünden für Ingatius von Loyola das gottgefällige Leben. (Aus dem Kommentar in der Emblemdatenbank MDZ)

Ignatius insignium, epigrammatum et elegiorum centuriis expressus. Romae: Typis Ignatij de Lazeris, 1655.
> https://archive.org/details/ignatiusinsigniu01bovi

[nicht explizit genannte Verfasser*innen]

Sihe du hast lust zur Warheit, dy im verborgen lieget.

Machina quo fraudum tendis? SAPIENTIA vera
    Desuper in terris luce suapte nitet.

≈ Mit dem Gerät – wohin (worauf) an Täuschendem zielst du? Die wahre Weisheit
    leuchtet von oben herab am Erdboden durch ihr eigenes Licht.
    (Übers. Thomas Gehring)
    (Es gibt im Buch keine weiteren Texte zum Emblem.)

  • Oben über der mittleren Pyramide: helles Licht, umgeben von den vier Evangelistenattributen. Die strahlende Sonne steht dort, wo ikonographisch i.d.R. Christus dargestellt ist (vgl. hier) und leuchtet durch die Spitze in die Pyramide hinein
  • Wolken hinter den drei Pyramiden
  • Vögel, die um die mittlere Pyramide herumfliegen (weil sie die Pyramide nicht zerstören können – oder ornamentale Zugabe?)
  • auf den Pyramiden links und rechts: Gestalten, die mit Fernrohren Ausschau halten; die "Pyramide" links gleicht dem Turm von Babel
  • unten: hinter geöffneten Türen: fünf Männer sitzen um einen Tisch herum, auf dem eine Kerze brennt, angeschrieben mit VERITAS

¿ Bedeutet das: Die göttliche Wahrheit wird nicht durch eine Schau in den Himmel und nicht mittels naturwiss. Forschung erkannt, sondern unten auf der Erde, wo sie sich dem Menschen offenbart (christlich: in JHS und der Hlg. Schrift) ?

Applausus Quibus Ipso Die Hoc Solenni Decimo nempe Aprilis Anni M.DC.LVI. Serenissimui Absolutissimi et gloriosissimi principis Domini Augusti, Ducis Brunovici Et Lunaeburgi, Wolferbyti: Typis Sterniis, 1656 = Glückes-Wunsch über den Hocherfreulichen Geburts-Tag Des Hochgebornen Fürsten Herrn Augusti, Hertzogen zu Brunswyg und Lünäburg [1579-1666].

> http://diglib.hab.de/drucke/t-840-4f-helmst-20s/start.htm

Dieses Emblem könnte Schellenberg und Lavater angeregt haben:

Jacob Typotius (1540–1601)

ANIMÆ ETERNÆ ≈ Für die ewig[lebende] Seele

Zu bachten: über der Spitze die Sichel des stets sich wandelnden Monds [?]. — Anlässlich des Tods von Maximilian II. (1576) symbolisiert die Pyramide die Dauerhaftigkeit der unsterblichen kasierlichen Seele.

Coenotaphium [leeres Grabmal] est haec Pyramis: […] Luna in fastigio deficiens mortem designat, id est animae migrationem e corpore. Nam in scapo [auf der Wange], Aeternitas animae impressa,… est […].

Symbola divina & humana pontificum, imperatorum, regum : ex musaeo Octavii de Strada civis Romani / accessit brevis & facilis isagoge Jacobi Typotii, Arnhemiae: Apud Joh. Fridericum Hagium, 1666.
> https://hdl.handle.net/2027/gri.ark:/13960/t4cp23964

Justus Georg Schottel (1612–1676)

Ethica. Die Sittenkunst oder Wollebenskunst/ in teutscher Sprache vernemlich beschrieben in dreyen Bücheren. Worin zugleich auf alle Capittel lateinische Summaria, auch sonst durch und durch die Definitiones lateinisch beygefügt werden
Wolfenbüttel: Gedruckt bey Paul Weiss 1669.

> http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN606744509

Erklärung des KupferTituls.

