»Präsenz ohne Substanz«

»Präsenz ohne Substanz« – Beiträge zur Symbolik des Spiegels

(Die Idee für diesen Titel stammt von Max Nänny).


Das waren die Tagungen am 1. Juni 2000 und am 31. August / 1. September 2001.

Sie sind 2003 als Buch publiziert worden.

Literaturhinweise hier.

Einleitender Aufsatz zum Buch hier.

 


 

Das Spiegelkabinett – Einsichten und Reflexionen

 

(aus Eduard Gerhard, Etruskische Spiegel, Band 1, Berlin, 1843)

Materialien in bunter Folge

Der Spiegel hat eine vielfältige Symbolik. Hier einige Einblicke in die Materialien.

Insofern als der Spiegel die Wirklichkeit genau abbildet, kann er auch als Allegorie des Sehsinns verwendet werden.

> der Sehsinn

Der Spiegel zeigt das Antlitz, wie es wirklich ist, im Gegensatz zur Vorstellung, die sich der Betrachter / die Betrachterin von sich selbst macht; z.Bsp. wie das Gesicht im Alter aussieht oder aussehen wird. Der Betrachter / die Betrachterin ist erstaunt (und ändert sich) oder will diese Wahrheit nicht sehen.

> Memorial der Tugend

Der Betrachter / die Betrachterin sieht im Spiegel statt das eigene Antlitz das Bild eines Narren, des Teufels oder des Todes, der hinter ihm / ihr steht. Optisch ist das möglich, insofern man im Spiegel um eine Ecke herum sehen kann. Wir als Zuschauer der Szene sehen dieses Bild ebenfalls.

> Hinten: Sebastian Brant – Freidanck — Geoffroy de la Tour Landry — Totentanz und andere — H.v.Doderer

Der Betrachter / die Betrachterin sieht im Spiegelbild nicht sein/ihr Selbstportrait, sondern das Bild eines Narren. Im Hintergrund steht die Vorstellung, der Spiegel zeige das ›wahre‹ Bild; wobei ›wahr‹ hier nicht im optischen Sinne gemeint ist.

> Albertinus

> Narrenschiff Kap. 60

Das Bild-Publikum sieht die/den sich im Spiegel sich Betrachtende/n, während diese/r im Spiegel die (beschönigende) Vorstellung sieht, die sie/er sich von sich selbst macht. Im Hintergrund die Vorstellung: der Spiegel täuscht.

> Grandville

Der Spiegel in der Hand einer Figur ist Allegorie der

> Prudentia

> Superbia

> Sapientia

Eigenliebe führt ins Verderben

Narziss

Spiegel / speculum / miroir als Buchtitel

Der Blick des Basilisk tötet; wenn man ihm einen Spiegel vorhält, sich selbst.

Ein Spezialfall sind die Brennspiegel

Zuletzt: Schaun wir doch selber in den Spiegel!

 

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Plinius d. Ä. (23/24 – 79), naturalis historia XXXIII, xlv, 128–130:

Merkwürdig ist die Eigenschaft der Spiegel, die Bilder wieder zu geben, was unbezweifelt von der zurückprallenden und wieder ins Auge gelangenden Luft herrührt.
     Aus demselben Grunde vergrössern Spiegel, welche erhaben und vertieft polirt sind, das Bild ins Unendliche. So viel kommt darauf an, ob der Spiegel die anprallende Luft zurückstösst oder aufnimmt! Selbst Trinkbechern ertheilt man diese Eigenschaft dadurch, dass man gleichsam viele Spiegelflächen darin anbringt; sieht nun Jemand hinein, so nimmt er eine Menge Bilder wahr.
    Man macht auch Spiegel, wie z. B. die in einem Tempel zu Smyrna befindlichen, worin wunderliche Gestalten zum Vorschein kommen. Die Ursache hievon liegt in der Gestalt des Spiegels, denn es kommt sehr viel darauf an, ob sie concav wie ein Becher oder wie ein thraecidischer Schild, in der Mitte vertieft oder erhöhet, schräg oder schief, liegend oder aufrecht sind, denn nach der Beschaffenheit der auffangenden Fläche werden die Schatten zurückgeworfen. Das Bild ist nämlich nichts anderes, als die Repräsentation des von der klaren Fläche aufgenommenen Schattens.
    Um endlich alles auf die Spiegel bezügliche hier zusammen zu fassen, so füge ich hinzu, dass bei unsern Vorfahren die brundisischen, aus einer Legirung von Kupfer und Zinn dargestellten die besten waren. Die silbernen sind vortrefflich; die ersten machte Pasiteles zur Zeit des grossen Pompejus. Seit Kurzem ist man der Meinung, das Bild falle richtiger aus, wenn die Rückseite des Spiegels mit Gold überzogen sei. 

Plinius, Die Naturgeschichte. Ins Deutsche übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Georg Christoph Wittstein, Gressner & Schramm, Leipzig 1881–1882.

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••• Im Ständebuch von Hans Sachs mit Holzschnitten von Jost Amman 1568 tritt auch der Spiegelmacher auf:

Eygentliche Beschreibung aller Stände auff Erden, hoher und nidriger, geistlicher und weltlicher, aller Künsten, Handwercken und Händeln. Durch d. weitberümpten Hans Sachsen gantz fleissig beschrieben u. in teutsche Reimen gefasset, Frankfurt am Main: Sigmund Feyerabend 1568.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00105474/image_177

Der Spiegler

Ich mach das helle Spiegelglaß/
Mit Bley ichs vnderziehen laß/
Vnd drehe darnach die Hültzen Scheib /
Darinn die Spiegelgläßer bleibn/
Die Mal ich denn mit Farben frey/
FeuwerSpiegel mach ich darbey/
Darinn das Angsicht groß erschein/
Daß mans sicht eigentlich vnd fein.

••• Enzyklopädisch zum Spiegel (Moral, Geschichte, Herstellungstechnik) ist Tommaso Garzoni in seiner »Piazza universale« (erste italien. Ausgabe Venedig 1585, deutsche Übersetzung 1619) Piazza universale, Das ist: Allgemeiner Schawplatz / Marckt / vnd Zusammenkunfft aller Professionen / Künsten / Geschäfften / Händeln vnd Handtwercken/ &c. Wann / vnd vom wem sie erfunden: auch welcher massen dieselbige von Tag zu Tag zugenommen: Sampt außführlicher Beschreibung alles dessen / so darzu gehörig […] Eerstmaln durch Thomam Garzonum, Italianisch zusammen getragen: anjetzo auffs trewlichste verteutscht […] Franckfurt am Mayn / In Verlag Matthæi Merians Sel. Erben MDCLIX.
Man lese selbst das Kapitel 144 auf > http://diglib.hab.de/drucke/16-2-geom/start.htm?image=01055

••• Auch hier ist die Beschreibung des technischen Verfahrens der Herstellung eines Quecksilberspiegels eingebettet in die Symbolik des Spiegels, wundersame Geschichten von Spiegeln und versehen mit Moral:

Der Spiegler

Das Glaubens-Aug übe, Dort stehet die Liebe.

Im Spiegel-Glas der kurtzen Zeit
zeigt sich das Bild der Ewigkeit:
Mein Hertz, verlieb dich nicht in Schatten,
Wend aber Augen, Mut und Sinn
genäuer zu dem Himmel hin,
Dich mit dem Wesen Selbst zu gatten.

Chistoph Weigel, Abbildung und Beschreibung der Gemein-Nützlichen Haupt-Stände […], Regensburg 1698; S. 402–405: Der Spiegler. (Reprint Nördlingen: Uhl 1987; Text und Bild digital in der > SLUB)

••• Siebzig Jahre später fehlt jegliche Moralisation; die Darstellung konzentriert sich aufs Technologische:

Encyclopédie, Recueil de Planches, Huitieme Volume (Paris 1771), s.v. Miroitier, Pl. I.

Der Umgang mit Quecksilber ist heutzutage nicht mehr so ungiftig wie damals! LE haut de cette Planche présente un attelier où plusieurs ouvriers sont occupés à mettre des glaces au teint. Un en a à dégraisser le teint; un en b à verser le vif-argent sur la feuille d'étain; un en c à poser la glace sur la même feuille d'étain; d'autres en d à poser les glaces sur l'égouttoir; un autre en e à ranger des glaces mises & à mettre au teint au fond de l'attelier. En f est une table où sont plusieurs glaces chargées que l'on vient de mettre au teint. A l'opposite en g est un égouttoir où sont posées les glaces. Sur le devant en h est une trémie à séparer le vif-argent des ordures.

Eine allegorische Auslegung des Herstellungsprozesses findet sich bei Johannes Rothe (1360–1434), »Ritterspiegel«, Verse 77ff.; vgl. die Edition / Übersetzung / und den Kommentar von Christoph Huber und Pamela Kalning, de Gruyter 2009.

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Katoptrik, hier aus der »Magia Naturalis« des Giambattista Della Porta (1535–1615):

Von allerhand Brand- und andern Spiegeln/ und was man damit vor wunderliche Sachen vorstellen kan.

Joh. Baptistæ Portae Nobilis Neapolis Magia Naturalis, Oder: Hauß-, Kunst- und Wunder-Buch, nach dem vermehrten in 20 Büchern bestehenden lateinischen Exemplar ins Hochdeutsche übersetzt . […] Mit dem Zweyten Theil von neuen vermehret. Erster Theil, Die Zweyte Auflage, verbessert, Nürnberg, 1715 . Das siebenzehende Buch, S. 940–994. Vgl. > http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10927356_00982.html

Literaturhinweis: Aufsatz von Marie Theres Stauffer zu Evokationen katoptrischer Maschinen im Modell (2016); online hier.

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Ein meister las,
troum unde spiegelglas,
daz si zem winde
bî der stæte sîn gezalt.

(Ein Gelehrter trug vor, dass Traum und Spiegel[bild] hinsichtlich der Beständigkeit dem Winde gleichen. Walther von der Vogelweide, L. 122,24; evtl. nicht Walther zuzuschreiben)

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Emblem XCII:
[Motto] MONSTRATUR IN UNDIS [Sie zeigt sich im Wasser] — Cognoissance reflexeSo kann man sie besser sehen
[Übers. des  frz. Epigramms]
Der unsichtbare Gott kehrt ein in unsere Augen
nur in der Widerspiegelung seiner sichtbaren Werke,
nur in ihr sind seine Geheimnisse begreiflich,
die er aufs sinnreichste verbirgt. 

Julius Wilhelm Zincgref, Emblematum ethico-politicorum centuria Julii Guilielmi Zincgrefii, [Frankfurt am Main]: de Bry 1619. — [Kupferstecher: Matthaeus Merian der Ältere] Faksimile der Ausgabe Heidelberg 1664 u.d.T. »Hundert ethisch-politische Embleme«, hg. Arthur Henkel / Wolfgang Wiemann, Heidelberg: Winter 1986 (Band 2: Übersetzungen [nicht aller Texte] und Kommentare) Digitalisat > http://diglib.hab.de/drucke/li-10083/00205.jpg

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Johann Arndt, »Vier Bücher vom Wahren Christentumb« [1605/09, 1612 zu 6 Büchern erweitert; viele Neuauflagen]; die Embleme zuerst in der Ausgabe Riga 1678/79.

Bild hier aus: Des hoch-erleuchteten Theologi, Herrn Johann Arndts, ... Samtliche Sechs Geistreiche Bücher Vom Wahren Christenthum. Das ist: Von heylsamer Busse, hertzlicher Reue über die Sünde, wahren Glauben, auch heiligen Leben und Wandel der rechten wahren Christen. Neue Auflag mit Kupferen, Samt Richtigen Anmerckungen, kräfftigen Gebätteren über alle Capitel, und einem sechsfachen Register, Zürich, in Bürcklischer Truckerey getruckt 1746.

[Erstes Buch, 1. Kap.] Hier ist ein heller Spiegel auf einem Tisch, in welchem sich die Sonne helle spiegelt; Also spiegelt sich auch in einer gläubigen Seele die Klarheit des HErrn oder das Bild GOttes mit aufgedecktem Angesicht

2 Corinth. Cap. 3. v. 18. Es spiegelt sich in uns allen des HErrn Klarheit mit aufgedecktem Angesicht, und wir werden verkläret in dasselbige Bilde von einer Klarheit zu der andern.

So spiegelt sich das Leben wirckend Licht
   In einer Laster-freyen Seelen,
      Darinn man keine Hölen
Noch Höcker spürt, mit offnem Angesicht.
      Der ganz vollkommne Schönheits-Blick,
Gebildet ab im Willen und Verstande,
     Prellt Winckel-recht in GOtt zurück
Und hängt an Ihm durch gar verborgne Bande.
      Der Schöpffer stehet und beschauet sich,
O Mensch, in dir mit solchem Wohlgefallen,
Daß ihm Gemüth und Sinn vor heisser Liebe wallen;
     Er zielt mit aller seiner Huld auf dich,
        Läst seiner Güte Strahlen schiessen
Bis in dein Innerstes, und giebt sich dir
             Mit sehnlicher Begier
             Zu schmecken und geniessen.
     O höchstes Gut! O wahre Seligkeit!
          O stete Ruh! O lautre Freuden!
     Von welchen uns des Teufels Neid
          Und unsre Sünden scheiden!
Doch Christus hat es alles wiederbracht,
   Und, was der Feind und Sünden Fall vernichtet,
(Indem ihn GOtt für uns zur Sünde hat gemacht,)
      Erneurt und wieder aufgerichtet. 

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Das Bild zeigt eine Meeresoberfläche bei bewegtem Seegang und darüber eine Sonne, die sich in jeder einzelnen Welle spiegelt; das Motto lautet OMNIS AB UNO; und das Epigramm formuliert: Von einer Schönheit kömt | was Schönes sich hier spiegelt.

Johann Albert Fabricius (1668–1736), Hydrotheologie Oder Versuch, durch aufmerksame Betrachtung der Eigenschaften, reichen Austheilung und Bewegung der Wasser, die Menschen zur Liebe und Bewunderung Ihres ... Gütigsten, Weisesten, Mächtigsten Schöpfers zu ermuntern ... : Nebst einem Verzeichniß von alten und neuen See- und Wasser-Rechten ... Hamburg: König & Richter 1734. (Titelkupfer)

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Barthold Hinrich Brockes (1680–1747) widmet dem Gedanken, die Kreatur sei ein Spiegel des Schöpfers, ein Gedicht im »Irdischen Vergnügen in Gott« (V [1736], 165–167); hier ein Ausschnitt:

Sind die erschaffnen Creaturen, wenn man’s erweget, anders was
Als ein des Schöpfers wahres Wesen vor Augen stellend Spiegel-Glas?
In welchem, durch die, zu dem Zweck allein, erschaffne Sonnen-Strahlen,
Sich Weisheit, Lieb’ und Macht uns allen überzeuglich mahlen,
Und, durch die Sinnen, unsren Seelen empfindlich vorgestellet werden? …
Die Seel’ erblicket von der GOttheit, in der Geschöpfe Wunder Pracht
Ein gleichsam dreyfach-einigs Wesen, in seiner Weisheit, Liebe, Macht.
Erfordert es denn wenigstens vernünft’ger Menschen Seelen-Pflicht,
In seines namens Preis’ und Ruhme, Lob, Herrlichkeit und Ehre, nicht,
Daß unsre Seel’ ie mehr und mehr sich durch Betrachtung angewehn’,
Im schönen Creaturen-Spiegel die wahre GOttheit anzusehen? …

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Otto van Veen (1556–1629): Amoris divini emblemata 1615:

De spiegel vergroot het licht uit dat hij van de zon opneemt en ontvangt; op dezelfde manier en met een volkomen overeenkomstige uitwerking voedt onze ziel zo gelovig de vlammen die haar God haar geeft, dat ze andere zielen warmte geeft en ze met hetzelfde vuur hartstochtelijk liefheeft.

Le miroir accroist la lumiere
Qu’il prend & reçoit du soleil,
Nostre ame en la mesme maniere,
Et par vn effect tout pareil,
Nourrit si sainctement les flammes,
Que luy communique son Dieu;
Qu’elle eschauffe des autres ames,
Et les esprend au mesme feu.

Das Engelchen mit dem Strahlennimbus ist Amor divinus; das Engelchen, das den Spiegel hält, ist die Anima. (Genau genommen sollte es  ein Brennspiegel sein.)

Amoris divini emblemata, Studio et ære Othonis Væni concinnata, Antwerpen: Plantin 1660.
> https://archive.org/stream/amorisdiuiniembl00veen_0#page/40/mode/2up
> http://emblems.let.uu.nl/v161517.html

Motti:

Ignem veni immittere in terram –  Ich bin gekommen,ein Feuer anzuzünden auf Erden (Lukas 12,49) 

Solis inardescit radiis, longeque refulget (Aeneis VIII, 623: das Schwert des Aeneas gleicht einer Wolke, die von der Sonne erglüht, weithin leuchtet)

Die emblematische Predigt ist dem hl. Ignatius von Loyola gewidmet. Er hat mit dem göttlichen Feuer die erkalteten und erloschenen Seelen wieder angezündet. Der archimedische Hohlspiegel regte Feuersbrünste an.* Ähnlich hat der überaus klare (limpidissimus) Geist des Ignatius die göttlichen Strahlen tief in sich versammelt und mit seiner glühenden Rede (ignito suo eloquio) den ganzen Erdkreis angezündet.

*) Die Geschichte, Archimedes habe die feindliche römische Flotte vor Syrakus (214–212 v. Chr.) mittels eines Brennspiegels angezündet, beruht im Kern auf einer kurzen Stelle bei Galen (130–200), »De temperamentis«.

[Heinrich Engelgrave, S.J. (1610–1670)], Lucis Euangelicæ sub velum sacrorum emblematum reconditæ, Pars tertia. Hoc Est Caeleste Pantheon, Sive Caelum Novum, In Festa Et Gesta Sanctorum Totius Anni, Selecta Historia, et Morali Doctrina Varie Illustrum  per R.R. Henricum Engelgrave S.J., Pars posterior, Coloniae Agrippinae: Busaeus 1659. S. 72–116.

Wie man mit einem flachen Spiegel in die Ferne auf 100 Schuhe brennen könne?

Delitiæ Philosophicæ Et Mathematicæ. Der Philosophischen und Mathematischen Erquickstunden/ Dritter Theil [verfasst von Georg Philipp Harsdörffer (1607–1658)] ; Bestehend in fünffhundert nutzlichen und lustigen Kunstfragen/ und deroselben gründlichen Erklärung: Mit vielen nothwendigen Figuren/ so wol in Kupffer als Holtz/ gezieret. Und Auß allen neuen berühmten Philosophis und Mathematicis, mit grossem Fleiß zusammen getragen. Nürnberg: Endter 1653; Dritter Theil. Die XXXVIII. Frage.

Die Sonne G bestrahlt fünf flache Spiegel A – E, deren Gegenstralung im Spiegel F zusammentreffen.

So ein Gerät – freilich mit 100 oder 1000 Spiegeln, Kircher/Harsdörffer geben nur ein Gedankenexperiment mit 5 Spiegeln – soll (nach dem Geschichtsschreiber Johannes Zonaras) Proclus bei der Belagerung von Konstantinopel anno 514 zur Zerstörung der byzantinischen Flotte verwendet haben.

Harsdörffer exzerpiert wie oft Athanasius Kircher (1602–1680), hier: Ars Magna Lvcis Et Vmbrae, Rom 1646.

 

Text aus der deutschen Ausgabe 1655: Die Sonne wirft jhre Stralen in einem außgehölten glaß/ vnd solche schlagen gantz fewrig wider zurück […] welches dan bedeutet/ daß auß der guten oder bosen zuneigung der bedienten fridd oder krieg entstehe; sehr gefählich ist das widerhallen der geboht/ welche sie empfangen. Wan sie ein gantz ebenes/ klares/ reines Christallenes gemüth hetten/ so würden sie eben mit solcher reinigkeit die befehl von sich geben/ wie sie solche empfangen/ ja auch wol reiner; wo aber solches von Staal ist/ so werden sie die gantze Weldt in kriegsbrandt stecken. … 

Bild aus: Idea principis christiano-politici, centum symbolis expressa a Didaco Saavedra Faxardo  hier aus der Ausgabe Brüssel 1649. Emblem Nr.LXXVI > http://www.fondiantichi.unimo.it/fa/emblem01/saav076.html

Archimedes-Emblem im Pfarrhaus von St. Jost in Blatten (Kanton Luzern), erbaut 1654-57; auf der Website von Dieter Bitterli.

Daniel Casper von Lohenstein (1635–1683), »Die Augen«: Last Archimeden viel von seinen Spiegeln sagen … (Sonett, 1680)

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In Parvo Totus

Das grosse Sonnen-Liecht
   Mit ihrer runden Scheiben/
In ein klein Spiegel sich
   thut völlig einverleiben;
Deß Spiegels Gleichheit thut
   MARIA auch besteiffen/
[bestätigen]
Der Spiegel d’Sonn in sich/
   Sie thut GOtt selbst begreiffen.

Abraham [a Sancta Clara], Stern, So auß Jacob aufgangen Maria: Deren Heilige Lauretanische Litaney mit so viel Sinn-Bilderen, als Titulen, Mit so viel Lobsprüchen, als Buchstaben in jedem Titul seynd, Vermehrt und geziehret worden, [o.O.] 1686.
> https://books.google.ch/books?id=Rvw-AAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_s

Mater inviolata

Das Bild stellt für die Sonn in der Jungfrau, das ist Christum, die Sonn der Gerechtigkeit; dardurch aber wird angedeutet, daß, gleichwie der Glanz aus der Sonn geht ohne Verletzung der Sonn, also seye Christus das Liecht u. Glanz der Welt aus Maria gebohren worden ohne Verletzung ihrer Jungfrauschafft. Es steht geschrieben: Der Gerechte wird in die Welt kommen wie der Glantz, wohl gemerckt: nit wie das Feuer, so verbrennt und verzehret, sondern wie der Glanz so noch schöner machet; also hat Christus durch seine Geburt die Jungfrauschafft Mariæ nit verletzt, sondern gezieret.

Weiters, gleichwie die Sonn die Strahlen auf einen Spiegel würfft, oder Brenn-Glaß, und von dortaus ein Liecht anzündet ohne Verletzung des Spiegels, also hat der Heil. Geist auf Mariam den Spiegel der Reinigkeit die Gnaden Strahlen der Uberschattung geworffen, und durch disen Spiegel Christum das Liecht der Welt angezunden, ohne daß der Spiegel verletzt worden, will sagen, ohne daß Mariæ Jungfrauschafft befleckt worden; und dises billich, weilen nach Zeugnuß Augustini Christus kommen ist, das Verderbte gut zu machen, nit das Gute zu schwächen.

