Buchdruckerzeichen und Verlagssignete

Einleitung

 

Während Schreibstuben in Klöstern Bücher nach Bedarf kopierten, konnte man mit dem Buchdruck Bücher auf Vorrat produzieren; auch gab es bald mehrere Buchdrucker, d.h.: Es entstand ein Markt, und damit Konkurrenz und das Bedürfnis, die eigenen Erzeugnisse als solche hervorzuheben. Das konnte unterstützt werden mit einem einprägsamen graphischen Zeichen.

Insofern als in früheren Zeiten Buchdrucker und Verleger oft in Personalunion agierten, lässt sich eine exakte Unterscheidung in Buchdruckerzeichen und Verlagssignete nicht durchführen. Gelegentlich steht im Impressum "getruckt bey XX / in Verlegung von YY". Schließlich haben auch die Verfasser einen Einfluss auf die Gestaltung der Titelseiten und lassen dort Embleme mit ihren Wunsch-Ideen anbringen.

aus: Hans Sachs / Jost Amman, Eigentliche Beschreibung aller Stände auff Erden …, Gedruckt zu Franckfurt am Meyn bey Georg Raben/ in verlegung Sigmund Feyerabents M.D.LXVIII.

Die Aufgaben von Buchdrucker und Verleger lassen sich aber sehr wohl unterscheiden.

Der Buchdrucker (oder die Buchdruckerin; es gab immer auch Witwen, die das Unternehmen weiterführten) ist mit der handwerklichen Seite beschäftigt: Beschaffung von Papier (bis ins 19.Jh. aus Textilien, nicht aus Holz); Entwerfen und Gießen der Metall-Typen; das Setzen und sofortige Korrekturlesen (der Vorrat an Typen reichte meist nur für den Druck weniger Seiten und musste dann wieder aufgelöst und abgelegt werden); der eigentliche Druck; das Binden.

Der Verleger trägt das geschäftliche Risiko. Er wählt Bücher aus, die marktgängig sind oder seiner Meinung nach eine gesellschaftliche Funktion haben (gegebenenfalls muss er die einen mit den andern quersubventionieren); er bezahlt den Verfassern Honorare; er vergibt den Druckauftrag; er stellt die Bücher auf Messen vor.

Dazu ein Streiflicht: Josua Maaler (1529–1599), Stiefbruder der Froschauer-Söhne, besuchte auf seiner Rückreise aus England und Holland 1551 den damals bereits 61-jährigen Christoph Froschauer auf der Herbstmesse in Frankfurt, wo er von diesem während zehn Tagen beherbergt wurde. (Froschauer erwähnt die Frankfurter Büchermessen seit 1522; er hat sie innerhalb von 30 Jahren nur ausnahmsweise nicht besucht.) Im Reisetagebuch schreibt Maaler:

Und wyl ich im in synem Buchladen nit unnütz war, als der ich von Kindswesen uff im Buchladen glych als ufferzogen war, gar kommlich [passend, nützlich] auch frömden Leuten in Latein und Französisch antworten und Bescheyd geben konnt, wolt er mich gar nit von im lassen, bis das die Meß wölt enden. Ich hat übel Zyt mit Bücher uff und abtragen, konnt nienenhin entrinnen die Statt zu besehen, als dann in järlichen Märkten sich mancherley da sehen läßt.

Friedrich Kapp: Geschichte des Deutschen Buchhandels bis in das siebzehnte Jahrhundert. Band 1, Leipzig 1886, S. 448–522. > http://www.zeno.org/nid/20003818233

Es gibt keine verbindliche Terminologie: Druckerzeichen – Marke – Signet – Vignette – modern wäre: Firmen-Logo.

Eine Chronologie ist schwer festzumachen. Die ältesten Druckerzeichen sind die von Fust und Schöffer 1462. Die Blütezeit ist das 16. / 17. Jahrhundert. Johann Zainer in Ulm (gest. ca. 1523) beispielsweise verwendete keine Druckerzeichen. Ebenso um 1700 Johann Ludwig Gleditsch in Leipzig. Wenige Nachzügler bis Ende 19.Jh.

Die Druckermarken sind (im Gegensatz zu den heutigen Logos!) nicht immer eindeutig zuzuordnen; sie wurden oft von Nachfolgern oder anderen Druckern nachgeschnitten. — Oft hat ein und derselbe Drucker Nachschnitte der Marke oder auch verschiedene Marken benutzt.

Interessant sind die verschiedenen Symbolisierungstechniken (die sich nicht säuberlich trennen lassen):

  • Name – in Initialen umgesetzt – diese zu einem geometrischen Gebilde montiert;
  • Das Familienwappen (Gemeine Figur oder/und die Schildhalter) wird als Druckermarke verwendet;
  • ›Sprechender‹ Name (Familienenname oder Ort, wo die Offizin sich befindet) – in ein Bild umgesetzt (z.B. ein Tier);
  • Programm des Verlegers/Drucker visualisiert;
  • Moralische Idee des Autors (Wunsch, den er dem Buch mitgeben will; wie der Inhalt des Buches grundsätzlich aufzufassen sei; o.ä.) visualisiert;
  • Am Ort, wo normalerweise eine Druckermarke steht, wird mit einem Bild auf den Inhalt des Buchs verwiesen.

Die Druckermarken sind verwandt mit den

Emblemen, insofern als es sich oft um ›spannende‹ Bild-Text-Bezüge handelt; insofern ein erklärendes Epigramm fehlt, haben diese Gebilde nicht die dreiteilige Grundform der Embleme. — Die Vermutung, die Buchdrucker hätten sich bei den Emblematikern bedient, ist nur zum Teil richtig; oft ist es umgekehrt, wie Anja Wolkenhauer (2002) gezeigt hat.

Notarssigneten, vgl. die diesbezügliche Datenbank auf "Grundwissenschaften online" der LMU München. Auch hier wird eine Körperschaft durch ein einzigartiges ›Logo‹ erkenntlich gemacht; freilich ist die Funktion hier nicht ein Alleinstellungsmerkmal im Konkurrenzkampf, sondern Bekräftigung einer Urkunde.

Hier folgt eine willkürliche Auswahl aus der riesigen Menge der Buchdruckerzeichen; man erwarte keine profunde Geschichte des Buchdrucks oder prosopographische Studien oder ästhetische/stilistische Erörterungen! Im Zentrum steht die ikonographische Bestimmung.

Vgl. die Literaturhinweise (unten an dieser Seite).


 

Übersicht

 

❖ Noch ohne Druckermarke

Inkunabeln

❖ Signete wie Warenzeichen / Hausmarken, zusammengesetzt aus Lettern, den Initialen des Druckers / Verlegers

Grüninger

Schöffer

Furter

Chevallon

Adam Petri

Endter

❖ Familenwappen und Ähnliches

Erhard Ratdolt

Fortunio Liceti

Sigmund Grimm

Johann und Friedrich Lüderwaldt

❖ Aus dem Namen des Druckers/Verlegers oder des Druck-Orts hergeleitete Bilder

Johannes Hager

Christoffel Froschauer

Henricpetri

Gryphius / Griffio

Peter Schmid

Johannes Wolf

Maurice George Veneur

Melchior Haan

Matthias Biener (Apiarius)

Druckerei im Haus zum Hahnen

Thomas Fisher

Hugues de la Porte

 

Michael Furter in Basel

Renatus Beck, zum Thiergarten

Sebastian Nivellius 

❖ Bild-Text-Verbünde, die ein Bekenntnis des Verlags zum Programm der Publikationen darstellen

Johannes Froben

Christoffel Plantijn

Thomas Wolf

Michael Hubert

Johannes Knobloch – Francesco Marcolini – David Herrliberger

Lazarus Zetzner und Erben

Marco Antonio Giustiniani

Philippo Picinelli

❖ Embleme, die das Programm des Verfassers kundtun / sich auf den Text des Werks beziehen

Johann Fischart

Johannes Kepler

Thomas Fritsch

Comenius

Gundlingiana

❖ Emblem-artige Druckermarken mit vagen moralisierenden Bezügen

Robert Estienne

Anselmo Giaccarelli

Johann Oporin

Sigmund Feyerabend

Girolamo Scotto

Joh. Caspar Bencard

Wilibald Kobolt

Balthasar Kühn

Martin Zeiller

Johann David Zunner

❖ Bilder die am Ort / anstelle der Druckermarke auf den Inhalt des Buches verweisen

Dares Phrygius

Conrad Gessner

Jakob Ruoff

Johann Fischart

Olorinus Variscus

❖ Ornament am Ort einer Druckermarke

Zacharias Chatelain

❖ Seltsames, Unerklärtes

Augustin Frieß

Johann Gymnich

Gérard Morrhe

Johann Naumann

Gottfried Hautt

Colinaeus / Chaudière

Ein Reprint

Nachleben

Thomas Platter / Balthasar Lasius

18. Jahrhundert bis zur Gegenwart

❖ Kleines Fazit

Literaturhinweise und Hilfsmittel


❖ Frühe Drucke noch ohne graphisches Signet

Ein Beispiel aus einer Inkunabel. Das Kolophon enthält den Text:

Explicit liber de proprietatibus rerum editus a fratre Bartholomeo anglico ordinis fratrum minorum. Impressus Argentine Anno domini M.cccc.xcj. Finitus altera die post festum sancti Laurentij martyris.

[Bartholomaeus Anglicus] Liber de proprietatibus rerum , Straßburg 1491. — Der Druck wird Georg Husner zugeschrieben. > https://www.deutsche-biographie.de/sfz36113.html

 


❖ Warenzeichen – abstrakt oder aus den Initialen,
       oft versehen mit weiteren Attributen

Lange Zeit sahen die Bruchdruckermarken so aus: Einfache Formen aus geraden Linien, Haken, Kreuzen, Winkel, Sparren, Stern; gelegentlich auch einfache figürliche Darstellungen. Die dabei verwendeten Buchstaben würde man typographisch als Capitalis monumentalis bezeichnen.

Wegen der Nähe zum Material drängt sich ein Bezug zu • Wasserzeichen auf, mit denen die Hersteller von Papier ihr Produkt signiert haben. Weil diese Figuren aus gebogenen Drähten hergestellt sind, zeigen sie in der Regel runde Formen, während die Buchdruckerzeichen mehrheitlich aus Geraden und Winkeln bestehen.

> https://www.wasserzeichen-online.de/wzis/index.php

Am wahrscheinlichsten ist die Verwandtschaft mit • Hausmarken und Herkunftsangaben in der handwerklichen Kultur (• Beschauzeichen der Zimmerleute, Steinmetze, Tuchweber).

Carl Gustav Homeyer, Die Haus- und Hofmarken, Berlin: Königl. geh. Ober-Hofdruckerei (Decker) 1870; vgl. dort die Tafeln hinten im Buch. > http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10551560_00007.html

Evamaria Engel, Signum Mercatoris – Signum Societatis. Zeichen und Marke im Wirtschaftsleben deutscher Städte des Spätmittelalters. In: Symbole des Alltags – Alltag der Symbole, Festschrift für Harry Kühnel zum 65. Geburtstag, hg. von Gertrud Blaschitz u.a.; Graz: ADVA 1992, S. 209–231.

Kurze Übersicht von Bernhard Peter > http://www.welt-der-wappen.de/Heraldik/hausmarke.htm

Auch ein Bezug zur • Heraldik ist möglich, wo sehr ähnliche Gestalten als Gemeine Figur vorkommen. Diese finden sich auch als Monogramme von Zeicnern und Formschneidern.

Ottfried Neubecker, Großes Wappen-Bilder-Lexikon der bürgerlichen Geschlechter Deutschlands, Österreichs und der Schweiz, München: Battenberg 1985; S. 777–815.


Beispiele: Druckermarke (unter dem ›Impressum‹ auf der letzten Seite des Buches):

Boetius de Philosophico consolatu siue de consolatione philosophiae: cum figuris ornatissimis nouiter expolitus, Argentinae [Straßburg]: Grüninger 1501. (Das Monogramm zeigt die Initialen von Markus und Johannes Reinhard, genannt Grüninger; > Artikel zu Johann Grüninger]

Auch im folgenden Beispiel (Johann Schöffer in Mainz 1505) sieht man die Druckermarke unter dem Kolophon auf der letzten Seite des Buches:

Romische Historie / Uß Tito Livio gezogen. Mentz: Schoffer, 6. März 1505

Michael Furter (vor 1483 bis um 1517 in Basel) placiert seine Initialen bereits auf der vordersten Seite, phantasievoll gerahmt. (Oben gekrönter Löwe und gekrönter Bär; unten am Baum untertänige Herdentiere Pferd und Schaf.)

[Johann Ulrich Surgant], Manuale curatorum predicandi prebens modum, tam Latino quam vulgari sermone practice illuminatum : cum certis aliis ad curam animarum pertinentibus, omnibus curatis tam conducibilibus quam salubris [Basel: Michael Furter 1503] > http://doi.org/10.3931/e-rara-41453

Das Signet von Berthold Remboldt († 1518) / Claude Chevallon (1479–1537) ist hier gerahmt in eine heraldische Schmuckkartusche mit Schildhaltern. – Die Witwe von Berthold Rembolt, selbst Buchdruckerin, heiratete in zweiter Ehe Claude Chevallon. (Bei den Lebensdaten liest man Verschiedenes …).

Reductorii moralis fratris Petri Berchorii libri quatuordecim ; perfectam officiorum atque morum rationem ac pene totam nature complectentes historiam nusquam hactenus excusi gentium: summa fide ac diligentia ad vetera exemplaria castigati. Parrisijs: apud Claudium Cheuallon […] mensis Martij die .xij. Anno dni Millesimo quingenetsimo vigesimoprimo [1521]. [Ausschnitt]

Exkurs 1: Seltsam ist die öfters vorkommende, wie die moderne Ziffer 4 aussehende Form im Monogramm; in der Hausmarken-Kunde wird sie ›Vierkopfschaft‹ genannt; in der Heraldik spricht man von einem ›Haken‹. Hier weitere Beispiele aus Silvestre (1853) und ein modernes; vgl. unten bei Endter.

                 

   

Die arabische 4 wurde im 15./16.Jh. anders geschrieben, und um das astronomische/astrologische Zeichen für Jupiter ♃ kann es sich nicht handeln:

   

Fachleute sagen, man solle diesen Figuren keine Bedeutung unterlegen; sie sind arbiträr; sie werden so gezeichnet, dass sie mit einfachen Mitteln realisiert werden können und sich von anderen deutlich unterscheiden. – Bei Hausmarken im engeren Sinn könnte man an einen stilisierten Wimpel auf dem Dach denken.

Auf Bildern des 17. Jhs. sieht man gelegentlich Kisten, Ballen oder Säcke, die solche Warenzeichen tragen.

Holzschnitt von Christoph Murer (1558–1614) in: Novae sacrorum bibliorum figurae, mit latinischen und teutschen Versen aussgelegt / durch M. Samuelem Glonerum poetam laureatum, Strassburg: getruckt bey Christoff von der Heyden 1625; zu Apokalypse 17 > http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-31324

Christoph Weigel, Abbildung der gemein-nützlichen Haupt-Stände 1698; hier aus dem Reprint: [Ps.-Abraham a Sancta Clara] Etwas für Alle/ Das ist: Eine kurtze Beschreibung allerley Stands- Ambts- Gewerbs-Persohnen/ Mit beygedruckter Sittlichen Lehre und Biblischen CONCEPTEN, […] Verlegt und mit Kupffern vermengt Durch Christoph Weigeln […], Würzburg, Martin Frantz Hertz für Christoph Weigel, 1711.

Der Textverfasser und Verleger Christoph Weigel hat sich in dem auf der Kiste gezeichneten Warenzeichen gleich selbst noch präsentiert: C W. – Formschneider signieren in der oben erwähnten Bilderbibel von 1625 hie und da auf im Bild dargestellten Gegenständen.

A. Sabatier vermutet, die 4 könnte ein Nachvollzug der Linie sein, die die Hand beim Kreuzzeichen macht. Es könnte auch eine Überlagerung des Kreuzeszeichens mit einem die Trinität evozierenden Dreieck sein. Damit stellte sich der so Unterzeichnende mit seiner Offizin unter göttlichen Schutz. Antoine Sabatier, Les signatures ouvrières au quatre de chiffre. Bulletin archéologique, historique et artistique Le Vieux Papier, Lille: Imprimerie Lefebvre-Ducrocq 1908 (Digitalisat der BNF).

Es ist auch schon vermutet worden (Mehul Shah), das Zeichen stamme ab von dem aus Chi (X) und Rho (P) zusammengesetzten CHRistusmonogramm ☧, und zwar in der Variante, wo das X gedreht als Kreuz + erscheint, als sog. ›Crux monogrammatica‹ oder Staurogramm, das auch seitenverkehrt (wie die 4) vorkommt.

Exkurs 2 (zur Druckermarke von Remboldt): Dass oben eine Sonne abgebildet ist, versteht man, wenn man zuunterst auf der Seite liest, wo die Offizin steht: sub Sole aureo. – Aber warum zwei Löwen als Schildhalter? Sonst hat Chevallon seinem Namen entsprechend Pferde:

[Guillaume Pepin, O.P], Expositio in Exodum iuxta quadruplicem Sacrae Scripture sensum literalem scilicet moralem, allegoricum et anagogicum, Parisijs: apud Claudium Cheuallonium 1534. Quelle > Biblioteca Virtual del Patrimonio Bibliográfico

Oben das Monogramm von Adam Petri; unten das Monogramm des Graphikers/Holzschneiders Vrs Graf.

[H.Loriti, genannt Glarean] De Ratione Syllabarvm Brevis Isagoge, qua nulla magis succincta esse poterit, HENRICI Glareani Heluetij, Poeta Laureati, Adam Petri 1516.
> https://books.google.ch/books?id=MptbAAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_s

 

Kombination des Monogramms mit Bildern und Texten

Druckermarke der Nürnberger Verleger/Buchdrucker/Buchhändler Wolfgang Endter d.J. (1622–1655) und seines Onkels Johann Andreas Endter (1625–1670) > https://data.cerl.org/thesaurus/cnp01878342.

Zunächst ein Buch, auf dessen Deckel das typographische Signet aus den Buchstaben W, I, E.; darauf eine Schreibfeder; das ganze steht in einer Landschaft, in einem Teich schwimmen Enten passend zum Namen Endter. In der Banderole MISERICORDIA DOMINI NON HABET FINEM (Die Barmherzigkeit des Herrn hat kein Ende).

[Georg Philipp Harsdörffer, 1607–1658] Der Geschichtspiegel/ Vorweisend Hundert Denckwürdige Begebenheiten/ Mit Seltnen Sinnbildern/ nutzlichen Lehren/ zierlichen Gleichnissen/ und nachsinnigen Fragen aus der Sitten-Lehre und der Naturkündigung; Benebens XXV. Aufgaben Von der Spiegelkunst / An das Liecht gesetzt/ Durch Ein Mitglied der hochlöblichen Fruchtbringenden Gesellschafft, Nürnberg: in Verlegung Wolffgang des Jüngeren und Johann Andreae Endtern 1654.

Dann wird das Signet ausstaffiert. Lesen wir, wie Johann Heinrich Gottfried Ernesti in »Die Wol-eingerichtete Buchdruckerey«, Endter 1721 das ›Symbolum‹ beschreibt:

»Zum Symbolo stellet er ein Buch, darauf eine Schreibfeder lieget mit dem Handels-Signet, ein mit Wasser durchströmtes Erdreich, in Wasser schwimmen ein paar Enten. Neben stehet eine Jungfer mit einem Zweig voller Granaten in der rechten Hand, so mit der linken die aus den Wolken stralende Sonne zeiget. Zur andern Seite ist abermal eine Jungfer, eine brennende Lampe in der rechten, und in der linken einen über die Wolken hinweg fliegenden Zettel haltend, darauf diese Worte zu lesen: Misericordia Domini non habet finem. Auf der Erde lieget ein anderer Zettel mit den Worten: In solo Deo spes nostra unica. Die Allusion auf den Namen ist nicht undeutlich abzunehmen.«

Erasmi Francisci Ost- und West-Indischer, wie auch Sinesischer Lust- und Stats-Garten : Mit einem Vorgespräch Von mancherley lustigen Discursen; In Drey Haupt-Theile unterschieden. […] Nürnberg/ In Verlegung Johann Andreæ Endters / und Wolfgang deß Jüngeren Sel. Erben. Anno M.DC.LXVIII. [1668]

Michael und Johann Friderich Endter sowie Martin Endter haben das Druckerzeichen dann abgeändert. Die ›Endten‹ sind zwar noch da, aber die nicht-endenwollende Misericordia Domini ist einem herberen Spruch gewichen: RESPICE FINEM ET NON PECCABIS (Bedenke das Ende und du wirst nicht sündigen). Um die drängende Zeit zu visualisieren, bewegen sich die Sonne und Luna (beide weiblich gekleidet) um eine Sonnenuhr herum, die an einer abgebrochenen Säule angebracht ist.