Ein schön Weibesbild (andeutend die Vernunft) fähret sanft und wol auf einem Wagen/ welcher von zweyen gezähmten Löwen gezogen wird/ und werden solche Löwen an zweyen breiten Zügeln fein daher geleitet: Der eine Löwe bedeutet der Verstand/ der andere den Willen/ nemlich das Gemüht des Menschen/ welches bestehet im Verstande und Willen zusammen: anzudeuten/ wan von der Vernunft unser Gemüht recht geführet und regieret werden kan/ daß alsdan Verstand und Wille/ so wild und widerspänstig sie sonst sind/ sein zusammen spanen und sich nach Geheiß der Vernunft vereinbaren; wodurch dan die Tugend und das Gute entstehen/ und auch in dem Gemein- und Privatwesen alles wol und vernünftig daher gehen kan:

Auf der anderen Seite des Kupfertituls kömt ein Jüngling auf einem Wagen berg-unter daher gerent/ die Pferde vor dem Wagen haben ihre Zügel los= und entzwey gerissen/ und stürtzen sich also blinder weis gefährlich herunter/ und reissen den Wagen samt dem unvorsichtigen Fuhrmann ins Verderben: Anzudeuten/ wan das menschliche Hertz durch losgebrochene blinde Affecten/ Begierde und Lüste dahin fähret/ Verstand und Willen anzuhalten und zuzwingen weder wil noch vermag/ dan fähret es gefährlich und zügellos von einer Untugend und Laster ins ander/ bis es ins endliche Verderben ohne Rettung hingestürtzet wird.

Mitten in dem Kupfer stehet eine Piramide/ so schön und künstlich aufgebauet/ raget hoch in die Luft hinnein/ und ob wol Wind/ Schnee/ Regen und alles Ungewitter dieselbe allerseits fassen und treffen kan/ so bleibt sie dennoch fest und unbeweglich stehen/ weil sie wol gebauet/ recht gefasset und nach der Kunst eingerichtet und fest allerseits verwahret ist: Anzudeuten/ daß der jenige/ welcher seinen Lebensbau auf gewissen festen Grund eingesenket und wol gegründet/ auch nach der Kunst der Gottseligkeit und Tugend denselben recht und fest eingeschlossen/ zusammengefügt und aufgeführet hat/ nicht sonderlich das Ungewitter und Daherstürmen des Unglüks und der Eitelkeit achte/ sondern sich fest und wol in seinem Tugendstande begreiffen/ und hoch hindurch bis zu seinem Gott dringen könne.

Reprint mit Nachwort von Jörg Jochen Berns, Bern: Francke 1980. — Dort weitere Informationen dazu, wo Schottel seine Wappenfigur noch verwendete.

Die folgenden Beispiele gehören zur Gattung des "Carmen figuratum":

Eine Piramide oder Thurn Seule

Von Lauter Trogaischen oder Langkurtzen Versen / darin vierzehn Arten der Trogaischen Reimen begriffen sein.


|

1. Mein Gott 1.
Viel Noht
2. Vngelük 2.
Böse Tük
3. Falscher Leute 3.
Trüken heute
4. Fromme Leute sehr 4.
Reissen nimmermehr
5. Recht und Tugend nieder / 5.
Hundertfeltig wieder
6. Wechset Sünd' und Laster auf 6.
Bosheit kommt in schwang und lauf
7. Vnd dis alles muß so toben 7.
Weil der böse Krieg schwebt oben.
8. Alles was der böse Krieg erdenkt 8.
Stets den Frieden und die Tugend krenkt
9. Ach drum wollest Gott uns Menschen geben 9.
Daß wir lernen nach dem Frieden streben /
10. Daß wir lernen recht dein Gebot volbringen 10.
Als denn wird es uns recht und wol gelingen.
11. Wenn die tugend und der Fried klüglich uns regiert 11.
Alsdenn alles in der Welt herrlich steht geziert.
12. Wann der lose böse Krieg oberherrschung führet 12.
Alles Gute alles Heil sich gar bald verliehret.
13. Nichtes kann in diser Welt thaurhaft werden aufgebaut 13.
Wo der Baumann sonsten nit Gott und Recht alzeit anschaut
14. Ei die Spiesse sollen noch zu Pflugschaaren alle werden 14
Liebe / Recht / Gerechtigkeit sollen wohnen nur auf Erden.

Iusti-Georgii Schottelii Teutsche Vers- oder ReimKunst : darin Unsere Teutsche Muttersprache, so viel dero süßeste Poesis betrift, in eine richtige form der Kunst Zum ersten mahle gebracht worden 1645. (3. Buch, 11. Kapitel = Seite 260)
> http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN797361103
> http://www.zeno.org/nid/20005634520


Setzet
Schätzet
Tugendstand
V a t e r l a n d
So erfrewt
allezeit

Immerdar
Wunderbar
Gehn die Zeiten:
E i t e l k e i t e n
Augenblicklich stehn/
Alles    muss    vergehn
[…]

Piramide Oder Thurn-Seule (Darinnen alle funffzehen Trogaische oder langkurtze Teutsche Reimarten begriffen seyn) Dem Durchleuchtigen Herrn Augusto/ Hertzogen zu Braunschweig und Lüneburg […] auffgerichtet: Von J.G.S. [etwa 1650]
in: Justus Georg Schottelius 1612–1676. Ein Teutscher Gelehrter am Wolfenbütteler Hof. Ausstellung der HAB Wolfenbüttel 1976–1977; Katalog von J.J.Berns; Abb. 13 >>> Kat.-Nr.188; Vgl. ferner Nr. 46, 47 59.