Der vom Engel gehaltene Spiegel (in dem sich Maria nicht anschaut, sondern der ein Symbol für sie ist) ist angeschrieben mit Speculum sine macula Sap. 7 (Spiegel ohne Makel, Weisheit 7,26)

Franciscus Xaverius Dornn, Lauretanische Litaney, So Zu Lob, und Ehr Der Ohne Mackel empfangenen, Von aller Sünd befreyten, unbefleckten Jungfrauen, und Glorwürdigsten Himmels-Königin Mariæ; Das erste mahl In dem wunderthätigen Hauß Loreto von denen heiligen Engeln ist abgesungen, […] nunmehro aber Fast auf allen Chören mit Freuden vollen Jubel angestimmet, und von wahren Dienern, und Marianischen Liebhabern nicht ohne grösten Trost vil tausendmahl gebetten wird, Dritte vermehrte Auflag, Augspurg: Burckhart 1763. > http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB000058E400000086

Der Brennspiegel für Maria ist auch auf der 1654 bemalten Holzdecke der Wallfahrtskirche Hergiswald bei Luzern dargestellt. Das Motto EXARDESCET IGNIS (Ein Feuer wird sich entzünden) meint, dass Maria die Strahlen der göttlichen Sonne der Gerechtigkeit (Prophet Maleachi 3,20 [Vulgata-Zählung  4,2]) auffängt und an die Gläubigen weiterleitet.



Dieter Bitterli, Der Bilderhimmel von Hergiswald. Der barocke Emblemzyklus der Wallfahrtskirche Unserer Lieben Frau in Hergiswald bei Luzern, seine Quellen, sein mariologisches Programm und seine Bedeutung, Basel: Wiese-Verlag 1997 (>>> Neuauflage 2017!). (West 2; Text dazu S. 146)

[S.303] Erklärung des Sinnbildes.

Das klare Spiegel-Eis empfängt der Sonne Glut/
und wird doch nicht zerschmelzt; gebiehrt auch ihre Stralen
ohn allen Schaden gar der hellen Sonne-Flut.
Ihr Wesen kan in sie/ aus ihrem jendes fallen/

Unmängbar/ unverletzt. Die Sonn wird nicht getrübt/
wann sie geht durch das Glas; und dieses nicht zerbrochen/
wann jene komt aus ihr/ wird nur dadurch geübt
die Unverletzlichkeit/ und klärlich ausgesprochen

die heilge Christ-Geburt. Die Keuschheit GOtt empfangt
und wiederum gebiert/ ihm und ihr unverletzlich.
Er kein Verkleinerung klein werdend nicht erlangt/
und bleibt an Kraft und Wehrt gleich ewig unerschätzlich.

Auf Geist-subtile Weis sie einen Leib gebiert
aus ihrem keuschen Leib/ der Sonn-durchdringlich strahlet
aus ihrer Reinigkeit. Die Keuschhet nichts verliert;
vielmehr der Höchste selbst mit ihrem Glanz sich mahlet.

Der Allerheiligsten Menschwerdung/ Geburt und Jugend Jesu Christi/ Zwölf Andächtige Betrachtungen; durch Dessen innigste Liebhaberin und eifrigste Verehrerin Catharina Regina Frau von Greiffenberg/ gebohrne Fre<yherrin auf Seysenegg/ Zu Verehrung der Ehre GOttes/ und Erweckung wahrer Andacht/ verfasset/ und ausgefärtigt. Nürnberg: Johann Hoffmann 1678. > http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10861783-6

Literaturhinweise:

Leo Scheffczyk / Remigius Bäumer, Marienlexikon, St.Ottilien: Eos-Verlag 1988–1994; s.v. ›Spiegel‹.

Anselm Salzer, Die Sinnbilder und Beiworte Mariens in der deutschen Literatur und lateinischen Hymnenpoesie des Mittelalters, mit Berücksichtigung der patristischen Literatur. Eine literar-historische Studie, (1886–1894); Nachdruck: Darmstadt: wbg 1967; im Register unter ›Spiegel‹.

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Origine d’Amore. Donna che tenga uno specchio trasparente rotondo, grosso & corpulento, incontro all’occhio del Sole, il quale con i suoi raggi trapassando per mezzo dello specchio accenda una facella posta nella mano sinistra, dal manico dello specchio penda una cartella, nella quale sia scritto questo motto: ›Sic in corde facit amor incendium‹.

Das Kapitel erscheint erst in der von Castellini erweiterten Ausgabe von Cesare Ripas »Iconologia« 1618: La novissima ICONOLOGIA del Sig. Cavalier Cesare RIPA. [……] Ampliata in quest’ ultima editione non solo dallo stesso auttore di trecento, e cinquantadue imagini, con molti discorsi peini di varia eruditione, & con molti indici copiosi, ma ancora arrichita d'altre imagini, discorsi, & esquisita corretione dal Sig. Gio. Zaratino Castellini, Padova: Pietro Paolo Tozzi 1618. > https://archive.org/stream/novaiconologia00ripa#page/385/mode/1up 

Was kann mit dem specchio trasparente gemeint sein, der wie die Liebe im Herzen einen Feuerbrand anfacht? Der Ausdruck fehlt in alten Wörterbüchern.

• Das Bild zeigt ein die Strahlen beim Durchgang sammelndes Vergrösserungsglas, das eine Fackel entzündet; ein solches ist trasparente oder traslucido, wird aber nie als ›Spiegel‹ bezeichnet, sondern als lente (fem.).

• Aber ein Brennspiegel kann nicht durchlässig sein, sonst reflektiert er die Strahlen nicht. Brennspiegel heissen, auch schon in älteren Texten, specchio ustorio oder specchio ardente (Dizionario della lingua italiana von Tommaseo-Bellini, Torino 1835)

Petrarca im Sonett 74: Come raggio di sol traluce in vetro meint, dass die Strahlen der Augen der Geliebten ungehindert wie durch transparentes Glas in sein Herz dringen.

(Besten Dank an Georges Güntert für die italianistische Hilfe!)

Aus dem Bereich der katoptrischen Instrumente kann angemerkt werden, dass Mario Bettini (1582–1657) so etwas wie ein durch-leuchtendes Brennglas entwarf: eine Kombination von zwei ineinander verschachtelten, außerhalb des Brennpunkt abgeschnittenen Parabolspiegeln (Auf der Zeichnung: B muss man sich in A enthalten vorstellen, vgl. die Rekonstruktion bei Baltrušaitis S. 127).

Apiaria universae philosophiae mathematicae, in quibus paradoxa et nova pleraque machinamenta ad usu eximios traducta, & facillimis demonstrationibus confirmata, Bononiae 1642. > http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb11199743-8

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Unter den Vergil später zugeschriebenen Texten findet sich ein Cento (ein Flicken-Gedicht), betitelt »de unda et speculo«. Die 12 Distichen sind recht banal: Der klare, bewegungslose Wasserspiegel (unda) gibt das Bild genau, aber umgedreht wieder; das Spiegelbild lügt (mendax).

Redditur effigies liquida cernentis in unda,
Qualis in aduerso speculorum cernitur orbe.
usw.

Der Text mit Hinweisen auch zu Übersetzungen hier als PDF .

Der Illustrator der Vergil-Ausgabe, wo das Gedicht im Anhang abgedruckt ist, zeigt Frauen, die ihre Spiegelbilder beschauen, aber nicht nur im klaren Wasser, wovon der Text spricht, sondern am Brunnen und in echten Spiegeln; eine Dame mit offenem Haar.

Publij Virgilij maronis opera cum quinque vulgatis commentariis […] expolitissimisque figuris atque imaginibus nuper per Sebastianum Brant superadditis, exactissimeque revisis atque elimatis, Straßburg: Grieninger 1502; fol Xr. 

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Jesaias 3,16ff (Einheitsübersetzung 2016; Thema ist der Zusammenbruch der Lebensordnungen in Jersualem im 8.Jh.)

Der Herr sprach: Weil die Töchter Zions hochmütig sind, ihre Hälse recken und mit verführerischen Blicken daherkommen, immerzu trippelnd umherlaufen und mit ihren Fußspangen klirren, 17 wird der Herr den Scheitel der Töchter Zions mit Schorf bedecken und der HERR wird ihre Schläfen kahl werden lassen. 18 An jenem Tag wird der Herr den Schmuck wegnehmen: die Fußspangen, die kleinen Sonnen und Monde, 19 die Ohrgehänge und Armkettchen, die Schleier 20 und Turbane, die Fußkettchen und die Prachtgürtel, die Riechfläschchen und die Amulette, 21 die Fingerringe und Nasenringe, 22 die Festkleider und Umhänge, die Umschlagtücher und Täschchen 23 und die Spiegel, die feinen Schleier, die Schals und Kopftücher. 24 So wird es sein: Statt Balsam wird Moder sein, statt eines Gürtels ein Strick, statt kunstvoller Locken eine Glatze, statt eines Festkleides ein gegürteter Sack, Brandmal statt Schönheit. [Vers 16 in der Vulgata: elevatæ sunt filiæ Sion, et ambulaverunt extento collo (der Begriff superbia kommt nicht vor).]

Belzalel verwendet bei der Errichtung des Brandopferaltars das Metall von Spiegeln: Und er machte das Becken aus Bronze und sein Gestell auch aus Bronze von den Spiegeln der Frauen, die vor dem Eingang der Stiftshütte Dienst taten. (Exodus = 2.Mos. 38,8). – Interessanterweise wird hier dasselbe Wort mar'ah verwendet wie an anderen Stellen für ›Vision‹, vgl. z.B.: …so gebe ich mich ihm in einer Vision als der Herr zu erkennen (Numeri = 4.Mos. 12,6)

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Sowohl die Prudentia als auch die Superbia sind mit Spiegeln ausgestattet, aus verschiedenen Gründen.

Giotto (ca. 1267 – 1337) stellt – in einer Reihe der Tugenden und Laster – ca. 1306 auf einem Fresko der Cappella degli Scrovegni in Padova (auch: Arenakapelle) die Prudentia dar: Auf dem Pult liegt ein Buch; in der einen Hand hält die Figur einen Zirkel (?); in der anderen Hand einen Spiegel.

Quelle > https://it.wikipedia.org/wiki/Prudenza_(Giotto)

In älteren Quellen finden sich verschiedene Deutungen für den Spiegel der Prudentia:

  • Das Sich-Spiegeln bedeutet die Selbsterkenntnis (cognitio sui).
    • Seneca (gest. 65 u.Z.) schreibt in den »naturales quastiones« I, xvii,4: Inuenta sunt specula, ut homo ipse se nosset, multa ex hoc consecuturus, primum sui notitiam, deinde ad quaedam consilium: formosus, ut uitaret infamiam; deformis, ut sciret redimendum esse uirtutibus quicquid corpori deesset; […] ≈ Spiegel sind erfunden worden, damit der Mensch sich selbst erkennt und dadurch viel erreichen kann; erstens die Erkenntnis seiner selbst, zweitens gewisse Entscheidungen: Der Schöne [ergänze: beschaut sich im Spiegel], damit er Schmach vermeidet; der Hässliche, damit er einsieht, dass tugendhafter Wandel ein Heilmittel gegen körperliche Mängel darstellt.
    • Im Christentum dieselbe Vorstellung: Mechthild von Magedeburg († 1282): Hienach nime ich in mîn hant einen spiegel der waren bekanntnisse, so besihe ich mich darinne, wer ich selber bin […] (»Fliessendes Licht der Gottheit« VI,1)
  • Der Konvex-Spiegel (speculum cylindricum, ein Begriff der Katoptrik) verwandelt alle darin gesehenen Gestalten in schöne Bilder. Ebenso ist es dem klugen Menschen (homo prudens) eigen, auch die verwickelsten Dinge zu einem glücklichen Erfolg zu ent-wickeln: Corporis humani aliarumve quarumvis rerum figuræ ac imagines se ipsis deformisimæ, si intra speculum cylindricum colligantur, formam venustisimam induunt Unde lemma: INFORMIA FORMAT. Hominis prudentis est proprium res quasvis intricatissimas felici successu evolvere ac in formam exoptatam contrahere. MUNDUS SYMBOLICUS, in Emblematum Universitate formatus […] conscriptus reverendissimo domino D. Philippo Picinello, Coloniæ Agrippinæ MCLXXXI; Liber XIX, ¶ 183.
  • Prudentia blickt auch zurück nach hinten. Vgl. unten bei Comenius; dort ist sie auch deutlich zweigesichtig wie Janus.
  • Prudentia blickt weise voraus in die Zukunft; Prudens, quasi porro videns ≈ weise, weil voraus schauend, Isidor, Etymologien X, 201 (ohne Erwähnung des Spiegels, aber thematisch belangvoll). Der Satz wird zitiert von Thomas von Aquin, Summa Theologiae, IIª-IIae q. 47 art 1, corp.

Ein ähnliches Bild von Lucas von Leyden (1494 – ca. 1534) PRVDENCIA 1530 (mit Spiegel) > http://www.zeno.org/nid/20004133773

 

Ein weiteres Attribut der Prudentia ist die Schlange (Bezug nehmend auf auf Matthäus 10,16: »Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben!«)

Tobias Lohner S.J. (1619–1697) begründet dies in seiner Predigthilfe zusätzlich: Sicut serpens cognoscens, quod in capite suo tota vita consistat, reliquum corpus exponit periculo, ut caput defendat; ita verus prudens caput suum, id est Christum ac ejus fidem et caritatem ut defendat, alis omnia libenter jacturæ periculo exponit. Instructissima Bibliotheca Manualis Concionatoria, […] Augustæ Vindelicorum & Dilingæ 1732; s.v. Prudentia, § VIII, Similitudines. iv.

Andreas Spanner S.J. zitiert im Artikel Prudentia das Verhalten der schlauen Schlange (das man aus den Bestiaren zum Tier Aspis kennt): Sie verschließt, um dem sie mit Singen verlockenden Jäger zu entkommen, das eine Ohr mit dem Schwanz, das andere, indem es dieses auf die Erde presst: Prudentia comparatur astutiaæ serpentis, Deludit enim icantatorem obturando unam aurem cum terra, & aliam cum cauda. Sic viri Sancti, & prudentes deludunt incantatorem, idest tentationem diaboli … Polyanthea Sacra: […], Venedig: Balleoni 1741 [EA 1701] Titulus XXXVI, ¶ 1.

Jost Amman (1539–1591): Kunstbüchlin, Darinnen neben Fürbildung vieler Geistlicher unnd Weltlicher Hohes und Niderstands Personen […] allerhande Kunstreiche Stück vnnd Figuren […] begriffen. Alles auff das zierlichst vnd künstlichst gerissen durch weylandt den fürtrefflichen vnd weitberümten Jost Ammon [sic] von Nürnberg […] [4. Ausg.], Franckfurt am Mayn: Johann Feyrabend 1599> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00071697/image_85

Johann Amos Comenius kennt im »Orbis Pictus« (Erstausgabe 1658) eine Abteilung zur Sittenlehre. Die Prudentia / Klugheit hat folgende Attribute: Doppelgesichtigkeit, Spiegel (Sie sihet zurück/ als in einem Spiegel/ auf das Vergangene), Fernrohr (und sihet vor sich/ als durch ein Perspectiv auff das Künftige oder auf das Ende). (Das mag seinerzeit die Gebildeten an den Satz aus des Terenz, Adelphi, III. iii. 32.erinnert haben: Istuc est sapere, non quod ante pedes modo est videre, sed etiam illa, quæ futura sunt prospicere. – Das heißt wissen: nicht zu sehen, was gerade vor den Füßen ist, sondern auch das, was in Zukunft ist, vorauszusehen.)

Joh. Amos Comenii Orbis Sensualium Pictus: Hoc est: Omnium fundamentalium in mondo rerum, & in vita actionum, Pictura & Nomenclatura, Noribergæ 1698.
> http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/comenius1698/0188

Die Prudenza mit den zwei Gesichtern des Janus finden sich schon in Raffaels Bild in der Stanza della Signatura:

> https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Raffael_054.jpg



Detail aus dem Zürcher Neujahrsblatt: Der Kunst- und Tugend Liebenden Jugend ab der Bürgerlichen Bibliothec am Neüen JahrsTag verehrt Anno 1700.

Aber auch Phlilautia (die Eigenliebe) hält einen Spiegel und eine Schlange in Händen! (Symbole und Allegorien sind ohne Kontext immer mehrdeutig.)

What meanes that poisonous Serpent in thy hand? Philaut: My bane I breed (in der lat. Übers.: Serpens quid sinuosa manu? Philaut: Pectore virus alo) ≈ In der Brust erzeuge / ernähre ich mein Gift / Verderben. Zum Spiegel befragt, sagt Philautia: inde cætera dedignor, dum mea sola placent. ≈ Damit verschmähe ich die anderen [Leute], während mir das Eigene gut gefällt.

Minerva Britanna Or A Garden Of Heroical Deuises, furnished, and adorned with Emblemes and Impresa's of sundry natures, newly devised, moralized, and published by Henry Peacham, London 1612.
> https://archive.org/details/minervabritannao00peac

Philips Galle (1537–1612) hat nach einer Zeichnung von Pieter Brueghel dem Älteren (um 1525/1530 – 1569) eine Serie der Sieben Tugenden in Kupfer gestochen, darunter 1559 die PRVDENTIA, hier als Ausschnitt:

Das ganze Bild hier > https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Brueghel_-_Sieben_Tugenden_-_Prudentia.jpg (Dort auch die anderen Tugenden der Serie durch Anklicken von <<< und >>> einsehbar.) Bessere Reproduktion beim British Museum > http://tinyurl.com/yardqg2d

Die Personifikationsallegorie der Prudentia hält einen Spiegel in der rechten Hand; in der linken einen Sarg; auf dem Kopf balanciert sie ein Sieb. Das Sieb steht symbolisch für den Trennvorgang zwischen Wertvollem und Wertlosem > hier. Was die die auf dem Boden liegenden Leitern bedeuten? Dass man stufenweise emporsteigen muss, ohne eine Sache zu übereilen? (vgl. das spätere Emblem hier)

Text unter dem Bild: Si prudens esse cupis, in futurum prospectum ostende, et quae possunt contingere, animo tuo cuncta propone. ≈ Wenn du klug sein willst, so richte den Blick auf die Zukunft und stell dir (im Geist) alles vor, was geschieht (geschehen könnte). (Wird in älteren Werken Seneca zugeschrieben.) – Spiegel gelten im Aberglauben als die Zukunft verkündend.

Um sie herum sind verschiedene Personen mit häuslichen Arbeiten beschäftigt, die alle die Vorsorge für die Zukunft illustrieren (prudentia von providentia ≈ Sehen in die Zukunft): Einpökeln von geschlachtetem Fleisch; Einbringen von Reisigwellen; Harnschau durch einen Arzt; Füllen einer Truhe mit Geld; u.a.m. Im Gegensatz zu Bruegehls Bild der Superbia (> hier) sind hier keine surrealistischen Wesen dargestellt, sondern ganz konkrete.

Woher rührt der Zusammenhang von Superbia und Spiegel?

Als Beispiel zunächst ein Jacques Callot (1592–1635) zugeschriebenes Kupferblatt (7 x 5,3 cm, dat. ca. 1618/1625)

Es zeigt Superbia als elegant gekleidete Frau mit einem Spiegel in der Hand, begleitet von einem Pfau; über ihr schwebt ein dämonisches Wesen (als Einbläser?)
British Museum > http://tinyurl.com/yafc9u9m

Frühe Darstellungen finden sich in:

••• Guillaume de Digulleville, Pèlerinage de vie humaine (Handschrift von ca. 1400/1410) > Digitalisat der Bibliothèque Nationale > http://tinyurl.com/yamel78p (Geduld beim Download!)

••• Psalterium aus Flandern, 1500/1535 > http://www.kb.dk/permalink/2006/manus/30/eng/24+recto/?var=1

Weitere Darstellungen aus dem 17.Jh., oft stehen sie in Serien der sieben Hauptlaster:

••• Hendrik Goltzius, Hoffaert (ca. 1600) > http://tinyurl.com/y95a9v83

••• Hendrik Goltzius / Jacob Matham, Superbia (1587) > http://tinyurl.com/y7m5ufj9

Die Superbia (der Stolz, die Hoffart < mhd. hôchvart) besteht darin, dass man den Sinn auf sich selbst richtet (verwandt mit philautia, Selbstverliebtheit) statt auf Gott und den Mitmenschen. Das wird mit dem Spiegel symbolisiert.

Dass man sich nicht selber loben soll, steht an verschiedenen Orten der Bibel , z.B.: Rühmen soll dich ein anderer, nicht dein eigener Mund, ein Fremder, nicht deine eigenen Lippen. (Proverbia = Sprüche 27,2)) Die moralisch angebrachte Selbstbetrachtung wäre, dass der Mensch sich seiner Schöpfung aus dem Lehm (Genesis 2,7) und seiner Vergänglichkeit vergewissert. Die Warnung lautet: Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt … werden. (Lukas 14,11)

In der heidnischen Antike kann superbia durchaus auch das stolze Selbstgefühl bedeuten. Horaz prophezeit seinem Werk stolz ewigen Ruhm und sagt zur Muse des Gesangs Melpomene: sume superbiam: sei stolz! (Horaz, Carm. III, xxx, 14)

Einige Quellentexte:

• Die Superbia ist die Wurzel aller anderen Sünden: initium omnis peccati superbia (Ecclesiasticus = Jesus Sirach 10,15)

Superbus dictus quia super vult videri quam est; qui enim vult supergredi quod es, superbus est. (Isidor, Etymologiae X, 248)

• Die Superbia entfernt Gott vom Menschen: Superbia aufert homini Deum. (Hugo von Sankt Viktor, De quinque septenis)

• Die Superbia ist ein unkontrolliertes Begehren nach eigener Vortrefflichkeit … Sie verursacht eine willentliche Verachtung Gottes: superbia significat inordinatum appetitum propriae excellentiae. … importat quendam actualem contemptum Dei. (Thomas von Aquin, Summa Theologiae, Iª-IIae, qu. 84, art. 2, corpus > http://www.unifr.ch/bkv/summa/kapitel205-2.htm)

Dante kennt im »Purgatorio« (XII, 1–72) drei Vierergruppen von gestürzten Hochmütigen.

 

»Der Seelen Wurzgart« ist eine entlang der Heilsgeschichte organisierte Exempla-Sammlung aus den 60er Jahren des 15. Jahrhunderts. Darin gibt es auch eine Passage über das Fegefeuer.

Das Fegefeuer ist keine biblische Vorstellung; eine schwache Stütze ist der Satz im 1.Korintherbrief 3,13: »Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen.« Die Idee wurde von den Kirchenvätern und mittelalterlichen Autoren allmählich entwickelt, um zu erklären, was mit den (nicht direkt zur Hölle verdammten) Sündern zwischen ihrem leiblichen Tod und dem Endgericht geschieht. Die Protestanten anerkennen kein Fegefeuer. Das Konzil von Trient definiert 1547 und nochmals 1563 einen Reinigungsort (purgatorium; vgl. Denzinger 1580 und 1820). – Das Feuer wird teils als Strafe, teils als Reinigung aufgefasst.