[Wolf Helmhardt von Hohberg, 1612–1688] Georgica Curiosa Aucta. Oder: Des auf alle in Teutschland übliche Land- und Haus-Wirthschafften gerichteten, hin und wieder mit vielen untermengten raren Erfindungen und Experimenten versehenen, auch einer mercklichen Anzahl Kupffer weiter vermehrt und gezierten Adelichen Land- und Feld-Lebens Anderer Theil: In dessen Sechs Büchern gehandelt und beschrieben wird Wie die Bau-Gründe und fruchtbaren Felder auf das nützlichste und ersprießlichste anzurichten; wie sowol die Gestüttery, Abricht- und Wartung der Pferde, ... zu warten und in Nutzung zu bringen ... bey diesen vierdten Druck allenthalben an vielen Orten vermehrt und gebessert worden. Durch ein Mitglied der Hochlöbl. Fruchtbringenden Gesellschafft ans Liecht gegeben, Nürnberg: Martin Endter 1701.

Hinweis zur Buchdruckerfamilie Endter > http://www.zeno.org/nid/20011434910


❖ Familenwappen und Ähnliches

Unter dem Einfluss Mercurs

Erhard Ratdolt (Augsburg, 1447 bis um 1527/1528) stellt sich dar als ein Planetenkind des Mercur, welcher – wie alle 7 geburtsgebietenden Planeten – seine Eigenschaften auf seinen Schützling überträgt; bei diesem Planten sind dies handwerklich-künstlerische Fähigkeiten.

Tabule directionum profectionum[u] famosissimi viri Magistri Joannis Germani de Regiomonte in natiuitatibus multum vtiles Auguste vindelicorum, 4. nonas Januarij. 1490 Erhardique Ratdolt mira imprimendi arte
> https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb11303391_00309.html

Zwei Beispiele aus astrologischen Werken:

Kurt Pfister, Die primitiven Holzschnitte, München 1922, Tafel 32 (gibt als Quelle nur an: Zürich, Stadtbibliothek, niederländisch um 1460)

Cy finist le compost et kalendrier des bergiers nouvellement fait et compose avec pluseurs enseignemens bons et salutaires Imprime a paris par Guyot marchant Lan de grace Mil cccc. iiii xx. et xi. [1491] fol. g iii
> http://www.bvh.univ-tours.fr/Consult/index.asp?numfiche=905

Die beiden Schlangen sind kennzeichnend für Mercur, vgl. unten bei Liceti und Froben; ebenso die geflügelten Füße; der Stern vor der Scham ist für diese Bildgattung typisch; den Geldbeutel lässt Ratdolt dezenterweise weg.

»Seinen Kindern verleiht er [M.] die offene Empfänglichkeit für alles Wissenswerte, die Gabe der Empfindung und das gleichzeitige Bestreben, die erlernten Künste und Wissenschaften weiter zu geben. Die Merkurkinder vermitteln ihre Kenntnisse durch Lehre und Buch, sie schaffen durch das Handwerk Mittel heran, um die Werke ihrer Kunst und ihrer Erfindung allem Menschen zugänglich zu machen.« Heinz Artur Strauß, Der astrologische Gedanke in der deutschen Vergangenheit, München/Berlin: Oldenbourg 1926, S.30. — Vgl. auch den Artikel > https://de.wikipedia.org/wiki/Planetenkinder

Druckermarken von E.Ratdolt in weiteren Büchern:

Euclides / Hypsicles: Elementa, Venedig, 1482
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00037426/image_2

Bonatus, Astronomiae tractatus decem, Augustae Erhardus Ratdolt, 1491
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00025600/image_848

Literaturhinweis: Wolfgang Beinert > https://www.typolexikon.de/ratdolt-erhard/

Mercur verfolgt Pan

Fortunio Liceti (1577–1657) zeigt auf etlichen seiner Bücher Mercur, der einem faunischen Wesen hinterher rennt und dieses mit der Hand berühren möchte. Dazu das Motto Fortasse Licebit – ein Wortspiel mit seinem Familiennamen.

Hieroglyphica sive antiqua schemata gemmarum anularium quaesita Moralia, Politica, Historica, Medica, Philosophica, & Sublimiora, omnigenam eruditionem et altiorem sapientiam attingentia, diligenter explicata responsis Fortunii Liceti Genuensis; Patavii: Typis Sebastiani Sardi 1653. (Exemplar der ZB Zürich)
> http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb11338761-6
> http://arachne.uni-koeln.de/books/Liceti1653

Er hat seine eigene Druckermarke in den Hieroglyphica, S. 331–337 weit ausschweifend erläutert. Eine deutsche Übersetzung dieser Passage steht hier als PDF zum Download (12 Seiten A4; 1,3 MB).

Dasselbe (noch als Holzschnitt) auf dem Titel von De Feriis altricis animae nemeseticae disputationes: In quibus encyclopediae, medicinae ... praesidio propulsantur ab olim culto mirabili mortalium ieiunio vulgatae recens oppugnationes Asitiastis de Castro. Padua: Variscian 1631.
> http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10331000-3

Bereits Giovanni Ferro, Teatro d’imprese, Venedig 1623, S. 482 kennt die Imprese: Mercurio dipinto col suo Cappello , Bastone, & altri suoi ornamenti per conoscerlo in atto di afferrare, & ritenere il Dio Pane preso allegoricamente per la natura, & il Mondo con parole FORTASSE LICEBIT, … > https://archive.org/details/teatrodimprese00ferr/page/482

Fortasse licebit kann man übersetzen mit Vielleicht / hoffentlich wird es gelingen. — Aber was soll gelingen?

Mercur ist in der Spätantike und dann in der Renaissance unter anderem der Erfinder und Beschützer der Künste und Wissenschaften.

Vincenzo Cartari, Imagines Deorum, Qui Ab Antiquis Colebantu, Lyon 1581.
> https://www2.uni-mannheim.de/mateo/camenaref/cartari/cartari1/jpg/s209.html

Pan bedeutet bei Cesare Ripa (Drucke seit 1593, im Artikel Mondo) das All, das Universum: Panè voce Greca et in nostra lingua significa l'universo, onde gli antichi, volendo significare il Mondo per questa figura, … — Die Gleichsetzung Pan = das All beruht auf der alten (falschen) Etymologie: Pan (der Gott) Πάν – πᾶν ›alles‹. (Noch Goethe spielt damit in Faust II, Verse 5873ff.: Das All der Welt wird vorgestellt im großen Pan.)

Mondo / Pan in der ersten bebilderten Ausgabe von Cesare Ripa: Iconologia Overo Descrittione Di Diverse Imagini cavate dall'antichità, & di propria inuentione, Roma 1603.

Also: Vielleicht / hoffentlich gelingt es, dass die Wissenschaft die gesamte Welt be-greift.

Liceti war ein uomo universale, vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Fortunio_Liceti

Liceti hat auch ein berühmtes und oft aufgelegtes Buch über allerlei Missbildungen in der Tier- und Menschenwelt geschrieben: De monstrorum natura, causis et differentiis 1616 (wo die Druckermarke indessen nicht auf dem Titel vorkommt), in dem er über die reale Existenz von Monstra nachdenkt und vor allem morphologische/physiologische Ursachen ihres Auftretens ausfindig zu machen versucht, z.B. ex uteri angustia, aber auch ex vehementi parentum imaginatione – ganz anders als die Wunderzeichen-Literatur etwa bei Lycosthenes und Wick.

Wäre es denkbar, dass der in Merkurs Dienst stehende Liceti genau solche Mischwesen, wie der aus Ziege und Mensch zusammengesetzte Pan eines ist, wissenschaftlich zu fassen sucht? Das Wesen links gleicht doch ein bisschen dem Pan:

Fortunius Licetus, De Monstris. Ex recensione Gerardi Blasii. Qui monstra quaedam nova & rariora ex rentiorum scriptis addidit. Editio novissima, iconibus illustrata. Amsterdam, Andreas Frisius 1665.

Vgl. die (erste bebilderte ) Ausgabe 1634
> http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb11220482-6

Auch auf einem Blatt mit seinem Portrait (1639) ist der Pan nacheilende Mercur zu sehen:

  

Quelle: https://www.hamburger-kunsthalle.de/sammlung-online/andrea-salmincio/bildnis-fortunio-liceti-fortunius-licetus

Literaturhinweis: Gute Ideen zur Druckermarke findet man in einem 2008 von Alessandro Cozzani verfassten Artikel.

Interessanterweise findet sich die Zusammenstellung ähnlich auf diesem Titel mit dem Motto FORTASSIS TENTARE LICEBIT. Das Spruchband umgibt eine Darstellung der Fortuna (mit Segel auf einer Kugel; vgl. Salomon Neugebauer, Selectorum Symbolorum Heroicorum Centuria Gemina. Frankfurt/M. 1619, S. 301 mit der Idee ›Fortes Fortuna adjuvat.‹ Den Wagemutigen hilft die Glücksgöttin; vgl. Vergil, Aeneis 10,284: Audentis Fortuna iuvat). Der Spruch meint dann hier zuversichtlich: ›Vielleicht gelingt es, die Umstände in unsere Gewalt zu bringen‹.

(Der aus den Wolken herabsteigende Merkur steht hier auf dem Titelblatt einer Gedicht-Ausgabe als Gott der Redekunst und Poesie; vgl. Horaz, Ode I,10).

Martini Opitij, Weltliche Poemata. Zum Viertenmal vermehret und ubersehen heraus geben, Frankfurt am Mayn: Thomas Matthias Götze 1644.
> http://digitale.bibliothek.uni-halle.de/vd17/content/pageview/7321366

Ein grimmiger Wilder Mann

Familen mit sprechenden Namen wie Ruch, Hartmann, Bartels, Waldtmann o.ä. haben als Gemeine Figur oft einen Wilden Mann im Wappen.

So auch Sigmund Grimm († 1530), der Geschäftspartner von Marx Wirsung. Die gemeinsame Druckermarke 1521:

Das christlich Büchlein Hern Erasmus Roterdamus genannt die Clage des Frids […] durch Georgium Spalatinum verteütscht, Gedruckt in der Kayserlichen Statt Augspurg/ Durch Sigismunden Grymm Doctor/ vnd Marxen Wirsung. Anno dni. M.D.XXi.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00023797/image_70

Ein oenologisch versierter Wilder Mann

Johann und Friedrich Lüderwaldt haben offensichtlich auch einen Wilden Mann im Wappen (vgl. unten auf der Druckermarke). Den lassen sie (aus unerfindlichen Gründen) einen Weinberg pflanzen – und die Trauben gedeihen, so dass er sagen kann: TANDEM (lat. Wort dafür, dass nach langer Erwartung etwas geschieht = endlich, doch endlich, zuletzt). – Dass die Personifikation mit dem Füllhorn am Rand auftritt, ist eher verständlich als der auf der anderen Seite wie eine Brunnenfigur sitzende Neptun.

Christian Scrivers [1629-1693] Seelen-Schatz. […] Franckfurt am Mäyn / Magdeburg / Helmstädt: Lüderwald 1681.
> http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN820441333
(Das Buch erschien in mehreren Bänden und mehreren Auflagen.)


❖ Aus dem Namen des Druckers oder des Druck-Orts hergeleitete Bilder

Gespräch am Gartenzaun?

Johannes Hager (ca. 1477 – ca. 1538) hat seinen Namen von der Tätigkeit des Zaun-Herstellens (Schweizer Kanzleisprache des 16.Jhs. und noch im heutigen Schweizerdeutschen: Hag = Zaun). Einen Zaun hat er als gemeine Figur zusammen mit den Initialen H H in seinem Wappen und zeigt dieses auf seiner Druckermarke.

Gleichsam als Schildhalter stehen zwei bäurisch gekleidete Männer einander gegenüber und stützen sich mit den Ellbogen auf den Wappenschild. Man erinnert sich an den Melancholiegestus, den Walther von der Vogelweide beschreibt: dar ûf satzt ich den ellenbogen; ich hete in mîne hant gesmogen daz kinne und ein mîn wange. Beide haben keinen sehr glücklichen Gesichtsausdruck. Der eine scheint zu klagen, der andere zu- oder wegzuhören.

Der Text des Büchleins ist ein reformatorischer Streit-Dialog.

Antwurt eins Schwytzer Purens/ über die ungegründten Geschrifft Meyster Jeronimi Gebwilers Schuolmeisters zuo Straßburg/ die er zuo Beschirmung der Römischen Kilchen und iro erdachten Wesen hat lassen ußgon. Ein Epistel Huldrich Zuinglis. Durch Joannem Hager zuo Zürich getruckt Anno. M.D.xxiiij. [1524]
> https://www.e-rara.ch/zuz/content/pageview/1537759

Der Text stammt von Hans Füssli [ Blatt aij: Hans Fůßli ] (1477–1538/1548); nur das Vorwort ist von Zwingli. Im Vorwort setzt Zwingli die schulmeisterliche Rhetorik der einfältigen christlichen Rede – dem ›sermo humilis‹ – eines Handwerkers entgegen, die schon Jesus gebraucht hat:

Hier kempffet ein Hafengiesser der gar ghein sprach noch kluogheit kan/ dann die er von got und siner muoter gelert hat/ mit eim alten Schulmeister/ der in vil künsten/ voruß des geistlichen retschens (wie heißt es [rätschen ist ein Verb, das leeres Schallen bezeichnet]) rechtens/ verschlissen vnnd vßgenutzet ist. Welcher aber sich vff die götlichen warheit bas verstand vnd das gots wort eigenlicher bruche/ wirdst du in dym gleubigen hertzen innen.

Die Druckermarke hat zu Problemen geführt. Die Tagsatzung missbilligte das Druckerzeichen; man sah darin einen protestantisch gesinnten Bauern im Gespräch mit einem altgläubigen, der sich die Ohren zuhält. Die Zürcher konnten die anderen Eidgenossen indessen beruhigen.

Am 11. Mai 1524 heißt es: Dazuo habent wir verstanden den unwillen der possen [halb] so unser usgangen getruckt schriften sind gemacht; das ist neimans zuo tratz, ouch uns onwüssent beschehen, dann solich possen des truckers, der Hager genannt, zeichen sind, und brucht sich deß niemans ze lieb noch ze leid; darum so wellent uns und in deßhalb entschuldigt haben. (Die eidgenössischen Abschiede aus dem Zeitraume von 1521 bis 1528, Band 4, Abtheilung 1a; S. 421)

Literaturhinweise:

Christian Scheidegger, Die Bücherzensur in der Schweiz vor der Reformation bis 1600, in: Zwingliana 45 (2018), S. 378f.

Paul Leemann-van Elck, Die Zürcher Drucker Peter und Hans Hager (im 15.–16. Jahrhundert), in: Der Schweizer Sammler. Organ der Schweizer Bibliophilen Gesellschaft und der Vereinigung Schweizerischer Bibliothekare VI/1 (1932), S.1–8. > http://doi.org/10.5169/seals-387054

Froshower Zvrch

Dass das Signet von Christoph Froschauer (* um 1490 – 1564; 1519 Zürcher Bürger) mit seinem von einer Flurbezeichnung herrührenden Namen zusammenhängt, ist klar.

1521 sieht das Zeichen so aus:

Ußlegen vnd gründ der schluszreden oder Articklen durch Huldrychen Zuingli, Zürich vff den xix. tag Jenners jm .M.D.xxiij. jar Vßgangen – Getruckt durch Christophorum Froschower in der loblichen statt Zürich [o.J.; Buchdruckerzeichen auf dem letzten Blatt]
> https://www.e-rara.ch/zuz/content/pageview/314641
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00024772/image_508

Spätere Fassungen sehen so aus:

Gemeiner loblicher Eydgnoschafft Stetten / Landen vnd Völckeren Chronik wirdiger thaaten beschreybung […] durch Johann Stumpffen beschriben […] Getruckt Zürych bey Christoffel Froschouer M.D.XLVII.
(Eine Vorserie von 30 Exemplaren wurde bereits 1547 gedruckt; dann 1548.)

Woher kommt die Idee des auf einem Frosch reitenden Knaben?

In der Bibel kommen Frösche als eine der Ägyptischen Plagen vor. Gott warnt den Pharao, wenn er sein Volk nicht gewähren lasse: so wil ich alle deine landsmarchen mitt fröschenn plaagen/ das der bach von fröschen wimmßle: die söllend hinauff steygen vndd kommen in dein hauß/ in dein kamer/ auf dein läger/ auff dein bett … (Exodus 7,26 – 8,11 nach der Zürcher Bibel 1531).

Holzschnitt vermutlich von David Kandel (1538 bis 1587 in Straßburg tätig) in einer Bibel Köln: Kreps 1630.

Das zeigt indessen nur, dass das Tier negativ konnotiert ist.

••• Eine (zugegeben gewagte) Deutung könnte so argumentieren:

• Der Frosch gilt in der alten Naturkunde als geschwätzig: Isidor, Etymologiae XII,vi,58: Ranae a garrulitate vocatae. Die Frösche sind nach ihrem Gequake benannt, weil sie in der Gegend der Sümpfe, wo sie zur Welt kommen, lärmen und Töne mit lästigem Geschrei von sich geben. – Thomas Cantimpratensis, Liber de natura rerum IX,xxxv: Loquax est et vocibus importuna.Petrus Berchorius beschreibt den Frosch ebenfalls in seinem »Reductorium morale«, hier in der Übersetzung des Aegidius Albertinus, »Der Welt Tummel- und Schaw-Platz« (1612): Von dem Frosch. Rana oder die Frösch werden also genent wegen ires geschwetzes vnd vmgestümmen geschreys vnd quackezens/ welches sie fürnemlich in den Wassern/ Weyern vnnd Pfützen verrichten/ darin sie erzeugt vnd geboren werden. > http://diglib.hab.de/drucke/21-phys/start.htm?image=00386

• Bedeutsam in unserem Zusammenhang ist die Stelle Apokalypse 16,13: Dann sah ich aus dem Maul des Drachen und aus dem Maul des Tieres und aus dem Maul des falschen Propheten drei unreine Geister hervorkommen, die wie Frösche aussahen. (spiritus tres immundos in modum ranarum).

Die »Queen Mary Apocalypse« (14th century); British Library, Royal MS 19 B XV, fol. 30v illustriert das so:

> http://www.bl.uk/manuscripts/Viewer.aspx?ref=royal_ms_19_b_xv_fs001r (Ausschnitt)

• Ferner gibt es (bereits antike?) allegorische Bilder, die einen Reiter auf einem wilden Tier zeigen, das er dominiert; zum Beispiel auf einem Löwen, wozu das Motto Animi Domitor, etwa: der Reiter ist ein Bezähmer der Gemütskräfte. Hier ein Bild aus Pierio Valeriano: Hieroglyphica, Frankfurt/Main 1678 (EA Basel 1556):

> https://www2.uni-mannheim.de/mateo/camenaref/valeriano/valeriano1/jpg/bs015.html

Könnte sich Froschauer witzig inszeniert haben als einer, der dummes oder gar häretisches Geschwätz (in Büchern) im Zaum hält? Froschauer hielt darauf, dass bei ihm nichts gedruckt werde,

»was wider unser waare christenliche Religion und Evangelische Warheit stryte, oder sektisch, ufrürisch, unzüchtig, ärgerlich oder schädlich sye, sonder alweg alleyn was nütz, eerlich und christenlich ist.« Vögelin (S.9)

Zwingli studierte nach dem Erwerb eines Magister artium kurz scholastische Theologie, wandte sich dann aber von deren leerem Geschwätz (inanis loquacitas) ab. (Oswald Myconius, Vom Leben und Sterben Huldrych Zwinglis. Das älteste Lebensbild Zwinglis, hg. von Ernst Gerhard Rüsch, St. Gallen: Fehr 1979, S. 13/14.)

••• Es ist auch schon vermutet worden, Ch.Froschauer habe mit dem auf dem Frosch reitenden Kind auf seinen (altgläubig ausgedrückt) ›Namenspatron‹ angespielt, auf den legendenhaften Christophorus = Christusträger. Hier als Beispiel das Bild von Konrad Witz († um 1446) > http://www.zeno.org/nid/20004368215; und der Text in der »Legenda Aurea« (2.Hälfte des 13.Jh.)

So eine schräge Assoziation ist dem Namensgeber zuzutrauen: • Der Vorname Christoph wäre parallelisiert mit dem den Sumpf durchquerenden Frosch, • und auf dessen Rücken ritte dann das von ihm getragene Jesuskind (freilich ohne Nimbus). – Eine Verspottung des Heiligenkults wäre für Zürich zu jener Zeit denkbar. Zwingli (seit 1519 Leutpriester in der Stadt) betont: Christus ist der einzige Vermittler zwischen Gott und den Menschen, es braucht keine Heiligen als Nothelfer; die Heiligenverehrung verstelle den Blick dafür, dass nur éiner allein unser zuoflucht und trost ist.

Es gibt auch schon früh Druckermarken ohne den reitenden Knaben, nur mit einen Weidenbaum besteigenden Fröschen, zum Beispiel in der 1530er-Bibel:

> https://sammlungen.ulb.uni-muenster.de/hd/content/pageview/5640501

••• Hier könnte man assoziieren, dass der Frosch aus dem Sumpf in die Höhe aufsteigt, was ein Zeichen seiner Klugheit wäre. Belege für eine solche allegorische Auslegung finden sich freilich in der zeitgenössischen Enzyklopädistik (Berchorius, Konrad von Megenberg, Picinelli, Lauretus u.a.) nicht. – Die Texte um das Bild herum sprechen alle nur vom Baum, nicht von Fröschen: Matthäus 7,17; Lukas 3,9 u.a. Stellen.