Dank an J.J.Berns für die Hinweise!

Carl Kurfürst von der Pfalz (1724–1799)

ALII FAMAM NOMENQUE DEDERE ≈ Andere gaben [dederunt] den Ruhm und den Namen.

Von andrer Macht/
Kombt all mein Pracht.

Ob dieses Werck schon groß und rühmlich ist zuhalten
weil es der starcke Stein fast nimmer läst veralten/
Bleib’t doch der Ruhm nicht dem/ der’s selbst gebauet hat:
Nur dem der’s bauen ließ nach seinem Wort und Rath.
So geh’ es allzeit auch mit tapffrer helden Thaten/
Man gegen GOTT das Lob/ als der sie wollen rathen;
Der uns darzu erweck’t/ dem sey allein der Preiß
er ist’s der Hülffe thut/ der unsere Kräffte weiß.

Philothei Symbola Christiana Quibus Idea Hominis Christiani Exprimitur, Francofurti Zubrod 1677.
> http://diglib.hab.de/drucke/uk-36/start.htm

Philothei Christliche Sinne-Bilder. Auß dem Lateinischen ins Teutsch gebracht, Franckfurt: Zubrodt 1679; Nr. XXVI ≈ S.111ff.
> https://gdz.sub.uni-goettingen.de/id/PPN595684645

Gaetano Felice Verani (1647-1713)

NEC FRANGITUR NEC FLECTITUR ≈ Wird weder gebrochen noch verkrümmt. (Das bezieht sich sowohl auf die Pyramide als auch auf den im Buch gepriesenen Fürsten.)

Monumentum Extremi Honoris, Perennis Virtutis Piis Manibus Serenissimi, Ac Potentissimi Principis Ferdinandi Mariae, […], Monachii: Jaecklinus 1679

> http://diglib.hab.de/drucke/xb-4f-364-1s/start.htm
> https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10864800?page=5

Celestino Sfondrati O.S.B. (1644–1696)

Umbra proculDer Schatten ist fern.

Eine Pyramide/ so Schnurgerad unter der Sonn überschienen wird.

Die Aegyptische Pyramiden hat die Alterschafft unter die Wunderwerck gezehlet/ und dises ist wahr/ wann du zugebest/ etwelche Wunderwerck eine Eytelkeit seyn. [zitiert Plinius lib. 35, cap. 12 – nicht gefunden] Eine Pyramide hat [Pharao] Amasis mit dreyhundert und sechtzig tausend Handen durch zweinzig Jahr auffgerichtet. […] Die Pyramiden warfen keinen Schatten.
Wer wird die Hochheit der Jungfrau ermessen? […] Es ist kein Wunder/ daß sie so groß ware/ dann sie ware nicht zur Begräbnuß deß Königs/ sondern GOtt zu gebähren verordnet. Suche hier nicht einen Schatten. Dann was der Schatten dem Leib ist/ das ist der Seelen die Schuld. […] Gleichwie dann die Höhe deß grossen Gebäus in der Pyramiden außschliesste allen Schatten; also hat außgeschlossen die Höhe der Würde in der Jungfrau alle Schuld. […]

Innocentia Vindicata, in Qua Gravissimis Argumentis Ex S. Thoma petitis ostenditur, Angelicum Doctorem, Pro Immaculato Conceptu Deiparae Sensisse & Scripsisse. Pars Prior Theologica, St.Gallen: Jacobus Müller 1695.
> https://doi.org/10.3931/e-rara-92987
> https://archive.org/details/innocentiavindic00sfon/page/n142/mode/1up

Die Erledigte Unschuld, In welcher Mit Uberschwäresten Beweißthumben Auß dem H. Thoma Erwiesen wird, Der Englische Lehrer habe beschlossen und geschrieben Für die Unbefleckte Empfängnuß Der Mutter Gottes, Wienn: Schwendimann 1717. (daraus der dt. Text)
> http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB00007DBB00000000

Joseph Zoller (1676–1750)


Concepta, undique firma. [Auf welches Jahr verweist das Chronogramm?]