Seit Gregor dem Großen (590–604) gibt es einen kontinuierlich überlieferten Katalog von sieben Hauptsünden: Septem principalia vitia (»Moralia in Iob«, 31, xlv, 87). Dass die Hauptlaster oft als weibliche Personifikationen visualisiert werden, rührt daher, dass die Laster im Lateinischen feminine Substantive sind: Superbia, Avaritia, Ira, Luxuria, usw.

Die Seelen der Abgeschiedenen erleiden im Fegefeuer ›Genugtuungsleiden‹, die ihre Sünden widerspiegeln (Spiegelstrafen).

Dantes »Inferno« ist durchwaltet von dieser Idee. Beispiel: Die Wahrsager und falschen Propheten tragen hier die Gesichter zum Rücken hin gewandt und müssen rückwärts gehen (Inf. XX) — Der Trobador Bertran de Born, der im englischen Königshaus Vater und Sohn entzweit hatte, trägt sein abgetrenntes Haupt in der Hand. Er sagt zu Dante: »Così s’osserva in me lo contrapasso.« (Inf. XXIX, 142). (Hier fällt das von Dante geprägte Wort, abgeleitet von lat. contra und patior ≈ das Gegenteil erleiden.)

Thomas von Aquin, Summe der Theologie, IIª-IIae, q. 61, Art. 4: ›Wiedervergoltenes‹ besagt Gleichheit im Leiden mit Rücksicht auf die vorausgegangene Tätigkeit (contrapassum importat aequalem recompensationem passionis ad actionem praecedentem)

Es gibt zwei Arten der ›Abgeltung mit Gleichem‹: durch gesteigerte Analogie mit dem zugefügten Schaden bzw. der begangenen Sünde (die Fresser und Schwelger müssen weiter und noch mehr in sich hinein fressen) oder durch Kontrast damit (die Wahrsager vgl. oben).

Hie volget nach ein lieplich vnd nützliche materi. vnd wirt genant der selen wurczgart, Ulm: Conrad Dinckmut 1483.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00031609/image_306

Den personifizierten Seelen fügen Teufel die der begangenen Sünde entsprechende Pein zu:
• der Geiz (avaritia) wird mit einem Sack voll Gold gefüttert;
• der Neid, die Missgunst (indvidia) wird von einem Hund gebissen (evtl. bezogen auf die äsopische Fabel von Hund mit dem Fleisch im Maul, der im Spiegel eines Flusses einen andern zu sehen glaubt, dem er das Fleisch wegnehmen will und darüber seines verliert > unten);
• die Trägheit (acedia) wird auf einen Rost gezerrt (der seinerzeit faul auf dem Bett Liegende erhält so seine Strafe);
• der Zorn (ira) wird von einem Teufel mit einer Machete erschlagen;
• die Unkeuschheit (luxuria) betastet ihren Partner, dessen Penis zu einer Schlange ausgewachsen ist und …;
• die Völlerei (gula) wird mit Speis und Trank vollgestopft;
• der Superbia (Hochmut) hält ein Teufel einen Spiegel vor und schrubbt ihr einst glamuröses Haar mit einer struppigen Bürste. (Der Spiegel ist hier das Erkenntniszeichen des Hochmuts, kein Straf-Instument.)

Ein koloriertes Blatt daraus ist abgedruckt im (immer wieder großartigen) Buch von Peter Jezler (Hg.), Himmel – Hölle – Fegefeuer. Das Jenseits im Mittelalter [Katalog zur Ausstellung des Schweizerischen Landesmuseums], Zürich: Verlag NZZ 1994; Kat. 149 (S. 363) mit Kommentar von U.S. = Ueli Suter.

In seinem Buch »De remediis utriusque Fortunae« (Von den Heilmitteln der beiden Arten von Glück) lässt Petrarca (1304–1374) im ersten Teil die Personifikationen Fortuna, Gaudium und Spes (Freude, Hoffnung) auftreten, die allerlei Arten des Glücks preisen, wonach Ratio (die Vernunft) jeweils mahnt, diese Glücksgüter seien letzten Endes eitel; im zweiten Teil grämen sich Dolor und Metus (Schmerz und Furcht) über allerhand Arten von Drangsalen und werden von Ratio getröstet. Was den Menschen erfreut, erweist sich als nichtig, und wovor er sich fürchtet, erweist sich bei genauerem Zusehen als Segnung.

Die erste deutsche Übersetzung enthält großartige Holzschnitte eines unbekannten Meisters (ein Zeitgenosse Dürers), die gemäß Vorwort nach visierlicher angebung des Hochgelerten Doctors Sebastiani Brandt seligen angefertigt worden sind.

Freud: Ich hab ein fürtreffenlich gestalt des leibs. Vernunnfft: Dise ist mit nichten bestendiger dann die zeit.

Ratio mahnt, bald werde das blonde Haar dem weißen weichen, Runzeln werden die zarten Wangen durchfurchen, die fröhlichen Fackeln der Augen werden von Wolken getrübt, die elfenbeinernen Zähne werden von Unflat überzogen, usw.; der Redeschwall gipfelt im Satz: Veniet dies quo te in speculo non agnoscas (in der Übersetzung von 1532: Künfftig ist der tag/ an dem du dich in einem spiegel nit erkennnen kanst.) Das hat wohl Sebstian Brant angeregt, dem Illustrator das Bild der Dame mit dem Spiegel nahezulegen.

Holzschnitt des Petrarkameisters, aus: Franciscus Petrarcha, Von der Artzney bayder Glück / des guten vnd widerwertigen […]. Augspurg: H. Steyner 1532; Buch I, Kapitel 2.

Der Verleger Steiner verwendet den Druckstock nochmals zur Illustration des Kapitels über die Erfindung des Spiegels in Polydorus Vergilius Urbinas, Von den erfyndern der dingen. WIe und durch wölche alle ding / nämlichen alle Künsten / handtwercker / auch all andere händel / Geystliche und Weltliche sachen […] von anfang der Wellt her / biß auff dise unsere zeit geübt und gepraucht […] Augspurg: Heynrich Steyner MDXXXVII. (2.Buch, 20.Kapitel, Fol. LX verso) > http://diglib.hab.de/drucke/q-49-2f-helmst/start.htm?image=00158)

Exkurs zum Pfau:

In der heidnischen Antike ist der Pfau der Vogel der Juno; ihr Wagen wird von zwei Pfauen gezogen (Ovid, Metamorphosen II, 531).

Aber bereits in der Antike werden auch andere Stimmen laut: Plinius (d.Ä., 23 – 79) schreibt über den Pfau (»Naturalis historia« X, xxii, 443f), dass er, wenn er gelobt wird, seine wie Edelsteine glänzenden Farben ausbreitet, und dass gewisse Schftsteller ihn als nicht nur hoffärtig, sondern auch als boshaft schildern: ab auctoribus non gloriosum tantum animal hoc traditur, sed et malivolum.

Im Mittelalter wird er sowohl positiv wie negativ beurteilt. Dieser Göttin [Juno] ist der Pfau geheiliget worden. Daher Pausanias vom Tempel Junonis in Gratiæ meldet/ daß darinnen ein güldener Pfau gewesen/ mit Edelsteinen gezieret […] Die Ursach aber ist/ weilen der Reichtum die Menschen also verblendet/ wie den Pfauen seine glänzende Federn. Buccatius [Boccaccio!] meldet im 9. Buch von der Götter Genealog. daß unter den Pfauen und Reichen große Gleichheit seye/ dann beyerseits erzeigen sie einen grossen Hoffart.

Vincentii Chartarii Rhegiensis Neu-eröffneter Götzen-Tempel/ Darinnen Durch erklärte Darstellung deroselben erdichtete Gestalt/ die bey dem Heydnischen Götter-Dienst/ vor alten Zeiten gewöhnliche Verehrung/ Anbettung/ […] vorgestellet […] Franckfurt: Bourgeat 1692. [italien. Erstausgabe von Vincenzo Cartari: 1571] (S.68 und Bild Nr. 25)

Tatsächlich hat der Pfau in der »Genealogia Deorum« von Boccaccio (nach 1360 verfasst) negative Bedeutungen: … inanis gloria, et futilis pompa, aures adulationibus patulę designantur.

In der christlichen Tradtition wird der Pfau zunächst positiv gewürdigt:

Augustinus (354–430) schreibt in »De Civitate Dei« XXI,4, Gott habe dem Fleisch des toten Pfauen die Eigenschaft verliehen, nicht in Verwesung überzugehen, und er macht ein Experiment, das diese Vorstellung bewahrheitet. Wohl deshalb begegnen Pfauen als Skulpturen auf antiken Sarkophagen.

Bei Ps.-Hugo von Sankt Viktor (12.Jh.?) ist der Pfau – abgesehen von seiner horriblen Stimme – durchaus positiv symbolisiert; so bedeutet der vielfarbige Schwanz die mannigfachen Tugenden: Varietas colorum designat diversitatem virtutum. (»de bestiis«, Cap. LV = PL 177,53)

Bei Freidank (»Bescheidenheit«, erstes Drittel des 13.Jhs.) scheint der Pfau eine Allegorie des Schmeichlers zu sein. Er schreitet leise wie ein Dieb, hat die Stimme des Teufels und ein Gewand wie ein Engel: Der pfâwe diebes sliche hât, tiuvels stimme und engels wât. (142,13)

Missverständich ist die Fabel in Hugos von Trimberg (nach 1300) »Renner«: Ein Rabe (mhd. ruoch) findet Pfauenfedern und steckt sie sich in den Schwanz; dann bewegt er sich unter Pfauen: er gienc stolzieren hin und her rechte als er ein phâwe wêr [wäre]. In der Auslegung bedeutet der Rabe einen Mann, der mit geringen Dingen gegenüber edlen Leuten prunkt; die pfâwen bediutent edel liute und rîche burger, die noch hiute grôziu dinc volbringen mügen.
Hugo von Trimberg, Der Renner, hg. Gustav Ehrismann, (Bibliothek des Litterarischen Vereins in Stuttgart, Bde. 247/248/252/256), 1908–1911; Verse 1733ff. und 1744ffff.
Text digital > http://users.ox.ac.uk/~fmml2152/renner/Teil12.html

Im Spätmittelalter wird der Pfau zum Attribut der Eitelkeit und des Hochmuts (superbia als eines der 7 Hauptlaster).

Hans Sachs schreibt eine Fabel »Die füchsisch gsellschaft« (20. November 1557) Einen alten Fuchs reuen seine Sünden und er möchte eine Wallfahrt unternehmen. Verschiedene Tiere begehren, seine Gefährten zu sein. Er weist sie alle zurück wegen ihrer negativen Eigenschaften: die Katze ist schmeichlerisch; der Bär rumort grimmig; usw.

Nach dem kam der gespiegelt pfab [Pfau]
Wolt auch mit ihm die walfart than [tun]
Der fuchs sprach: ich nemb dich nit an,
Weil du durch dein vergulten schwantz
Dich stelst rumreich und prechtig gantz,
Hoffart und hochmut stäts nach-trachst,
All ander neben dir verachst
[…]
Drum weich von mir, du stoltzer pfab!
Hans Sachs, hg. A. von Keller, Fünfter Band, (Bibliothek des Litterarischen Vereins in Stuttgart, Band CVI), Tübingen 1870, S.66ff.

Öfters wird dieses Verhalten erwähnt: Der Pfau schlägt stolz das Rad, aber wenn er seine hässlichen Füße sieht, vergeht sein Stolz. (So im »Physiologus«, übertragen und erläutert von Otto Seel, Zürich: Artemis 1960; ¶ 53.) Wenn der pfâw seinen zagel [Schwanz] gestreckt hât gegen der sunnen und sein ungestalt füez ansiht, sô senket er den zagel wider auf die erden. Konrad von Megenberg († 1374,) Buch der Natur III, B, 57 (Ausgabe F.Pfeiffer S.212–215).

Im Emblembuch von Petrus Isselburg / Georg Rem, Emblemata Politica. In aula magna Curiæ Noribergensis depicta, Nürnberg 1617; Ausgabe 1640 :

Nosce teipsum.
Der stoltz Pfaw an der Sonnen Glantz/
Ubermütig auffwirfft sein Schwantz:
So bald’r sein Füß anschawen thut/
Läst er solchn fallen für Unmut.
Wann der Mensch sein Schwachhit erkent/
Nimbt ihm Stoltz vnd Pracht ein End.

Bild > http://diglib.hab.de/drucke/uk-40/start.htm?image=00028

Ein Kupfer von Pieter van der Heyden nach Pieter Brueghel d.Ä. (um 1525/1530 – 1569) aus dem Jahre 1558 zeigt ebenfalls eine sich bespiegelnde Dame mit einem Pfau:



Das ganze Bild hier > https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Brueghel_-_Sieben_Laster_-_Superbia.jpg (Dort auch die anderen Laster der Serie durch Anklicken von <<< und >>> einsehbar.)

Superbia in einen Spiegel blickend und von einem Pfau begleitet steht zentral im Vordergrund; im Umfeld seltsame dämonische Wesen. Am ehesten hat der Laden des Friseurs einen Bezug zum Thema; sonst sind wir Betrachter etwas ratlos und lassen den Blick in dem Wimmelbild herumschweifen. Es sind keine allegorischen Bezüge oder eine Gemeinsamkeit bei diesen phantastischen Wesen und Gebilden auszumachen, die an Bilder von Hieronymus Bosch (um 1450–1516) erinnern, vgl. insbesondere seinen ›Garten der Lüste‹.

Text unter dem Bild (mit Wortspiel): Nemi superbus amat superos, nec amatur ab illis ≈ Kein Hoffärtiger liebt die ihn übertreffen, und wird von diesen ebenso wenig geliebt.

Vielleicht lässt sich Bild das so deuten: Die Superbia betrachtet allein sich selbst und negiert, was sich in ihrer Umgebung alles regt, so bizarr dies für uns Betrachter auch sein mag.

Georg Pencz (ca. 1541) geht weiter: die in den Spiegel blickende Dame SVPERBIA hat nicht einfach einen Pfau neben sich, sondern hat selbst Pfauenflügel – mit Mutation des Schwanzes zu Schwingen. Wenn sie sagt: OMNES DESPICIO (≈ alles verachte ich), dann ist das wohl ein Wortwitz mit speculum.

Digitalisat: British Museum > http://tinyurl.com/y7mdkqn4

Ne quid dedeceat, facto caveamus in omni
    Apta rei caput est, tempora nosse, suæ.


(Bei allen Taten müssen wir uns hüten, dass nichts Unziemliches dabei sei. Das Wichtigste ist, die passende Zeit für seine Sache zu kennen. Übers. Warncke)
Die Frau prüft Ihr Aussehen im Spiegel – im Hintergrund beschaut Narziss sein Antlitz im Wasserspiegel.
Gabriel Rollenhagen / Crispin de Passe, Nucleus Emblematum, Arnheim/Utrecht 1611/1613; unter dem Titel: Sinn-Bilder, hg. Carsten-Peter Warncke (Bibliophile Taschenbücher 378), Dortmund 1983; Centuria secunda (1613), Nr. 91. > https://archive.org/stream/gabrielisrollenh00roll#page/n208/mode/1up

Cesare Ripa charatkerisiert in der »Iconologia« (1603) die Superbia folgendermaßen:

Donna bella et altera, vestita nobilmente di rosso, coronata d'oro, di gemme in gran copia, nella destra mano tiene un pavone et nella sinistra un specchio, nel quale miri et contempli se stessa. – Ein Bild fehlt hier noch.

In der (vor 1761 erschienenen) Ripa-Adaptation zeichnen Gottfried Eichler d. J. (1715–1770) und Jeremias Wachsmuth (1711–1771; der Verfertiger des Kupfers) die Superbia / den Hochmuth dann im Rokoko-Stil vor dem Spiegel und mit dem Pfau; im Hintergrund als übles Beispiel für den Hochmut der Sturz Luzifers (siehe Anm.):

Text unter dem Bild:
Der Hochmuth.
Lucifer mit Hocheit pranget,
und dadurch den Sturtz erlanget.

Des berühmten Italiänischen Ritters, Cæsaris Ripæ, allerleÿ Künsten, und Wissenschafften, dienlicher Sinnbildern, und Gedancken, Welchen jedesmahlen eine hierzu taugliche Historia oder Gleichnis beÿgefüget dermahliger Autor und Verleger, Joh. Georg Hertel [gest. 1775], in Augspurg. Tafel 126.
> https://archive.org/stream/parsidesberuhmte00ripa#page/n282/mode/1up

Anmerkung zu Luzifers Sturz vom Himmel:

Der Engel Luzifer ist der Prototyp dessen, der sich in Vermessenheit gegenüber Gott empört hat und deshalb (zusammen mit einer Schar von anderen Engeln, die sich ihm angeschlossen hatten) vom Himmel in die Hölle gestürzt wurde; der Inbegriff der Superbia.

Jesaja 14,12ff. steht (historisch verstanden) ein Spottlied auf einen gefallenen babylonischen Tyrannen: Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern! (Quomodo cecidisti de cælo, Lucifer?) Du dachtest in deinem Sinn: ›In den Himmel will ich hinaufsteigen, hoch über den Sternen Gottes meinen Thron aufrichten, […] Ich will über die Wolkenhöhen hinauffahren, will mich dem Höchsten gleich machen!‹ Nun aber bist du ins Totenreich hinabgestürzt, […] Die Stelle wurde kombiniert mit Lukasevangelium 10,18 Ich sah den Satan wie einen Blitz aus dem Himmel fallen. und Apokalypse 8,20 Da fiel ein großer Stern vom Himmel. Vgl. dazu Karl-August Wirth, Artikel »Engelsturz«, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. V (1960), Sp. 621–674; > http://www.rdklabor.de/w/?oldid=93201

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Max Klinger (1857–1920), Eva, 1880. > http://www.zeno.org/nid/20004111273

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Charles de Bouelles / Carolus Bovillus (1479–1553) fügt seinem Traktat »de sapiente« (1509) diesen Holzschnitt bei (nach Fol. 116):

Es sitzen sich zwei Frauengestalten gegenüber:
Fortuna, die das berühmte Rad (vgl. hier) in der Hand hält und eine Augenbinde trägt, und
Sapientia
mit einem Spiegel (angeschrieben Speculum Sapientię).
Über den Personifikationen in Medaillons:
der Törichte (Insipiens), der in der Banderole sagt: Te facimus Fortuna Deam celoque locamus (≈ Dich, Fortuna, haben wir zu einer Göttin gemacht und an den Himmel versetzt), und
der Weise (Sapiens), der spricht: Fidite virtuti; Fortuna fugatior undis (≈ Vertraut auf die Tugend; Fortuna ist flüchtiger als die Wellen!)

Der Text handelt in Kapitel 9 vom Vergleich zwischen dem Weisen und der Natur des Spiegels. (Der Text erklärt das Bild nicht und ist sehr komplex; die Kernaussage etwa diese:) Der Weise gleicht dem Auge hinsichtlich der tätigen Vernunft (intellectus agens) und des leidenschaftslosen Intellekts; er gleicht dem Spiegel hinsichtlich der rezeptiven, der Empfindung fähigen Anlage. Die beiden nähern sich einander bis zur Ununterscheidbarkeit. Das Auge, das sein Ebenbild auf den Spiegel wirft, erfreut sich daran, den Reflex davon zu sehen. Dieses Hinrichten des Blicks (contemplatio) bedeutet indessen keine Identität von Auge und Spiegelbild, insofern ja der Spiegel das Original seitenverkehrt zeigt. – Vielleicht ist gemeint: Der Weise lässt sich nicht düpieren, sondern weiss um die Diskrepanz zwischen Erkennendem und Erkanntem.

Que hoc volumine continentur: Liber de intellectu. Liber de sensu. Liber de nichilo. Ars oppositorum. Liber de generatione. Liber de sapiente. Liber de duodecim numeris. Epistole complures. Parisiis: Henricus Stephanus 1510.
BSB > http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb11200452-1 Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf > http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/id/1257157

Moderne Edition des Traktats »de sapiente«, hg. Raymond Klibansky, in: Ernst Cassirer, Individuum und Kosmos in der Philosophie der Renaissance, Leipzig 1927, S. 301–412 (mit Registern erschlossen).

Französische Übersetzung: Charles de Bovelles, Le livre du sage, Texte et traduction par Pierre Magnard, Paris: Vrin 1982. — Introduction, nouvelle traduction et notes par P.Magnard, Vrin 2010.

 

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Seneca (4 v.u.Z. – 65) kommt im Zusammenhang mit Überlegungen zur Entstehung des Regenbogens auf die Spiegel zu sprechen.

L. Annaeus Seneca, Quaestiones naturales / Naturwissenschaftliche Untersuchungen, Hg. und übers. von Martinus F. A. Brok, Darmstadt: wbg 1995 (zweisprachige Ausgabe).
Der lat. Text online hier > http://www.thelatinlibrary.com/sen/sen.qn1.shtml

Liber primus, ¶ 5, 14: Es gibt Spiegel, worin man kaum zu schauen wagt, so missgestaltet ist ihr Bild. Sie verzerren die Gesichter der Betrachter dermaßen, dass die Ähnlichkeit nur als Karikatur bewahrt bleibt. Bei anderen kannst du beim ersten Blick stolz auf deine Körperkraft werden, so muskuläs werden deine Arme, und dein ganzer Körper erhält einen übermenschlichen Umfang. Einige zeigen nur die rechte Seite deines Antlitzes, andere die linke Seite. (Übersetzung von M.F.A.Brock).
Sunt, quae uidere extimescas, tantam deformitatem corrupta facie uisentium reddunt, seruata similitudine in peius; sunt, quae cum uideris, placere tibi uires tuae possint, in tantum lacerti crescunt et totius corporis super humanam magnitudinem habitus augetur; sunt, quae dextras facies ostendant, sunt, quae sinistras, sunt, quae detorqueant et uertant.

Der ¶ 16 erhält einen Exkurs darüber, wie ein gewisser Hostius Quadra Spiegel missbrauchte. (Dieser Abschnitt fehlt in der deutschen Übersetzung von F. E. Ruhkopf, Leipzig 1794, da er »in höchstem Grade indecent« ist.) Der perverse H.Q. brachte in seinen Räumen mehrere Vergrößerungsspiegel an, die sein und seiner Knaben Glied bei seinen sexuellen Ausschweifungen vergrößert aussehen ließen. – Es sei verweisen auf die englische Übersetzung > Physical science in the time of Nero, being a translation of the Quaestiones naturales of Seneca, by John Clarke, London: Macmillan 1910 >
https://archive.org/stream/physicalsciencei00seneuoft#page/41/mode/1up

¶ 17 betitelt M.F.A.Brok »Vom einfachen Gebrauchsgegenstand wurde der Spiegel zum Luxusartikel«. Seneca entwirft hier eine pessimistische Kulturgeschichte wie in seinem 90. Brief: Der technische Fortschritt ist der Luxus-Begierde, d.h. einem moralischen Abstieg geschuldet.