Hier noch sein Portrait, wie es Johann Heinrich Lips (1758–1817) – nach welchem Vorbild auch immer – in Kupfer stach:

Christophorus Froschoverus, Titel von: An die lernbegierige Zürcherische Jugend auf das Neujahr 1813. Von der Gesellschaft auf der Chorherren. [= 35. Neujahrsblatt]

Literaturhinweise:

Salomon Vögelin, Christoph Froschauer, erster berühmter Buchdrucker in Zürich, nach sein Leben und Wirken, nebst Aufsätzen und Briefen von ihm und an ihn, Zürich: J.J. Ulrich 1840.

E. Camillo Rudolphi, Die Buchdrucker-Familie Froschauer in Zürich 1521–1595, Zürich: Orell, Füssli & Co. 1869.

Paul Leemann-van Elck, Die Offizin Froschauer. Zürichs berühmte Druckerei im 16. Jahrhundert, Zürich: Orell Füssli 1940.

Urs B. Leu, Reformation als Auftrag. Der Zürcher Buchdrucker Christoph Froschauer d. Ä., in: Zwingliana 45 (2018), S. 1–80.

Wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert

Der Basler Buchdrucker und Verleger Heinrich Petri (1508–1579) übernimmt nach dem Tod des Vaters (Adam Petri) 1527 die väterliche Offizin.

Er entwickelt ein Signet aus dem griechischen Wort πέτρα / πέτρος (pétra / pétros) für ›der Fels‹, das er anschließt an das Bibelwort Jeremias 23,29 Ist nicht mein Wort so: wie Feuer […] und wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert?

Spätestens seit 1531 verwendet er diese Druckermarke:

Garioponti Vetusti Admodum Medici Ad Totius Corporis Aegritudines Remediorum Praxeōn Libri V, Excudebat* Henricus Petrus Basileae M.D.XXXI. (Ohne Text zuhinterst im Buch)
> https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10166307_00336.html

*) excudit / excudebat ist der Terminus technicus für den Vorgang des Druckens. Die Grundbedeutung von ex-cūdo ist ›herausschlagen‹ (Achates schlägt aus einem Kiesel einen Funken, um Feuer zu entfachen; silici scintillam excudit, Vergil Aeneis I,174); dann bedeutet das Wort auch ›schmieden‹, ›prägen‹. Wenn H.Petri das Wort im Umfeld seiner Buchdruckermarke verwendet, bekommt es eine zusätzliche Pointe.

Obwohl die hölzernen Druckstöcke viele Abzüge aushalten, werden sie gelegentlich neu geschnitten. Hier zum Vergleich:

Henricus Loriti [1488–1563] Glareani Dōdekachordon, Basileae: Per Henricvm Petri, Mense Septembri Anno Post Virginis Partvm M.D.XLVII [1547]
> http://doi.org/10.3931/e-rara-49282

Der Sohn Sebastian Henricpetri (1546–1627) verwendet das Signet weiter:

Vitruvius, Des aller namhafftigisten unnd hocherfahrnesten/ Römischen Architecti/ unnd kunstreichen Werck oder Bawmeisters/ Marci Vitruvij Pollionis/ Zehen Bücher von der Architectur und künstlichem Bawen. Ein Schlüssel und eynleitung aller Mathematischen unnd Mechanischen Künst/ Scharpffsinniger fleissiger nachtrachtung oder Speculation künstlicher Werck ... / Erstmals verteutscht/ unnd in Truck verordnet. Durch/ D. Gualtherum H. Rivium .... Basel: Sebastian Henricpetri, [1614]

Das Signet wird noch heute vom Verlag Schwabe in Basel verwendet, der sich in ungebrochener Tradition seit Adam Petri versteht.

Literaturhinweise:

http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D41530.php

http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D41532.php

Frank Hieronymus, 1488 Petri – Schwabe 1988. Eine traditionsreiche Basler Offizin im Spiegel ihrer frühen Drucke. 2 Bände. Schwabe, Basel 1997.

Ein griffig zugreifender Vogel Greif

Sebastian Gryphius (1492–1556), seit 1524 (28?) in Lyon visualisiert seinen Namen: ein Greif. Hier ein früher Druck mit seinem Signet (Ausschnitt aus dem Titelbaltt):

Cicero Relegatvs & Cicero Revocatvs: Dialogi festiuissimi, Lvgdvni: Apvd Seb. Gryphivm 1534. > http://doi.org/10.3931/e-rara-54293

Die Inschriften am Rand: VIRTVTE DVCE — COMITE FORTVNA (Geführt von der Tugend – begleitet vom unbeständigen Glück)

Der Greif ist genau so gezeichnet, wie es Aelian in seinem Tierbuch (4. Buch, Kap. 27) beschreibt. Er erwähnt dort, dass – nach Aussagen gewisser Leute – die Greifen Wächter des Goldes seien, dieses ausgraben und daraus ihre Nester bauen.

Der Greif wird in der zeitgenössischen Hieroglyphik dem Gott der Künste Phoebus/Apollo zugeordnet; vgl. Hieroglyphica sive de sacris Aegyptiorum literis commentarii, Ioannis Pierii Valeriani Bolzanii Bellunensis, Basel: Isengrin 1556; Liber XXIII, fol.167verso (Ausgabe 1678 digital).

Was bedeutet der Block, den der Greif an einem Ring trägt, und an dem die geflügelte Kugel hängt? Die Beschreibung von Claude Mignault (Syntagma de Symbolis, 1571; zitiert bei Wolkenhauer S.91/92) ist nicht erhellend: »Ein Greif, der mit den Klauen seines rechten Fußes einen quaderförmigen Stein hochhebt, darunter ein Kreis oder eine Kugel, an deren beiden Seiten Flügel festgemacht sind.« Mignault bezeichnet das Bild als »ingeniosus«.

Rollenhagen übernimmt das Buchdruckerzeichen in seine Emblemsammlung 1613 (II,5) und deutet es so um: »Mag Fortuna die Begleiterin, Tugend die ruhmreiche Führerin des Handelns sein, unsere Bemühung / Arbeit / Anstrengung / Ausdauer (labor) wird nicht vergeblich sein, wenn sie im Herrn geschieht.«

Somit bedeutet hier das Heben des Steinquaders die Virtus (in der Inschrift); und die gefügelte Kugel die Fortuna, das stets in Bewegung befindliche, unbeständige Glück.

Giovanni Griffio (* 1518 in Lyon;  † 1576/1577 in Venedig) übernimmt das Signet der Familie:

Metamorphoseon libri XV. Raphaelis Regii Volaterrani luculentissima explanatio, cum nouis Iacobi Micylli... additionibus, Venetiis, apud Ioan. Gryphium 1565.

Literaturhinweise:

https://de.wikipedia.org/wiki/Sebastian_Gryphius

http://www.treccani.it/enciclopedia/giovanni-griffio_%28Dizionario-Biografico%29/

http://omeka.wustl.edu/omeka/exhibits/show/brisman/item/8337

Gemäß Klaus Henseler verwenden dasselbe Motiv auch: Giovanni Battista Bozzola (Venedig 1565 und anderswo), Pedro Patricio Mey (1581 bis 1621 Drucker in Valencia), Claude Morillon ...

Schmiede in der Werkstatt

Der Frankfurter Peter Schmid / Schmidt setzt seinen Familiennamen in eine Druckermarke um:

Doctoris Lutheri Propheceyung. Zur erinnerung vnnd anreitzung zur Christlichen Busse/ ordentlich vnd mit fleiß zusammen getragen durch Mag. Georgium Walther […] Franckfurt: P. Schmid 1576.

Die Figuren links und rechts gehören nicht zur Druckermarke: Der Evangelist Lukas mit dem Rind; der Evangelist Johannes mit dem Adler

Tierfriede

Johannes Wolf (1564–1627), der Nachfolger Froschauers, beginnt 1591 seine Tätigkeit. Er bringt das namensgebende Tier auf die Buchdruckermarke, aber mit einer besonderen Pointe: Der Wolf sitzt zwischen zwei Schafen.

Festa christianorum, hoc est, De origine, progressu, ceremoniis et ritibus festorum dierum christianorum liber unus, Rodolpho Hospiniano Tigurino auctore. Tiguri: apud Ioannem Wolphium, typis Frosch., anno 1593. > http://doi.org/10.3931/e-rara-4868

Das Motto lautet: Christus pacificator noster. Esa. II. ca[p] – Christus ist unser Friedensstifter. Jesaias, Kapitel 2.

Dort wird von einer Friedensvision des Propheten berichtet. Das Bild verweist indessen speziell auf die Vision des Tierfriedens Jes. 11,6–8, wo es heißt: Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen.

Jägerlatein

Der Drucker/Verleger Maurice Georges Veneur verwendet sein Familienwappen (drei Hifthörner für den Jäger) als Signet:

[Abraham van Wicquefort, 1606-1682] L’Ambassadeur Et Ses Fonctions, A La Haye chez Maurice George Veneur 1682. > http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb11008976.html

Es scheint ein einziger Titel mit diesem Signet erschienen zu sein. Das Motto LABOR VENATOR HONORIS (Die Bemühung/ Anstrengung ist der Jäger der Ehre) kommt schon 1581 vor in N. Reusners »Stemmatum sive armorum gentilitiorum libri tres« (= Anhang zu Emblemata Nicolai Revsneri IC. Partim Ethica, Et Physica: Partim vero Historica, & Hieroglyphica, sed ad virtutis, morumque doctrinam omnia ingeniose traducta: & in quatuor libros digesta, cum Symbolis & inscriptionibus illustrium & clarorum virorum, Francoforti, 1581), Nr. 312, mit Widmung an Melchior Jäger (Venator/Veneur).

Ein gestohlener Hahn

Melchior Haan setzt seinen Namensgeber auf die Buchdruckermarke:

Grammatica religiosa, quae pie docet declinare a malo, & facere bonum, amplecti perfectum in praesenti, & respuere imperfectum, ad obtinendum futurum infinitum, cum participio salutis : opus apprime religiosorum tyronum magistris, & etiam verbi divini praeconibus, prout ex indice concionatorio, S. Scripturae, sermonum, & authorum annexo patebit, non inutile / auctore R. P. Abrahamo a S. Clara, Salisburgi: typis ac sumptibus Melchioris Haan, 1691.
> http://doi.org/10.3931/e-rara-25335

Das Motto Cælo auspice – vigili labore wäre etwa zu übersetzen als: Beschützt durch den Himmel (vgl. Aeneis IV,45); mit aufmerksamer Anstrengung.

Das Buch mit dem Alphabet bezieht sich nicht zwingend auf den Titel »Grammatica Religiosa«; Haan hat es auch in anderen Werken verwendet, z.B. in Agricultura Spiritualis, Oder Geistliches Feldtbaw Das ist: SonnTagPredigen (1683).

Ein späterer Verleger hat die Druckermarke wegen dieses Details übernommen für sein ABC-Buch. Dass die Schüler früh aufstehn müssen, um lesen zu lernen, ist ja verständlich, und insofern passen Hahn – aufgehende Sonne – Buch. Aber warum hat er auch das Mongramm M.H. übernommen?

Johann Friedrich Fritz, Neu eröffnetes in Hundert Sprachen bestehendes A.b.c.Buch, Leipzig: Christian Friedrich Geßner 1743.
> https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10779519_00005.html

Bienenzüchter bekämpft räuberische Bären

Der aus der Oberpfalz stammende und zunächst in Nürnberg, Basel und Straßburg wirkende Buchdrucker Matthias Biener, der sich wie damals üblich mit einem lateinischen Humanistennamen Apiarius (Bienenzüchter) nannte, wurde 1537 nach Bern berufen, wo er über 100 Drucke verfertigte. (Gestorben ist er 1554. Seine Söhne Samuel und Siegfried versuchten das Gewerbe weiterzuführen.). Als Druckermarke verwendet er dieses Bild:

  

Ein Bär macht sich an einem Bienenschwarm in einer Baumspalte zu schaffen; in der Nähe seiner Pfoten oder seiner Schnauze baumelt ein schwerer Hammer....

links: Schimpff unnd Ernst durch alle Welthänndel […] Mit vil schönen und Warhafften Historien/ kurtzweiligen Exemplen/ Gleichnussen und mercklichen Geschichten fürgestellet. Getruckt in d. Lob. Statt Bernn durch Mathiam Apiarium Auff den 24 tag Februarii, anno M.D. XLIII (1543).
http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-610

rechts: Wie Noe vom Win uberwunden durch sin jüngsten Sun Cham geschmächt aber die Eltern beid Sem unnd Japhet geehret den Sägen unnd Fluch inen eroffnet hatt […], Getruckt inn der loblichen Statt Bernn by Mathia Apiario, Anno 1546.
http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-712

Das Bild geht auf einen Schutzmechanismus der Imker gegen gefräßige Bären zurück.

Olaus Magnus (1490– 1557) beschreibt dies in seiner »Historia De Gentibus Septentrionalibus« (1555) Lib. XVIII, Cap. xxix; pag. 626: De occisione Vrsorum per ferream clavam.

Digitalisat: http://runeberg.org/olmagnus/0712.html

In der deutschen Übersetzung: Olaj Magni Historien der mittnächtigen Länder […] Getruckt zuo Basel, in der Officin Henricpetrina im Jar 1567 lautet der Text dazu:

 [Man weiß] wie gefähr die Beren den Bynen seind […] wie sie auch dem Honig nachstellen auff den hohen Bäumen. […] Derhalben macht man den Beren/ so des Honigs gewohn/ solche tödtliche fallen/ dieweil sie also ein schwach haupt haben/ das sie beyweilen  von einem kleinen streich sterben/ nemlich einen starcken Höltzen kolben/ zuo vorderst mit Eysenen stacheln vmb vnd vmb beschlagen/ den bindet man vber das loch/ da die Bynen auß vnd ein wäfern [sich geschäftig bewegen]/ an einem ast/ oder wie man kan. So nun der Ber hinauff steigt/ den wäfel [die Wabe] herauß zuo reissen/ so stoßt er mit dem Kopff hinden an den gespitzten Kolben/ fallt herab/ vnd bleibt todt ligen vnder dem Baum.

Die Technik wird noch beschrieben bei Johann Georg Krünitz, Oekonomische Enzyklopädie oder allgemeines System der Land-, Haus- und Staats-Wirthschaft in alphabetischer Ordnung, ... Band 4 (1774): Artikel Biene; 10. Von der Waldbienenzucht in Rußland, und ihrem künstlichen Bärenfange:

An den Bäumen, wo eingehauene Stöcke sind, bindet man einen großen dicken schwebenden Klotz a, an einen Ast, welcher das Zeidelbrett etwas zudeckt, daß dieser Klotz im Aufmachen den Bär hindert. Wenn nun der Bär das Zeidelbrett aufmachen will, so mus er sich den Klotz nothwendig mit seiner Pfote wegstoßen, welcher aber auch allemahl wider ihn zurückprallt, worüber er böse wird, und mit großer Heftigkeit sich denselben aus dem Wege räumen will; er prallt aber desto heftiger zurück, und dauert so lange, bis der Bär herunter fallen mus. — Dazu die Figur 162/163:

Das Bild mit der Bärenfalle verwendete Biener/Apiarius übrigens bereits in Straßburg, also noch bevor er ab 1537 in der Stadt mit dem Bär im Wappen arbeitete. Beispielsweise hier:

Oecolampadius, Johannes, In Prophetam Ezechielem Commentarivs D. Ioan. Oecolampadij, per Vuolfgangum Capitonem aeditus. […], Argentorati apud Matthiam Apiarium, Anno 1534.  Digitalisat: http://hardenberg.jalb.de/display_page.php?elementId=2109

Oder hier:

Gart der gesuntheit. Zu latein/ Hortus Sanitatis. […] alles mit höchste fleiß durchlesen/ corrigiert un(d) gebessert. Strassburg: M. Apiarius, 1536.

Die guten und schlechten Eigenschaften der Tiere werden mit den das Bild umgebenden Bibelsprüchen verdeutlicht:

links: Vrsus insidians & esuriens, princeps impius super populum pauperem. Thre. 3. Prouerb. 28. [Threni = Lamentationes 3,10: Er lauert mir auf wie ein Bär, wie ein Löwe im Dickicht. Verquickt mit Proverbia 28,15: Ein Gottloser, der über ein armes Volk regiert, das ist ein brüllender Löwe und gieriger Bär.]

rechts: Quam dulcia faucibus meis eloquia tua, super mel ori meo. Psal. 118. [Psalm 118,103 Vg.= 119,103:  Dein Wort ist meinem Munde süßer denn Honig.]

unten: Omnia probate, quod bonum fuerit tenete 1. Thess. 5 [21: Alles prüfet, was gut ist, bahaltet!]

oben: Auf die Bienen, die auf die (mit dem Tetragramm gekennzeichnete) Bibel (rechts unten im Bild) zufliegen, passt wohl der Text zuoberst: ἐραυνᾶτε τὰς γραφάς … = Johannes 5,39 Ihr erforscht die Schriften, weil ihr meint, in ihnen das ewige Leben zu haben – und sie sind es auch, die Zeugnis über mich ablegen.

Eine einfachere Variante hat die Bild-Umschrift: Brevis in volatilibus [ergänze: est apis], et initium dulcoris habet fructus illius. Eccle XI. (= Ecclesiasticus = Jesus Sirach 11,3: Klein ist die Biene [unter den geflügelten Tieren], aber ihre Frucht hat den Vorzug unter den Süßigkeiten.)

Anhang: Ein in Bern domizilierter Drucker hat wirklich das Wappentier der Stadt auf der Druckermarke: Jean Le Preux (*1574), der einer geflüchteten Hugenottenfamilie entstammt. Il est l'imprimeur officiel de la Ville de Berne de 1600 à 1614. — Literatur: Ch.F. von Steiger, Jean Le Preux, der erste obrigkeitliche Buchdrucker der Stadt Bern, 1600–1614, Verlag des Schweizerischen Gutenbergmuseum 1953.

Francisci Petrarchæ, De Remediis vtriusque Fortunæ, Libri Dvo, Editio secunda, prioribus longè castigatior, Cum Indicibus locupletißimis, Bernae: LePreux, 1600. (3,5 x 5 cm; Der Reichsadler ist das Zeichen der Reichsunmittelbarkeit des eidgenöss. Orts; bis 1648.)

Der wachsame Hahn

Die Druckerfamilie Ketteler hat die Offizin in Köln im Haus zum Hahnen vor St.Paulus. Den Hausnamen machen sie zum Logo und versehen es mit dem Motto RERVM VIGILANTIA CUSTOS (Die Wachsamkeit ist die Beschirmerin der Dinge) – Der Hahn gilt als der wachsame Aufwecker seit des Ambrosius Hymnus »Aeterne rerum conditor«.

Reimb dich/ Oder Ich Liß Dich/ Das ist: Allerley Materien/ Discurs, Concept und Predigen/ welche bishero in underschiedlichen Tractätlein gedruckt worden; Numehro aber in ein Werck zusammen gereimbt/ und zusammen geraumbt/ […] Durch P. Fr. Abraham à S. Clara, Augustiner Baarfüsser Ordens/ Käyserl. Prediger/ und der Zeit Prior/ &c. — Zu Cöllen/ Bey Peter Ketteler/ Buchhändler vor St. Paulus im Hahnen/ Jm Jahr 1693.

Mehr als nur eine bildliche Umsetzung des Namens Fisher ?

Der Londoner Verleger Thomas druckt 1600 Shakespeares (1564–1616) Sommernachtstraum:

A midsummer nights dreame. As it hath beene sundry times publickley acted, by the Right Honourable, the Lord Chamberlaine his seruants. Written by William Shakespeare. Imprinted in London, for Thomas Fisher, and are to be soulde at his shoppe, at the signe of the White Hart, in Fleetstreete, 1600.

Mit besserer Auflösung nach https://brbl-dl.library.yale.edu/vufind/Record/3446757 hier.

Die Druckermarke zeigt einen Eisvogel (engl. kingfisher), der einen Fisch erhascht hat. Das Motto scheint aber mehr als nur eine Visualisierung des Familiennamens zu implizieren.

ALCIONE – Motos soleo componere fluctus ist eine leichte Abwandlung eines Zitats aus Vergil, Aeneis I,135. Juno hat Aeolus gebeten loszustürmen, um die Schiffe des Aeneas zu versenken; Neptun bemerkt das, und – unwirsch, weil ér ja der Beherrscher des Meeres ist – beschimpft er die Winde; dann aber meint er: sed motos praestat componere fluctus = doch es ist wichtiger, die aufgewühlten Wogen zu beruhigen.

Ferner: Der Eisvogel – (H)alcyon – hat in der älteren Naturwissenschaft u.a. folgende Eigenschaften:

Plinius, Historia Naturais X, xlvii, 89–91: Halcyones hecken an den kürzesten, den sog. halkyonischen Tagen, während denen das Meer … ruhig und schiffbar ist.

Aelian, De natura animalium I, 36: Wenn der Eisvogel brütet, so steht das Meer ruhig, und die Winde halten Frede und Freundschaft (ferner IX, 17 Nestbau des Alcyon).

Ovid, Metamorphosen XI, 410ff., bes. 745f: Ist der Winter gekommen, so brütet Alcyone sieben heitere Tage im Nest, das still auf dem Meer dahinschwebt; alsdann ruhen die Meereswogen; Aeolus hütet die Winde und hält sie in Schranken.

Ambrosius, Exameron V, xiii, 40: Sobald das Meer seinen höchsten Wogengang erreicht hat, wird es – nachdem die Eier gelegt sind – mit einem Mal ruhig, aller Sturmwind legt sich, … und »windstill ruhet das Meer« (Vergil-Zitat).