Maria
In Ihrer Empfängnuß Ein vest-gestellte Piramiden/
Von den häftigen Winden* der Erb-Sünd unbewögt.

Gantz unbewögt/
Hat Nichts vermögt.

Zwar häftig oft sausen/ und prausen die Wind/
Doch sich unbewöglich ein Saulen befindt.
Weil aso MARIA in Gnaden sehr vest/
Ist selbe nie gfallen/ gestanden aufs best.

*) Seltsam, dass die Winde der Erbsünde durch Engelchen visualisiert werden…

Mira satis, ac sine omni peccato Mariae sanctissima conceptio […] Mariae höchst-wunderbarliche und ohne alle Sünden-Mackl gnaden-reich beschehene Empfängnuss/ in hunderterley Sinn-Bildern vorgestellet, mit minder […] durch gleich-lauffende Vers deutlich erkläret/ Anbey mit einer anmüthigen Melodey versehen […] Augsburg: Labhart 1712.
> https://hdl.handle.net/2027/uiuo.ark:/13960/t49p3jw00

Chrysostomus Hanthaler S.O.C. (1690–1754)

Quo celsior, hoc rarior ≈ Je höher, desto schlanker.

[Zur sechsten Stufe der Demut, wo vom Weg in den Himmel die Rede ist. Die Spitze einer hohen Pyramide ruht auf einem breiten Fundament.]

Pyramidis velut altus apex, pede consitus amplo,
    Hoc mage rarescit, quo mage celsa petit.
Sic propriore via Caeli ad sublimia surgit,
    Qui vitae cultu pauperiore riget.
Vilia si corpus patitur Mens grandia nulla
    Si cogitet, recta pergis ad astra via.

Quinquagena Symbolorum heroica, in praecipua capita et dogmata S. Regulae Sanctisssimi Monachorum Patris & Legislatoris Benedicti omnium iustorum spiritu pleni: Ad recolligendum animum horis succivis concepta, et exegesibus brevibus metrico-prosaicis illustrata, Authore P. Chrysostomo Hanthaler, Augsburg &Linz: Ilger, 1741.

> https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=gri.ark:/13960/t8pd0gs7t&seq=45

Coelestin Leuthner O.S.B. (1695–1759)

[Christus gemäß Matth. 7,14:] Ostendit angustam coeli viam

[Über der Pyramide oben:] Altior, angustior ≈ Je höher, desto schmaler

Ebenso, wie eine Pyramide mit zunehmender Höhe immer spitzer wird, ist auch der Zugang zum Himmel. (Man beachte auch den mit Kruzifixen übersäten Weg bergaufwärts.)

Coelum Christianum In quo Vita, Doctrina, Passio D. N. Jesu Christi, Nonnulla Deiparae Virginis Festa, SS. Apostolorum & Evangelistarum Gesta &c. Symbolicis figuris expressa, Epigrammate sacro elucidata, pia meditatione expensa proponunturA P. Coelestino Leuthner, Congregationis Benedictino Bavaricae Religioso Wessofontano, p. t. ad Matrem dolorosam Vilgertshovii Thaumaturgam Superiore ac Sodalitii Praeside. M.DCC.XLIX.
Augustae, Herbipoli: Mayer 1749
(Consideratio XXIX)
> https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00077763?page=110,111

Christian Wolff (1679-1754)

(Dieser Obelisk ist nicht umgefallen, er wird erst aufgerichtet.)

Dimidium Facti [qui coepit habet. Sapere aude. incipe!] (Horaz Epist. I,ii,40)

Frisch angefangen ist schon halb getan. Was säumst du? Wag’ es auf der Stelle, weise zu sein! (Übers. von Ch.M.Wieland)

Titelblatt zu: Allerhand nützliche Versuche, dadurch zu genauer Erkäntnis der Natur und Kunst der Weg gebähnet wird; denen Liebhabern der Wahrheit mitgetheilet von Christian Wolffen. Anderer Theil, Halle im Magdeburgischen: Renger 1722.

Vielleicht war die Imprese von Lodovico Dolce die Inspirationsquelle:

Ut ipse finiam ≈ Damit ich es selbst vollende

La Piramide bella, alta, e honorata
    Che, qual si vede qui, resta imperfetta,
Da la virtù se degna e si lodata
    Del conte FABIO fia resa perfetta.