Als Philosoph muss man sich fragen, was die Natur – die nach stoischer Lehre nichts Überflüssiges erzeugt – beabsichtigte, als sie nach der Erschaffung der Körper auch noch deren Ebenbilder zur Schau stellen wollte (quid sibi rerum natura uoluerit, quae, cum uera corpora edidisset, etiam simulacra eorum aspici uoluit).

Die Spiegel wurden erfunden, damit der Mensch sich selbst kennenlernt (Inuenta sunt specula, ut homo ipse se nosset). Während die Menschen früherer Zeiten noch kaum auf das Äußere Wert gelegt haben, hat später die dem Menschen eingeborene Eigenliebe die Betrachtung der eigenen Gestalt zu einer angenehmen Empfindung gemacht. Dann hat immer mehr der Luxus sich der Menschen bemächtigt und es wurden teure Spiegel verfertigt.

 

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Narziss: Ovid, »Metamorphosen«, 3.Buch, Verse 402–510 (lat. Text und dt. Übersetzung von Reinhart Suchier, 1862)  > http://www.gottwein.de/Lat/ov/met03.php#Narcissus

spem sine corpore amat, corpus putat esse, quod umbra est.

British Library, Royal 20 A XVII, fol. 14v (circa 1340/1350)

> http://www.bl.uk/manuscripts/Viewer.aspx?ref=royal_ms_20_a_xvii_f014v

Narziss

Amore sui inardescens Narcissus in florem transmutatur.

Metamorphoseon sive transformationum Ovidianarum libri quindecim, aeneis formis ab Antonio Tempesta florentini incisi et in pictorum antiquistatisque studiosorum gratiam nunc primum exquisitissimis sumptibus a Petro de Iode Antverpiano in lucem editi Aº 1606. (Privatbesitz)

Die unten abgebildete Ofen-Kachel hängt, als Einzelstück gerahmt, im Museum des Schlosses Mörsburg nördlich von Winterthur. Sie stammt aus einer Winterthurer Hafnerwerkstatt. Die Ofenmaler bezogen ihre Motive aus Musterbüchern, Emblembüchern und sonstwoher, nahmen sich aber die Freiheit, die Vorbilder zu ihren Zwecken abzuwandeln. Der Künstler hier hat sich bedient bei Antonio Tempesta:

Das lateinische Motto und der erste Vers der Bildunterschrift sind beide sprichwörtlich:

Cuique suus crepitus bene olet (Jedem riecht sein Furz gut). Die Sentenz findet sich immerhin in des Erasmus »Adagia« 2302. III, IV, 2.

Eim jeden Narrn* sein kappen gfallt,
Wie dem Narcisso sein gestalt.

*) Das zweite r im Wort Narrn ist wie in der Frakturschrift üblich ein rundes r.  ---- Die Narrenkappe (mit Schellen an den Zipfeln) ist seit Sebastian Brants »Narrenschiff« (1494) allgemein bekannt.

(Dank an Thomas G. in W. für den Hinweis und die Fotografie!)

Vgl. das Emblem mit dem Motto Stultus amor nostri > http://diglib.hab.de/drucke/uk-40/start.htm?image=00028

Vgl. das Emblem zum Lemma Philautia (Selbstliebe) bei Alciato > http://www.emblems.arts.gla.ac.uk/alciato/emblem.php?id=A91a069

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… und wie der Wind oder Schall, von glatten und festen Körpern abspringend, dahin zurückgetrieben wird, von wo er ausging, so kommt die Strömung der Schönheit, durch das Auge, wo sie den natürlichen Gang zur Seele hat, sich fortleitend, wieder in den Schönen zurück […] und erfüllt nun auch wieder die Seele des Geliebten mit Liebe. Er liebt zwar nun, aber wen, ist ihm unklar […]. Dass er aber in dem Liebenden wie in einem Spiegel sich selbst erblickt, ist ihm verborgen. Und zwar wenn dieser anwesend ist, wird er geradeso wie dieser von Schmerz frei; wenn er aber abwesend ist, so sehnt er sich wieder geradeso, wie er ersehnt wird, der Liebe Abbild, die Gegenliebe, in sich tragend; …

Platon, »Phaidros« (255d) > http://www.zeno.org/nid/20009262660

Mir ist geschehen als einem kindelîne,
daz sîn schœnez bilde in einem glase gesach
unde greif dar nâch sîn selbes schîne
sô vil, biz daz ez den spiegel gar zerbrach.
Dô wart al sîn wunne ein leitlich ungemach.
Alsô dâhte ich iemer vrô ze sîne,
dô ich gesach die lieben vrouwen mîne,
von der mir bî liebe leides vil geschach.

(Mir ist es ergangen wie einem kleinen Kind, das sein schönes Bild in einem Glas erblickte und so lange nach seinem Widerschein griff, bis es den Spiegel gänzlich zerbrach. Da verwandelte sich all seine Wonne in schmerzliches Leid. – So glaubte ich ebenfalls, stets froh zu sein, als ich meine liebe Dame (Minne-Herrin) sah, von der ich viel Freude, aber auch viel Leid erfuhr.)

Heinrich von Morungen (Minnesangs Frühling 145,1 [in der Manessischen Handschrift steht nur diese eine Strophe]) > http://texte.mediaevum.de/texte/morungen.htm#l32 – Bild: Ausschnitt aus der Manessischen Handschrift.

Literaturhinweis: Manfred Kern / Cyril Edwards / Christoph Huber (Hgg.), Das ›Narzisslied‹ Heinrichs von Morungen. Zur mittelalterlichen Liebeslyrik und ihrer philologischen Erschließung. (Interdisziplinäre Beiträge zu Mittelalter und Früher Neuzeit 4) Heidelberg: Winter 2015.

Uolrich von Liechtenstein (2. Viertel des 13. Jhs.) schreibt in seinem »Frauendienst« ein Tagelied. Mann und Frau begrüßen sich herzlich und sind dann ein lîp. Dann heißt es von ihrem minnespil:

in dem spil ir beider herze jâhen,
dô si in den ougen rehte ersâhen
ir lieplîch minnevarwen schîn,
daz er wær ir und sî wær sîn.

Bei diesem Spiel bekannten ihre beiden Herzen – als sie sahen, wie sich die vor Liebe blühende Schönheit des einen in den Augen des andern spiegelt –, dass er ihr gehörte und sie ihm.

Carl von Kraus, Liederdichter des 13. Jahrhunderts, 2.Aufl 1978, Nr. 58; Lied XXXVI. – Kommentar und Übersetzung in: Gert Hübner, Minnesang im 13. Jahrhundert. Eine Einführung, narr studienbücher 2015, S. 37ff.

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Der Narr (erkennbar an der Schellenkappe) guckt selbstverliebt in den Spiegel und will nicht sehen, dass er einer ist.

Sebastian Brant, »Narrenschiff« Kapitel LX [moderne Zählung]: von im selbs wolgefallen
> https://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/15Jh/Brant/bra_n060.html

Der rüert jm wol den narren bry [unklar, was mit dem Narrenbrei gemeint ist]
Wer waenet das er witzig sy
Vnd gfelt alleyn im selber wol
Inn spyegel sicht er yemerto
l [1574: manches mol]
Vnd kan doch nit gemercken das
Das er eyn narren sicht jm glaß

Hierzu der Holzschnitt von Tobias Stimmer (1539–1584) in: Welt Spiegel/ oder Narren Schiff darinn aller Ständt schandt vnd laster/ vppiges leben/ grobe Narrechte sitten/ vnd der Weltlauff/ gleich als in einem Spiegel gesehen vnd gestrafft werden: alles auff Sebastian Brands Reimen gerichtet; […] Weilandt Durch den hochgelerten Johan. Geyler in Lateinischer sprach beschrieben. Jetzt aber mit sonderm fleiß auß dem Latein inn das recht hoch Teutsch gebracht/ vnnd erstmals im Truck außgangen/ Durch/ Nicolaum Höniger von Tauber Königshoffen, Basel: Heinricpetri 1574.

Sebastian Brant kennt für sein »Narrenschiff« (1493) auch eine Spiegel-Metapher: Wäre da einer, der nicht lesen kann, der sieht im Bilde sein Wesen und findet darin, wer er ist und was ihm fehlt. Den ›Narrenspiegel‹ nenne ich dies, in dem jeder Narr sich erkennt; jeder, der in den Narrenspiegel sieht, wird unterrichtet, wer er ist.

Den narren spiegel ich diß nenn
In dem ein yeder narr sich kenn
Wer yeder sy wurt er bericht
Wer recht in narren spiegel sicht
Wer sich recht spiegelt/ der lert wol
Das er nit wis sich achten sol
Nit vff sich haltte / das nit ist/
Dan nyeman ist dem nütz gebrist
Oder der worlich sprechen tar
Das er sy wis/ vnd nit ein narr
Dann wer sich für ein narren acht
Der ist bald zů eym wisen gmach
t […] (Vorrede, Verse 31ff.: )

Der Titel der späten Ausgabe von 1574 wird dann wie eben zitiert angepasst: Welt Spiegel/ oder Narren Schiff darinn aller Ständt schandt vnd laster/ vppiges leben/ grobe Narrechte sitten/ vnd der Weltlauff/ gleich als in einem Spiegel gesehen vnd gestrafft werden. (Mehr zu den Buchtiteln hier)

Henricus Engelgrave S.J. (1610–1670) kombiniert Bibelstellen mit heidnisch-antiken:

Si vertitatem dico vobis, quare non creditis mihi? (Johannes-Evangelium 8,45 [so richtig] Wenn ich die Wahrheit sage, warum glaubt ihr mir nicht?). Die Stelle aus der Rede Jesu zu seiner jüdischen Zuhörerschaft bildet die Evangeliums-Lesung am Palmsonntag (Dominica Passionis); Thema ist die Wahrheit, die es im Glauben an Jesus zu erkennen gilt. Gegensatz ist der Teufel, der Vater der Lüge.

• Ovid, Metamorphosen VII, 704: Liceat mihi vera referre [pace deae]Die Wahrheit gönne die Göttin mir zu gestehn (Übersetzung von J.H.Voß) / Ich möchete die Wahrheit sagen, die Göttin nicht kränken (H.Breitenbach 1958) beteuert Cephalus, der insistiert, dass er von Eos/Aurora entführt wurde.

Auf das Emblem folgt eine dreizehn-seitige lateinisch verfasste Predigt, die um das Motiv kreist, dass der Spiegel die Wahrheit wiedergibt.

Lvx Evangelica sub velum Sacrorvm Emblematvm Recondita in Anni Dominicas Selecta Historia & Morali Doctrina Variè Advmbrata / Per Hen. Engelgrave. Societatis Iesv, Coloniae: prostant apud Iacobum a Meurs Amstelodami, 1655. Emblem XIX.

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Wie der Spiegel alles allen wiedergibt, so soll die Liebe, ohne Täuschung alles aufnehmen. Das Motto Omnibus omnia geht zurück auf Paulus, der im 1.Korintherbrief 9,19–23 sagt, er habe sich in seiner Predigt immer allen angepasst, um alle zu retten: »Für alle bin ich alles geworden.«

Johannes Bolland, Jean de Tollenaer [et alii], Imago primi saeculi Societatis Iesu, a prouincia Flandro-Belgica eiusdem Societatis repraesentata, Antwerpen: Plantin 1640. > https://archive.org/details/imagoprimisaecul00boll

(Der ornamentale Rahmen hat nichts mit dem Inhalt zu tun.)

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Man siehet aber gleichwolen/ daß unter gleichen spiegeln eine Action eines gegen dem andern gegeben werde/ gleichwie es in unserem Emblemate oder Sinnbild scheinet/ in welchem drey Spiegel in einem Triangel vorgestellt werden/ solcher Gestalt gegeneinander gesetzet/ daß deren ein jeder in denen zweyen andern gesehen wird/ und dasjenige/ was von einem vorgestellet ist/ ebenfalls auch von denen andern repræsentiret wird/ dahero wir zu einem Sinnspruch hinzugesetzet haben: Id ipsum in vicem: Eines gegen dem andern.

Es folgen lange Ausführungen über die Trinität (und anderes); am Schluss, ohne dass die Bildlogik aufgenommen würde:

Die erschaffene Sachen […] können uns nicht/ […] die Heil. Dreyfaltigkeit vorstellen/ wiewohlen sie uns Gleichnüssen geben/ deren wir uns zu gebrauchen pflegen/ selbe zu verstehen: Wir wollen dahero dieses allerheiligste Geheimnus der H. Dreyfaltigkeit steiff auf der Erden glauben/ und selbe inbrünstig lieben/ damit wir deren Allmacht dieselbe im Himmel klar sehen/ und geniessen mögen.

Paolo Aresi (1574–1644): Höchsterbaulich-Catholische Lob-Reden/ Uber die Siegreiche Auferstehung/ Und Triumphirliche Himmelfahrt Jesu Christi. Ferner über die höchstnutzliche Sendung des H. Geistes/ Oder das Heilige Pfingst-Fest/ Und dann endlich über das unerforschliche Geheimnus Der Allerheiligsten Dreyfaltigkeit : Mit wohlersonnenen Emblematen oder Sinn-Bildern/ erbaulichen Lehren/ nachdrücklichen Gleichnissen/ trefflichen Allegorien/ und heilsamen Sprüchen aus H. Schrifft und denen H. Vättern allenthalben ausgezieret/ allen sowol Geist- als Weltlichen/ absonderlich denen Hn. Predigern sehr nutzlich / Von dem weyland Hochwürdigsten Bischof zu Tortona H. Paulo Aresio/ Und nunmehr aus dem Italiänischen/ nach dem wahren Sinn und Meinung des H. Autoris/ in unsere Teutsche Mutter-Sprach übersetzt von Johann Michael Fux von Herrnau, Sultzbach: verlegts Joh. Leonhard Buggel/ Buchh. in Nürnberg. A. 1695. > http://diglib.hab.de/drucke/lk-44/start.htm (Das Buch ist hier auch OCR-technisch erfasst.)

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Boccaccio (1313–1375) berichtet in »De claris mulieribus« von einer Künstlerin, die u.a. ein Selbstportrait mit Hilfe eines Spiegels verfertigt hat.

Fuerunt insuper diu eius artis insignia, sed, inter alia, eius effigies, quam adeo integre, lineaturis coloribusque servatis et oris habitu, in tabula, speculo consulente, portraxit, ut nemini coetaneo quenam foret, ea visa, verteretur in dubium. (Cap. LXVI. De Martia Varronis.)
Tutte le opere di Giovanni Boccaccio; Vol. 10: De mulieribus claris, a cura di V. Zaccaria, Ed. Mondadori, 1964, pp.264 sqq. und Kommentar p.526

Boccaccio hat offensichtlich die Geschichte der antiken Malerin Iaia aus Kyzikos beigezogen, von der Plinius (nat. hist. XXXV, xxxvi, 147) berichtet: pinxit … suam imaginem ad speculum. (Sie hat ihr Bild vor einem Spiegel gemalt.)

In der Übersetzung von Heinrich Stainhöwel (Ulm: Zainer, vor 1474) kommt das Motiv des Spiegelgebrauchs nicht vor: Marcia Varronis war berühmt durch ein bild, … daran sie ir aigen gestalt also bezeichent het mit aller lidmâsz und farben, daz niemand, der sie ie gesehen hette, ir gestalt nit erkennet. (Ausgabe von K. Drescher 1895, Kapitel LXV, S. 218)

Eine Handschrift der Bibliothèque Nationale Paris zeigt die Szene:

> https://commons.wikimedia.org/wiki/File:De_mulieribus_claris_-_Marcia.png

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Im Spiegel erkennt man, dass man alt geworden ist.

Horaz, Carm. IV,10 dices, heu, quotiens te speculo videris alterum (lat. Text):

O du noch immer Grausamer und der Venusgaben Mächtiger, wenn deinem Hochmut unerwartet weißer Flaum zuteil wird und dein Haar, was jetzt auf deinem Schultern schwebt, herabgefallen ist, und wenn dein Teint, der jetzt vorzüglicher als die Blüte einer purpurroten Rose, sich verwandelt, mein Ligurinus, und eine runzelige Gestalt annimmt, ja dann wirst du, ach weh, so oft du dich so anders im Spiegel siehst, sagen: „Warum hatte ich als Knabe nicht dieselbe Denkart wie heute, oder warum kehren die unbescholtenen Wangen nicht zu dieser Seele zurück?“ (mit der Bitte um Reproduktion der guten Übersetzung am 1.8.2018 angefragt: http://www.latein-imperium.de)

Ovid, Met. 15,232 ut in speculo rugas adspexit aniles:

Auch des Tyndareos Tochter [Helena], nachdem sie im Spiegel die Runzeln des Alters erblickt hat, weint.

Im »Memorial der Tugend« zeigt Johannes von Schwarzenberg (1463–1528) eine 40jährige Frau, die sich im ›Spieglein an der Wand‹ anschaut, sich noch recht verführerisch findet und sinniert:

Mich wundert fast vnd thůt mir ant [beunruhigt mich]
Wann
[denn] viertzig jar wirt alt genannt.
Ich waiß noch nichts dz mich beschwert/
Dann so ein junger mein begert.
Weill all mein sach je sein
[sind] vmb sonst/
Ich schmuck mich baß
[besser] vnd mach mir gunst [verschaffe mir Zuneigung]
Gib auß mit freüden weil
[solange] ich hab/
So [wenn] mir gefelt ain junger knab.
Vnd hilfft dasselbig auch nit gar
[vollständig]/
Der mäidle jung halt ich ein par.
[als Lockvögel?]
Den leüten mach ich freüd vnd můt/
Das sy mich halten auch für gůt
Vnd ab mir nemen kain verdrieß/
Biß das ich hie mein end beschließ.

Der Kommentar dazu lautet:

O poßhaffts weib der dich nit kennt/
Verfuͤrstu wie der wolff die ent.
[Ente]
Wann vil nach dir des Teüffels stöll
[? – Idiotikon XI,53 auch: ›Zusammenrottung‹]
Hie springen inn die grůb der höll
Gifft ist verborgen inn deim haubt/
Vnselig wirt der so dir glaubt.
Wie fromme weiber seind ain hort/
So kommet von den bösen mort.
Denck Teüffels end was küfftig ist/
Vnd das das du bald vergencklich bist
Vnd můst vmb deinen falschen trost/
[wegen … Hoffnung]
Dort praten auff der hölle rost.
Ich rath dir böser schanden fleck/
Durch beicht vnd bůß dein sünd leg weck.

Das Büchle Memorial/ das ist ein angedänckung der Tugend/ von herren Johannsen vonn Schwartzenberg jetzt säliger gedächtnuss/ etwa mit Figuren und reümen gemacht / Johann Frhr von Schwarzenberg , Augsburg: Steyner M.D.XXXV, fol. CXVL recto [Erstausgabe 1534]

Das Pendant des sich im Spiegel anschauenden alten Mannes ist schöner gezeichnet in der Handschrift Trogen, Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden, CM Ms. 13 (fol. 88r.)



> http://www.e-codices.unifr.ch/en/cea/0013/88r/0/Sequence-218

Ähnlich auch das Bild von Jeremias Falck (um 1610 – 1677) > http://doi.org/10.16903/ethz-grs-D_001062

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Hendrik Goltzius (1558–1616) zeichnet den Seh-Sinn (Kupfer von Jan Saenredam 1565–1607). Ein Maler mit Zwicker – ein Adler, der in die Sonne blickt – ein Arzt, der eine Urinprobe besieht – ein Geograph, der mit dem Zirkel einen Globus vermisst – vorn eine (scharfsichtige) Katze – Sonnenuhren – das Modell des Malers, das sich im Spiegel besieht, den ihm ein Putto entgegenhält (bei ihm ist ein Köcher sichtbar: also Amor; folglich ist die Frau Venus) – alles Illustrationen des genauen Sehens.

Die Bildunterschrift lautet: Hæc memini nocuisse atque oblectasse videntes. (≈ Ich weiss aus Erfahrung, dass dies den Sehenden Unheil wie Ergötzung beschert hat.)

Was ist mit haec inhaltlich gemeint? Das bloße Sehen oder das Malen?

Das Malen einer Frau im positiven Sinn (zu oblectasse): Alexander hat seine Geliebte Campaspe durch Apelles nackt malen lassen; wie der Maler in Liebe zu ihr entbrannte, hat Alexander ihm die Frau zum Geschenk gegeben (dono dedit ei), so erzählt Plinius,  »Naturalis historia« XXXV, xxxvi, 86 (hier heisst die Frau Pankaspe). Ein älteres Bild dieser Szene > https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/ea/Jan_Wierix_-_Apelles_painting_Campaspe.jpg

Dass der Anblick einer entkleideten Frau Schaden bringen kann (zu nocuisse), kennen wir aus den biblischen Szenen Susanna im Bade (Daniel 13,1–64; von Goltzius gemalt!) und David und Bathseba (2.Samuel = II. Reg, Kapitel 11). — Aus der heidnisch-antiken Mythologie: Der Anblick der schönen Medusa versteinert.

Das Bild von Goltzius im British Museum > http://tinyurl.com/yceq57h6 [Die Jahresangabe 1616 bezieht sich auf die Edition durch Johann Janssonius.]

Literatur dazu: Eric J. Sluijter, Venus, Visus en Pictura, in: Nederlands Kunsthistorisch Jaarboek  / Netherlands Yearbook for History of Art, Vol. 42/43 (1991-92), pp. 337-396 > http://www.jstor.org/stable/24705374 

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Erkennt der Betrachter der Dinge der Außenwelt diese wie ein Spiegel?

L’esprit humain, loin de ressembler à ce crystal fidèle, dont la surface égale reçoit les rayons et les transmet sans altération, est bien plutôt une espèce de miroir magique, qui défigure les objets, et ne présente que des ombres ou des monstres.

Louis (Chevalier) de Jaucourt (1704–1779), im Artikel »Préjugé« in der Encyclopédie, tome XIII, Neufchastel 1765, pp. 284–285.

> http://portail.atilf.fr/cgi-bin/getobject_?a.98:188./var/artfla/encyclopedie/textdata/IMAGE/
> http://xn--encyclopdie-ibb.eu/index.php/logique/707765913-PR%C3%89JUG%C3%89

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Sebastian Brant, Das Narren schyff, Basel: Jo.B.von Olpe 1494.