Isidor, Etymologien XII, vii, 25 Alcyon: qua excubante fertur extento aequore pelagus silentibus ventis continua septem dierum tranquillitate mitescere.

Erasmus, Adagia Nr. 1552 II, VI, 52: Wenn Plautus schreibt Halcedonia sunt apud forum, so meint er damit tranquillitas et silentium (mit vielen weiteren Stellen).

In Alciatos Emblembuch (1531) ist dem Eisvogel ein Emblem gewidmet.

Vgl. auch: Liselotte Stauch, Artikel "Eisvogel", in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. IV (1957), Sp. 1181–1188. > http://www.rdklabor.de/w/?oldid=88649

Könnte die mit dem emblematischen Vogel heraufbeschworene Meeresruhe einen Bezug haben zu den 1585–1604 wütenden Seekriegen zwischen England und Spanien? (vgl. den Artikel in der Wikipedia)

 

Name mit biblischem Hintergrund

Der Drucker Hugues de la Porte (1500–1572) zeigt auf seiner Marke einen Mann, der zwei Flügel eines Tors aus den Angeln gehoben hat. Diese sind angeschrieben mit Libertatem meam mecum porto (Ich trage meine Freiheit mit mir).

Hier ein Beispiel aus dem Jahr 1539 aus Louis-Catherine Silvestere, Nr. 731.

Das Vorbild ist Samson, dem aufgelauert wird und der die Stadtore von Gaza aushängt: Um Mitternacht stand er auf, packte die Flügel des Stadttors mit den beiden Pfosten und riss sie zusammen mit dem Riegel heraus. (Richter 16,3).

Als Beispiel der Holzschnitt von Virgil Solis (1514–1562)

❖ Bezug zum Druckort

Basel – Basilisken

Michael Furter († 1517, seit 1483 in Basel) druckt seit 1489 insgesamt über 190 Bücher. Als Reverenz zu seiner Wahlheimat Basel setzt er die Schildhalter des Basler Wappens, die Basilisken in sein Buchdruckerzeichen:

Speculum marie. Marie Spiegel Sant Bonaventure Basel: Michael Furter 1506. [in der dt. Übersetzung von Ludwig Moser]
> https://www.e-rara.ch/bau_1/content/pageview/1690759

Literaturhinweis: Romy Günthart, Deutschsprachige Literatur im frühen Basler Buchdruck (ca. 1470 – 1510), Münster: Waxmann 2007 (Studien und Texte zum Mittelalter und zur frühen Neuzeit 11); bes. S. 34–36 und 318–320.

Thiergarten

René (Renatus) Beck (??–??) betrieb die Offizin Zum Thiergarten. Die breite Titelbordüre zeigt einen Park mit verschiedenen Tieren:

Excusum Argentine in edibus zum thiergarten. Per Renatum Beck ciuem argentinemsem. Anno Millesimo quingentesimo decimo quarto Vocabularius Gemma Gemmarum, 1515
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00005915/image_5

Die Eltern liebende Störche

Der Drucker Sebastian Nivellius hat seine Offizin in Paris sub Ciconiis (unter den Störchen). Störche setzt er auf seine Marke ins Zentrum:

Barnabas Brissonius, De verborum quae ad ius pertinent significatione libri XIX. Paris, Nivellius 1583; neue Auflage 1596.

> https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10141177_00009.html

Mit dem Vogel hat es eine besondere Bewandtnis: Der Storch trägt aus Dankbarkeit seine Eltern auf dem Rücken, die ihn in seiner Jugend gepflegt haben. Das Emblem findet sich in den Ausgaben von Alciato seit 1531 (zur Tradition vgl. Henkel / Schöne, Emblemata, Sp. 827f.)

> http://www.emblems.arts.gla.ac.uk/alciato/emblem.php?id=A31a005

Das Motto erinnert an das Gebot: Honora patrem tuum et matrem tuam, ut sis longaevus super terram… (Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land … 2.Mos 20,12)

Das Bild mit den Störchen ist umgeben von vier Szenen zum Thema Elternliebe:

Tobias heilt auf Anraten des Engels Rafaël mit Fischgalle die Blindheit des Vaters (Buch Tobit, Kapitel 11 > https://www.bibleserver.com/text/EU/Tobit11)

Aeneas (zusammen mit dem Sohn Ascanius) trägt den Vater Anchises auf dem Rücken aus der brennenden Stadt Troja (Vergil, Aeneis II, 707ff.)

Valerius Maximus, Facta et dicta memorabilia V,iv,7 erzählt im Kapitel ›Von der Liebe zu den Eltern‹ von einer unschuldig zum Tod verurteilten Frau, die im Gefängnis von ihrer Tochter besucht wird, die aber kein Essen mitbringen darf. Der Gefangenenwärter entdeckt, dass sie die Mutter mit der Milch ihrer Brüste ernährt, meldet dies dem Gericht, worauf der Frau das Leben geschenkt wird. Lat. Text.

Der Gefängnis geworfene Bürger Cimon wird von seiner Tochter Pero/-a/-us durch Darreichung ihrer Brust genährt und damit vor dem Verschmachten gerettet. – Valerius Maximus V, iv ext. 1 – Ähnliche Erzählung bei Plinius VII xxxvi,121 und in den Gesta romanorum Kap. 215. – Peter Lauremberg, Acerra Philologica IV,73 – Vgl. dazu: Edmund Wilhelm Braun, Artikel »Caritas romana«, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. III (1952), Sp. 356–362 > http://www.rdklabor.de/wiki/Caritas_romana

Sébastien Cramoisy (1584–1669) est reçu libraire-imprimeur en 1606 et reprend la librairie Aux deux cigognes de son grand-père, Sébastien Nivelle. > https://fr.wikipedia.org/wiki/Sébastien_Cramoisy

Er verwendet die Druckermarke – neu geschnitten – weiter. Beispiele:

Ismaelis Bullialdi de lineis spiralibus demonstrationes novae, Parisiis: apud Sebastianum Cramoisy et Gabrielem Cramoisy 1657.
> https://www.e-rara.ch/zut/wihibe/content/pageview/4653246

Philippe Labbé, S.J., Novae Bibliothecae Manuscript. Librorum, Parisiis: Cramoisy 1657.
> https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb11054612_00007.html

Pierre Le Moyne, S.J., De l’art de regner, A Paris, chez Sebastian Cramoisy … rue Saint Iacqes, aux Cigognes MDCLXV
> https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb11202785_00003.html

(Danke, Darko, für die Hinweise auf Valerius Maximus und auf die Drucke von Cramoisy!)

❖ Druckermarken, die ein Bekenntnis des Verlags zum Programm
     der Publikationen darstellen

Im modernen Wirtschaftsdeutsch heißt das: »our commitment«.

Getaufte Antike?

Den von zwei Schlangen umwundenen Stab in der Druckermarke von Johannes Froben (ca. 1460 – 1527) und seinen Nachfolgern versteht man gleich als Zeichen des Gottes Hermes/Merkur.

Zum Heroldsstab (griech. Kerykeion / lat. Caduceus) des Gottes Hermes/Mercur hat Hygin folgende Geschichte überliefert: Nachdem Hermes von Apollon seine wunderbare Rute geschenkt erhalten hatte, machte er sich nach Arkadien auf; unterwegs bemerkte er zwei kämpfend ineinander verschlungene Schlangen und schlug mit der Rute zwischen sie, damit sie sich trennten; so sei dieser Stab zum Symbol des Friedens geworden (Hyginus, »De Astronomia«, 2. Buch, Kapitel 7.2); vgl. dazu den Aufsatz von V.Masciadri (PDF).

Hier eine frühe Darstellung des Gottes mit seinem Stab aus Sebastian Brants Vergilausgabe 1502 zur Stelle Aeneis IV, 238ff.:

Erstes Vorkommen von Frobens Druckermarke 1515:

Hier eine spätere Fassung:

Commentariorvm Vrbanorum Raphaelis Volaterrani, octo & triginta libri, accuratius quàm antehac excusi, cum duplici eorundem indice secundum Tomos collecto. Item Oeconomicus Xenophontis, ab eodem Latio donatus. Basileae: Frobenius / Episcopius 1544.

Was für ein Vogel sitzt zwischen den Schlangenköpfen auf dem Stab?

Das griechische Zitat auf den frühen Druckermarken ist Matthäus 10,16: Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben. Möglicherweise hat Froben die heidnisch-antiken Schlangen christlich umgedeutet und eine Taube dazugesellt, um darzulegen, dass die beiden Kulturen miteinander vereinbar sind; das ist ein (zu seiner verlegerischen Arbeit passendes) humanistisches Programm. – Dazu die spaßige Anmerkung von Johann Fischart: Ach du armes Däublin daurst mich … (Wolkenhauer S.208).

Wie nahe die heidnische Antike und das Christentum benachbart sind, geht vielleicht aus dem Titelbild zur 2. Auflage von Erasmus’ Ausgabe des Neuen Testaments (griech. Edition / lat. Neuübersetzung) in Frobens Verlag von 1519 hervor, wo Apoll der Nymphe Daphne hinterhereilt und Venus sehr üppig abgebildet ist, u.a.m.

Ausschnitt des Titels von Novum Testamentum omne; multo quam antehac diligentius ab Erasmo Roterodamo recognitum, emendatum ac translatum, […] per Erasmum Rot. [Basileae]: [in aedibus Ioannis Frobenii], [anno 1519]
> https://www.e-rara.ch/bau_1/doi/10.3931/e-rara-45895
> https://www.ub.unibas.ch/cmsdata/spezialkataloge/gg/higg0380.html

Anja Wolkenhauer (2002), S. 200f. hat eine weitere Vermutung: Der Titelholzschnitt zu Conrad Celtis, Quatuor libri amorum 1502 zeigt in der Randleiste Merkur, »wobei zu Füßen eine Elster (pica) sitzt, die eindeutig gekennzeichnet ist. […] Ihr sprichwörtlich diebischer Charakter legt eine Verbindung mit Merkur nahe.« (Aber ob das im Sinne des Verlegers Froben ist?)

Ohne Merkurstab, nur mit Schlange und Taube, verwendet das Bild Blasius Eber:

Heinrich Wirri, Ordenliche Beschreibung des Christlichen, Hochlöblichen vnd Fürstlichen Beylags oder Hochzeit, so da gehalten ist worden durch den Durchleuchtigisten ... Herrn Carolen, Ertzhertzog zu Osterreich ... mit dem Hochgebornen Fräwlein Maria, geborne Hertzogin zu Bayrn, den XXVI. Augusti in der Kayserlichen Statt Wienn, Wien: Blasius Eber 1571.


 

Fixpunkt und Bewegung

Das oft verwendete Signet des Antwerpener Verlegers Christophe Plantin (Plantijn, um 1520 – 1589) zeigt einen Zirkel, mit dem eine Hand einen Kreis zieht. Das Motto lautet LABORE ET CONSTANTIA (Mit Fleiß und Beharrlichkeit).

Matthias Felisius, Institvtionis Christianae Catholica Et Ervdita Elvcidatio […], Antverpiæ: Plantin 1575.
> http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb11117901-6

Das Emblem wird (später) so erklärt: »Das Motto ist auf die beiden zusammenwirkenden Schenkel des Zirkels zu beziehen, deren einer einen festen Punkt einnimmt und so die Tugend der Beständigkeit (constantia) repräsentiert, während der andere die unermüdliche Arbeit symbolisiert; mit diesen beiden Momenten will der Verleger sein Unternehmen leiten und erfolgreich führen.« Zitat aus https://embleme.digitale-sammlungen.de/index.html wo auf Roth-Scholtz verwiesen wird:

Bei Christoph Plantin, dessen Andenken ich getreu pflege, ist das gängige und eigentliche Zeichen der Zirkel, mit dem gelehrten Sinnspruch: Mit Bemühung und Beständigkeit. Der Zirkel, um sich gedreht, bedeutet die unablässige Bemühung, derselbe, indem er beim Einstich verweilt, die feststehende Absicht. Das ist gewiss eine zu Plantin passende Schmuckfassung, einem Mann, dem gegenüber keiner im Bemühen geduldiger, keiner in jedem Lebensziel beharrlicher war, abgesehen von dieser Nachgiebigkeit im Benehmen, mit der er sich bei jeder Art von Menschen beliebt machte. (Danke, Thomas G. für die Übersetzung!)

Friderici Roth-Scholtzii Herrenstado-Silesii Thesavrvs Symbolorvm Ac Emblematvm i. e. Insignia Bibliopolarvm Et Typographorvm, Nürnberg 1730; Seite 54 und Tafel V, Nr. 68 > http://diglib.hab.de/drucke/bd-2f-84-1s/start.htm?image=00007 )

Harpocrates

Thomas Wolf(f) (*um 1485, † nach 1535) verwendet 1521 erstmals die Druckermarke mit dem Schweigen gebietenden Mann mit Doktorhut. Es gibt verschiedene Textvarianten; hier eine viersprachige:

##??##, Basel 1526; (Zeichner Hans Holbein d.J.)

  • oben: Digito Compesce Labellum (Bezähme die Lippe mit dem Finger; Juvenal, Satire I,60)
  • links: Red nit zuo vil / ich s radten wil.
  • rechts: πᾶς λόγος σαπρὸς ἐκ τοῦ στόματος ὑμῶν μὴ ἐκπορευέσθω (Kein hässliches Wort komme aus eurem Mund; Epheserbrief 4,29)
  • unten: עֵת לַחֲשׁוֹת וְעֵת לְדַבֵּר (Schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; Qohelet = Ecclesiastes 3,7)

Interessant ist, dass das Emblem mit diesem Motiv bei Alciato erst im Augsburger Druck 1531 als Bild vorkommt:

> http://www.emblems.arts.gla.ac.uk/alciato/emblem.php?id=A31b003

Vgl. A.Wolkenhauer (2002), S. 59–61 und 255–261. Hier werden die antiken Stellen und die bei Erasmus u.a. zitiert, wo der Gott Harpocrates erwähnt wird.

(Wer sich mit der Aufforderung, nicht alles einfachsoherauszuplaudern, nicht abfinden will, benutze > http://www.elsewhere.org/pomo/ )

Die Bärenmutter leckt die Jungen zurecht

Die antike und danach die mittelalterliche Naturkunde wissen, dass das Bärenweibchen unförmige Junge gebiert und sie dann durch Lecken zur richtigen Gestalt formt. Dieses Verhalten wird allegorisiert und schon früh auf das Zusammenwirken von natürlicher ›genialer‹ Anlage und erlernter Kunstfertigkeit bezogen, ein Dauer-Thema der Poetik und der Malerei-Theorie.

In der auf Sueton (ca. 75–160) basierenden »Vita Vergiliana« heißt es § 22: Als Vergil die Georgica schrieb, pflegte er, so wird überliefert, täglich früh morgens sehr viele Verse zu ersinnen und diktieren, dann aber den ganzen Tag hindurch sie zu überarbeiten und so auf wenige zusammenzustreichen, wobei er gar nicht so übel sagte, er gebäre sein Gedicht nach Art einer Bärin und bringe es durch Lecken erst in Form (carmen se ursae more parere et lambendo demum effingere). (Karl Bayer)

Schon früh wird die Idee emblematisch gebraucht:

QUi veult apprendre à dur entendement,
De desespoir ne se voyse faschant:
Mais veoye l’Ourse, & regarde comment,
A ses faons donne forme en leschant.
Tout bon sçavoir se treuve en le cherchant:
Par artifice on ha civilité: L’esprit humain par imbecilité,
Des sa naissance est mal instruict, & rude:
Mais l’on polit telle brutalité,
En luy baillant doctrine par estude.

Guillaume La Perrière, Le theatre des bons engins, Paris: Denis Janot [1544]; Nr. XCVIII.
> http://www.emblems.arts.gla.ac.uk/french/emblem.php?id=FLPa098

Otto van Veen verwendet das Bild für die Techniken des Liebhabers:

Amorum emblemata, figuris aeneis incisa. studio Othonis Væni, … Emblemes of Loue, with verses in Latin, English, and Italian, Antwerpiæ [Verdussen] 1608.
> http://emblems.let.uu.nl/v1608029.html

PERPOLIT INCVLTVM PAVLLATIM TEMPVS AMOREM.
Vrsa nouum fertur lambendo fingere foetum,
Paullatim & formam, quae decet, ore dare:
Si dominam, vt valdè sit cruda, sit aspera, amator
Blanditijs sensim mollit & obsequio.

Die Zeit verfeinert allmählich die rohe Liebe
Es heißt, dass die Bärin ihre Jungen durch Lecken ausbildet und ihnen nach und nach die ihnen zukommende Form mit der Zunge gibt. Ebenso besänftigt der Liebende seine Dame – auch wenn sie gefühllos und harsch ist – mit Schmeicheleien und Gefälligkeiten.

Tizian († 1576) hatte als Leitspruch Naturā potentior Ars (Das Handwerk ist mächtiger als die Natur); als Sinnbild dient ihm die Bärin, die das Junge zurechtleckt. Sein Motto wird hier zitiert:

Giovanni Battista Pittoni, Imprese die diverse Prencipi …, Venezia 1568.

I,43http://www.italianemblems.arts.gla.ac.uk/facsimile.php?bookid=sm_1766&pageid=0053

Ingenium doctrinâ et litteris formandum (Die angeborene Fähigkeit muss mittels wissenschaftlicher Kenntnisse und Gelehrsamkeit ›gebildet‹ werden):
Subscriptio: Der menschliche Geist ist von Geburt an schwach, ungelehrt und roh. Solche Grobheit kann man abschleifen, wenn man dem Menschen durch Unterricht Bildung zuteil werden lässt.
Dionysii Lebei-Batillii Regii Mediomatricv[m] Praesidis Emblemata, Francofurti ad Moenum: de Bry 1596
> http://diglib.hab.de/drucke/uk-35/start.htm

Joachim Camerarius, Symbolorvm et Emblematvm Ex Animalibvs Qvadrvpedibvs Desvmtorvm Centvria Altera … (1595) verwendet das Motiv II,21 ebenfalls mit dem Motto: Naturā potentior Ars. – In der deutschen Übersetzung »Vierhundert Wahl-Sprüche und Sinnen-Bilder« (1671): Kunst kan die Natur bezwingen | Und sie zum Gehorsamb bringen.

 

Das Emblem wird dann als Druckermarke verwendet von Michael Hubert:

Titel von: Sammlung von Johann Christian Günthers, aus Schlesien, bis anhero edirten deutschen und lateinischen Gedichten. Auf das neue übersehen, wie auch in einer bessern Wahl und Ordnung an das Licht gestellet. Nebst einer Vorrede von den so nöthigen als nützlichen Eigenschaften der Poesie, Breßlau und Leipzig: Michael Hubert, 1735.

Auf dem Spruchband: Doctrina Ingenium sic format, ut haec Fera Foetum. (Die Gelehrsamkeit formt die Naturanlage so wie dieses wilde Tier die Leibesfrucht.)

Der »Ours mal léché« ist sprichwörtlich geworden.

Die nackte Wahrheit entsteigt einer Höhle

Der Drucker Johannes Knobloch (tätig in Straßburg 1504–1528) lässt auf seiner Druckermarke die Wahrheit nackt aus einer Höhle steigen:

HABACVC PROPHETA CVM ANNOTATIONI BVS MARTI. LVTHE. Iohanne Lonicero Interprete. Straßburg: Johann Knobloch d.Ä. 1526.
> http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001464F00000000

  • oben steht: hē alḗtheia = Die Wahrheit
  • der hebräische Text ist Psalm 85,11 (hebr. Bibel) / 85,12 (in deutschen Überss.) / 84,12 (Vulgata) אֱמֶת מֵאֶרֶץ תִּצְמָח Die Wahrheit wird aus der Erde hervorsprossen.
  • unten steht: Verum quum [= cum] latebris delituit diu, emergit = Das Wahre, das sich lange in Schlupfwinkeln verborgen hat, tritt hervor.
  • das griechische Zitat rechts: Άγει δε προς φώς την αλήθειαν χρόνος = (Die) Zeit bringt die Wahrheit ans Licht. (Danke, Jörg, für die Hilfe!)

    Das Zitat hat Knobloch wohl entnommen Erasmus, »Adagia«, 1317. II, IV, 17: Tempus omnia revelat. (Die dritte Auflage der Adagia erschien bei Froben in Basel 1513). Erasmus seinerseits zitiert Aulus Gellius (XII, xi, 6) der einen Vers des Sophokles zitiert: die ewige Zeit … deckt alles auf.

  • Außen herum sind Knoblauchpflanzen (!) gezeichnet.

Die personifizierte Wahrheit (veritas in der lat. Grammatik ist ein Femininum) ist nackt: Horaz kennt die nuda Veritas (Carm. I, xxiv, 7). Sie scheint sich selbständig aus der Höhle befreit zu haben. Was bedeuten ihre Handgesten?

Die Marke wurde erstmals verwendet in einer Stobaios-Ausgabe 1521; dann 1522 in einer Ausgabe von Erasmi »Lob der Torheit«; vgl. Anja Wolkenhauer (2002) S. 245.

Auf einem Bild in einem englischen religiösen Trakat 1535 entflieht die Wahrheit ebenfalls einer Höhle. Hier hat sie indessen einen Helfer: Chronos/Tempus ist ihr (Truthe, the doughter of time) behilflich: Tyme reueleth all thynges — und einen Widersacher: ein Monster – angeschrieben mit Hipocrisis (Heuchelei):

(Das Bibelzitat unten: Matthäus 10,26)

William Marshall, Goodly Prymer in Englyshe, newly corrected London: John Bydell 1535.