[…]

Die unvollendete Pyramide wird als Sinnbild des Lebens des Impresenträgers verstanden: Die Vollendung großer Unternehmungen ermüdet zwar, aber ein hochherziger Wille mit Hilfe des freundlichen Schicksals wird es zustande bringen wird.

Lodovico Dolce, Imprese nobili ... di diversi Prencipi ... illustri. - Venedig, 1578.
> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k15226404/f101.item
> https://archive.org/details/impresenobilieti01pitt/page/n82/mode/1up

Ganz ähnlich bei Camillo Camilli, Imprese illustri di diversi coi discorsi / di C. Camilli et con le figure intagliati in rame di Girolamo Porro, Venedig 1586.

Parte prima pag. 91: Eine Hand mit Maurerkelle über einer halbfertigen Pyramide. Nach dem Prosakommentar kommen damit der Fleiss und die Mühe zum Ausdruck, mit denen der Impresenträger sein Ziel verfolgt, indem er gemäß dem Motto IN DIES Tag für Tag kontinuierlich und beständig an der Vollendung eines langwierigen Werkes arbeitet. Camilli vermutet, dass es sich bei dem Vorhaben um die Gunst einer Dame handelt, die Vitali erlangen will, da dies der Gipfel aller Sehnsüchte sei. (Aus dem Kommentar in der Emblemdatenbank MDZ)
> https://archive.org/details/impreseillustrid04cami/page/n102/mode/1up

Franz Widenmann (?)

In der Erklärung des Kupffer-Blatts:

Zurückzulassen sind: L’imaginationPraejudiciaPraesumptio

dann führt die Via Veritatis zur Basis Anatomia – Physiologia – Pathologia;

dann steigt man auf zu Chirurgia – Therapeutica – mit der Hilfe Gotttes (His auxiliis).

Bezug zur Pyramide:
Die Wahrheit stehet vest, wenn es gleich blitzt und kracht,
Weil sie des Höchsten Schutz unüberwindlich macht.

Franz Widenmann, Institutiones chirurgiae [...] Das ist: Kurtze und allgemeine Lehre Von der Wund-Artzney... Nebst gleichmässig-deutlicher Erläuterung der auf die Lehre Alcali & Acidi gegründeten Würckung der Artzneyen in der Heil- oder Wund-Artzney-Kunst, Augsburg 1737.
> https://digital.ulb.hhu.de/urn/urn:nbn:de:hbz:061:1-514517
> https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11270129?page=10,11


… und was haben wir jetzt herausgefunden?


Die Pyramide / der Obelisk wird allegorisch verschieden gedeutet;
Es gibt positive wie ▲ negative und △ weitere Deutungen.
Hier sind die "Signifiants" zusammengestellt.

P. ist unnachgiebig (C.Camilli 1586)

P. werden von mächtigen Fürsten erbaut > Ruhm (C.Ripa 1603)

P. wird nicht untergehn (J.Bornitz 1638); hat Bestand (C.Camilli 1586)

P. ist im Gegensatz zum Schatten standhaft (de Couarrubias Orozco 1611)

P. kann nicht gebrochen werden (G.F.Verani 1679)

Unbeweglichkeit (Jungfräulichkeit Mariae: C. Sfondrati 1695; Zoller 1712)

P. wird nicht untergehn (J. Bonitz 1638; J.G.Schottel 1669; G.F.Verani 1679)

P. unten breit oben spitzig (J.de Borja 1581)

P. ist eine Stütze (im Bild für Efeu) (Paradin 1557; L.Dolce 1578; J.Camerarius 1590; D. Hensius 1618; J. Solorzano 1652)

aussen schön / innen nichtswertig (J.Cats 1627; evtl. M.Holtzwart 1581)

△ Form der Pyramide unten/oben (Ch. Hanthaler 1741; C.Leuthner 1749)

△ P. überdauert nur als Abbild (P.Fleming (1637)

△ Der Erbauer hat den Ruhm, nicht die P. (C von der Pfalz 1677)

△ Man muss die Pyramide aufrichten (Ruscelli 1566; C. Bovio 1655; Ch.Wolff 1722)

Pyramide als Grabmal (A. Bocchi 1574; J. de Pineda 1613: vgl. Pyramis inversa)

Eingerichtet von P.M. im Juli 2026;

Mit Dank an Andreas Moser
und Thomas Gehring für viele Korrekturen undÜbersetzungen

Coda:

Danke für das Bild: Sophie, Rhea, Selma, Zoë, Annemarie und Thomas!