Kapitel 92 [moderne Zählung] Vberhebung der hochfart

Wer hochfart ist / vnd důt sich loben
Vnd sytzen will alleyn vast oben
Den setzt der tüfel vff syn kloben
[Klemmfalle für den Vogelfang]

Brants Invektive richtet sich gegen die Angeber, die sich rühmen, an vielen ausländischen Universtitäten studiert zu haben; er vergleicht sie mit aufgeputzten Frauen:

Wer lert durch hochfart/ vnd durch gelt
Der spiegelt sich alleyn der welt
Glich als eyn nærrin die sich mutzt
Vnd spieglen důt der welt zů tutz
[in späteren Ausgaben trutz]

Dann kippt der Text um: Nicht mehr der Teufel, sondern die Frau ist auf Fang aus. Es folgen etwa vier Dutzend misogyne Verse, bevor der Text dann in allgemeine Betrachtungen zur Hochfart und zu Luzifers Höllensturz einmündet.

OCR-erfasster Text > https://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/15Jh/Brant/bra_n092.html
Digitalisat > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00036978/image_247

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Bilder mit Männern/Frauen, die im Spiegel statt ihr eigenes Antlitz das Bild eines Narren oder des Todes oder des Teufels sehen, der hinter ihnen steht, kommen oft vor. Wie ist das zu verstehen?

Der Freidanck, [hg. von Sebastian Brant; Straßburg: Grüninger 1508]
> http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN538610387
> https://books.google.ch/books?id=bc9RAAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_s

Literaturhinweis: Barbara Leupold, Der Freidanck, (Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur, Beiheft 8), Stuttgart: Hirzel 2010.

Der französische Adlige Chevalier de La Tour Landry verfasste 1371/72 eine Exempelsammlung zwecks Erziehung seiner Töchter: Livre pour l’enseignement des ses filles. (Auf Wikisource)

Marquard vom Stein erstellte (um 1478/90) eine deutsche Übersetzung, die erstmals 1493 erschien (Untertitel: Der spiegel der Tugend vnd Ersambkeit). Die 45 Holzschnitte werden weitgehend Dürer zugeschrieben.

Von eyner edlen frowen wie die vor eym spiegel stuond / sich mutzend [sich schmückend] / vnnd sy jn dem spiegel den tüfel sach jr den hyndern zeigend

EJn ander exempel will ich üch aber sagen/ vff die meynung von eyner frowen/ die den vierden teil des tags haben muest sich an ze thuonde vnd zuo mutzen/ Dero huß was nun etwas wyt von der kylchen/ deßhalb jr der kylchherr vnd syne vndertanen zuo manchen malen mit dem ampt warten muosten/ deß sy zuo mal grossen vnwillen vnd verdrieß hatten/
Also begab sich eins sonnentags das sy gar lang vß bleib/ vnd vil lüten jn der kylchen warten machet/ Die selben sprachen/ sy mag sich dysen tag nit gnuog strelen [kämmen] noch spieglen/ So redten dann etlich heymlich ein vngesunds strelen vnd spieglen thüege jr got zuo senden/ vmb das sy vnnß so manchmal alhie warten machet/
Also jn der selben stund da sy sich also spieglet/ ward sy den tüfel jn dem spiegel sehen/ so gar grusamer gestalt/ vnnd jr den hyndern zeigende/ das sy so hart dar ab erschrack/ das sy schyer [beinahe] von synnen komen were/ vnd lange zyt mit schwerer kranckheit wart beladen/ doch verlech [verlieh]  jr got wyder gesuntheit vnd [ergänze: sie] strafft sich selbst darumb gröslich/ vnd strafft sollich jr wesen mit dem zieren ab/ Vnd sagt mit demüetigem hertzen got dem hern siner straffen lob vnd danck also/ das sy dar durch jr lebenn selicklichen verendet/
Darumb lassen üch das ein jnbildung [vgl. Inbild als exemplarische Verkörperung; ein anderer Druck hat: ebenpild] syn/ Vch vor söllichen langsamen spieglen [vor ausführlichem Sich-Spiegeln] vnd kleiden zuo hüeten/ dar durch jr die heilgen ampter versumen mögen/ oder ander lüt zuo warten machen oder verhynderent
[…]

Der Ritter vom Turn von den Exempeln der gotsforcht vnd erberkait, Basel: Michael Furter / Bergmann von Olpe 1493. — Faksimile Unterschneidheim 1970. — Digitalisat der BSB > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00029711/image_43
Marquard vom Stein, »Der Ritter vom Thurm«, krit. hg. von Ruth Harvey, (Texte des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit 32), Berlin: E.Schmidt 1988.
Hans Joachim Kreuzter, Artikel »Marquart vom Stein« in: Verfasserlexikon, Band 6 (1987), Sp.129–135.

Es muss keineswegs gemeint sein, dass die/der sich im Spiegel Betrachtende darin die hinter ihr/ihm stehende Figur sieht:

Hier wird der Stolz / die Hoffart / Superbia (engl. Pride) visualisiert. Die Bildunterschrift besagt: the deuill behinde her [signifieth] temptation. (Der Teufel als Versucher braucht – oder soll sogar – nicht gesehen zu werden.)

A christall glasse of christian reformation wherein the godly maye beholde the coloured abuses vsed in this our present tyme. Collected by Stephen Bateman Minister, London: By Iohn day dwelling ouer Aldersgate 1569. (digital bei EEBO)

Der Tod zeigt sich hinter der sich im Spiegel betrachtenden Person im Spiegel. Eine Kippfigur entsteht .... :

Todt zur Edelfrawen:

Vom Adel Fraw laßt euwer pflantzen/
   Ihr müsset jetzt hier mit mir tantzen/
Ich schon nicht euwers geelen
[gelben, blonden] Haar:
   Was seht ihr in dem Spiegel klar?

Die Edelfraw:

O Angst vnd Noth wie ist mir b’schehen/
   Den Todt hab ich im Spiegel g’sehen:
Mich hat erschreckt sein grewlich G’stalt/
   Daß mir das Hertz im Leib ist kalt.

Matthäus Merian hat die Bilder des (möglicherweise im Zusammenhang der Pestepidemie 1439 an der Friedhofsmauer angebrachten) Basler Totentanzes kopiert und 1621 erstmals publiziert. Hier aus der Ausgabe Frankfurt 1649.
(Vgl. das Digitalisat > http://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/64763/1/ )

Daniel Hopfer († 1536)

Hans Baldung, gen. Grien († 1545) > Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie

Literaturhinweis: Christian Kiening, Das andere Selbst. Figuren des Todes an der Schwelle zur Neuzeit. München: Fink 2003, bes. das 4.Kapitel.

Heimito von Doderer, »Ein Mord den jeder begeht« (1938)

[…] in jenen Jahren verfiel Conrad, da er nicht mehr wie bisher unaufhörlich beschäftigt war, beim Herumschlendern und Herumstehen in der leeren Wohnung auf ein seltsames Spiel im Empfangszimmer: dort hing ein grosser Spiegel, dessen Glas einen leicht grünlichen Schein zeigte und vielleicht schon die allerersten Spuren des Erblindens. Blickte man zur Zeit der ersten Abenddämmerung mit etwas zusammengekniffenen Lidern in diesen Spiegel und entfernte sich dabei allmählich rückwärts – so gedieh das Spiel an einem bestimmten Punkte zum leichten Erschrecken: denn mit leeren, dunklen Augenhöhlen sah einen da plötzlich das Gegenbild an. Durch die Art der Beleuchtung und den gekniffenen Blick blieben von einem bestimmten Punkte an tatsächlich nur mehr jene Höhlungen im Antlitze sichtbar. […]

Jenes Spiel vor dem Spiegel aber gestaltete sich noch viel seltsamer, wenn man in umgekehrter Richtung sich bewegte, also rückwärts auf den Spiegel zuging: da war erst nur der eigene dämmernde Umriss, dann die hellere Fläche des Antlitzes, jetzt schon deutlicher, auszunehmen. Jedoch im gleichen Augenblicke, wo man sich selbst sozusagen erst erkannte, sahen einen auch schon die leeren Augenhöhlen aus dem Gesichte dort in dem andern Raum an. Ein leichtes und tiefinneres Erschrecken war dabei jedesmal kaum zu unterdrücken. (zitiert nach der Ausgabe München 1969, S.51f.)

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Laß mein Hertz vnbefleckt sei in deinen Rechten/ das ich nit zuschanden werde. Psalm 118

Ps 118, 80 nach der Vulgata: Fiat cor meum immaculatum in justificationibus tuis, ut non confundar. — Ps. 119,80 nach neuen Übersetzungen: Untadelig werde mein Herz durch deine Gesetze, so werde ich nicht zuschanden. – Mein Herz richte sich ganz nach deinen Satzungen, damit ich nicht zuschanden werde.

Das Bild zeigt die ›Anima‹ (als Stellvertreterin der Leserin / des Lesers), der ein Engel einen Spiegel vorhält, in dem sich ihr Herz spiegelt. Auf dem Tisch daneben steht ein realer Spiegel nebst Salbentöpfen mit Schminke.Es wird eine lange Reihe von Frauen beigebracht, die sich mit allerlei  kosmetischen Techniken zu verschönern trachteten, und dies der gottes-ebendbildichen Seele entgegengestellt, die der Engel im Spiegel zeigt. (Dieser Spiegel gleicht den Gesetztestafeln von Moses in der gängigen Ikonographie.)

Gantz recht vnd billich wirdt aller fleiß vnnd sorg der Heiligen angewendt/ in dem sie alle vberflüssige zierde deß eusserlichen Menschens (welche zwar zergängklich ist)  verachten/ vnnd sich mit gantzem fleiß darauff geben vnnd bemühen zu ziehren vnnd heraus zubutzen den jnnerlichen Menschen/ welcher geschaffen ist/ nach der Bildnuß Gottes/ vnnd von Tag zu Tag ernewet wirdt. Diß ist warlich die schöne/ welcher nichts mangelt vnd abgeht/ welche allein von dem Herren zuhören würdig ist. […] Dann die schöne der seelen ist die allerbeste schönheit [usw.]

Gottselige Begirde aus lautter sprüchen der Heÿligen Vättern Zuosamen gezogen Vnd mitt schönen figuren gezieret/ durch R. P. Hermannum Hugonem, Verteütscht Durch R. P. F. Carolum Stengelium, Augspurg 1627 (= Teil-Übersetzung von: Herman Hugo S.J.,1588 –1629, »Pia desideria« Antwerpen 1624) mit Kupfern von oder nach Boetius a Bolswert († 1633). Das ander Buch, XXI = S. 202–214.

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Sokrates stellte für die Jünglinge die Regel auf, sie sollten sich immer wieder im Spiegel betrachten, um, wenn sie schön wären, sich dessen würdig zu machen, wenn aber hässlich, diesen Mangel durch gute Bildung auszugleichen und zu verdecken. (bei Diogenes Laertius [3. Jh. u.Z.], Leben und Meinungen berühmter Philosophen II,33)

Conrad Celtis (1459–1508), »Oeconomia«

Speculum loquitur
Haec tua quae terso facies iaculatur ab orbe,
   Nec nimium placeat nec tibi displiceat.
Si formosus eris, viciis non turpior esto,
   Si fueris turpis, pectora pulcra geras.

Der Spiegel spricht
Wenn Dir mein leuchtendes Rund das Bild Deines Äußern zurückstrahlt,
   Freu Dich zu sehr nicht daran, lass Dichs’s verdrießen nicht,
Bist Du schön von Gestalt, so sei es im Herzen nicht minder;
   Fehlt Dir die Schönheit des Leibs, leuchte Dein inneres Bild.

Ep. III,65; Übersetzung von Kurt Adel, Konrad Celtis. Poeta laureatus, Graz/Wien: Stiasny 1960; S. 84f.

Bonis moribus studendum.
Ex septem doctis, coluit quos Graecia, magnum
   Ipse Bias habuit quoque nomen.
Hic iubet in speculo pueros discernere formas,
   Et proprios cognoscere uultus,
Vt, qui est formosus, formosas induat artes,
   Et mores similes faciei:
Et qui deformis, pulchris sese artibus ornet,
   Quo penset damnum faciei.
Na nihil in terris homines magis ornat et effert
   Quam mores culti atque bonae artes.

Kein ding zierett den Menschen mehr dan Kunst vnd gutte sitten.
Bias einer auß Griechen landt
So man die weisen hatt genant
Gebott allweg den Knaben sein
Das sie soIten ein Spiegel rein
Nemmen sich selb darinn besehen
Wan dan jhr angsicht schön thett stehen
SoIten sie darnach Richten auch
Jhre sitten vnd gantzen brauch
Damit ein schöner leib nit hab
An jhm ein heßlich wüste gab.
[Fähigkeit, Talent]
Sey aber einer Vngestalt
So soll er aber trachten baldt
Das er sich üb jn Kunst vnd zucht
Vnd bring herfür ein solche frucht
Das man seiner heßIicheit nitt acht
Dan Kunst vnd gberd alleing macht
Das man viI auff ein Menschen halt
Wie heßlich der ja sey gestalt.

Matthäus Holtzwart, Emblematum Tyrocinia, sive picta poesis Latinogermanica, das ist eingeblümete Zierwerck oder Gemälpoesy innhaltend allerhand Geheymnußlehren durch kunstfündige Gemäl angepracht und poetisch erkläret, Nun erstmals inn Truck kommen, Straßburg: B.Jobin 1581; Nr. IX. — hg. Peter von Düffel und Klaus Schmidt, Stuttgart 1968 (RUB 8555); mit Übersetzung der lat. Fassung auf S. 173.

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Die Geschichte und der Spiegel/ von welchen dieses Buch benennet worden/ haben eine artige Vergleichung; in dem jene das wandelbare menschliche Leben/ dieser das veränderliche Angesicht/ jene die beliebte Tugend und Laster/ diese die Schönheit und Häßlichkeit/ jene die innerliche Beschaffenheit/ als Liebe/ Neid Feindschafft/ &c. dieser die äusserliche Gestaltung abbildet und vorweiset. Die Geschichte bestehen in hinfallender Vergessenheit/ wie der Spiegel in einem zerbrechlichen Glas/ und wann wir uns/ vermittelst dieser beeden/ selbst erkennen/ so ist der Mensch Gottes Ebenbild/ wiewol in höchster Unvollkommenheit: Seine Wercke sind der Spiegel seiner Reden; sein Leben ist ein Spiegel seines Gemütes/ sein Aug ist ein Spiegel seiner Gedancken/ und seine windgeschwinden Begierden sind gleich den flügelschnellen Gegenstralen/ welche besagter Spiegel (oder mit versetzten Buchstaben Gespiel) als das höchstwunderbare Meisterstück der Kunst/ von sich zu blicken pfleget; daher pflegen wir auch zu sagen; man soll sich an andrer Unglück spiegeln und mit andrer Schaden klug werden. Weil nun in gegenwärtigen Wercke viel denckwürdige Geschichte und Exempel zu erfreulicher Folge der Tugenden/ wie auch zu sorgsamer Verwarnung der Laster/ vorgestellt worden/ ist solchem der Titel deß Geschichtspiegels vorgeschrieben/ und selber mit schicklichen Sinnbildern und gleichständigen Fragen gleichsam eingefasst/ und an das Liecht oder vielmehr an die Sonne E.G. hochberühmten Namen mit unterthäniger Geflissenheit gesetzet worden.

[Georg Philipp Harsdörffer (1607–1658)] Der Geschichtspiegel: Vorweisend Hundert Denckwürdige Begebenheiten/ Mit Seltnen Sinnbildern/ nutzlichen Lehren/ zierlichen Gleichnissen/ und nachsinnigen Fragen aus der Sitten-Lehre und der Naturkündigung/ Benebens XXV. Aufgaben Von der Spiegelkunst/ An das Liecht gesetzt/ Durch Ein Mitglied der hochlöblichen Fruchtbringenden Gesellschafft, Nürnberg: in Verlegung Wolffgang des Jüngeren und Johann Andreae Endtern 1654. – Vorrede an Freiherr Justus von Gebhard.

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Bespiegle dich O Welt in dir.
Dis Bild stellt deinen Wandel für.
Ich heuchle nicht, das glaube mir.

Titelblatt einer postumen Ausgabe des »Satyrischen Pilgram« des Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen  (1622–1676): Deß Simplicisssimi Satyrischer Pilgram. Anderer Theil/ Zusammengetragen durch Samuel Greifnson vom Hirschfeld, Gedruckt im Jahr 1683. > http://diglib.hab.de/drucke/lo-2310-3b/start.htm?image=00095

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Shakespeares Hamlet (Uraufführung 1609) sagt zu den Schauspielern, die das Stück spielen sollen, in dem sich der Stiefvater als Mörder entpuppen soll (III. Akt, Beginn der 2. Szene):

… for any thing so overdone is from the purpose of playing, whose end, both at the first and now, was and is, to hold, as 'twere, the mirror up to nature; to show virtue her own feature, scorn her own image

… passt die Gebärde dem Wort, das Wort der Gebärde an; wobei Ihr sonderlich darauf achten müsst, niemals die Bescheidenheit der Natur zu überschreiten. Denn alles, was so übertrieben wird, ist dem Vorhaben des Schauspieles entgegen, dessen Zweck sowohl anfangs als jetzt war und ist, der Natur gleichsam den Spiegel vorzuhalten: der Tugend ihre eignen Züge, der Schmach ihr eignes Bild, …
(Übersetzung von Schlegel / Tieck)

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Titelbild der 2. Auflage der J. J. Bodmer und J. J. Breitinger herausgegebenen Zeitschrift »Die Discourse der Mahlern« (1721f.) unter dem neuen Titel »Der Mahler der Sitten« (1746).

Gegenstand der Discurse sind – nebst Artikeln, die sich mit literarischen und pädagogischen Fragen befassen, auch mit Freundschaft, Selbsterkenntnis usw. – die Capricen, Laster, Torheiten (Kleiderpracht, Gespensterfurcht u.a.) der Zeitgenossen. – Jeder Leser möge sein entsprechendes Spiegelbild darin erkennen.

Reddit 3.Sg.Präs. von reddere ›wiedergeben, abspiegeln, vollständig nachahmen‹

Die Verse stammen aus Vergils »Bucolica« II,25ff., wo Corydon – verzweifelt und hoffnungslos verliebt in Alexis – seine eigene Schönheit preist:

Nec sum adeo informis: nuper me in litore vidi,
cum placidum ventis staret mare. non ego Daphnim
iudice te metuam, si numquam fallit imago.
Auch bin ich gar nicht so hässlich. Ich sah mich jüngst am Strand, als das das Meer windstill da lag. Sei selber Richter: ich fürchte [den Vergleich mit] Daphnis nicht, wenn ein Abbild nie täuscht.

 

Das vierte Kapitel in Sebastian Brants »Narrenschiff« (1493) ist den neumodischen Erfindungen im Bereich der Toilette und Kleidung gewidmet: Die Männer tragen keinen Bart mehr, schminken sich, hängen sich Halsketten um, wickeln sich das Haar in Locken mit Eiweiß; alle Kleider sind voll Falten oder bedecken kaum mehr den Nabel. Vil nüwrung ist in allem land. Brant ruft die Obrigkeit auf, diese Unsitten zu unterbinden; gemeint sind gegen die Hoffart und den Luxus wirkende Kleiderordnungen, wie man sie aus allen Städten in der Frühneuzeit kennt.

Hier eine spätere Fassung (1547) mit dem Holzschnitt von Tobias Stimmer (1539–1584):

Der hoffärtige Geck ist gekleidet in das Gewand damaliger Landsknechte; vgl. das Bild von Peter Flötner (ca. 1490 – 1546), besonders die zwei unterschiedlichen Hosenbeine und die Kuhmaulschuhe sind top-modisch:

aus: Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte, [Band 2:] Renaissance, München: A. Langen [1909], Abb. 346.

Dem aufgeputzten Stutzer hält ein Narr einen Spiegel vor, ohne dass jener hineinblickt; er trägt selbst eine Schellenkappe, wodurch er sich als unbewusst töricht ausweist. – Das Sprichwort ›Narren und Kinder reden die Warheit.‹ ist alt: Der tôre verhilt deheine frist, swaz in sîme herzen ist. (Freidank, ed. Grimm 82,12) Hier sind also der Spiegel und der ihn haltende Narr in Parallele gesetzt.

Geiler von Kaisersberg – auf dessen Predigtzyklus zum »Narrenschiff« die verbosen Erläuterungen im Druck von 1574 zurückgehen – kennt das Bild des sich Spiegelnden. Damit ist jedoch kein Bezug zum Bild hergestellt: Das vierdt Geschwarm der Narren sind die Seltzam Narren/ Mutz Narren/ Zier Narren/ Gemalt Narren/ Spiegel Narren: dise sag ich sein die Narren/ so allweg vor anderen Narren etwas newes vnd seltzams auf die ban bringen/ in seltzamen kleideren/ sitten vnd wunderbarlichen breuchen. (S.11) — Pfu der schand vnd vnzucht/ O mensch was spiegelst du dein lang Haar herfür/ das voller leuß vnd nissz ist? Ist diß den schatz/ dein Gott? welchen du vor anderen ehrest vund liebest? (S.13)

Welt Spiegel/ oder Narren Schiff darinn aller Ständt schandt vnd laster/ vppiges leben/ grobe Narrechte sitten/ vnd der Weltlauff/ gleich als in einem Spiegel gesehen vnd gestrafft werden: alles auff Sebastian Brands Reimen gerichtet; […] Weilandt Durch den hochgelerten Johan. Geyler in Lateinischer sprach beschrieben. Jetzt aber mit sonderm fleiß auß dem Latein inn das recht hoch Teutsch gebracht/ vnnd erstmals im Truck außgangen/ Durch/ Nicolaum Höniger von Tauber Königshoffen, Basel: Heinricpetri 1574. — Der ganze Text auf http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00090359/image_40

Spiegel-Närrin

Der Spiegel ist mein gröste Freud.
Vor dem stell ich mich allezeit.
Und schau, genau, was mir noch fehlt.
Biß alles richtig ist gestellt.
Geh sie nur vor den Spiegel hin,
Sie find gewiß ein Närrin drin.

[Abraham a Santa Clara fälschlich zugeschrieben], Mala Gallina, Malum Ovum. Das ist: Wie die Alten sungen/ so zwitzern die Jungen. Im Zweyten Centi-Folio Hundert Ausbündiger Närrinnen gleichfalls in Folio, Nach voriger Alapatrit-Pasteten-Art/ So vieler Narren Generis Masculini, Anjetzo auch mit artigen Confecturen, Einer gleichen Anzahl Närrinnen Generis Foeminini zum Nach-Tisch. Allen Ehr- und Klugheit-liebenden Frauenzimmer zur lustigen Zeit-Vertreib und wohlgemeinten Warnung. In Hundert schönen Kupffern moralisch vorgestellt. Johann Christoph Weigel, [Nürnberg 1713]. S. 329–332.