Dasselbe Motiv auf der Druckermarke von Francesco Marcolini (aktiv in Venedig 1534 bis 1559). Das Motto lautet: Veritas Filia Temporis. (Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit.):

Le imagini con la spositione de i dei de gliantichi. Raccolte per Vincenzi Cartari, In Venetia per Francesco Marcolini MD LVI. (1556)
> https://hdl.handle.net/2027/dul1.ark:/13960/t9h432g9w

Embleme, die darlegen dass drei Seuchen der Entbergung der Wahrheit im Wege stehen (Streit, Missgunst, Verleumdung), werden fast zeitgenössisch publiziert:

Ioannes Sambucus, Emblemata, Cvm Aliqvot Nvmmis Antiqvi Operis, Antverpiae: Plantin 1564; Emblema LIII. > http://diglib.hab.de/drucke/li-7744-1/start.htm?image=00303

Literaturhinweise:

Fritz Saxl, "Veritas Filia Temporis," in: Philosophy and History. Essays presented to Ernst Cassirer, edited by Raymond Klibansky and H. J. Paton, Oxford University Press 1936, pp. 197–222.

Donald Gordon, "Veritas Filia Temporis": Hadrianus Junius and Geoffrey Whitney, in: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes, Vol. 3, No. 3/4 (1940), pp. 228–240.

Soji Iwasaki, ”Veritas Filia Temporis and Shakespeare”, in: English Literary Renaissance, Vol. 3, No. 2 (Spring 1973), pp. 249–263.

Website > http://riowang.blogspot.com/2010/09/veritas-filia-dei-3-time-and-truth.html {Okt.2018}

Lieselotte Möller, Chronos, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. III (1953), Sp. 753–764; insbes. Abb. 4 > http://www.rdklabor.de/w/?oldid=92633

 

Die Wahrheit wird ent-deckt

David Herrliberger zeichnet auf dem Titelblatt seines Werks Heilige Ceremonien und Kirchen-Gebräuche der Christen in der ganzen Welt. Erste Ausgabe, Begreift die Ceremonien der Lutheraner von der Augspurgischen Confession, der reformirten, der holländischen u.a. Kirchen, Zürich 1744 diese Szene der Entdeckung der Wahrheit durch Chronos:

Ausschnitt aus > http://www.e-rara.ch/zuz/content/pageview/5485120

Die Bildunterschrift stammt aus Phaedrus, Fabel 3,10, Vers 5f.:

Ergo exploranda est veritas multum, prius
quam stulte prava iudicet sententia.

(Daher muss man sorgsam den Wahrheitsgehalt erforschen, bevor eine falsche Meinung ein törichtes Urteil fällt.)

Die unbeirrbare Wissenschaft

Lazarus Zetzner (1551–1616) hatte als Druckermarke immer schon die Statue einer behelmten Minerva (die Schutzgöttin der Dichter und Lehrer, die Göttin der Weisheit, die Hüterin des Wissen) mit dem Motto Scientia immutabilis (Die Wissenschaft ist unwandelbar, beständig, dauerhaft; mehr zu Minerva unten).

Methodus apodemica in eorum gratiam, cui cum fructu in quocunque tandem vitae genere peregrinari cupiunt ... ; Typis delineata, et cum alijs, tum quatuor praesertim Athenarum vivis exemplis illustr. ... / Theod. Zvingerus Argentinae: Zetzner 1594.

G. Rollenhagen verwendet das Motto und das Bild in seinem Emblembuch (Nucleus Emblematum II, 11; 1613).

Für das umfänglich enzyklopädische Werk von Joseph Lang wird die Druckermarke von Zetzners Erben 1645 ausstaffiert: Die Statue ist situiert in einer Landschaft. Das Medaillon ist umgeben von den drei Schicksalsgöttinnen (Moiren bzw. Parzen): Klotho spinnt den Lebensfaden, der von Lachesis bemessen und von Atropos abgeschnitten wird.

Florliegii Magni, seu POLYANTHEÆ Floribus Novissimis Sparsæ, Libri XX. Opus præclarum, suavissimis celebriorum sententiarum, vel Græcarum, vel Latinarum flosculis refertum. […] Studio & operâ Josephi Langii, meliore ordine dispositum, innumeris fere Apophthegmatis, Similitudinibus, Adagiis, Exemplis, Emblematis, Hieroglyphicis, & Mythologiis locupletatum, atque perilustratum, […]. Argentorati, Sumptibus Hæredum Lazari Zetzneri, MDCXLV. [1645]

Tempel-Vision

Die Druckermarke von Marco Antonio Giustiniani (1516–1571), der 1545–1552 in Venedig druckt. Dargestellt ist (auf dem hintersten Blatt) eine Rekonstruktion des Zweiten Tempels in Jerusalem, wie man sie ähnlich aus der Schedelschen Weltchronik (1493) kennt; das Gebäude ähnelt aber auch stark dem (im 7.Jh. u.Z. erbauten) Felsendom:

Hebraicus Pentateuchus latinus plané que nouus post omnes hactenus aeditiones euulgatus ac hebraicae veritati quoad eius fieri potuit, conformatus. Adiectis insuper e rabinorum commentarijs annotationibus pulchre & uoces ambiguas & obscuriora quaeque elucidantibus. Item Cantica Canticorum, Ruth, Threni, Ecclesiastes, Esther […] ex officina Iustinianea, 1551.
> https://books.google.ch/books?id=EjOwJFvG8wUC&hl=de&source=gbs_navlinks_s

Weisheit im Überfluss

Filippo Picinelli (1604 – 1667? 1678?) hatte schon 1653 ein Buch geschrieben: »Mondo Simbolico O Sia Vniversità À D'Imprese Scelte, Spiegate, Ed'Illvstrate con sentenze, ed eruditioni Sacre, E Profane«; dieses erschien in Neuauflagen Milano 1669 und Venedig 1670. 1681 erschien eine lateinische Übersetzung im Verlag von Hermann Demen (1636–1710?) in Köln. – Demen hat in anderen Büchern andere Bilder auf dem Frontispiz; für die Emblemsammlung von Picinelli (ein umfangreicher Foliant) wählt er dieses:

MUNDUS SYMBOLICUS, in Emblematum Universitate formatus, explicatus, et tam sacris, quam profanis eruditionibus ac sententiis illustratus: submnistrans Oratoribus, Prædicatoribus, Academicis, Poetis &c. […] conscriptus reverendissimo domino D. Philippo Picinello, Coloniæ Agrippinæ, Sumptibus Hermanni Demen, sub signo Monocerotis. MCLXXXI [1681]

Es ist die klassische Emblemstruktur. Das Bild eines reich sprudelnden Springbrunnens und dazu der Text im Spruchband OMNIBUS AFFLUENTER. Er stammt aus Jacobus 1,5: Si quis autem vestrum indiget sapientia, postulet a Deo, qui dat omnibus affluenter, et non improperat: et dabitur ei. (Wem es unter euch aber an Weisheit fehlt, der erbitte sie von Gott, der allen im Überfluss gibt und niemandem etwas zum Vorwurf macht: Sie wird ihm zuteil werden).


❖ Embleme, die das Programm oder die Gesinnung des Verfassers kundtun

Aal und Krebs

Auf dem Titelblatt von Johann Fischarts* »Geschichtklitterung« sind ein Krebs und ein Aal in den Händen von Menschen abgebildet mit den Texten (deutsch erst in späteren Auflagen)

Si premas erumpit — Ein Truck entziechts

Si laxes erepit — Zu luck entkriechts

Das könnte sich auf das Verhalten des Lesers beziehen, wie denn auch die Vorrede zum Buch poetologische und hermeneutische Themen behandelt.

Man verliert die (im Buch) angebotene geistige Nahrung (Krebs und Aal sind Leckerbissen) durch ein zu strenges Urteil und Ablehnung, aber auch durch zu leichtfertiges Geltenlassen. (nach Thomas G.)

Oder: Wenn man den Text nicht zupackend interpretiert, versteht man ihn nicht; aber wenn man alles tiefsinnig zu deuten versucht, ebensowenig. (so P.M.)

Affenteurliche und Ungeheurliche Geschichtschrift vom Leben/ rhaten und Thaten der for langen weilen Vollenwolbeschraiten Helden vnd Herrn Grandgusier, Gargantoa, vnd Pantagruel, Königen inn Vtopien vnd Ninenreich. Etwan von M. Francisco Rabelais Französisch entworfen: Nun aber verschrecklich lustig auf den Teutschen meridian visiert/ und vngefärlich obenhin/ wie man den Grindigen laußt/ vertirt/ durch Huldrich Elloposcleron Reznem [Straßburg: Jobin] 1575
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00047235/image_3

*) Mit seinem Namen hat er Spaß getrieben. Hultrich Elloposcleros Reznem: Den Begriff des ersten Namens glaubte er in seinem Vornamen Johann zu finden (hebr. jôḥānān bedeutet ›Gott ist gnädig‹); den zweiten entlehnte er aus dem Griechischen éllops Fisch und sklêrós hart; und der dritte entstand durch Umkehrung des Namens Menzer, den er nach seinem ihm beigelegten Geburtsort Mainz angenommen haben soll. (nach Theodor Heinsius)

Körner aus dem Mist

Das Motto zu Johannes Keplers frühem Buch »De Stella nova« besagt: Grana dat e fimo scrutans = Es [das Huhn] gibt [den Küken] aus dem Mist herauswühlend [die] Körner.

Joannis Keppleri De stella nova in pede serpentarij, et qui sub ejus exortum de novo inijt, trigono igneo. Libellus astronomicis, physicis, metaphysicis, meteorologicis & astrologicis disputationibus, endoxois & paradoxois plenus […], Pragae, Ex officina calcographica Pauli Sessii. Anno MDCVI [1606]> http://doi.org/10.3931/e-rara-1752

Es ist nicht die Marke des Druckers/Verlegers Paulus Sessius (Pavel Sesse, aktiv 1606–1631).

Im Buch Keplers wird die Supernova aus dem Jahre 1604 beschrieben (und über das wahre Geburtsjahr Jesu spekuliert). Vielleicht steht das nicht gerade von Selbstsicherheit zeugende Emblem im Zusammenhang mit der melancholischen Grundstimmung Keplers, wie sie Arthur Koestler in »Die Nachtwandler« (deutsch 1959, S. 354ff.) beschreibt.

Comenius

Johann Amos Comenius (1592–1670) lässt – dort wo sich normalerweise die Druckermarken befinden – ein Emblem hinsetzen mit dem Text Omnia sponte fluant, absit violentia rebus. (Alles fließe aus eigenem Antrieb, Gewalt sei fern den Dingen.) Im Bild: Sonnenschein und Regen lassen das Feld gedeihen.

Joh. Amos Commenii Orbis sensualium pictus, Hoc est, Omnium fundamentalium in Mundo Rerum & in Vitam Actionum Pictura & Nomenclatura – Die sichtbare Welt/ Das ist/ Aller vornemsten Welt-Dinge und Lebens-Verrichtungen Vorbildung und Benahmung, Nürnberg: Michael Endter 1658.

Das Emblem versinnbildlicht die Ansicht von Comenius, die er z.B. in der »Großen Didaktik« (17. Kapitel, ¶ 21ff.) so beschreibt: »Es schließt der Baum, so groß er auch sein mag, sein ganzes Wesen in den Kern seiner Frucht … den Setzling ein. Wenn man nun diesen in die Erde senkt, so wird wieder ein ganzer Baum daraus emporwachsen dank der ihm innewohnenden Kraft. Ganz ungeheuer hat man gegen dieses Naturgesetz in den Schulden verstoßen. Die meisten Lehrer nämlich mühen sich ab, statt des Samens … ganze Bäume zu pflanzen, indem sie statt der grundlegenden Prinzipien den Schülern ein Durcheinander von … unzubereiteten Texten vorsetzen.«

Pegasus

Benjamin Neukirch (1665–1729) hat eine berühmte Sammlung galanter Lyrik herausgegeben, unter dem Titel »Herrn von Hoffmannswaldau und andrer Deutschen auserlesener und bißher ungedruckter Gedichte«. Sie erschien von 1695 bis 1709 in 6 Bänden in Leipzig bei Thomas Fritsch (1666–1726).

Die Druckermarke ist sinnigerweise Pegasus, jenes gefügelte Pferd, durch dessen Hufschlag auf dem Gebirge Helikon eine Quelle entstand, aus dem alle Dichter trinken.

Freilich verwendet Thomas Fritsch den Pegasus auch auf Werken ohne poetischen Inhalt:

Joh. Helfrich Jünckens Physici in Franckfurt vernünftiger und erfarner Leib-Artzt/ welcher lehret/ wie ein mensch/ so von der medicin keine profession machet/ so wohl seinen eigenen cörper erkennen/ sich vor allerhand zufällen bewaren/ als auch in kranckheiten geschwinde raten möge. Leipzig: Thomas Fritsch 1699.
> https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10472898_00005.html

Gottfrid Arnolds Unparteyische Kirchen- und Ketzer-Historie. von Anfang des Neuen Testaments biß auff das Jahr Christi 1688, Franckfurt am Mayn bey Thoms Fritsch 1699. > http://diglib.hab.de/drucke/s-87-2f-helmst/start.htm?image=00007

Vgl. auch: Johann Theodor Jablonski, Allgemeines Lexicon der Künste und Wissenschaften, Leipzig: bey Thomas Fritschen, 1721. > https://www.e-rara.ch/zuz/content/pageview/9655330

Andere Drucker/Verleger sind für die Ausgabe von Poeten auch auf diese Idee gekommen:

Vgl. auch: Publii Fontanae Bergomatis poemata omnia latine scripta : quae jamdiu a M. Antonio Foppa in unum collecta, nunc demum aucta & illustrata in lucem prodeunt, Bergomi: excudebat Petrus Lancellottus 1752. > http://doi.org/10.3931/e-rara-52303

Pegasus wurde schon früh verwendet, z.B. hier

Lettere volgari di mons. Paolo Giouio da Como vescovo di Nocera. Raccolte per messer Lodouico Domenichi, In Venetia appresso Giovan Battista et Marchion Sessa F. 1560.

Aufklärung emblematisch

Nicolaus Hieronymus Gundling[ius] (1671–1729) gab 1715 bis zu seinem Tod die »Gundlingiana« heraus, eine aufklärerische wissenschaftliche Zeitschrift.

Auf die Titelblätter setzt er ein programmatisches Emblem. Die Sonne sagt in der ›Sprechblase‹ dispellam = ich werde [die dunkeln Wolken] auseinandertreiben.

GUNDLINGIANA, Darinnen allerhand zur Jurisprudenz, Philosophie, Historie, Critic, Litteratur und, übrigen Gelehrsamkeit gehörige Sachen abgehandelt werden. Eilfftes bis fünffzehendes Stück Halle: Renger 1717.

Es handelt sich nicht um ein Verlagssignet der Rengerischen Buchhandlung in Halle im Magdeburgischen, wie man sich auf der vorzüglichen Seite vergewissern kann > http://digitale.bibliothek.uni-halle.de/vd18/nav/cloud/publisher?query=Rengerische%20Buchhandlung

Exkurs: Die wolkenvertreibende Sonne erscheint dann personifiziert und mit dem Titel Aufklärung versehen auf dem Titelkupfer einer Ausgabe von Ch.M. Wielands »Über den freien Gebrauch der Vernunft in Glaubenssachen« (1788):

Wieland-Ausgabe von Johann Gottfried Gruber, Band 32 (Leipzig: Göschen 1825)

Freilich ist die Idee der die Wolken vertreibenden Sonne schon älter: Frustra oppositae [ergänze: nubes] ≈ Vergeblich, ohne Chance [stehen die Wolken] entgegengesetzt [d.h. im Widerstreit mit der Sonne]

Jacobus de Voragine, Sermones dominicales per totum annum. Nunc demum a quamplurimis erroribus expurgati, Venedig, Polus 1602.


❖ Emblem-artige Druckermarken mit vagen moralisierenden Bezügen

Der eingepfropfte Ölzweig mahnt zur Demut

Das Signet von Robertus Stephanus / Robert Estienne (gest. 1559) (> Artikel in Wikipedia) sieht angfangs noch schlicht aus:

Dictionarium cum gallica fere interpretatione, Paris 1531.

Das Motto Noli altum sapere sed time (≈ Denke nicht hoch hinaus, sondern fürchte dich!) verweist auf den Römerbrief 11,16–24, wo Paulus darlegt, dass die Juden sich aus dem Reich Gottes ausgeschlossen haben, und die sich zu Christus Bekennenden aufgenommen wurden. Er illustriert dies mit einem Gleichnis:

Es wurden Zweige eines edlen Ölbaums (gemeint ist der Alte Bund) abgeschnitten und dafür Zweige eines wilden Ölbaums (die Heidenvölker) eingepropft. Diese neuen Zweige sollen sich aber nicht rühmen – hier fällt das Wort "noli altum sapere" – , denn sie sind ja mit Wurzel des alten Baums verbunden, der sie nährt. Gott kann jederzeit die neuen Zweige ebenfalls ausbrechen. (Und so können auch die von Natur dazugehören Zweige wieder eingepfropft werden; die Juden können und sollen also wieder des Heils teilhaftig werden.) Der Christ soll den Ungläubigen gegenüber nicht überlegen fühlen und nicht vergessen, dass er die Kraft seines Glaubens nicht sich selbst zu verdanken hat.

Das Bild zeigt einen ausbrechenden (neuen, eingepropften) Zweig. – In späteren Fassungen tritt ein Betrachter des Baumes hinzu; wichtiger: Man erkennt die Stellen, wo die Zweige eingepropft wurden.

De origine, continuatione, usu, autoritate, atque praestantia ministerii verbi Dei, et sacramentorum: Et de controversiis ea de re in Christiano orbe, hoc praesertim seculo excitatis : ac de earum componendarum ratione. Autore Petro Vireto, [Genève]: Robert Estienne 1554.
> http://doi.org/10.3931/e-rara-2395

Das Motto und das Bild erscheinen auch als Druckermarken von anderen Genfer Verlegern. Wie ist das zu deuten?

Iac. Constantii de Rebecque Medicinae Helvetiorum prodromus, sive pharmacopoeae Helvetiorum specimen. Genevae: typis Ioannis Landré 1677

dass. Genevae: typis Antonius Emery, 1677.

Beim Genfer Drucker Guillaume de Leymarie (1533–1598) fallen die eingepropften Zweige nicht herunter, aber eine Hand aus Wolken droht mit einer Axt. Das Motto aus demselben Kapitel fasst beide Aspekte: Vide benignitatem et severitatem Dei (≈ Siehe die Güte Gottes und seine Strenge! Römerbrief 11,22):

Operum Aristotelis Stagiritae philosophorum omnium longe principis, nova editio, graece et latine. Graecus contextus quam emendatissime praeter omnes omnium editiones est editus […], Lyon [eigentlich: Genf]: Guillaume de Laimarie 1590.
> http://doi.org/10.3931/e-rara-6629

Eine Herkulesarbeit

Anselmo Giaccarelli (auch Zacccarello u.a.) war 1545–1557 in Bologna als Drucker tätig. Eine seiner Buchdruckermarken zeigt Hercules im Kampf mit der mehrköpfigen lernäischen Hydra:

Innocentio Ringhieri, Cento giuochi liberali, et d'ingegno. Bologna: Anselmo Giaccarelli 1551.

Vgl. Cesare Fiaschi, Trattato dell'imbrigliare, maneggiare, et ferrare cavalli …, In Bologna: Per Anselmo Giaccarelli MDLVI > https://www.biodiversitylibrary.org/item/109748#page/5/mode/1up

Das allegorische Motto lautet lateinisch: Affectûs virtute superantur / italienisch: Vinconsi con vertu gli humani affeti; das heißt: Die Gemütsbewegungen / Leidenschaften [der Hydra] werden durch die Tugend [von Hercules] überwunden.

Auch der Verleger Abraham Faber (tätig 1587–1613 in Metz) verwendet den Kampf von Hercules gegen die Hydra. (Man erkennt, dass die Motive wandern; damals gab es kaum einen Copyright-Schutz.)

Das Motto ist hier: labor omnia vincit improbus (Mühsame Arbeit unterwirft alles*) — Catherine Silvestre, Marques typographiques ..., Paris 1853, Nr. 1082.

*) Das ist die gängige Übersetzung des ›geflügelten Wortes‹. — Vergil, Georgica I, 145 meint in seiner Kulturentstehungslehre den Übergang vom Goldenen Zeitalter zu rauheren Epochen. Bei Vergil wird die Mühsal (labor) nicht als Strafmaßnahme einer erzürnten Gottheit verstanden, sondern als dem Erziehungswillen Jupiters entsprungen, der wollte, dass die Menschheit nicht untätig dahindämmere. – Der Philologe H. Altvogt, Labor improbus, Eine Vergilstudie, Münster 1952 übersetzt labor omnia vicit improbus: Schlimme Not hat in allem die Oberhand gewonnen.

Diese Buchdruckermarken dürften angeregt worden sein durch ein Emblem in der eben gerade in Lyon erschienenen Neuausgabe von Alciatos Buch. Hier lautet ein Vers im Epigramm:
Non furor aut rabies uirtute potentior ulla est;
in der deutschen Übersetzung von Jeremias Held (1566):
Kein wüten noch vnsinnigkeit Stercker ist als die tugent gemeit.