 

Wan alle Spiegel dießen Lappen
Gantz deutlich weißen
[zeigen] mit der Kappen
So macht doch der den grosten Possen
[neckischer Scherz]
Der von dem Sessel hängt zerstossen.
Weil er Ihn doppelt præsentiret
Und trefflich so die Stuben zieret.

[Abraham a Santa Clara fälschlich zugeschrieben], Centi-Folium stultorum in Quarto. Oder Hundert Ausbündige Narren in Folio. Neu aufgewärmet und in einer Alapatrit-Pasteten zum Schau-Essen, mit hundert schönen Kupffer-Stichen, zur ehrlichen Ergötzung, und nutzlichen Zeit-Vertreibung, sowohl frölich- als melancholischen Gemüthern aufgesezt; auch mit einer delicaten Brühe vieler artigen Historien, lustiger Fablen, kurtzweiliger Discursen, und erbaulicher Sitten-Lehren angerichtet, Wien: Megerle / Nürnberg: Weigel 1709.

Nich ein zerbrochener Spiegel, aber mit ganz anderer Bedeutung:

SIEMPRE EL MISMO. Was ein gantzer Spiegel weiset/ eben das weisen alle seine stücke/ wo er zerbrochen. also besihet der Löw seine gestalt in einem jeden theil dieses gegenwertigen Sinnspruchs/ eine bedeütung der starcke/ vnd tapferen beständigkeit/ welche der Fürst auf allen fall wol bewaren sol. Dan er ist ein offenbahrer spiegel/ in welchen sich die Welt besihet.

Fajardo Diego da Saavedra, Idea Principis Christiano-Politici 100 Symbolis expressa, Jena: M.Birckner 1686. Emblem Nr. XXXIII. [Spanische Erstausgabe Diego de Saavedra Fajardo (1584-1648), Idea de un principe politico christiano 1640. ]

Literaturhinweis: Reinhard Frauenfelder, Die Vorlagen für die emblematischen Bilder am
Hause zum Grossen Käfig in Schaffhausen, in: Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte 14 (1953), S. 103ff. > http://doi.org/10.5169/seals-163959 

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Amicitia sordida

Si speculo desit plumbum, quo reddere formas
    Et splendore solet cuncta referre suo:
Quid vacuum inspexisse iuuat, labor omnis inanis,
    Dum pentrant radij, nullaque imago datur.
Haud secus est quoddam genus ad lucrosa paratum,
    Quod petit, ac repetit, gratia nulla tamen.
Accipiunt quicquid donas, vestigia nusquam
    Cernas, officium queis, meminisse velint.
Debet amicitia iuncti par esse voluntas,
    Huius imago tua est, ni sit inanis amor.
Hoc quis te melius nouit, testatur amicis
    Ferrari, qui me diligis vsque memor?

Trübe Freundschaft

Wenn dem Spiegel das Blei fehlt, durch das er erst die Umrisse und alle Einzelheiten mit vollem Glanz wiedergibt, was nützt es dann, auf das Leere zu blicken; alle Mühe ist vergebens, wenn die Strahlen hindurchgehen und kein Bild zustande kommt.
Sie nehmen alles, was man ihnen gibt, aber man findet nirgends eine Spur von Bereitschaft, der Wohltat zu gedenken. Dein Sinn muss dem des dir in Freundschaft Verbundenen gleich sein, – ist dieser doch dein Spiegelbild –, wenn die Liebe nicht vergeblich sein soll. Wer weiß das und bezeugt es seinen Freunden besser als du Ferrarius*, der du mich immer mit treuem Gedenken liebst?

*) Widmungsempfänger: Ottaviano Ferrari aus Milano (1518–1586).

[Joh. Sambucus 1531–1584] Emblemata, et aliquot nummi antiqui operis, Ioan, Sambuci Tirnaviensis Pannonii. Tertia editio, Cum emendatione & auctario copioso ipsius auctoris, Antwerpen: Ch. Plantin, 1569. — Deutsche Übersetzung aus: Arthur Henkel / Albrecht Schöne (Hgg.), Emblemata. Handbuch zur Sinnbildkunst des XVI. und XVII. Jahrhunderts, Stuttgart 1967, Sp. 1347.

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British Library, Royal MS 12 C. xix, Folio 28r
> http://bestiary.ca/beasts/beast131.htm     mit weiteren Stellenangaben in englischer Übersetzung

Ambrosius (340–397), »Exameron« VI. Tag,  4. Kap., ¶ 21

Sobald er [der Tiger] nämlich seine Lagerstätte leer und seine Jungen geraubt findet, verfolgt er unverzüglich die Spur des Räubers. Merkt dieser, daß er trotz des flüchtig eilenden Rosses, das ihn trägt, vom schnellen Raubtier eingeholt werde und jede Möglichkeit des Entrinnens ausgeschlossen sei, sucht er sich künstlich mit folgender List zu retten: In dem Augenblick, da er sich eingeholt sieht, wirft er eine Glasscheibe hin, und wirklich: die Bestie läßt sich vom eigenen Bilde täuschen und hält es für ihr Junges. Im Verlangen, es zu bergen, steht sie vom Überfall ab. Von neuem aber wirft sie sich, vom Trugbilde aufgehalten, mit allen Kräften auf die Verfolgung des Reiters. Von Wut aufgestachelt, beflügelt sie den Lauf. Schon droht sie über den Flüchtling herzufallen: wieder wirft ihr dieser eine Scheibe vor und hält sie so in ihrer Verfolgung auf. Sie erinnert sich des Truges, doch das beirrt sie in ihrem mütterlichen Eifer nicht. Sie kehrt das Trugbild zu sich und bleibt wie zur Säugung der Jungen zurück. So büßt sie, vom Eifer ihrer Mutterliebe getäuscht, beides ein: die Rache und das Junge.

Konrad von Megenberg (1309–1374), »Buch der Natur« III A 66 = Ausgabe F. Pfeiffer S. 161

Tigris haizt ain tigertier. daz ist fleckot mit mangerlai varb. daz ist wunderleich kreftig und snel. daz wirt geporn in Hircania, sam Isidorus und Jeronimus sprechent. diu tier sint gar grimmig und wenn die jäger si beraubt habent irr kindel, sô mügent in etswenn die jäger niht enpfliehen; dar umb werfent si glesein schilt hinder sich, sam Ambrosius spricht. sô danne diu tier dar über koment und die spiegel ansehent, sô wænent si, iriu kint sitzen dâ, und stênt über die spiegel und küssent die und umbvâhent si. zeletscht tretent si auf die spiegel und scharrent; sô vindent si nihts. in der zeit enpfliehent in die jäger. Aristotiles spricht, daz daz tier an vil dingen dem ohsen geleich. ez ist etswie vil rôt und ist sein flaisch süez. dar umb væht man ez. 

Vgl. > https://www.animaliter.uni-mainz.de/tiger/ 

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Martin Luther, »Etliche Fabeln aus Esopo verdeutscht« (Druck 1557)

Vom Hunde im Wasser
Es lieff ein Hund durch einen Wasserstrom/ vnd hatte ein stück Fleisch im Maule. Als er aber den schemen
[das Schattenbild, Spiegelbild] vom Fleisch im Wasser sihet/ wehnet er/ es were auch Fleisch/ vnd schnappet girig darnach. Da er aber das Maul auffthet/ empfiel jm das stück Fleisch/ vnd das Wasser fürets weg. Also verlor er beide/ das Fleisch vnd schemen.
Lere
Man sol sich benügen lassen an dem/ das Gott gibt. Wem das wenige verschmahet/ dem wird das Grösser nicht/ Wer zu viel haben wil/ der behelt zu letzt nichts/ Mancher verleuret das gewisse / vber der vngewissen.

> http://www.zeno.org/nid/20005347025

Holzschnitt von Virgil Solis (1514–1562) in der Ausgabe  Fabulæ variorum auctorum nempe Aesopi s. graeco-latinae CCXCVII. […] Francofurti, apud Christ. Gerlach & Sim. Beckenstein MDCLX.

Die Fabel bei Aesop: Äsop, Fabeln, Griechisch / Deutsch, Übersetzung von Thomas Voskuhl, Stuttgart: Reclam 2005 (RUB 18297); Nr. 133.

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Claude Paradin, Devises heroïques, 1557 (und spätere Auflagen).

Die Fliegen, die dem gut polierten und hell glänzenden Spiegel entgegenfliegen, können sich dort nicht halten und fallen herunter. Tout ainsi que les Mouches tombent se voulans poser contre un Miroir bien poli: & se grimpent bien contre choses groumeleuses, & mal rabotees. Aussi les hommes tombent plus facilement d’une grande felicité, & se tiennent mieus en aversité.

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Ein Mensch/ der sich selbst liebt/ und Gefallen an ihm hat. Ein Aff/ mit einem Krantz auf dem Kopff/ beschauet sich in einem Spiegel. – Homme se complaisant en lui-même; l’amour de soi-même. Un singe couronné de fleurs, regardant son Image dans un miroir.

Viel nutzende und erfindungen reichende Sinnbild-Kunst, oder Hieroglÿphische Bildervorstellung der Tugenden, Laster, Gemüts-bewegungen, Künste und Wissenschafften, wodurch Rednern, Poeten, Mahlern, Bauverständigen, Bildhauern, durch Zeichnungen, und einer kurtzen beschreibung Anlasz jhre Gedancken aus zu üben gegeben oder beij gäh vorfallenden Gelegenheiten ihnen gnugsame Materi vor Augen gelegt wird damit Sie sich nicht lang besinnen dörffen, Nürnberg verlegt und zu finden beij Johann Christoph Weigel Kunsthändlern [s.d.; vor 1726]; Tafel XX, oben rechts.

Formamque imitata, jocosque    
Das Aussehn <hat die Katze> gespiegelt, und ihre Faxen.

Schau, mit welch vergnügtem Ausdruck die Katze den Spiegel bemüht,
mit ihrem Aussehen und ihren Scherzen!
Wie durchwegs gleich sie <im Spiegel> ihre Spässchen, 
                                als eine andere, vorspielt!

Siehst du nicht, dass die Halskrause <im Umfang> den dicken Bauch wiedergibt?
    Wie dieser Turm da den armen Kopf niederdrückt?
Den Handlungen gemäss ist das Aussehen, und die Katze ganz ähnlich der Katze;
    und die gleichen Gebärden hat die Tochter wie die Mutter.
So verdirbt <jede> neue Unvernunft die empfindlichen Charaktere,
   und sie findet immer solche, die sie mit ihrem neuen Angebot verführen kann.

Die Katze spielt sich mit Aussehen und Gebärden vor dem Spiegel auf, in welchem dieser dieselben Spässe zeigt. Die modischen Accessoires ›spiegeln‹ den Leib des Stutzers. – Für die Aussage, dass die Mode-Torheiten charakter-verderbend sind, braucht es keine Spiegelsymbolik. – Wie gelangt der Verfasser zur Moral, wonach das Aussehen den Handlungen gemäss ist (bzw. sie ›spiegelt‹; rebus ut est species)?

(Dank an Thomas G. für Hinweise und Übersetzung! Er bemerkt dazu noch: Sapphische Ode und drei Distichen.)

Nicolaus Taurellus (Öchslin, 1547–1606), Emblemata Physico-Ethica, hoc est, Naturae Morum moderatricis picta praecepta. - Editio secunda. Nürnberg: Lochner, 1602. > https://www2.uni-mannheim.de/mateo/camena/taur1/jpg/s150.html

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[Lemma] Wormit er andern schaffet Pein/
 Das muß ihm selbst auch seyn.


[Subscriptio] Die Boßheit trägt zum Lohn
   Den Vntergang davon
Gleich wie der Basilißk/ wann er sich selber sieht
Von wegen strengen Giffts alsbald den Kürtzern zieht.

Erklärung: Der Blick des Basilisk tötet; wenn man ihm einen Spiegel vorhält, bringt er sich selbst um. 

Petrus Berchorius (gest. nach 1361), »Reductorium morale«, Lib. X, Cap. xiii: De basilisco dicitur quod si primus videt hominem, statim visu interficit ipsum.

Nicolas Caussin S.J. (1583–1651) kennt den  Basiliscus ad speculum moriens: Basiliscus […] solo aspectu auras inficit, plantas urit, necat animalia, saxa  ipsa dissolvit. Quod si se intueatur in speculo seipsum repercusso in se halitu propriis telis necatur. Die allegorische Bedeutung geht auf die Missgünstigen und Ränkeschmiede: Symbolum est invidi & calumniatoris […] suis sagittis conficitur. De Symbolica Aegyptiorum Sapientia, In Qua Symbola, Aenigmata, Emblemata, Parabolae Historicae Apologi, Hieroglyphica, Ex Horo Appolline, Clemente Alexand. S. Epiphanio, Symposio Poëta, cum Notis & Observationibus, Itemque Polyhistor Symbolicus Et Parabolarum Hist. Stromata Libris XII. complectens …… Authore R. P. Nicolao Caussino, … Coloniae Agrippinae: Joh. Kinchius 1654. (Erstausgabe 1618) Lib IX, Cap. xix.

Das Emblem aus Joachim Camerarius, 1534–1598, Vierhundert Wahl-Sprüche und Sinnen-Bilder, durch welche beygebracht und außgelegt werden die angeborne Eigenschafften, wie auch lustige Historien und Hochgelährter Männer weiße Sitten-Sprüch. Und zwar Im 1. Hundert: Von Bäumen und allerhand Pflanzen. Im II. Von Vier-Füssigen Thieren. Im III. Von Vögeln und allerley kleinen so wol fliegenden als nit fliegenden Thierlien. Im IV. Von Fischen und kriechenden Thieren. Vormahls durch den Hochgelährten Hn. Ioachimum Camerarium In Lateinischer Sprach beschrieben: Und nach ihm durch einen Liebhaber seiner Nation / wegen dieses Buchs sonderbarer Nutzbarkeit allen denen die in vorgemelter Sprach unerfahren seyn/ zum besten ins ins Teutsch versetzet, Maintz: Bourgeat 1671. (4.Buch, Nr. LXXIX; Erste, lat. Ausgabe 1604) >  https://books.google.ch/books?id=5RhVAAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_s

Der falsche Schein
Der Zorn wird füglich mit dem Basilisk verglichen/ welcher mit seinen feurigen Augen andere/ und wann man ihm einen Spiegel entgegen hält/ auch sich selbsten tödtet: deßwegen über solchem Sinnbild zu lesen:
Ich schade dir und mir.

[Georg Philipp Harsdörffer (1607–1658)] Der Geschichtspiegel: Vorweisend Hundert Denckwürdige Begebenheiten/ Mit Seltnen Sinnbildern/ nutzlichen Lehren/ zierlichen Gleichnissen/ und nachsinnigen Fragen aus der Sitten-Lehre und der Naturkündigung/ Benebens XXV. Aufgaben Von der Spiegelkunst/ An das Liecht gesetzt/ Durch Ein Mitglied der hochlöblichen Fruchtbringenden Gesellschafft, Nürnberg: in Verlegung Wolffgang des Jüngeren und Johann Andreae Endtern 1654. S. 204.

Se ipsum territus horret

Wenn der Basilisk sich siehet/
   Und im Spiegel sich erblikt/
   Seh wie hefftig er erschrikt/
Und mit macht zu rüke fliehet!
   Sein abscheulich Angesicht
   Kan er selbst vertragen nicht/
Sondern wenn er sich gesehen/
Muß er plötzlich untergehen.

Wenn der Mensch betracht die Sünden/
   Wenn er des Gesetzes Fluch
   Wie auch sein GewissensBuch
Fleisig nachsucht/ wird er finden
   Nicht ohn sonderliche Rew/
   Daß er gar abschewlich sey/
Und von wegen dieser Flecken
Recht Hertzinniglich erschrecken.

Herr probiere meine Nieren
   Daß ich from und ohne Clag
   Dir mein GOtt gefallen mag/
Und so meinen Wandel zieren/
   Daß ich hier/ dieweil ich leb
   Mich dir gantz und gar ergeb/
Und mich allzeit mög erzeigen
Gantz auffrichtig alß dein eigen.

[Kurfürst Karl II.,1651–1685]: Philothei Christliche Sinne-Bilder. Auß dem Lateinischen ins Teutsch gebracht. Franckfurt/ Bey Johann Peter Zubrodt. Anno MDCLXXIX. > https://archive.org/stream/philotheipseudch00karl#page/44/mode/2up

Das Bild aus der Ausgabe Philothei Symbola Christiana, quibus idea hominis Christiani exprimitur. Frankfurt: Zubrod, 1677. > https://www2.uni-mannheim.de/mateo/desbillons/symbol/seite19.html

Filippo Picinelli (1604 – etwa 1679): MUNDUS SYMBOLICUS, in Emblematum Universitate formatus, explicatus, et tam sacris, quam profanis eruditionibus ac sententiis illustratus: submnistrans Oratoribus, Prædicatoribus, Academicis, Poetis &c. […] conscriptus reverendissimo domino D. Philippo Picinello, Coloniæ Agrippinæ, Sumptibus Hermanni Demen, sub signo Monocerotis. MCLXXXI.

Passionierter * Narr

Wo ich nur find Occasion
Bezeüg ich meine Passion
Und ob ich gleich auslaß mein Gifft
Er [?] mich doch selbst das meiste trifft.
Drum ghör ich auch in dieses Spiel
Ich gelt gleich wenig oder viel.

*) passioniert hier: rachsüchtig (von mlat. passionari = sich wofür leidenschaftlich erregen).

[Albert Joseph Conlin, Pseudonym: Albert Joseph Loncin von Gominn]: Der christliche Welt-Weise Beweinet die Thorheit der neu-entdeckten Narrn-Welt, Welcher die in disem Buch befindliche Narrn zimblich durch die Hächel ziecht, jedoch alles mit sittlicher Lehr und H. Schrifft untermischet: worin über 200, lustig und lächerliche Begebenheiten, deren sich nit allein die Herrn Pfarer auf der Cantzel sondern auch ein jede Privat-Persohn bey ehrlichen Gesellschafften nutzlich bedienen können. Theil 1; Augsburg: Walder 1706; S. 166ff. — Conlin (1669–1753) gilt als der bedeutendste Nachahmer Abraham a Santa Claras.

Candore peremptus — Umgebracht durch die Weisse    [candor auch: heller Glanz]

Der Basilisck im Sand in Africa entspringend […] entseelt mit dem Gesicht die Menschen: und doch/ wer glaubt es? wider solches Unthier ist kein fürträglicheres Mittel/ als ein gegen gesetzter Spiegel: dann also wird er ertödtet/ indem das Gifft auff die Bestie zuruckschlaget. […]

Was dem Basilisck der Spiegel/ das ist der Sünd die Jungrfrau [Maria]. Wann du die Natur der Jungfrau betrachtest/ ist sie ein Glaß; kan fahlen und zerbrochen werden. Wann du die Gnad/ das ist/ die Weisse und den Glantz betrachtest, welchen sie nicht ihr/ sondern dem Künstler schuldig ist/ ist sie höher als alle Sünd. Gleichwie dann der Basilisck alles/ ausser deß Spiegels/ überwindet/ also hat alle [ergänze: Menschen] die Sünd/ ausser der Jungfrau bemacklet. […] Wie weit ist das Reich deß Basiliscks? biß zum Spiegl. Wie weit ist das Reich der Sünd? biß zu Maria. […]

Innocentia Vindicata, in Qua Gravissimis Argumentis Ex S. Thoma petitis ostenditur, Angelicum Doctorem, Pro Immaculato Conceptu Deiparae Sensisse & Scripsisse. Authore […] Celestino Sfondrati, St.Gallen: Jacobus Müller 1695; Pars posterior Symbolica; G3.

Deutsche Übersetzung: Die Erledigte Unschuld, In welcher Mit Uberschwäresten Beweißthumben Auß dem H. Thoma Erwiesen wird, Der Englische Lehrer habe beschlossen und geschrieben Für die Unbefleckte Empfängnuß Der Mutter Gottes, Wien: Schwendimann 1717; S. 103f. > http://digital.staatsbibliothek-berlin.de/werkansicht/?PPN=PPN688817572&DMDID=DMDLOG_0012

Das Titelblatt zum ersten Teil des »Lügenschmieds« von Rupert Gansler (1658–1703) zeigt in der mittleren Zone, wie Frau Welt (mit der ♁-Krone), ein teuflisches Wesen und noch jemand (?) ›alternative Fakten‹ (Unwort des Jahres 2017) schmieden; als Hämmer haben sie Fuchsschwänze (Symbol der Schmeichlerei). – Der Engel von oben scheint das Erzeugnis mit einem Bannstrahl versengen zu wollen. – Im Gewölbe unten wird einem Basilisk im Spiegel die Wahrheit gezeigt – die Folgen erahnt der Wissende. (Im Buch wird das Bild nicht erklärt.)

Lugenschmid, Das ist: Unter dem Schein der Warheit verborgener, anjetzo aber entdeckter Welt-Betrug. Dem günstigen Leser Zu dem Predig-Ambt, mit Biblischen Historien, neuen Concepten, Theologisch- und Philosophischen Discursen; Mathematisch- Juridisch- und Medicinalischen Anmerckungen, Politischen Staats-Reglen, seltzamen Begebenheiten, und denckwürdigen Sinn-Bildern, mit einer angenehmen Schreib-Art curios, annehmlich, und wohlmeinend vorgestellet durch R.P. Rupertum Gansler [...], Augsburg und Dillingen: Johann Caspar Bencard, [Erster Band] 1697.

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Aegidius Albertinus (1560–1620) war ein produktiver Erbauungsschriftsteller der Gegenreformation. In seinem Traktat »Hirnschleifer« (Erstausgabe 1618) schreibt er 55 Kapitel, die jeweils – ähnlich wie in der zeitgenössischen Emblematik – ein Bild und einen Text enthalten – immer überschwänglich moralisierend und mahnend und den Sittenverfall tadelnd.

Zum Thema der Selbsterkenntnis zeigt er einen prächtig gekleideten und stolz posierenden Mann, der in einen Spiegel schaut, wobei als Spiegelbild ein Narr mit Schellenkappe zurückblickt. Dazu schreibt er unter anderem:

Es kan der Spiegel ein Rathgeber der Schönheit genennet werden/ dann er rathet den närrischen Weibern vnd Männern/ wie sie ihr Angesicht zieren/ anstreichen/ schmücken/ vnd ihre Haar vnd Bärth butzen sollen. Solches aber ist nie allein ein Mißbrauch/ sondern ein Hoffart vnnd Sünd/ dann keiner andern Vrsachen halben seynd die Spiegel erdacht vnd erfunden worden/ als damit der Mensch sich selbst sehen vnd erkennen möchte.
Wirst du dein Schönheit besuchen
[aufspüren], so wirst du ohne Sünd bleiben: wofern du dich selbst in einem Spiegel beschawest/ so wirst du dich niemaln versündigen. Die Alten mahlten die Fürsichtigkeit in der Gestalt eines weisen Mannes/ der sich in einem Spiegel beschawte/ dann deß Spiegels Art und Eigenschafft ist/ daß er den Menschen sein leibliche natürliche Gestalt/ Schönheit/ Mängel und Gebrechen zeiget. (S.68)

Aus: Aegidii Albertini Hirnschleiffer, Cöllen: bey Constantino Münich 1664; S.66ff. 

Hinweis: Referat von Katharina Mertens Fleury hier als PDF

Holzschnitt von Robert Wyss (1925–2004) auf einem Abreißkalender zum April 2003.

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Der Zwerg steht auf Stelzen und versucht zudem noch, sich eine artifizielle Größe zu geben, indem er sich einem Zerrspiegel beschaut. QUID SI SIC? Wie wäre es, wenn ich eine Elle größer wäre? Ach weh! Keine Kunst besiegt die angeborene Anlage der Natur.

Gabriel Rollenhagen / Crispin de Passe, Nucleus Emblematum, Arnheim/Utrecht 1611; I,22

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Illustration von Grandville (1803–1847): Se regardant dans la glace, il se trouve joli garçon.

Grandville geißelt in seinen satirischen Darstellungen die Unzulänglichkeiten und Torheiten der Menschen. Dazu charakterisiert er Menschentypen mittels aufgesetzten Tierköpfen.

Wir sehen den sich im Spiegel Betrachtenden – ein Insekt, während dieser im Spiegel die (beschönigende) Vorstellung sieht, die er sich von sich selbst macht, wovon wir merkwürigerweise auch Zeugen sind. — Man beachte die Stickereien von Pfauen auf dem Polster des Sessels!

Das Bild stand in der Erstausgabe (1842) im Text von Pierre-Jules Hetzel (1814–1886) »Les Aventures d'un papillon«; in der Ausgabe von 1867 steht es im neu hinzugekommenen Text »Les Contradictions d'une levrette« von Gustave Droz. Das Bild scheint keinen präzisen Bezug zu einem bestimmten Text zu haben.

Scènes De La Vie Privée Et Publique Des Animaux. Études De Mœurs Contemporaines, Publiées Sous La Direction De M. P.-J. Stahl, […], Vignettes par Grandville, Paris: J. Hetzel et Paulin, Éditeurs 1842.

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Rätselhaft ist der Name des Titelhelden Eulenspiegel.

Ältestes ± erhaltenes Exemplar: Ein kurtzweilig lesen von Dyl Vlenspiegel geboren vß dem land zu Brunßwick/ wie er sein Leben vollbracht hatt, Straßburg: Grieninger 1515. > https://de.wikisource.org/wiki/Eulenspiegelbuch

• Eule und Spiegel werden vom Protagonisten emporgehalten auf dem Titelbild, sie sind aber auch auf seinem Grabstein abgebildet (96. Histori); hier im Druck Straßburg: Grieninger 1519:

Der Namen des Titelhelden wird im Text nirgends erklärt. Er hat seit eh und je Interpretationen generiert.

• Das Buch als Spiegel (häufiger Buchtitel moralischer Werke), der dem Leser vorgehalten wird, in dem er sich als Eule erkennt? Niederdeutsch ūle kann ›Dummkopf, Tölpel, homo stolidus et improbus‹ bedeuten (mittelniederdt. Wörterbuch).

• Der Illustrator einer französischen Ausgabe 1702 sieht es so, dass der Narr dem Leser den Spiegel vorhält, mit der Inschrift Ridendo dicere verum (›lachend die Wahrheit sagen‹, nach Horaz, Satiren 1,1,24), so dass dieser sagen muss: ›Wenn ich mich genau betrachte, bin ich ja eine Eule (eben ein Dummkopf), und nicht, was ich mir vorgestellt habe‹. (Bildlogisch müsste dann allerdings das in den Spiegel schauende Wesen nicht selbst eine Eule sein, sondern ein Mensch.)

Histoire de la vie de Tiel Wlespiegle, Contenant ses faits et finesses, ses aventures, et les grandes fortunes qu'ila euës, Amsterdam: Chevalier 1702.
> http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10107913_00005.html

• Komplizierter war die Deutung, die Johann Fischart (1545/6 – 1590) ihm angedeihen ließ:

Eulenspiegel Reimensweiß. Ein newe Beschreibung unnd Legendt deß kurtzweiligen Lebens/ und ... Thaten Thyll Eulenspiegels ... durch J. F. G. M. etc. Franckfurt: Johannes Schmidt 1572.
> https://archive.org/details/bub_gb_XyJLAAAAcAAJ

Der Text ist schwer verständlich. (Mit dem Imperativ angesprochen ist der Titelheld, der Eulenmann):

zeig eim [einem, jemandem] alsbaldt dein spiegel/
So wird er gleich in dich* verwandelt

Und sicht
[sieht] wie schalckhafft er dann handelt.

*) dich = in die Eule verwandelt ??? oder: der Spiegel verwandelt den in ihn Hineinschauenden in den Besitzer des Spiegels, d.h. den Titelhelden ???

• Ernst Jeep, in: Mittheilungen des Deutschen Sprachvereins 6, 1895, 111ff. hatte die Idee, den Namen aufzulösen als niederdeutsch Ul’n spegel (Imperativ zu ulen = fegen, putzen und Spiegel wie in der Jägersprache: der Hintern der Hirschartigen). Damit würde dem Bild, das als satirischer Buchtitel aufgefasst werden könnte, eine andere Deutung unterschoben – Doppeldeutigkeiten und skatologische Scherzen durchziehn ja den Text.

• Vielleicht ist es auch ganz anders. Der Verfasser setzt seinen wirklichen Familien-Namen auf den Titel. Aber er nimmt es in Kauf oder er regt die Leser sogar an, zu deuten; und diese (bis zu den modernen Germanisten) fallen darauf herein, weil sie Vorstellungen von Spiegeln und Narren und die Vorstellung, damals seien Wörter gerne gescheit etymologisiert worden, daran herantragen. Und Eulenspiegel lacht uns deswegen alle heimlich aus. (Danke, Alex Sch. für die Idee!)

Erasmus schreibt Thomas Morus am 9. Juni 1511 einen Brief, in dem er erklärt, wie er auf die Idee kam, das »Lob der Torheit« (lat./griech. Titel: Morias Enkomion .i. Stulticiæ Laus) zu schreiben: »Zunächst ermunterte mich Dein Geschlechtsname Morus, der kommt dem Wort Moria [Narrheit] so nahe, als Du ihr sachlich fernstehst […]«.

1515 erscheinen die Dunkelmännerbriefe, worin es ein Kapitel gibt, in der sich diese Verfasser darüber lustig machen, dass die zeitgenöss. Intelligenz alle Texte "über-deutet" (vgl. https://www.uzh.ch/ds/wiki/ssl-dir/Allegorieseminar/index.php?n=Main.Allegoriekritik).

Dann könnte man das Bild auf dem Grabstein verstehen wie eine Druckermarke, die einen Namen in ein Bild umsetzt; ein ab ca. 1520 oft angewandtes Verfahren.

Spiegel als Buchtitel

H.Grabes (1973) unterscheidet vier Typen von Buchtiteln, die das Wort Speculum o.ä. enthalten:

(1) Der Spiegel bildet ab, was ist; faktisches Spiegelbild; verwendet in Enzyklopädien: Vinzenz von Beauvais (vor 1200 – 1264): »Speculum majus« – Gossuin de Metz, O.F.M. (1246), »Le Mirouer du monde«, übersetzt von William Caxton als »Mirror of the World« (1481) und viele andere. Diese Verwendung ist leicht verständlich: die ganze Welt ist in der Enzyklopädie wie in einem Hohlspiegel enthalten.

Dazu zu stellen sind auch moralische Texte, wie z.Bsp. die drastische Lastersatire von Valentin Boltz (gest. 1560), »Der Weltspiegel«, die am 11./12.5.1550 in Basel theatralisch aufgeführt wurde. Boltz schreibt im Vorwort, dass die Sitten allenthalben zerrüttet seien, deshalb: Hab ich der Welt art / wesen vnnd eigentschafft / vffs kürtzst in ein Spiegel gstelt / dorinn sich menglich erfinden vnd bschawen mög.

Ausgabe von Friederike Christ-Kutter / Klaus Jaeger / Hellmut Thomke, Zürich: Chronos, 2013 (Schweizer Texte, Neue Folge, Bd. 37)

(2) Der Spiegel zeigt etwas, was sein sollte; exemplarisches Spiegelbild; verwendet in der Moraldidaxe, oft für Exempelsammlungen: »Speculum virginum«, Miroir des simples âmes, Fürstenspiegel, Sündenspiegel, Gewissensspiegel, u.a.

(3) Der Spiegel zeigt, was ein wird; prognostisches Spiegelbild (in der astrologischen Literatur)

(4) Der Spiegel zeigt, was in der Phantasie des Dichters existiert; phantastisches Spiegelbild.

• Typ (2) macht katoptrisch Probleme: Wir gehen doch davon aus, dass der Spiegel ein Imitat ist, eine Re-produktion, ein Original ab-bildet und nicht ein Vor-Bild sein kann. Aber lateinisch speculum und mittelhochdeutsch bilde wird auch verwendet im Sinne von Vorbild, Beispiel, Gleichnis. (Das Wort Vorbild scheint erst im 16.Jh. aufzukommen.)

Textbeispiele:

• Cicero, »de re publica« (Text erst 1820 wieder entdeckt), II, xlii, 69: Der Tugendhafte ruft die anderen auf zur Nachahmung seiner selbst, indem er sich durch den Glanz seiner Seele und seines Lebenswandels seinen Mitbürgern wie einen Spiegel hinhält: ut ad imitationem sui vocet alios, ut sese splendore animi et vitae suae sicut speculum praebeat civibus.

• Annolied (vor 1100), Strophe 34:
Den vili tiurlichin man    Müge wir nu ci bispili havin,
Den als ein spiegil anesin    Die tugint unti warheiti wollen plegin.

≈ Diesen vortrefflichen Mann (Erzbischof Anno II., um 1010–1075) sollen wir zum Exempel, Vorbild nehmen; diejenigen, die sich für Tugend und Wahrheit verpflichten, mögen ihn als einen Spiegel ansehn.

• Winsbeke (Lehrgedicht um 1200) 60,3: Vater, wîsem manne schône zimet daz er tuo mit stæten siten. dâ bî ein tumber bilde nimet, daz lîhte würde sus vermiten

• Thomasin von Zirclære, »Der wälsche Gast« (Lehrgedicht, 1.Drittel des 13.Jhs.) Vers 620: wan die frumen liute sint und suln sîn spiegel dem kint.

• In der Reim-Vorrede zum »Sachsenspiegel« (vor ca. 1230) heißt es: »Spegel der Sassen« scal dit buk sin genant, went [weil] Sassen recht is hir an bekant, alse an enem spegele de vrowen er antlite scowen. Hier wird die Metapher anders gedeutet, nämlich in dem Sinne, dass der Inhalt des Buches (die Rechtsregeln) bekannt werden soll, wo wie das Antlitz in einem Spiegel.

• Deutsche Mystiker des 14. Jhs,. hg. von F.Pfeiffer, Bd.2. Leipzig 1857, S.5: swenne die krefte der sêle rüeren die creâture, sô nement sie und schöpfent bilde unde gelîchnisse von der creâtûre unde ziehent das in sich.

Maria wird in der geistlichen Literatur oft als Spiegel bezeichnet: aller megde ein spiegelglas u.ä., wobei auch die Fleckenlosigkeit von Bedeutung ist. Vgl. Anselm Salzer, Die Sinnbilder und Beiworte Mariens in der deutschen Literatur und lateinischen Hymnenpoesie des Mittelalters, mit Berücksichtigung der patristischen Literatur. Eine literar-historische Studie, (1886–1894); Nachdruck: Darmstadt: wbg 1967, S. 337ff.

Hier ein Beispiel aus der geistlichen Literatur (Hinweis bei Grabes 1973, Abb. 8): Jan David (1545–1613):

A Speculum exemplare [der zum Beispiel dienende Spiegel]

B.C. Duo luminaria [Lichtöffnungen] magna, Iesus et Maria, vt sol et luna

D.E. Exemplaria virtutum contemplantes

(In der Landschaft hinten stehen als weitere Vorbilder der Elefant und die Schlange sowie S.Franciscus und Sanctus Martinus.)

Duodecim specula Deum aliquando videre desideranti concinnata. Auctore P. Joanne David,...ex officina Plantiniana apud J. Moretum (Antverpiae) 1610.
> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k5774627k/f145.item
> https://archive.org/stream/duodecimspeculad00da#page/126/mode/1up

• Typ (2): Vielleicht basiert die Vorstellung auf diesem psychologischen Moment: Die/Der in den vermeintlichen Spiegel Hineinschauende sieht dort ein Idealbild, das sie/er für ihre/sein eigentliches hält und wünscht: So möchte oder sollte ich aussehen. (Eine Verschiebung des grammatischen Modus: vom Indikativ zum Optativ.)

• Typ (2): Oder es wirkt ein abergläubisches Prinzip. Spiegel wurden oft als zauberkräftig angesehen, sie verkünden die Zukunft, sind heilkräftig, entdecken Lügen des in sie Blickenden usw. (vgl. den Artikel im HWB d. Aberglaubens). Das Idealbild würde demnach magisch eine Veränderung des Hineinblickenden bewirken.

Vor 1705 publiziert Johann Christoph Weigel (1661–1726) ein Bilderbuch mit 66 Bildern von Narren: Ein Schock Phantastn in einem Kasten mit ihrem Pourtrait gar net in Kupffer gebracht und ausgelacht, samt einer Vorred, Nürnberg: Weigel [o.J.]. – Das letzte (je nach Buchbinder) Bild ist leer – oder eben ein Spiegel für die Lesenden:

Gar kein-Narr

Geneigter Leser; hier steht Offen
Ein Stell für dem, der nicht getroffen,
Wo sich derselbe, ohne schmieren
[schminken, schmeicheln, bestechen?]
Kan gleich hieher noch ein rangieren.
Dann wer sich dünckt stehts klug zu seyn,
Komt ohnversehns auch herein.

Digitalisat > https://archive.org/details/einschockphantas00weig

In der 1713 erschienenen »Mala Gallina« (siehe oben) lautet die Überschrift des ebenfalls leeren Rahmens (Bild 100): Gar kein Närrin

Villeicht meint manche, daß sie sey
Von disen Närrin Buch gantz frey,
Die dencke aber, daß noch hier
Ein Ort ist, vor
[für] ein närrisch Thier.
Drum ehe sie weiter gehen will,
Setz sie sich nieder in der still.

Skulptur am Rathaus in Nördlingen. (Aufnahme R. Günthart)

Kompilation von P.Michel (c/o Ges. f. Symbolforschung) im Sommer 2018

 

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Einige Literaturhinweise (chronologisch)


Wihelm Wackernagel, Über den Spiegel im Mittelalter, in: Kleinere Schriften, Bd. 1, Leipzig 1872, S. 128–142.

Ludwig Bieler, Artikel »Spiegel«, in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd. 11 (1942), Sp. 547–577.

Hans Leisegang (1890–1951), Die Erkenntnis Gottes im Spiegel der Seele und der Natur, in: Zeitschrift für philosophische Forschung 4 (1949), S. 161–183.

Gustav F. Hartlaub, Zauber des Spiegels. Geschichte und Bedeutung des Spiegels in der Kunst, München: Piper 1951.

Herbert Bröcker, Das Bild des Spiegels in der philosophischen Spekulation. Ein Beitrag zur Grundlegung der Bildungstheorie, in: Wahrheit und Wert in Bildung und Erziehung, hg. Theodor Rutt, 3. Folge (Georg Raederscheidt zum achtzigsten Geburtstag) Ratingen: Henn 1962, S. 39–65.

Herbert Grabes, Speculum, Mirror und Looking-Glass. Kontinuität und Originalität der Spiegelmetapher in den Buchtiteln des Mittelalters und der englischen Literatur des 13. bis 17.Jahrhunderts, Tübingen 1973. (406 Seiten; geht weit über das im Titel erwähnte Thema hinaus.)

Jurgis Baltrušaitis  (1903–1988), Der Spiegel. Entdeckungen, Täuschungen, Phantasien. Giessen: Anabas, 1986 (2. Auflage 1996).

Joachim Schickel  (1924–2002), Der Logos des Spiegels. Struktur und Sinn einer spekulativen Metapher [1987], hrsg. v. Hans Heinz Holz, Bielefeld: Transcript 2012.

Rolf Haubl, ›Unter lauter Spiegelbildern …‹ Zur Kulturgeschichte des Spiegels, Frankfurt a.M.: Nexus 1991.

Sabine Melchior-Bonnet, Histoire du miroir. Hachette, Editions Imago 1994.

Régor R. Mougeot, Le miroir, symbole des symboles. Paris: Éditions Dervy 1995. 

Michael Egerding, Die Metaphorik der spätmittelalterlichen Mystik, 2 Bde., Paderborn: Schönigh 1997. Band II, Seite 530–537.

Fabienne Pomel, Miroirs et jeux de miroirs dans la littérature médiévale, Rennes: Presses universitaires de Rennes 2003.

Slavko Kacunko, Spiegel – Medium – Kunst. Zur Geschichte des Spiegels im Zeitalter des Bildes, Paderborn: Fink 2010.

Alois Haas, Spiegel und Maske – Reflexionen, in: Erika Streit, Spiegelungen, Wald: DreiPunktVerlag 2015, S. 16–42 und 125–129 (Anmerkungen).

Mehr zum Thema Emblematik.

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Das waren die Programme der Tagungen 2000 und 2001

Programm der 1. Tagung  (1. Juni 2000)

   
  1. Juni 2000
  ab  9:45 Uhr   Begrüssung
  10:15 Uhr

Peter Seidmann (1925–2015)

Spiegel und Grenze – Bericht über Symbol-Praxis in kulturhistorischer Perspektive
  11:15 Uhr Alexander Schwarz Spiegelbruch – Ein Versuch, das Jahr 1500 im Jahr 2000 zu finden
       
  14:30 Uhr Fabrizio Brentini
Der Spiegel in der Malerei. Ausgesuchte Beispiele aus dem 15. bis 20. Jahrhundert

   15:30 Uhr

Cornelia Rizek-Pfister, Paul Michel, Michael Egerding

Ein spiegel âne vlecken, der in sich enphæhet den widerslac götlîches liechtes – (Panelgespräch über Texte aus der deutschen Mystik des Mittelalters)

 

Programm der 2. Tagung (31. August / 1. September 2001):

(Zum Betrachten der Exposés auf die Namen klicken; 

   

Freitag, 31. August 2001
  09:15 Uhr   Begrüssung durch den Präsidenten der Gesellschaft
  09:30 Uhr Cornelia Rizek Zauberspiegel in mittelalterlicher Literatur
  10:30 Uhr Burkhard Hasebrink

Ballspiele. Darstellbarkeit der Liebeseinheit im späthöfischen Erzählen

  11:30 Uhr Romy Günthart "wiltu wissen warumb so vil narren seind, frag den spiegel". Johann Geiler von Kaysersberg reflektiert
  Mittagspause
  14:30 Uhr Fritz Gutbrodt "Quam cernis, imaginis umbra est": Schatten und Spiegel. 
  15:30 Uhr Penny Paparunas Spiegelsymbolik in der viktorianischen Dichtung von Frauen 
  16:30 Uhr Max Nänny Funktionen der Figur des Chiasmus in der englischen und amerikanischen Literatur 
  Samstag, 1. September
  9:30 Uhr Ursula Renz

Lebendige Spiegel oder Spiegel des Lebendigen? Überlegungen zur Frage des Subjektverständnisses bei Nicolaus Cusanus 

  10:30 Uhr Philipp Michelus

Das Subjekt der Aufklärung und die Tragik des Spiegelblicks. – Zu Horkheimer/Adornos zentraler These [Das Referat musste ausfallen.]

  11:30 Uhr Thomas Krumm Spiegelmetapher und konstruktivistische Erkenntnistheorie 
  Mittagspause
  14:30 Uhr Heiri Mettler

Wiederholte Spiegelung … und kein Ende?
(Von Goethe bis Mani Matter) 

  15:30 Uhr Franziska Krähenbühl

Zum Spiegelbegriff in der Frühromantik und in der Dekonstruktion 

  16:30 Uhr Wolfgang Marx

Spiegelbild und Ichkonzept oder Der Blick des Anderen 

       

 



(Die mit gekennzeichneten Vorträge sind in Schriften zur Symbolforschung, Band 14 publiziert.)

 

Exposés

 

Romy Günthart

"wiltu wissen warumb so vil narren seind / frag den spiegel." – Geiler von Kaysersberg reflektiert


In den Jahren 1498/99 hielt Johann Geiler von Kaysersberg im Straßburger Münster einen Predigtzyklus über Sebastian Brants Buch "Das Narrenschiff", das vier Jahre zuvor mit grossem Erfolg erstmals gedruckt worden war. In der deutschsprachigen Fassung der Narrenschiffpredigten aus dem Jahre 1520, welche die primäre Textgrundlage dieses Beitrags bildet, werden der Predigtreihe über die einzelnen Kapitel des "Narrenschiffs" drei Homilien vorangestellt, die sich ausführlich damit auseinandersetzen, dass es sich beim Predigtanlass um einen volkssprachlichen, literarischen Text handelt, dessen Thema eine panoramaartige Präsentation aller erdenklicher Narren und Narrheiten darstellt. Für das Thema der Tagung besonders interessant ist die zweite dieser einleitenden Predigten, in der zum einen darüber gehandelt wird, dass und wie sich die literarische Vorlage in die Form einer Predigt umsetzen lässt. Zum andern wird Brants Buch, das vom Autor selber auch als "Narrenspiegel" bezeichnet wird, ebenso wie der geilersche Predigtzyklus, mit einem Spiegel verglichen, der dem Menschen seine Fehler aufzeigen und ihn damit zur Veränderung des makelhaften Zustandes führen soll. Johann Geiler von Kasersberg reflektiert in seinen Predigten Brants "Narrenschiff", reflektiert über diese Reflexion, entwickelt und benutzt den Spiegel als Metapher, die er auf verschiedenen Inhalts- und Reflexionsebenen neu und anderes gestaltet, immer mit dem einen Ziel, den Menschen zur Selbstreflexion und damit zur Erkenntnis seiner Fehler zu bewegen. Die verschiedenen Brechungen und Spiegelungen in den gedruckten "Narrenschiff-predigten" aufzuzeigen und zu interpretieren, soll Ziel dieses Beitrags sein

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Fritz Gutbrodt

"Quam cernis, imaginis umbra est": Schatten und Spiegel.