Emblemata D. A. Alciati, denuo ab ipso Autore recognita, ac, quae desiderabantur, imaginibus locupletata. Accesserunt noua aliquot ab autore emblemata, suis quoque eiconibus insignita. Lvgd.: Apud Gvliel. Rovilivm, 1550. > https://hdl.handle.net/2027/gri.ark:/13960/t55d93p8b

Die Moralisation der Herkulesarbeiten ist bereits antik. Vom Kyniker Krates von Theben (um 368 – nach 285) heißt es: Die Dichter erzählen, wie Herakles einst dank seines Heldenmuts schreckliche Ungeheuer in Menschen- und Tiergestalt besiegte und die Welt von ihnen säuberte. Genau das tat dieser philosophische Herakles [Krates] im Kampf gegen Zorn, Neid, Habsucht, Gelüste und sämtliche anderen ungeheuerlichen, verbrecherischen Triebe der menschlichen Seele. (Georg Luck, Die Weisheit der Hunde. Texte der antiken Kyniker, Stuttgart: Kröner 1997; Text Nr. 529)

Ein gebildeter Leser der Zeit hätte allenfalls aus des Erasmus »Adagia« das Kapitel Herculei labores (III,1,) assoziiert, wo die Arbeit des gelehrten Humanisten als Herkulesarbeit dargestellt wird.

Arion auf dem Delphin

Der berühmte und mit seiner Kunst reich gewordene Sänger Arion wird auf einer Schiffsreise von der geldgierigen Mannschaft beraubt und gezwungen, sich vom Schiff zu stürzen; die Seeleute erlauben ihm, noch einmal zu singen und dann sein Saitenspiel mitzunehmen. Im Meer taucht ein Delphin auf, der ihn auf seinem Rücken ans Ufer nachhause trägt.

Die Geschichte wird nicht bei den großen antiken Dichtern erzählt, sondern von von Herodot, Historien I,23f. — Aulus Gellius, Noctes Atticae XVI,19 — Hyginus, Fabulae 194 – Aelian, Historia Animalium XII,45.

Sebastian Brant bringt die Geschichte mitsamt einem Bild:

Esopi appologi sive mythologi: cum quibusdam carminum et fabularum additionibus Sebastiani Brant. Basel: Jacob <Wolff> de Phortzheim 1501.
> https://www2.uni-mannheim.de/mateo/desbillons/esop/seite367.html

Alciato bringt Arion in der ersten Ausgabe 1531 als Exempel der Habgierigen (gmeint sind die Seeleute):

http://www.emblems.arts.gla.ac.uk/alciato/emblem.php?id=A31b011

Der Basler Buchdrucker Johannes Oporin(us) (1507–1568) (> ADB) verwendet seit 1543 als Signet den auf einem Delphin sitzenden/stehenden Arion. Es wird öfters umgezeichnet; hier aus einer Ausgabe 1564:

Suidae historica, caeteráque omnia, quę ulla ex parte ad cognitionem rerum spectant, solis verborum explicationibus (quae quidem in vulgatis Lexicis passim extant) praetermissis: Opus iucunda rerum varietate et multiplici eruditione refertum […]. opera verò ac studio Hiero. VVolfii in Latinum sermonem conversa. […] Basileæ, apud Ioannes Oporinum et Hervagium [1564].

Die Bild-Umschriften:

Invia virtuti nulla est via ≈ Der Tatkraft ist kein Weg ungangbar (Ovid, Metamorphosen XIV,113 in einem völlig anderen Kontext)

Fata viam inveniunt ≈ das Schicksal bahnt sich selber den Weg (Vergil, Aeneis X,113; dort im Futur invenient und in einem völlig anderen Kontext)

(Wenn man die Geschichte des Sängers Arion verallgemeinernd bezieht auf die Produkte des Verlegers, so könnte man als Pointe formulieren: Bildung kann nicht untergehn.)

Dazu Anja Wolkenhauer (2002), bes. S. 384–396.

Fama soll den Ruhm ausposaunen

Sigmund Feyerabend (1528–1590) (> Wikipedia) gehört zu den Verlegern, von welchen die zahlreichsten Signete bekannt sind. Sein Symbol war die Fama, welche er von Jost Amman, Tobias Stimmer, Virgil Solis, Melchior Lorch u. a. immer aufs neue mit und ohne seine Devise komponieren ließ und für seine verschiedenen Vergesellschaftungen in Frankfurt und Basel mit den Symbolen seiner Genossen kombinierte.

Die Fama (›das Gerücht‹, negativ wie positiv gemeint) ist geflügelt und trägt Augen unter den Federn. Dass sie die Kunde mit Blasinstrumenten ›ausposaunt‹, steht nicht in den klassischen antiken Texten (Vergil, Aeneis IV, 173–189 und Ovid, Metamorphosen XII, 39–63), das ist Zugabe der Illustratoren; vgl. den Artikel im RDK und die Zusammenstellung hier

Die Umschrift lautet: Pervigiles habeas oculos animumque sagacem | Si cupis ut celebri stet tua fama loco ≈ Wenn du willst, dass dein Ruhm an einem verherrlichten Ort steht, dann halte die Augen immerfort wachsam offen und sei scharfsinnig. (Der Zusammenhang mit der Personifikation der Fama ist etwas wackelig.)

Albertus Magnus/ Daraus man alle Heimligkeit deß Weiblichen geschlechts erkennen kan/ Deßgleichen von jhrer Geburt/ sampt mancherley artzney der Kreuter/ auch von tugendt der edlen Gestein vnd der Thier/ mitsampt einem bewehrten Regiment für das böse ding.Jetzund aber auffs new gebessert/ vnd mit schönen Figuren gezieret/ dergleichen vor nie außgangen. Gedruckt zu Franckfort am Mayn/ Durch Joahnnem Schmidt in Verlegung Sigmund Feyerabendts M.D.LXXXI (1581)

Feyerabend bindet sein Druckerzeichen mit der Figur der Fama ein in die Darstellung einer Diskussionsrunde. Das Buch von Martin Chemnitz (1522–1586) legt die stellt die Auseinandersetzung der reformatorischen Theologie mit dem tridentinischen Katholizismus kontroverstheologisch dar.

Examen Decretorvm Concilii Tridentini In Quo Ex Sacrae Scripturae norma, collatis etiam orthodoxis & prioris Antiquitatis testimoniis ostenditur, qualia sint illa Decreta, & quo artificio composita Autore Martino Kemnicio, Francofurti ad Moenum, per Petrum Fabricium, [Pars 1] (1566) – Pars 4 (1573). (Petrus Fabricius ist der Drucker; der Verleger Feierabendt nennt sich in der Banderole. IA im Bild unten links ist wohl die Signatur von Jost Amman 1539–1591.)

Hier ein Beispiel für einen Verlagsverbund. Auder banderole sind genannt: S.Feierabend, Georg Raab und Weigand Haan, deren Wappenvögel die Fama umgeben.

[Livius] Von Ankunfft vnd Ursprung deß Römischen Reichs / der alten Römer herkommen /Sitten/Weyßheit/Ehrbarkeit / löblichem Regiment / Ritterlichen Thaten . Jetzund auffs neuw auß dem Latein verteutscht/ und mit ordentlicher verzeichnuß der fünemsten Historien/ Jarrechnung/ kurtzer Liuischen Chronica/ und Register/ in den Truck verfertiget Durch Zachariam Müntzer. Mit schönen Figuren geziert/ … Frankfurt/Main, 1568

Ein weiteres Beispiel für eine Zusammenarbeit, die sich in der Druckermarke zeigt: Feyerabend und Simon Huter (auch Hutter, Huder geschrieben):

Emblemata Andreae Alciati postremo ac ultimo ab ipso authore recognita, imaginibus[ue, vivis ac lepidis denuo artificiosissime illustrata. Adiecta sunt insuper perelegantia ac docta epimythia seu affabulationes, in quibus emblematum amplitudo & quae in iis dubia vel obscura sunt, perspicue declarantur. Francofvrti ad Moenvm, [in der Banderole:] Sigismvnd Feierabent | Simon Huder 1567.

Variante:

Der Wegkürtzer. Das dritte Theil des Rollwagens/ von viel schönen lustigen vnd kurtzweiligen Historien in Wägen, Schiffen, Gärten, Zechen vnd sonsten lustig zůlesen vnnd zů erzelen […], Getruckt zů Franckfrut am Mayn/ bey Martin Lechler/ In verlegung Sigmund Feyerabends und Simon Huters, Anno M.D.LXV.
> https://archive.org/details/gri_33125014634089/page/n311

Was für eine weibliche Figur reitet auf dem Fisch bzw. auf den Fischen? Vermutungen dazu unten.

Korrektur eines Bilds durch ein anderes?

Petrus Berchorius, O.S.B. (auch: Pierre Bersuire, Bercheure, Petrus Pictavensis u.a., † 1362) hat unter anderem semantische Erörterungen und allegorische Auslegungen von Wörtern zusammengestellt, das sog. »Repertorium«.

Die Erben des venezianischen Komponisten und Druckers Girolamo Scotto (Hieronymus Scotus; ca.1505 – 1572) haben das umfangreiche Werk ediert.

Das Motto Virtus in omni re dominatur (Die Tugend / Standhaftigkeit / tapferkeit herrscht über alles) stemmt sich gegen das Zitat aus Sallust, »De Coniuratio Catilinae« 8,1: Fortuna in omni re dominatur. Die Personifikation der Fortuna (auf einer Kugel mit dem Segel der Unbeständigkeit) ist oben dargestellt:

Die drei Grazien im Hauptteil des Bildes stehen wohl für die Virtus.

Dictionarii Sev Repertorii Moralis Petri Berchorii Pictaviensis Ordinis Divi Benedicti, Quae dictiones ferè omnes sacrae Theologiae studiosis, ac verbi diuini concionatoribus vsui futuras, locorum communium instar, alphabetico ordine complectitur, earumq[ue] significationes moribus quàm optimè accomodat. […] Venetiis: Haeredes H. Scoti 1583.

An der – auf dem Titelblatt eines gelehrten theologischen Werks – Nacktheit der drei Chariten/Gratien sollte man keinen Anstoß nehmen.

••• Eine frühe Darstellung der drei Grazien findet sich in der Allegorie des Monats April von Francesco Cossa, um 1470, im Palazzo Schifonia in Ferrara:

> https://www.wga.hu/art/c/cossa/schifano/2april/2april_01.jpg

••• Sodann hier: GRATIÆ Die Holdsäligkeyten

Heydenweldt vnd irer Götter anfängklicher vrsprung, durch was verwähnungen denselben etwas vermeynder macht zugemessen, vmb dero willen sie von den alten verehret worden, pp. pp. auß vieler glerten thewrn männer schrifften, deren benamsung am vmmkörten plat zusamen getragen. Diodori des Siciliers vnder den Griechen berhümptesten Geschichtschreibers sechs Bücher, pp. pp. […] Durch Johann Herold beschriben vnd ins teütsch zuosammen gepracht, Basel: Henrich Petri, 1554; Diodor, pag. cclxxxvi.
> https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/herold1554

••• In einer späteren Ausgabe des Emblembuchs von Alciato (1546) bedeuten die drei Chariten die Dankbarkeit, und es wird die Nacktheit ausgelegt:

Cur nudae? mentis quoniam candore venustas
    Constat, & eximia simiplicitate placet.

Warumb aber seindt nackend sie?
Darumb dann deß gmüts schön ziert hie
Stet und gfellt in auffrechter gunst
Und einfeltiger frombkeit sunst
...

> http://www.emblems.arts.gla.ac.uk/alciato/emblem.php?id=A46a006
> http://www.emblems.arts.gla.ac.uk/alciato/emblem.php?id=A67a050

••• Noch später konnte man die drei Grazien allegorisch so deuten:
Die drey Geistliche Chariten. Glaub, Hoffnung, Lieb seynd in eim Bund, darinn besteht deß Lebens-Grund.

Johann Ebermeier, New poetisch Hoffnungs-Gärtlein/ Das ist: ccc. und xxx. Sinnbilder von der Hoffnung… Tübingen G.Kerner 1653; Des ersten Hunderts 75. Sinnbild > https://archive.org/details/neupoetischhoffn00eber

Literaturhinweis: Veronika Mertens, Die drei Grazien. Studien zu einem Bildmotiv in der Kunst der Neuzeit, Otto Harrassowitz Verlag 1994.

Empfangen und dann ausbrüten

In einigen der von ihm verlegten Bücher verwendet der Buchdrucker und Verlagsbuchhändler Johann Caspar Bencard (1649–1720) dies als Druckermarke: Eine Henne brütet Eier aus; dazu der Text Amore et constantia = Mit Liebe und Beharrlichkeit.

Jacobus Boschius, Symbolographia Sive De Arte Symbolica Sermones Septem, Dilingae: Bencard 1702. > http://diglib.hab.de/drucke/uk-2f-8/start.htm?image=00007

Das Ensemble von Motto und Bild erinnert an die zeitgenössisch florierende Emblematik; und das Buch, wofür es als Druckermarke dient, ist tatsächlich eine Emblem-Enzyklopädie. – Die Liebe zwischen Hahn und Henne und die Geduld der Henne beim Brüten wird man allegorisch übertragen wollen auf die Momente Inspiration und Transpiration bei der Herstellung des umfangreichen Buchs in Folio.

Literaturhinweis: Friedrich Zoepfl, "Bencard, Johann Caspar" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 34f. > https://www.deutsche-biographie.de/pnd130558974.html#ndbcontent

Erhebende Stürme

In einem bei Martin Veith (???) 1738 erschienenen enzyklopädischen Werk. Auf dem Spruchband steht: Turbant, Sed extollunt (Sie [die Stürme] versetzen in Unruhe, aber sie heben in die Höhe).

[Willibald Kobolt O.S.B., 1676–1749] , Die Groß- und Kleine Welt, Natürlich-Sittlich- und Politischer Weiß zum Lust und Nutzen vorgestellt, Das ist: Der mehrist- und fürnemsten Geschöpffen natürliche Eigenschafften, und Beschaffenheit, auf die Sitten, Policey und Lebens-Art der Menschen ausgedeutet. Ein Werck, welches in 4. Theil abgetheilt ist mit mancherley curios- und nutzlichen mehrentheils allegorischen Concepten, Moralien, Geschicht und Fabeln versehen; mithin zur Auferbauung und Ergötzlichkeit aller Gelehrt- und Ungelehrten / Geistlich- und Weltlichen Stands-Personen / auch zu sonderer Bequemlichkeit deren Prediger gewidmet / verfaßt und in Truck gegeben von A.R.P. Wilibaldo Kobolt. Augsburg: In Verlag Martin Veith / und Happachische Interessenten. Anno 1738.
> http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/kobolt1738

Treue per Handschlag

Das Signet des Verlegers Johann Görlin (?–?) in Ulm zeigt zwei Hände aus Wolken, die sich für einen Bund zusammenschließen; dahinter ein Füllhorn, oben ein ausstrahlendes Trinitätssymbol; unter der Kartusche das typographische Monogramm. Im Spruchband steht: DITABIT SERVATA FIDES (Bewahrte Treue macht reich).

Ein Hundert Dialogi, oder Gespräch, Von unterschiedlichen Sachen, zu erbaulicher Nachricht, auch Nutzlichem Gebrauch, und Belustigung. Auß Vornehmer und berühmter Leute Schrifften, und sonderlich etlichen Neuen Historischen Büchern ... durch Martin Zeillern, Ulm: Johann Görlin 1653.

Bild und Motto Ditat servata fides (bei Görlin im Futur ditabit) sind in der Emblematik seit Claude Paradin, »Devises«, Lyon 1551 verbreitet. Hier einige Beispiele:

Simeoni, Gabriele, Le Imprese Heroiche Et Morali, Lyon 1559.
> http://opacplus.bsb-muenchen.de/title/BV036676859

Paolo Giovio, Le sententiose di imprese, Lyon 1561.

Gabriel Rollenhagen / Crispin de Passe, Nucleus Emblematum, Arnheim/Utrecht 1611/1613; II, 32

Bereits 1491 verwendet Guyot Marchand (Guido Mercator, 1483–1508/9) das Motiv:

Cy finist la danse macabre des femmes toute hystoriee et augmentee de plusieurs personnages et beaux dictz en latin et francoys.— Imprimee A Paris par Guyot Marchant demorant ou grant hostel du champ gaillard derrier le college de nauarre L'an de grace mil quatre cens quatre vingz et vnze Le second iour de may

Lustig ist das Bilderrätsel (Rebus), mit dem er das Motto Sola fides sufficit (aus dem Hymnus »Pangue lingua«) schreibt: Sola ist durch die beiden Noten sol und la dargestellt; -ficit steht unter (lat. sub) fides. (Hinweise bei W.J. Meyer, 1926, S. 106)

Vier Symboliken nebeneinander

Balthasar Kühn (1615–1667) hat eine Druckermarke mir mehrfachen Bezügen:

Biblia, Das ist: Die gantze Schrifft Altes und Newes Testaments, verdeutschet durch D. Martin Luthern... Ulm, Balthasar Kühn 1659.

Das Monogramm mit der seltsamen 4 (siehe oben) und den Initialen B K V [= Ulm]

Das Motto auf dem Schriftband: Adsis, Domine, mihi in adversis ≈ Herr, stehe mir bei bei Widerwärtigkeiten

Dazu gehört das brennende Herz auf dem Altar – Ausgangspunkt ist wohl Psalm 39,4: Mein hertz ist entbrant in meinem Leibe / Vnd wenn ich dran gedencke / werde ich entzündet (Luther 1545) –, das bestürmt wird von den vier aus allen Himmelsrichtungen blasenden Winden; mehr dazu hier (bes. das Emblem in Rollenhagen 1611). Die Stürme sind hier also anders gedeutet als bei Veith (oben).

FORTITUDO (Stärke) mit einem Löwen und einer zerbrochenen Säule. Zunächst könnte man glauben, der Löwe und die Säule stünden für die Stärke; in Hintergrund steht aber wohl die Vorstellung von Simson, der den Löwen überwältigt und die Säulen des Hauses der Philister zum Einsturz bringt (Richter 16,29f), vgl. den Holzschnitt von Virgil Solis aus derselben Bibel:

VIGILANTIA (Wachsamkeit) mit einem Kranich, der einen Stein im Fuß hält – wenn er auf der Wache für seine Schar einschliefe, würde der herunterfallende Stein ihn wecken; mehr dazu hier.

Literturhinweis: Elmar Schmitt / Bernhard Appenseller, Balthasar Kühn. Buchdruckerei und Verlag Kühn, Ulm 1637–1736; Bibliographie mit einer Geschichte des Ulmer Buchdrucks von 1571–1781 und einer Darstellung der reichsstädtischen Bücher- und Zeitungszensur, Anton H. Konrad, Weißenhorn 1992. (Veröffentlichungen der Stadtbibliothek Ulm; 16).

Ich stütze mich auf …

Johann David Zunner (1641–1704) verwendete zunächst ein einfache Variante seines Buchdruckerzeichens:

Die rechte Reise-Kunst/ Oder Anleitung/ wie eine Reise mit Nutzen in die Frembde/ absonderlich in Franckreich anzustellen: Wobey eingeführet werden die Ursachen deß so ungemeinen Wachsthumbs und Einkunfften/ Macht und Hoheiten/ auch allerhand neuen Anstalten besagten Königreichs/ Nebest einem Anhang unterschiedener Conferentzen oder Gelehrten Gespräche/ zu Paris gehalten, Franckfurth: Johann David Zunner 1674. > http://digitale.bibliothek.uni-halle.de/vd17/content/pageview/11250895

Dann wird es aufwendiger gestaltet;

[Samuel Bochart, 1599–1667], Hierozoicon Sive Bipertitum Opus De Animalibus S. Scripturæ : ... Cum Indice Septuplici ..., Revisum atque correctum ab innumeris mendis, quibus Editio Londinensi scatebat, Opera atque studio David Clodii Hamb. Profess. Gisseni, Francofvrti Ad Moenvm. Impensis Johannis Davidis Zunneri. Typis Balthas. Christophori Wustii, 1675.

Ein verdorrender, halb entwurzelter Baum ist an eine Palme angelehnt. (Das Spruchband ist schlecht placiert, denn es ist die Palme, die spricht:) ONERATA RENITOR (Belastet drücke ich dagegen.).

Oneratus könnte einen Bezug haben zu Matth 11,28: Venite ad me omnes qui laboratis, et onerati estis (Kommt alle zu mir, die ihr besorgt und beladen seid); vom Gerechten heißt es in Psalm 92 [Vg. 91],13 er wird gedeihen wie eine Palme – Justus ut palma florebit.

Das Emblem der Palme, die besonders gut wächst, je mehr sie niedergedrückt wird, kennt man aus dem Emblembuch von Alciato. Hier geht es allerdings darum, dass man dem Übel widerstehen soll, um zu gedeihen.

Nititur in pondus palma & consurgit in arcum,
Quo magis & premitur, hoc mage tollit onus.

(In der Übersetzung von Jeremias Held 1567:
Der Palmbaum spert sich mit macht
Wider Bürdin das es kracht
Beumt sich auff/ vnd je mehr er wirt
Nidertruckt er vber sich girt
. [< gehren = wonach streben])

> http://www.emblems.arts.gla.ac.uk/alciato/emblem.php?id=A31a025
Vgl. Henkel/Schöne, Emblemata, Sp. 192f. mit weiteren Stellen.