Ovids Erzählung von Narziss erzählt auf den ersten Blick die Geschichte einer Spiegelung. Allerdings sind bei ihm Spiegelbild und Schatten nicht deutlich voneinander zu unterscheiden. "Ista repercussae, quam cernis, imaginis umbra est": "Was du siehst, ist nur Schatten, nur Spiegelbild." Plato hat in seinem Höhlengleichnis den Schatten und das Echo als erste und stärkste Formen der Täuschung vorgestellt, die sich dem Menschen auf seinem Weg zur Erkenntnis der Wirklichkeit in den Weg stellen. Sollten die Menschen aus der Höhle ans Tageslicht gelangen, so würden sie zunächst - wie Plato ausführt - die Schatten sehen können, dann die Spiegelbilder der Menschen und Dinge im Wasser und erst allmählich die Menschen und Dinge selbst. Ganz am Schluss - und kaum ist es zu denken - würden ihre Augen die Sonne und ihr unvermitteltes Licht aushalten. Platos Warnung der Blinden vor der Blendung hat eine Stufenleiter der visuellen Wahrnehmung vorgezeichnet, in der das Spiegelbild eine Mittelposition einnimmt zwischen dem leeren Nichts des Schattens und der vollen Präsenz der Dinge. Die Reflektion und die Reflexion sind seither - und besonders seit der Aufklärung - zur Herrschaftsmetaphern der Wissenschaft geworden. Zu "privileged representations", wie Richard Rorty sie in Philosophy and the Mirror of Nature nennt. Dagegen gilt es mit Victor Stoichita zu erinnern, dass die Kunst ihren Ursprung gemäss Plinius im Schattenriss hat. Gemäss einer späteren Erzählung soll ein Mädchen den Schatten ihres Geliebten auf einer Wand festgehalten haben. Nicht das Spiegelbild, sondern der Schatten würde somit den mythischen Ursprung der Kunst entworfen haben. Wie im Mythos von Echo und Narziss ist es eine Geschichte von Liebe und Entbehrung. Nach einer Einführung zur philosophischen Fragestellung wird der Vortrag sich mit der romantischen Phantasie des Doppelgängers auseinandersetzen, in der Spiegel und Schatten als Doppelgänger einer Präsenz ohne Substanz auftreten.

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Burkhard Hasebrink

BALLSPIELE. Darstellbarkeit der Liebeseinheit im späthöfischen Erzählen

In der Nachfolge des Tristanromans stellen auch die späthöfischen 'Aventiure- und Minneromane' die Einheit der Liebenden in den Mittelpunkt ihrer Minnekonstruktionen. Doch wie 'Einheit' stets ihr Gegenteil mitzuführen scheint, geht es auch in der Darstellung der Liebeseinheit um eine Relation. 'Spiegelung' wäre nur eine Metapher für diese Relation; und auch diese Metapher will in einem Roman erst einmal erzählerisch umgesetzt sein. Ob man dabei auf eine 'Substanz' stößt, wird sich finden; sicher aber auf Formen der Textorganisation, die 'Liebeseinheit' nicht nur darstellen, sondern deren immanente Dynamik performativ umsetzen. Nicht zuletzt wäre zu überlegen, ob man dabei nicht Fragen (und Formeln) begegnet, wie sie außerhalb geistlicher unio-Modelle kaum erwartet worden wären.

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Franziska Krähenbühl

Präsenz ohne Substanz? Eine Untersuchung des Spiegelsymbols in der Frühromantik unter Bezugnahme auf Jacques Derridas différance.

In den Fichte-Studien von 1795/96 entwickelt Novalis die sogenannte Ordo-inversus-Lehre, wobei er sich auf die ursprüngliche Wortbedeutung von "Reflexion" besinnt. Diese bedeutet Spiegelung, d. h. Zurückwerfen von Licht und anderen Wellen an einer Körperoberfläche. Der Spiegel wird in der Frühromantik zu einem Schlüsselbegriff, da er ein Symbol für die intellektuelle Selbstbetrachtung, welche Friedrich Schlegel im 238. Athenäumsfragment "schöne Selbstbespiegelung" nennt, darstellt.
Die Spiegelung teilt zwei wesentliche Eigenschaften mit dem selbstreflexiven Denken. Betrachtet sich ein Ich im Spiegel, tritt eine Trennung zwischen dem betrachtenden Ich und dem betrachteten Ich ein. Zudem erscheint das gespiegelte Ich im Spiegel seitenverkehrt, da Rechts als Links und Links als Rechts reflektiert wird.
Wie in der Spiegelung spalten sich auch in der intellektuellen Selbstreflexion Subjekt und Objekt oder Betrachtendes und Betrachtetes, da Bewusstsein immer Bewusstsein von etwas ist und somit eine Dualität impliziert. Aus diesem Grund ist absolute Identität reflexiv nicht erfassbar. Die Unangemessenheit der Reflexion gegenüber der Darstellung des Absoluten kann durch einen bewussten Umgang mit dieser Verfehlung relativiert werden. Dies ist der Kern der Ordo-inversus-Lehre. Analog zur Seitenverkehrung des Gespiegelten im Spiegel ist die intellektuelle Reflexion des Absoluten "verkehrt". Diese Verkehrung kann nach Novalis nur durch eine zweite Reflexion korrigiert werden, indem die Reflexion sich selbst reflektiert. Analog zu dieser Reflexion der Reflexion kann auch das verkehrte Spiegelbild durch eine Spiegelung des Spiegelbildes wieder aufgehoben werden. Friedrich Schlegel begnügt sich im 116. Athenäumsfragment allerdings nicht mit einer doppelten Reflexion. Er steigert die Spiegelung ins Unendliche, da er "diese Reflexion immer wieder potenzieren und wie in einer endlosen Reihe von Spiegeln vervielfachen" will.
Der Gedankengang entlang des Spiegelsymbols führt von der Ontologie zur frühromantischen Sprach- und Kunsttheorie, denn der Spiegel als darstellendes Medium kann auch für die Sprache stehen. Doch die Sprache ist nach Auffassung der Frühromantiker nicht die "verkehrte" Darstellung des unfassbaren Absoluten, da es ausserhalb der Sprache kein Absolutes gibt. "Geist und Buchstabe", Stoff und Form oder, um mit Saussure zu reden, Signifikat und Signifikant sind untrennbar miteinander verbunden. Die Auffassung von Spiegelung der Ordo-inversus-Lehre muss also modifiziert werden.
Wie ist also das Spiegelsymbol in der frühromantischen Sprachtheorie zu verstehen? Welche Bezüge ergeben sich zu Derridas Konzept der différance? Ist der Spiegel letztlich gar als "Substanz ohne Präsenz" zu denken, da nach Derrida in der Sprache vielmehr die Präsenz als die Substanz verloren zu gehen scheint?
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Thomas Krumm

Spiegelmetapher und konstruktivistische Erkenntnistheorie

In unserer Argumentation soll aufgezeigt werden, daß das Spiegelsymbol keineswegs zwingend eine Korrespondenztheorie der Erkenntnis impliziert, sondern durchaus auch mit sog. konstruktivistischen Erkenntnistheorien kompatibel ist. Der Erkenntnisbegriff einer Abbildtheorie impliziert die Vorstellung, die Welt, die es zu erkennen gilt, liege für das erkennende Subjekt schon fertig vor, sie müsse nur noch wahrgenommen bzw. durch das Bewußtsein spiegelbildlich abgebildet werden. Sprechakttheoretisch geht es diesem Projekt um die Bedingungen der Möglichkeit der Formulierung wahrer, d.h. mit der Realität in spiegelbildlicher Übereinstimmung stehender Aussagen. Solche objektivistischen Vorstellungen sind in letzter Zeit vermehrt durch hermeneutisch, pragmatisch und konstruktivistisch arbeitende Autoren hinterfragt worden. Konstruktivistische Autoren stellen auf die Einsicht ab, daß das erkennende Wesen oder System nur dann über Wissen verfügt, wenn es dieses über eigene Operationen selbst hergestellt hat. Wissen bzw. Erkenntnnis ist für sie quasi Resultat selbstreferenzieller Beobachtungen. Nimmt man diese Perspektivität des Blicks ernst, können korrespondenztheoretische Erwartungen verabschiedet werden und gleichzeitig kann die Frage nach der erkenntnistheoretischen Funktion des Spiegels neu gestellt werden. Die Funktion des Spiegels scheint in der Brechung des Blickes zu liegen, die zugleich Sichtbares verdeckt und Unsichtbares sichtbar macht. Die Funktion des Spiegels liegt, so können wir schließen, in der Ermöglichung der Beobachtung des Unbeobachtbaren.

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Wolfgang Marx

SPIEGELBILD UND ICH-KONZEPT oder DER BLICK DES ANDEREN

Der entscheidende Durchbruch für die Entwicklung des Ichs beginnt, wenn das Kind imstande ist, sich selber im Spiegel zu erkennen. Von diesem Zeitpunkt ab wird das Kind fähig zur Empathie, zur emotionalen Perspektivenübernahme, und es setzt der Antagonismus von Scham und Schuld ein, der den Menschen zu einem sozialen und auch sozial akzeptablen Wesen machen soll. Ursprung der Scham ist der Blick des anderen, der mich zu einem Objekt macht, das taxiert, bewertet, gar abgewertet wird. Scham kann abgewehrt werden, aber auch entarten ("Ehre"). Das Schuldgefühl entspringt der Empathie für das Leid der anderen und soll eine spontane Bereitschaft zur Hilfestellung auslösen. Der Antagonismus dieser beiden Gefühle soll zu einer optimalen Ausbildung der Ich-Grenze führen: Scham soll vor zu grosser Öffnung und Schwächung bewahren, Schuld vor allzu grosser Verhärtung und Abschliessung. In diesem Wechselspiel soll das Kind zu einem eigenständigen und zugleich doch auch sozialen Wesen werden. Die Soziabilität ist keine Frage der Vernunft, sondern wesentlich eine des Gefühls ("Descartes' Irrtum"). Die Assoziation des Schuldgefühls mit Regelverstössen ist nicht naturgegeben, sondern Ergebnis einer konsequenten Konditionierung, die das Faktum ausnutzt dass Verhaltenskontrolle effektiver an Schuld als an Scham geknüpft werden kann. Abschliessend soll noch diskutiert werden, was der Verlust bzw. Verkauf des Spiegelbildes in psychologischer Sicht bedeutet.

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Heiri Mettler

Wiederholte Spiegelung ... und kein Ende? (Von Goethe bis Mani Matter)

Präsenz ohne Substanz. Die Definition des Spiegelbilds wird im Falle wiederholter Spiegelungen noch verwunderlicher. Weder im Spiegel noch mit ihm greife ich nach nach einem Etwas, das sich in ihm spiegelt, oder nach einem Jemand. Auch unterlasse ich es, auf dem Spiegel wie auf einer Leinwand nach einem Farbauftrag zu suchen.
In Geradehineinstellung von mir weg auf Körperliches ausser mir gerichtet, erfährt diese meine Intention mit der Spiegelung eine Brechung, eine radikale Hemmung, ja Unterbrechung. Ich werde mich und was mit mir zusammen neben und hinter mir ist, nicht los. Komme ich dabei einfach auf mich und meinen Hintergrund zurück, statt aus mir herauszugehen, auf andere und anderes hin? Die Gewohnheit des Autofahrens mit dem Blick durch die Frontscheibe in Fahrtrichtung einerseits und anderseits in der Gegenrichtung auf den Rückspiegel scheint ein einfaches Hin und Zurück nahezulegen.
Indem ich es mir vorstelle, räumlich vor mich hin stelle und diese Vorstellung umzukehren und lediglich zurückzubuchstabieren versuche, verstelle ich mir von vornherein als eine Angelegenheit innerhalb eines fix vorgegebenen Raumes, als eine Verschiebung auf dem selben Geleise vorwärts und rückwärts, was es heisst, aus mir heraus und in mich gehen zu können.
Goethe nennt die Spiegelung, insbesondere die Farberscheinung wiederholter Spiegelung innerhalb durchsichtiger Körper Symbol. Der Spiegel, der den Blick im Gegensatz zur Frontscheibe des Autos nicht durchlässt, diese manifeste General- und Radikalhemmung der Blickrichtung, der auf anderes und andere gerichteten Gerade- hineinstellung, die den Blickstrahl ineins mit dem Lichtstrahl aufhält und zurückzwingt, die Intention bricht und dabei nicht etwa schwächt, sondern zur Reflexion bringt, macht darauf aufmerksam, was das heissen könnte: aus sich heraus und in sich gehen, sich draussen beeindrucken lassen und dies sich selbst und andern wiederum zum Aus-druck, zur Sprache bringen und so mündlich und erst recht schriftlich ein Zeichen setzen, dass man sich fortan mit andern zusammen daran erinnern kann.
Erst die wiederholte Spiegelung zeigt, was Spiegelung sein könnte, seis mit Goethe die in der entoptischen Intensivierung der Farberscheinung erkannte Steigerung der ursprünglichen Wahr-Nehmung durch eigene Er-Innerung, verstärkt durch die Erinnerung anderer, seis mit Mani Matters berndeutschem Chanson "Bim Coiffeur" "es metaphysischs Grusle", der Abgrund des Selbstverlusts, der Endlosigkeit, dem sich nur ein Ende setzen lässt, indem man/frau fluchtartig den Salon verlässt.

  Heinrich Mettler (1939–2014)
Heinrich Mettler doktorierte 1968; 1976 habilitierte er sich an der Universität Zürich; von 1978 – 1994 war er als Gymnasiallehrer und Privatdozent tätig. Während dreier Jahrzehnte verband er die Lehrtätigkeit am Gymnasium mit jener an der Universität. Er veröffentlichte (zusammen mit seinem Kollegen Heinz Lippuner) mehrere Publikationen, in denen ein Zusammenwirken von Forschung, Lehre und Unterricht angeregt wurde. Legendär waren die Seminare, die von Studenten und Gymnasiallehrkräften mit Gewinn besucht wurden.
Aus seinen Interessensgebieten seien exemplarisch herausgegriffen die Disputationskultur bei Lessing (vgl. seine Studie »Lessings unabdingbares Bedürfnis, mit Freunden zu disputieren« 1985) und Schillers »Wilhelm Tell«, insbesondere die Wirkkraft der Identifikationsfigur Tell. Er war aber nicht nur ein profund ausgebildeter Germanist, sondern beschlagen in der Antike und in der italienische Renaissance. Er ging dem Einfluss der Psychoanalyse auf die moderne Literatur nach und umgekehrt den literarischen Wurzeln der Psychoanalyse.
Heiri Mettler hat regelmäßig an unseren Kolloquien teilgenommen; seine horizont-erweiternden Voten in den Diskussionen werden wir sehr vermissen.

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Philipp Michelus

Das Subjekt der Aufklärung und die Tragik des Spiegelblicks. – Zu Horkheimer/Adornos zentraler These

Einzelne philosophische Zeitschriften sind soweit, dass sie nicht mehr über den "Tod des Subjekts" selbst, sondern über Sinn und Unsinn einer Wandlung dieses Begriffs zum Schlagwort philosophieren; das Taschentuch zum Abschied vom Subjekt der cartesisch-kantischen Tradition flattert etwas müde im Wind - und jetzt kommt einer daher, der seine Stockflecken wieder aufbessern will? Die prägnanten Formulierungen einzelner Fragmente der Dialektik der Aufklärung sollen in diesem Beitrag wieder entschlüsselt werden, die geheimnisvolle Rede von einer Vernunft, deren Emanzipation von Natur sich in Abhängigkeit von naturbeherrschenden Mächten wandelt, die selbst naturwüchsige Gestalt annehmen, soll wieder nachvollzogen werden - allerdings nicht allein begrifflich argumentativ, sondern auch im Versuch, einige literarische Aufklärungssubjekte bei ihren Spiegelblicken zu beobachten. Der Spiegel als Interpretationsmetapher für einzelne Thesen der Dialektik der Aufklärung? Ja, so ähnlich. Und vielleicht wird es sogar möglich sein, einen Spiegelblick für jenes Subjekt zu konstruieren, das als ein mit der Natur Versöhntes im Sinne Horkheimers und Adornos der Tragik des aufgeklärten Subjekts entgehen soll? Das Schlimmste was dabei herauskommen kann: (m)eine Präsenz ohne Substanz.

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Max Nänny (1932–2006)

Sprachliche Spiegelungen von Spiegelungen

Spiegelungen als Motiv in Mythos und Literatur (Narziss, Eva) werden fast ausschliesslich thematisch oder komparatistisch angegangen. Mein Vortrag ist nun als Beitrag zur ikonischen (im semiotischen Sinne) Erforschung literarischer Texte gedacht. "Ikonische" Erforschung heisst hier, dass speziell auf die Beziehung von Inhalt und Form geachtet wird. Nach einer kurzen Einführung zu möglichen ikonischen Funktionen der rhetorischen Figur des Chiasmus (1-2-3 : 3-2-1) werde ich anhand einiger Beispiele aus der englischen und amerikanischen Literatur seit der Renaissance zu zeigen versuchen, wie in Prosa- sowie Gedichtpassagen, in denen es um eine Spiegelung geht, diese Passagen selbst einer formalen Spiegelung unterworfen werden, indem sie chiastisch strukturiert werden. Textbeispiele von folgenden Autoren sind vorgesehen: Shakespeare, Milton, Addison, Keats, Coleridge, Wordsworth, Joyce und Woolf.

 

Thomas Hermann, Erinnerungen an Max Nänny, in: Andreas Fischer, Es begann mit Scott und Shakespeare. Eine Geschichte der Anglistik an der Universtität Zürich, Zürich: Chronos 2016, S.180–182.

Die University of Pennsylvania verleiht einen »Max Nänny Prize for best article in Word and Image Studies «

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Ursula Renz

Lebendige Spiegel oder Spiegel des Lebendigen? Überlegungen zur Frage des Subjektverständnisses bei Cusanus im Ausgang von seinem Umgang mit der Spiegelsymbolik

Wer sich mit Nicolaus von Kues befasst, ist bald einmal mit vielen Mutmassungen über den philosophischen Ort seines Denkens im Übergang zur Neuzeit konfrontiert. Cusanus wird gern als einer der Väter neuzeitlichen Denkens in Anspruch genommen. Von besonderem Interesse ist dabei die These, dass sich in den cusanischen Denkfiguren ein neues Verständnis menschlicher Subjektivität anzeige. In meinem Vortrag möchte ich diese These anhand von Cusanus Umgang mit der Spiegelsymbolik diskutieren. Thematisiert Cusanus durch seine Verwendung des Spiegels als eines der vielen Bild-Modelle seines Denkens tatsächlich Aspekte der Subjektskonstitution? Und wenn ja - wodurch wird dann bei Cusanus Subjektivität konstituiert?

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Cornelia Rizek-Pfister

Zauberspiegel in mittelalterlicher Literatur

Präsenz ohne Substanz lässt sich durchaus auch ohne Spiegel denken; Schatten, Geistererscheinungen, Hologramme ... - Doch um ein Hologramm, also ein dreidimensionales Bild in der Luft, zu erzeugen, werden (unsichtbare) Spiegel benötigt; und raffinierte Spiegel-Anordnungen lassen scheinbar Geister erscheinen. Und um Gottesvorstellungen zu visualisieren, erfreute sich das Bild der gespiegelten Sonne grosser Beliebtheit. Der Spiegel ist kein Ding wie jedes andere, besonders wenn es um Geheimnisvoll-Göttliches oder um Zauberei geht. Spiegelungen sind das Mittel par excellence, um verformte, verzauberte Bilder zu schaffen. Sie sind ein wunderbares Werkzeug der Manipulation.
Zauberspiegel finden sich u.a. in Texten von Wolfram von Eschenbach, Heinrich von Veldeke und Paracelsus; es gibt Spiegel ganz unterschiedlicher Ausrichtung und Machart. Mich interessiert allerdings jeweils besonders die Bedeutung und Funktion einer Spiegel-Erwähnung sowie deren Einbettung in den Gesamttext. Spiegel wurden sehr häufig im Zusammenhang mit dem Spannungsfeld Wahrheit / Täuschung gesehen; gibt es Hinweise, dass der Text selbst an dieser Stelle täuscht? Könnte man ihn als zweideutig lesen? Wird das Zauberhafte des Spiegels als Taschenspieler-Trick, als Wunder der Natur oder als Sichtbarmachung und Präsenz geisterhafter, dämonischer oder göttlicher Mächte verstanden? Welche Hinweise gibt der Text auf solche Deutungen? Gibt der Text Hinweise darauf, dass und wie das Spiegelbild gedeutet wird?

Das Referat wurde eingearbeitet in den einleitenden Aufsatz des Buchs.

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Penny Paparunas

Trouble with the "I / Eye": Mirrors in Victorian Women Poetry

Victorian women poets have received - apart from the canonical 'big three', Elizabeth Barrett Browning, Christina Rossetti and the American Emily Dickinson (and to a lesser extent perhaps Emily Bronte) - little critical attention in the past. Its is only with the recent publications of the anthologies by Leighton / Reynolds (1995) and by Armstrong / Bristow / Sharrock (1996) that so-called 'minor Victorian women poets' such as Augusta Webster, Mary Coleridge, Constance Naden or Michael Field have reached a wider audience.
Three recurring and related images within Victorian women poetry - the mask, the picture and the mirror - point to the obstacles women encountered in establishing and identifying themselves as poets in a society which on the one hand labelled them as sentimental, 'writing from the heart' and which on the other hand was surprised at their mere existence. The mirror image prevails in the second half of the century. It seems as if the woman wants to free herself from the implicit Pygmalion-like, male observer / voyeur / artist who represents her "not as she is, but as she fills his dream" (Rossetti). In occupying the male's position, the woman can watch herself in the mirror and thus arises as both subject and (reflected) object. The looking-glass can take various forms, it comes to us as the conventional requisite in a woman's private room but it can also take, for example, the shape of a small cup or the eye; all of them thus constitute 'outward mirrors'. Mirrors can also appear as visual self-images created by the woman, that is, reflections which are not the origin of an outward, identifiable object; we may hence speak of 'inward, non-identifiable mirrors'.
The mirror serves to unite the divided I, subject and object, and this meeting may end in a reassertion of identity or in a trauma-like experience - a reflection which is unsettling, horrifying and uncanny. The various and often strange self-encounters Victorian women poets depict in their poetry indicate the deep-rooted split in the female self. This paper will draw attention to how women attempt to overcome this split which the Victorian age has fragmented or suppressed. At stake then is, whether the female gaze can return or overcome the determining male gaze (which turns women into an icon) and whether women can ultimately articulate their presence. This paper will particularly focus on these 'minor Victorian women poets' and terminology drawn from gender and psychoanalytic theory will be used.

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Daraus entstand des Buch »Präsenz ohne Substanz« = Schriften zur Symbolforschung, Band 14 Bestellung direkt beim Verlag

Der einleitende Aufsatz zum Buch hier

(Als PDF-Datei; nicht ausdruckbar, damit der Verlag das Buch verkauft ...)

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