Der Basler Buchdrucker Michael Isengrin (1500–1557) verwendet dieses Emblem:

Laebliche abbildung und contrafaytung aller kreüter/ so der hochglert herr Leonhart Fuchs der artzney Doctor, inn dem ersten theyl seins neüwen Kreüterbuochs hat begriffen, in ein kleinere form auff das aller artlichest gezogen, damit sie fueglich vonn allen moegen hin unnd wider zur noturfft getragen und gefuert werden, Getruckt zuo Basell durch Michel Isingrin, im iar 1545.

> http://doi.org/10.3931/e-rara-3937

Zum Drucker > https://www.ub.unibas.ch/itb/druckerverleger/michael-isengrin/


❖ Bilder die am Ort / anstelle der Druckermarke
       auf den Inhalt des Buches verweisen

Damit kommen wir bereits in den Bereich der Gestaltung von thematischen Titelbildern.

Untergang Trojas

Marcus Tatius (um 1509 – 1562) übersetzte das spätantike Werk des ›Dares Phrygius‹ u.a. zum trojanischen Krieg ins Deutsche. Auf dem Titelblatt steht ein Bild, das die Flucht des Aneas mit dem Vater Anchises auf dem Rücken aus dem brennenden Troja darstellt (vgl. Vergil, Aeneis, II, 707ff.). Das Titelbild würde man mit der Terminologie der Literaturwissenschaft als ›Paratext‹ bezeichnen.

Warhafftige Histori und beschreibung/ von dem Troianischen krieg/ vnd zerstörung der Stat Troie durch die hochgeachten Geschichtschreiber Dictyn Cretensem vnd Darem Phrygium/ Erstlich in Griechischer sprach beschriben/ darnach Latein/ vnd yetzund newlich durch Marcum Tatium Auß dem latein ins Teütsch verwandelt/ vormal nie gesehen/ mit durchauß schönen Figuren gezieret. Augsburg: Haynrich Stayner 1536.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0008/bsb00084146/images/

Der Holzschnitt des Petrarkameisters ist dem kurz vorher ebenfalls bei Steiner erschienenen Buch Franciscus Petrarcha, Von der Artzney bayder Glück / des guten vnd widerwertigen […]. Augspurg: H. Steyner MDXXXII. entnommen, wo er das Kapitel II,69: Von dem verstörten vatterland illustriert. In diesem Kapitel ist von Troja nicht die Rede; auf dem Bild ist indessen der seinen Vater Anchises aus der Stadt tragenden Aeneas gut zu erkennen. — Vgl. dazu > Bildwanderungen.

Das allerscheußlichste Tier

In seinem Tierbuch stellt Conrad Gessner ein Tier namens Su vor, das aller schützlichest thier so geseyn mag/ Su genant in den neüwen landen. In der deutschen Übersetzung von 1563 ist es auf dem Titelblatt abgebildet; offensichtlich findet Froschauer das Bild als Blickfang wichtiger als sein Druckerzeichen.

Thierbuoch Das ist ein kurtze bschreybung aller vierfüssigen Thieren/ so auff der Erden und in wassern wonend, sampt jrer waren Conterfactur: alles zuo nutz vnd guotem allen liebhabern der künsten/ Artzeten/ Maleren/ Bildschnitzern/ Weydleüten vnd Köchen gestelt. Erstlich durch den hochgeleerten D. Cuonrat Geßner in Latin beschriben/ yetzunder aber durch D. Cuonrat Forer zuo mererem nutz aller mengklichem in das Teütsch gebracht/ vnd in ein kurtze komliche ordnung gezogen. Getruckt zuo Zürych bey Christoffel Froschower im Jar als man zalt M.D.LXIII.

Das Tier kennt Gessner aus dem eben gerade erschienenen Bericht des Brasilienreisenden André Thevet (1516–1590): Les singularitez de la France antarctique, autrement nommée Amérique, et de plusieurs terres et isles découvertes de nostre tems, Anvers: Chr. Plantin 1558; 106verso

Noch in der (auf die Bilder konzentrierten) Ausgabe Icones animalium quadrupedum viviparorum et oviparorum, quae in Historia animalium Conradi Gesneri describuntur […], Tiguri: excudebat C. Froschoverus, anno 1550. fehlt das Tier Su, und auf dem Titelblatt stand Froschauers Druckermarke. – Ist das ein Scherz, dass er den auf dem Frosch sitzenden Kanben durch die auf der Mutter sitzenden Jungtiere ausgetauscht hat?

> https://www.e-rara.ch/zut/content/pageview/3159678

Kindsgeburt mit Hebamme

In der (postumen) Ausgabe des Hebammenbuchs von Jakob Ruf / Rueff / Ruoff (1505–1558) setzt der Verleger Feyerabend nicht sein Signet hin, sondern eine typische Szene (Das Bild kommt dann im Buch selbst nicht vor.)

Hebammen Buch/ daraus man alle Heimligkeit deß weiblichen Geschlechts erlehrnen, welcherley Gestalt der Mensch in Mutter Leib empfangen, zunimpt und geboren wirdt/ Auch wie man allerley Kranckheit, die sich leichtlich mit den Kindtbetterin zutragen, mit köstlicher Artzeney vorkommen und helffen könne. Alles auß eygentlicher Erfahrung deß weitberühmpten Jacob Rueffen/ Stattartztes zu Zürych an Tag geben, Franckfort am Mayn: [Feyerabend] 1563. (Reprint Grünwald: K.Köbl 1964)

Die Erzeuger der Krankheit pflegen den daran Erkrankten

Der Straßburger Buchdrucker Bernhard Jobin (vor 1545 – 1593) verlegt 1577 das kleine Werk seines Schwagers Johann Fischart (1546–1590). Wo man die Druckermarke erwartet, quält sich ein vom Podagra geplagter Mann mit Krückstöcken, liebevoll umsorgt von Pflegepersonal…*. (Jobin 1573–1579 führte durchaus eine Druckermarke, vgl. Silvestre I, Nr. 647).

Podagrammisch Trostbüchlin. Innhaltend zwo artlicher Schuz Reden von herlicher ankonft, geschlecht, Hofhaltung, Nuzbarkait und tifgesuchtem lob des hochgeehrten, glidermächtigen und zarten Fräulins Podagra […] publicirt durch Hultrich Elloposcleron. Anno M.D.LXXVII.

*) Die beiden Figuren gleichen nicht zufällig dem Bacchus (mit Pokal und mit Weinlaub bekränzt) und der Venus (mit Ruhekissen und dreiteiligem Essenträger[?], darauf zuoberst ein enflammiertes Herz). Bacchus, oder wie Fischart schreibt: Bauchus nam seines Rebensafts so vil ein/ das der dauon erhitzigt sich bei dem Schlaftrunk inn trunkener weis bei der Holtseligsten LibGöttin Veneri zutäppisch macht/ vnd sie zu einem beischlaf vermochte/ welcher plinde beischlaf bald also vil schaffte/ das daraus vber ain kurtze Jarzeit die wirckung an der geburt des zarten Töchterlins Podagra ausprach.

Das böse Weib

Johann Sommer (1559–1622) verfasste unter dem Pseudonym Johannes Olorinus Variscus ein Buch mit einer Diskussion über die Vorzüge und Diskriminierung von Männern und Frauen. Beide Diskussionspartner, Hermannus und Regina, entfalten ihre Argumente. Obwohl die Frau sehr beschlagen ist, steht am Ort der Druckermarke ein misogynes Bild:

Imperiosus Mulier, Das ist: Das Regiersüchtige Weib. Der alte und langwirige Streit und Krieg zwischen des Mannes Hosen/ vnd der Frawen Schörtze/ welchem theil die Herrschaft vnd Regierung gebühre.Disputieret pro & contra Auff der Weiber jüngst gehaltenen Reichstag zur Frawenburg/ vnd protocolliret durch Johannem Olorinum Variscum. Gedruckt zu Magdeburg 1609. (Verleger unbekannt)

Die ›Druckermarke‹ zeigt den Inbegriff des bösen Weibs: Eine Kreuzung aus Medusa (vgl. das Schlangenhaar) und Invidia (Personifikation des Neids / der Missgunst, die ihr eigenes Herz frisst). Dieses Zwitterwesen wird am Ende des 16. Jhs. gelegentlich dargestellt, hier von Jacques (Jacob) de Gheyn (* um 1565 – 1629): Invidia, aus einer Serie von Laster-Allegorien, um 1596:

Im Hintergrund könnte ein Missverständnis von bildlichen Darstellungen der Stelle bei Ovid (Metamorphosen II, 760ff.) stehen, wo Invidia einerseits sich selber benagt und anderseits Schlangenfleisch isst. (Die Schlangenhaare der Medusa: Met. IV,771ff.)

Literaturhinweis: Susanne Blöcker, Studien zur Ikonographie der Sieben Todesünden in der niederländischen und deutschen Malerei und Graphik von 1450–1560, (Bonner Studien zur Kunstgeschichte Band 8), LIT Verlag Münster 1993; bes. S.77.

In einer anderen Ausgabe dient als böses Weib Phyllis, die den Aristoteles reitet:

[dass.], Madeburgk: Andreas Betzel 1609
> http://digitale.bibliothek.uni-halle.de/vd17/content/pageview/238814

Literatur mit Bildmaterial: Wolfgang Stammler, Artikel »Aristoteles«, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. I (1936), Sp. 1027–1040. > https://www.rdklabor.de/w/?oldid=90168


❖ Ornament am Ort einer Druckermarke

Am Ort, wo normalerweise die Druckermarken steht, findet man auf dem von Bernard Picart (1673–1733) illustrierten Buch im Verlag von Zacharias Chatelain (1690–1754) ein Ornament:

Neueröfneter Musen-Tempel mit 60 auserlesenen Bildern/ welche das Allermerkwürdigste aus den Fabeln der Alten vorstellen/ ausgezieret: gezeichnet und in Kupfer gestochen durch Herrn Bernard Picart le Romain, und andere Kunstreiche Männer; Mit Deutlichen Erklärungen und Anmerkungen […], Amsterdam: Zacharias Chatelain 1733.

Zweite Auflage mit demselben Titel: Amsterdam / Leipzig: Arkstee und Merkus 1754.
Die ganze Seite > http://digitale.bibliothek.uni-halle.de/vd18/content/pageview/4858040


 

❖ Seltsames, Unerklärtes

Eine superbe Nixe

Augustin Frieß (um 1530 Geselle bei Christoph Froschauer in Zürich, dann mit eigener Offizin) zeigt 1540 als Druckermarke ein auf einem bissigen Fisch im Meer reitendes Meerfräulein, das – wie die Superbia – Kamm und Spiegel in Händen hält:

[Jacob Ruf 1505–1558] Ein hüpsch nüwes Spil von Josephen, dem frommen Jüngling/ uß etlichen Capitlen dess buochs der Gschöpfften gezogen/ in sonders lustig und nutzlich zeläsen. Getruckt zuo Zürich: by Augustin Frieß, Anno M.D.XXXX. > http://doi.org/10.3931/e-rara-26398

Wer ist gemeint? Thetis?

Die Götter beschlossen, Thetis, eine Nereide, dem König Peleus zu vermählen. Thetis aber widersetzt sich, sich einem Sterblichen hinzugeben; sie verwandelt sich stets in neue Gestalten, um seiner Umarmung zu entgehen. Bei Ovid (Metamorphosen XI, 221ff.) heisst es, sie pflegte nackt auf einem gezäumten Delphin zu erscheinen (nuda, frenato delphine sedens Vers 237). – Freilich steht nicht, Thetis habe Fisch-Füße; sie wird auch nicht so gezeichnet:

Georg Wickram / Gerhardus Lorichius, Metamorphosis […], Meintz 1545, fol CXII verso
> https://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb10139926.html

Die Sirenen und Merjuncfrawen werden im »Buch der Natur« von Konrad von Megenberg († 1374) negativ ausgelegt: diu untugenthaften weip, diu weiplicher zuht verlaugent habent, diu lockent mangen man zu pôsheit. (ed. Pfeiffer III, C, 17–18) Vgl. den Druck Schönsperger 1499 oder hier die Handschrift Codex cpg311, Fol. 160 verso. – Freilich reiten die Sirenen nicht auf Fischen.

Bezieht sich die sirenen-hafte Gestalt auf die den Joseph begehrende Sephira (Frau des Potiphar, vgl. Genesis 39,7), wovon der Text von Jacob Ruf handelt? Vgl. ihre Schmacht-Rede:

Sephira: Was schüchst an mir/ gfall ich dir nit?
daß doch so gar verwirffst min bitt.
Von Adamant treist du ein hertz
Das dich so gar bewegt kein schmertz.

Vielleicht sind das Überinterpretationen, und die auf dem Fisch reitende Sirene entstammt der (an sich bedeutungs-losen) grotesken Ornamentik, die im 15.Jh. weit verbreitet ist (H. Aldegrever, I. van Meckenem, H.B.Beham und andere Meister).

Ein seltsames Ensemble

Johann Gymnich I. (lat. Gymnicus; * um 1485 † 1544) war ein Drucker und Verleger in Köln. Seit 1532 benutzt er als Buchdruckermarke dieses Ensemble:

Ein szepter-artiger Stab, auf dem ein schlangenfressender Storch sitzt, der von einem See-Pferd (antike Quellen zum Hippocampus) gehalten wird.

Das Motto lautet DISICTE IVSTITIAM MONITI (aus Vergil, Aeneis VI,620: Discite iustitiam moniti et non temnere divos! ›Lernt – durch mich gewarnt– Gerechtigkeit zu lernen und die Götter nicht zu missachten.‹ In Vergils Unterwelt ruft das der frevelhafte König Phlegyas.) Wer ist hier mit dem Imperativ gemeint?

Johannes Sulpitius, De Moribus Puerorum in mensa praecipue servandis Carmen Elegiacum, Coloniae: [Gymnich, undatiert]
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00038474/image_5

Der Holzschnitt wird im Laufe der Zeit – Söhne haben die Offizin weitergeführt – immer detaillierter; der Stab wird zu einer ziselierten Säule; der Storch scheint einen Stein im Fuß zu halten und gleicht so dem Kranich:

Was bedeutet dieses Ensemble? Ein zum Motto passender Hinweis – wenn auch nicht die Quelle – findet sich hier:

Aegidius Albertinus, Hiren schleifer, München: Hainrich, [1618]
> http://diglib.hab.de/drucke/73-eth-1s/start.htm?image=00147

Bei Albertinus ist der ideale Herrscher das Thema. Sein Attribut wird so gedeutet:

Die Könige regieren mittels Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Das gaben die Egyptier* zuuerstehen/ in deme sie einen König mahlten mit einem Zepter/ auff dessen ober thail war ein Storchenkopff/ vnnd an dem vnder thail hing ein Merroß: Der Storch ist von natur gütig vnd barmhertzig/ das MeerRoß aber ist grimmig vnd wütig.

Wie der Storchenkopff oben auff dem Zepter stehet/ aber der Kopff des MeerRosses vnden hengt/ also soll die Barmhertzigkeit vbersich gehen vnnd die Gerechtigkeit vbertreffen.

*) Das ist ein Hinweis auf die Hieroglypenkunde der Renaissancezeit, wo ich allerdings vor 1532 keine bildlichen Darstellungen finde. – Vgl. Ludwig Volkmann, Bilderschriften der Renaissance. Hieroglyphik und Emblematik in ihren Beziehungen und Fortwirkungen, Leipzig: Hiersemann 1923.

Vgl. dazu auch die Ausführungen von Anja Wolkenhauer (2002), S. 303–314; ohne Verweis auf Aegidius Albertinus.

Ein allegorisch bedeutsames (?) Scheusal

Die »Dies geniales« des Neapolitaners Alessandro Alessandri (1461–1523), seit 1522 oft aufgelegt, sind eine aus antiken Schriftstellen kompilierte und oft konsultierte Enzyklopädie. Hier das in Paris bei Gérard Morrhe (auch Gérard Morrhy des Champs) gedruckte Buch:

 

Alexander ab Alexandro, Genialium Dierum libri sex varia ac recondita Eruditione referti. Accuratius quam antehac excusi, cum duplice indice. Paris, Vaeneunt in vico Sorbonico, & Iacobaeo, apud Ioannem Petrum sub insigni D. Barbarae, 1532.
> https://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb10143537.html
> https://archive.org/details/hin-wel-all-00000581-001/page/n10

Das Wesen ist umrahmt von Texten in den drei heiligen Sprachen.

  • oben, griechisch: Ich will weder deinen Honig, noch deinen Stachel.
  • rechts, hebräisch: Glatter als Öl ist ihr [gemeint ist die Frau des anderen] Mund (Proverbia 5,3a)
  • links, hebräisch: Doch zuletzt ist sie bitter wie Wermut (Proverbia 5,3b)
  • unten, lateinisch: nocet empta dolore voluptas – Es schadet die mit Schmerz erkaufte Lust (Horaz, Epistulae 1,2,55; Ch. M. Wieland übersetzt: Mit Schmerz erkauft ist Wollust viel zu teuer.)
  • darunter noch, griechisch: Ich singe für verständige Leute, schließt die Türen, ihr Uneingeweihten.

Die Zitate sind gegen die Verlockungen der Welt gerichtet. Nur die (im Buch stehende) Weisheit, Wissen bringt einen voran und an dem Scheusal vorbei … (Thomas G.)

Morrhé hat das Kompositwesen in seinen Büchern mehrmals verwendet.

Vielleicht hat sich Grimmelshausen durch diese Druckermarke für das Titelbild seines »Simplicissmus« (1668) anregen lassen.

Was ist hier falsch?

Johann Naumann in Hamburg setzt diese Druckermarke auf das Buch von Georg Philipp Harsdörffer:

Der Grosse Schau-Platz Lust- und Lehrreicher Geschichte. Mit vielen merkwürdigen Erzehlungen/ klugen Sprüchen/ scharffsinnigen Hofreden/ neuen Fabeln/ verborgenen Rähtseln/ artigen Schertzfragen/ und darauf wolgefügten Antworten/ &c. außgezieret und eröffnet/ Durch Ein Mitglied der Hochlöblichen Fruchtbringenden Gesellschafft, Franckfurt/ bey Johann Georg Spörlin/ in Verlegung Johann Naumanns/ Buchhändlers in Hamburg/ Im Jahr 1660.
> http://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0128-4-1016

• Das Motto superata tellus sidera domat enthält einen Fehler. Es sollte donat stehen (domat wäre grammatisch möglich als "bezwingt", ist aber keine bekannte Lesart in der Überlieferung des Texts. Wegen der Kürze des o passt domat metrisch nicht in die letzte Verszeile der sapphischen Strophe, im Gegensatz zu dōnat).

Es stammt aus Boethius, Consolatio IV, metr. 7 (letzter Vers), wo von den Taten des Hercules berichtet wird. Übersetzung: Besiegte Erde schenkt euch die Sterne. (Karl Büchner) – Denn wer kühn die Erde besiegt, empfängt zum Lohne den Himmel. (Richard Scheven) – Wer die Erde meistert, wird die Sterne schaun. (Ernst Neitzke). – Ferchîesent tia érda. daz kíbet [gibt] íu den hímel (Notker von St. Gallen).

• Das Monogramm Christi in der Wolke ist falsch geschrieben. Es sollte Chi Χ – Rho Ρ – Sigma Σ sein.

• Wie passt der auf dem geflügelten Ross von einer Hand nach oben gezogene Reiter zum Motto, das sich auf Herakles/Hercules bezieht?

Areion ist ein Wunderpferd, das Herakles gehört (Hesiod, »Der Schild des Herakles«, Vers 120; wo es aber nicht beschrieben wird).

Die Illustration zu den Taten des Hercules in der Ausgabe Boetius de Philosophico consolatu siue de consolatione philosophiae; cum figuris ornatissimis nouiter expolitus, Argentinae: Grüninger 1501 zeigt kein geflügeltes Ross.

Berühmt und oft bildlich umgesetzt sind indessen:

Bellerophon reitet auf Pegasus und tötet die Chimaira: Dazu das Bild aus dem Emblembuch von Alciato a.d.J. 1534:

> http://www.emblems.arts.gla.ac.uk/alciato/emblem.php?id=A34b102

Perseus reitet auf Pegasus bei der Befreiung von Andromeda. Vgl. etwa die Kupferstiche von Hendrick Goltzius 1583 und 1601. Ausschnitt:

> https://www.europeana.eu/portal/de/record/90402/RP_P_H_H_1246.html

Vgl. auch > http://tinyurl.com/yb9mtqec

Ein unterschobenes Buchdruckerzeichen?

Gottfried Hautt (1634–1692) übernahm nach dem Wegzug seines Vaters David (I) Hautt 1657 dessen Offizin in Luzern.

1687 klagt er vor dem Rat, dass Emanuel und Johann König, Buchhändler in Basel, eine Ausgabe von Abraham a Sancta Claras »Reimb dich oder ich liß dich« mit seinem Imprimatur verkauften.

Reimb dich/ Oder Ich Liß dich/ Das ist: Allerley Materien/ Discurs, Concept, und Predigen/ welche bißhero in underschidlichen Tractätlein gedruckt worden / Nunmehr in einem Werck ... Zusammen gereimbt/ vnd zusammen geraumbt ... Durch Pr. Fr. Abraham â S. Clara, Augustiner Baarfüsser Ordens. Käyserl. Prediger und der Zeit Prior/ etc., Lucern Gedruckt und verlegt bey Gotfried Hautt. Anno M.DC.LXXXVII.

Motto: Post nubila Phoebus (Nach Regengewölk [scheint wieder] die Sonne).

Es wäre denkbar, dass die Drucker in der protestantischen Stadt Basel das Buch mit der Druckermarke des katholischen Luzerner Druckers versahen, um den Verkauf des Buchs des Augustiner-Barfüßers Abraham a.S.Cl. so zu erschleichen.

Vgl. Fritz Blaser, Luzerner Buchdruckerlexikon. Teil I, Umfassend die Zeit von der Einführung der Buchdruckerkunst bis zum Jahre 1798, in: Der Geschichtsfreund; Mitteilungen des Historischen Vereins Zentralschweiz, Band 84 (1929) bes. S. 154f. > http://doi.org/10.5169/seals-117912

Die Zeit auf Bocksfüßen?

Simon de Colines (Colinaeus; Paris, ca. 1480 – 1546) verwendet diese Druckermarke in verschiedenen Büchern:

T. Livii … Conciones cum argumentis et annotationibus Joachimi Perionii, Parisiis: Apud Simonem Colinæum … ad Calculum Romanum 1532.

Die Devise lautet: TEMPUS — HANC ACIEM SOLA RETUNDIT VIRTUS (Die Zeit — Einzig die Tugend / Tüchtigkeit widersteht der Schneide / macht sie stumpf).

• Die Zeit wird traditionell geflügelt und mit einer Sense dargestellt; vgl. Lieselotte Möller, Chronos, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. III (1953), Sp. 753–764. — Rudolf Wittkower, Gelegenheit, Zeit und Tugend (1937/38), in: R.W., Allegorie und der Wandel der Symbole in Antike und Renaissance, Köln: DuMont 1983, S.186–206. — Der Antwerpener Drucker/Verleger Michael Hillenius van Hoogstraten verwendet ein sehr ähnliches Motiv. Hier hält die mit einer Sichel ausgerüstete, geflügelte Gestalt Tempus den Ouroboros in der linken Hand; dass sie auf Wolken steht, mag die Unbeständigkeit symbolisieren:

Ioannis Lodovici Vivis Valentini De disciplinis libri XX, Antverpiae: Excudebat Michael Hillenius 1531.

• Das hinten geschorene Haupthaar in der Darstellung bei Colinaeus erinnert an die Occasio: Wenn die ›Gelegenheit‹ sich umdreht, kann man sie nicht mehr packen.

• Aber warum hat TEMPUS Ziegenbeine wie ein Satyr? Ist damit gemeint tempus currit (Die Zeit eilt)?

So sehen Satyrn aus. Aus: Vitruvius Teutsch (Erstausgabe 1548, hier aus der Ausgabe Basel: Henricpetri 1614; pag. 35).

Guillaume Chaudière (1564–1598; andere datieren: † 1601) hat dieses Druckerzeichen offenbar übernommen; er fügt noch eine Sanduhr hinzu, ein ebenfalls häufiges Attribut.

Etienne Forcadel, De collatione bonorum inter haeredes biceps discussio …, Apud Guiliemum Chaudiere, via Iacobæa, sub Temporis insigni, & Hominis siluestris 1578.
> https://hdl.handle.net/2027/ucm.5323773622?urlappend=%3Bseq=1

Interessant ist die Angabe des Druckorts; in anderen Büchern steht: chez Guillaume Chaudiere, rue sainct Iacues, à l’enseigne du Temps & de l’Homme sauuage. – Befand sich die Offizin bei einem Denkmal für / Aushängeschild mit TEMPUS und bei einem Haus mit dem Hauszeichen des Wilden Manns? (Das ist insofern seltsam, als Wilde Leute immer Menschenfüße haben.)

Wer ist der Drucker des Reprints?

1622 erscheint bei Johann Rudolf Wolff in Zürich postum eine Sammlung von Kupfern von Christoph Murer (1558–1614):

XL emblemata miscella nova. Das ist: XL underschiedliche Außerlesene Newradierte Kunststuck: Durch Weiland den Kunstreichen und Weitberuempten Herrn Christoff Murern von Zürych inventiret unnd mit eygener handt zum Truck in Kupffer gerissen; An jetzo erstlich Zuo nutzlichem Gebrauch und Nachricht und allen Liebhabern der Malerey in Truck gefertiget/ vnd mit allerley dazu dienstlichen aufferbaulichen Reymen erkläret: durch Johann Heinrich Rordorffen/ auch Burgern daselbst. Gedruckt zuo Zürych bey Johann Ruodolff Wolffen. Anno .DC.XXII — Digitalisat: http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-10598

Literatur: Thea Vignau-Wilberg, Christoph Murer und die ›XL Emblemata miscella nova‹, Bern: Benteli 1982.

Das Buch ist nachgedruckt worden, und zwar offensichlich ab den originalen Kupferplatten; die Texte sind neu gesetzt. Der Nachdrucker hat sich die Mühe gemacht, eine der Schwabacher nachempfundene Type zu gießen. Aber weder der Drucker noch das Datum sind in dem ›Reprint‹ genannt. In den Katalogen von Bibliotheken und Antiquaren steht meist: [Zürich: Orell Füssli 1818] oder Ähnliches. Unbegründet.

Eine Vermutung. An die Stelle des Ornaments und (auf der nächsten Seite) des Familien-Wappens von Christoph Murer in der Erstausgabe 1622:

setzt der Nachdrucker dieses Signet (das Wappen Murers fehlt im Reprint):

Das Bildchen (Holzschnitt, kein Kupfer) gleicht der Druckermarke, die der Basler Verleger Johann Brandmüller 1726 im Lexikon von Iselin verwendet hat:

Neu=vermehrtes Historisch= und Geographisches Allgemeines Lexicon, in welchem das Leben / die Thaten / und andere Merckwürdigkeiten deren Patriarchen / Propheten / Apostel / Vätter der erste Kirchen […] und nicht weniger derer Käyser / Königen / Chur= und Fürsten / Grafen, grosser Herren […] auß allen vorhin ausgegebenen und gleichen Materien handelnden Lexicis […] zusammen gezogen / dißmahlen von neuem mit Fleiß gantz übersehen / von einer grossen Anzahl Fehlern / die noch immer in denen alten Ausgaben geblieben waren / gereinigt […] von Jacob Christoff Iselin, Basel: Johann Brandmüller 1726/7.

Der Nachdrucker setzt als Impressum frech aufs Titelblatt: Gedruckt zue Zuerych bey Johann Ruedolff Wolffen. Anno M.D.C.XXII. ——— Ob Johann Brandmüller sich mit der Druckermarke klammheimlich als Drucker bekannte??


 

❖ Nachleben

Minerva rezykliert

Um ein spezielles ›Nachleben‹ handelt es sich, wenn eine Buchdruckermarke die Textsorte wechselt wie hier. Anja Wolkenhauer (2003) hat S. 338–345 darauf aufmerksam gemacht.

Thomas Platter und Balthasar Lasius verwenden in Basel dieses Zeichen: Es ist Minerva mit den Attributen Helm und Lanze; Schild (mit dem Haupt der Medusa); Olivenranken und Eule.

Das Motto stammt aus Horaz, Ars Poetica 385: Tu nihil invita dices faciesve Minerva. (Du wirst nichts sagen oder tun gegen den Willen Minervas.)

Medicorum Schola, Hoc est, Claudii Galeni Isagoge, sive Medicus. Eiusdem Definitionum Medicinalium Liber. Uterque Graece pariter & Latine summo studio ac diligentia in artis Medicae tyronum gratiam excucus, adiecto duplici, Graeco nempe & Latino, rerum ac verborum in utroque memorabilium, locupletissimo Indice. Basel: Thomas Platter / Balthasar Lasius 1537.

In seinem der heidnisch-antiken Mythologie gewidmeten Buch(-Teil) bringt Johann Herold 20 Vignetten mit Bildern von Göttern. Minerva hat er von der Buchdruckermarke übernommen, und es nähme einen Wunder, wo er die anderen "abgekupfert" hat.
(Zusammenstellung aller > https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/herold1554/0030/image ff.)

Heydenweldt vnd irer Götter anfängklicher vrsprung, durch was verwähnungen denselben etwas vermeynder macht zugemessen, vmb dero willen sie von den alten verehret worden, pp. pp. auß vieler glerten thewrn männer schrifften zusamen getragen. […] Durch Johann Herold beschriben vnd ins teütsch zuosammen gepracht, Basel: Henrich Petri 1554. (unpaginiert)

Man maalet diese Minerua vol mit harnasch angelegt/ sawr sehend vnd räubisch/ mit gekrümpten augen/ die gantz katzgraw/ mit einem langen spieß/ christallen schilt/ mit einem helm vff dem haupt/ langen mantel über den harnasch/ mit einem käutzlin so jro zuo füssen stath/ samt einem ölbaum.

Der Verleger P. M. Frambotti verwendet Minerva 100 Jahre später als Druckermarke. Leicht abgeändert: Minerva hält keinen Speer in der Hand, sondern den Ölbaum; und das Motto ist: Pacis opus. – Zum Ölbaum als Symbol des Friedens vgl.: Vergil, Georgica II,425; Augustin, de doctrina christiana II,xvi,24 (mit Bezug auf Genesis 8,11).

Octauii Ferrarii De re vestiaria libri septem; quatuor postremi nunc primum prodeunt, reliqui emendatiores & auctiores : adiectis iconibus quibus res totae oculis subiicitur. Patauii: typis Pauli Frambotti 1654.
> https://books.google.ch/books?id=zYGmBYM2RccC&hl=de&source=gbs_navlinks_s
vgl. auch:
> http://arachne.uni-koeln.de/books/Zabarella1655
> http://arachne.uni-koeln.de/books/Tomasini1654

Jetzt aber zum Nachleben im Sinne der Chronologie.

Die Blützezeit der Buchdruckerzeichen und Verlegersignete ist etwa um 1750 zu Ende. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass in der damaligen Epoche Allegorien und Embleme nicht mehr geschätzt wurden. — Gelegentlich haben Verleger noch Buchdruckerzeichen verwendet.

Merkur und das Füllhorn

Eine der Titelvignetten des Verlags Orell, Geßner und Füeßli in Zürich. Merkur (der Gott der Kaufleute, nicht nur der Diebe; mit geflügeltem Helm und Caduceus-Stab) und die Personifikation des öffentlichen Wohls in traulichem Gespräch. Das Füllhorn der Abondanza ist in der klassischen Ikonographie gefüllt mit Blumen und Früchten; in Zürich scheinen es eher Münzen zu sein...

Johann Jakob Hess, Biblische Erzählungen für die Jugend. Altes und Neues Testament, Zürich, bey Orell, Gessner, Füeßlin und Comp., 1774 > http://doi.org/10.3931/e-rara-17114

Je sème à tout vent

Das Verlagssignet des enzyklopädischen Verlags Larousse ist Programm. Das Bild der die Samen in alle Winde blasenden jungen Frau (La Semeuse soufflant sur une fleur de pissenlit) wurde 1890 von Eugène Grasset (1845–1917) kreiert.

  

Le Petit Larousse illustré (Erstausgabe: 1905)

Die Saat geht auf

Der Verlag Sauerländer (Aarau) hatte in den 50er-Jahren dieses Signet eines aus dem Buch aufkeimenden, hervorsprossenden Bäumchens:

Signatur eines arabischen Königs

Im Logo des Malik-Verlags (1916 bis 1947) erzeugen die ineinander gestellten Initialen ein Bild:

Allerlei Tiere

         

          

Fischer (1960–1964) — Diederichs (1900) — Springer (1990) — Brockhaus (1926) — Hirzel Verlag (1853; hirz ist eine alte Form für Hirsch) — Penguin (designed by Edward Preston Young) — Ullstein (1962; ûl ist niederdeutsch für Eule)


 

Kleines Fazit

(Die folgenden Bemerkungen basieren auf der hier getroffenen Auswahl; es können sich noch mehr Gesichtspunkte ergeben.)

◈ Die Buchdruckerzeichen / Verlegersignete funktionieren zu einem Teil als ›Brand‹ wie das Markenzeichen eines heutigen Sportartikelherstellers (> Swoosh), der Mercedes-Stern, der Opel-Blitz usw. Dies am ehesten in der Inkunabelzeit. – Dies allerdings nicht strikt, vgl. zum Beispiel die Übernahmen (?) bei Estienne oder die Varianten bei Froschauer.

Dazu eine aufschlussreiche Anekdote: Gregor Reischs Enzyklopädie »Margarita philosophica« erscheint das erste Mal 1503 bei Schott in Straßburg. Schon im Jahre 1504 erscheint bei Johannes Grüninger in Straßburg ein Nach– oder besser: Raubdruck. In der zweiten rechtmäßigen Ausgabe, welche im gleichen Jahr 1504 Johannes Schott in Straßburg druckt, steht am Schluss des Index ein Distichon, das den Leser warnt vor dem Ankauf einer Ausgabe, die nicht mit dem Zeichen des Buchdruckers Schott versehen sei:

Ad lectorem.
Hoc nisi spectetur signatum nomine Schotti :
Nunquam opus exactum candide lector emes.

Das ist die Druckermarke von Schott > http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/reisch1504Text: necessitas fortiter ferre docet, consuetudo facile (Seneca, de tranqullitate animi X,1) ≈ Die Not lehrt, die Hemmnisse mit Mut, die Gewohnheit, sie mit Leichtigkeit zu ertragen. — Der Raubdruck hat nur ein Kolophon am Schluss zuhinterst im Buch.

◈ Die Buchdrucker und Verleger haben mit Stolz ihre Familie präsentiert, in Gestalt von den Hausmarken ähnlichen typographischen oder heraldischen Zeichen, gelegentlich auch mit Bezug auf den Ort ihrer Offizin. Gelegentlich haben sie dies auch witzig ausgemalt (z.B. Biener/Apiarius).

◈ Nicht selten legen die Verfasser der Bücher mittels eines buchdruckerzeichen-ähnlichen Emblems ein Bekenntnis zum eigenen Schaffen ab (Comenius, Gundling).

Häufig sind solche Bekenntnisse eher allgemein: Wir Autoren/Drucker/Verleger sind fleissig und gelehrt (wie die leckende Bärin, das brütende Huhn); die Kunst/Wissenschaft kann nicht untergehn (Minerva; Arion); die Schriften aus unserem Verlag wirken wie das Wort Gottes (Petri).

Oft sind die Buchdruckerzeichen moralisch wie die zeitgenössische Emblematik: Nicht zu hoch hinaus! (Estienne); Die Stürme sind nicht verderbenbringend (Veith); Seid einander treu! (Görlin); Die Palme wächst unter der Last (Isengrin).

◈ Es wäre interessant zu untersuchen, ob sich diese emblemähnlichen Bekenntnisse bei katholischen und protestantischen Verlagen unterscheiden.

  • prot.: Henrich Petri; Ch. Froschauer, Joh. Froben, Thomas Wolf, Johannes Oporin, Sigmund Feyerabend, Lüderwaldt (Scriver), u.a.
  • kathol.: Melchior Haan (Abraham a S. Clara), Filippo Picinelli, Girolamo Scotto, Martin Veith, u.a.

◈ Gerne betonen die Verleger, dass in ihren Büchern die Wahrheit geschrieben steht (Knobloch), sie betonen, dass das Buch keine Fabeleien und kein haltloses Geschwätz enthält (Wolff). Das war im Zeitalter der Glaubensspaltung besonders wichtig. Luther nannte die papistischen ›Legenen‹ Lügenden (heute sprechen wir von ›alternativen Fakten‹).

Hierzu zwei Zitate aus Schriften von Ulrich von Hutten (1488–1523):

Sie haben Gottes Wort verkehrt,
das christlich Volk mit Lugen bschwert.
Die Lugen wölln wir tilgen ab,
uff daß ein Licht die Wahrheit hab,
die was verfinstert und verdempft.

(Klag und Vormahnung gegen dem übermässigen unchristlichen Gewalt des Papsts… 1520)
> http://www.zeno.org/nid/2000510257X

Die warheit ist von newem gborn,
Vnd hatt der btrugk sein schein verlorn,
Des sag Gott yeder lob vnd eer,
Vnd acht nit fürter lugen meer.
Ja sag ich, Wahrheit was vertruckt,
ist wider nun härfür geruckt.

( Zů dem leßer dißer nachfolgenden büchlin [=Gesprächbüchlin 1521])
> http://www.zeno.org/nid/20005102634

◈ Mit Buchdruckerzeichen, die lateinische, griechische und hebräische Inschriften tragen und/oder Kenntnisse der antiken Mythologie voraussetzen, insinuieren die Drucker/Verleger, dass sie zur kulturellen Elite gehören; damit werden auch die Käufer (und allenfalls Leser) der Bücher vereinnahmt.

◈ Die Bibel (beide Testamente) ist allgegenwärtig (Hammer, der Felsen zerschmettert).

◈ Die Antike ist allgegenwärtig, sei es als Anspielung auf einen Mythos (Minerva; Arion) oder als Zitat (Herakles). Deshalb ist es überaus sinnvoll, dass an der Philosophischen Fakultät gewisser Universitäten heute das Latein abgeschafft wird.

◈ Gelegentlich steht an der Stelle einer Buchdruckerzeichen im engeren Sinn ein Bild, das auf den Inhalt des Werks verweist (Gessners Tierbuch; der trojanische Krieg u.a.).

 



Literaturhinweise (chronologisch)

In der Frühzeit wurden die Buchdruckerzeichen vor allem von Sammlern aufgelistet, häufig auch brauchbar bibliographiert. In unserem Jahrhundert hat ein Verwissenschaftlichungsschub eingesetzt.

  • Friderici Roth-Scholtzii Thesaurus symbolorum ac emblematum, i. e. Insignia bibliopolarum et typographorum ab incunabulis typographiae ad nostra usque tempora,  apud hæredes Ioh. Dan. Tauberi 1730.
  • Philippe Renouard (1862–1934), Les marques typographiques parisiennes des XVe et XVIe siècles. Paris: Champion 1826–1828.
  • Louis-Catherine Silvestre, Marques typographiques ou recueil des monogrammes, chiffres, enseignes, emblèmes, devises, rébus et fleurons des libraires et imprimeurs qui ont exercé en France, depuis l'introduction de l'imprimerie, en 1470, jusqu'à la fin du seizième siècle : à ces marques sont jointes celles des libraires et imprimeurs qui pendant la même période ont publié, hors de France, des livres en langue française (1.Aufl. 1853), Paris 1867.
  • Die Büchermarken oder Buchdrucker- und Verlegerzeichen, Straßburg 1892ff. Versch. Autoren; mehrere Bände, darunter:
  • William Roberts (1862–1940), Printers’ marks. Achapter in the history of typography, London 1893.
  • Ronald B. McKerrow, Printers’ and publishers’ devices in England and Scotland 1485–1640. Printed for the Bibliographical Society at the Chiswick Press, 1913.
  • Ernst Weil, Die deutschen Druckerzeichen des XV. Jahrhunderts, München: Verlag der Münchner Drucke 1924.
  • Wilhelm Josef Meyer, Die französischen Drucker- und Verlegerzeichen des XV. Jahrhunderts, München: Verlag der Münchner Drucke 1926.
  • Hugh William Davies, Devices of the early printers, 1457–1560, their history and development, with a chapter on portrait figures of printers. London: Grafton & Co., 1935.
  • Wilhelm H. Lange, Buchdruckermarken, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. II (1947), Sp. 1357–1361. Heinrich Grimm, Deutsche Buchdruckersignete des XVI. Jahrhunderts. Geschichte, Sinngehalt und Gestaltung kleiner Kulturdokumente, Wiesbaden: Pressler 1965.
  • Henning Wendland, Signete. Deutsche Drucker- und Verlegerzeichen 1457–1600, Hannover: Schlütersche Verlagsanstalt 1984.  
  • David L. Paisey, Deutsche Buchdrucker, Buchhändler und Verleger, 1701–1750, Wiesbaden: Otto Harrassowitz 1988 (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen Band 26).
  • P. van Huisstede / J.P.J. Brandhorst, Dutch Printer's Devices 15th-17th Century (3 Vols.), Leiden: Brill 1999.
  • Anja Wolkenhauer, Zu schwer für Apoll. Die Antike in humanistischen Druckerzeichen des 16. Jahrhunderts. Wiesbaden, Otto Harrassowitz 2002.
  • Christoph Reske, Die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet; auf der Grundlage des gleichnamigen Werkes von Josef Benzing, 2., überarbeitete und erweiterte Auflage, Wiesbaden: Harrassowitz 2015. [Nach Druckorten geordnet.]
  • Michaela Scheibe and Anja Wolkenhauer eds., Signa vides. Researching and recording printers' devices. Papers presented on 17–18 March 2015, at the CERL Workshop, London, Consortium of European Research Libraries, 2016. (Als PDF zum Download)
  • Typographorum Emblemata. The printer’s mark in the context of early modern culture, edited by Anja Wolkenhauer and Bernhard F. Scholz, Berlin / Boston: De Gruyter / Saur 2018.
  • Homepage von Klaus Henseler (Cuxhaven) – reichhaltig und mit genauen Beschreibungen {abgerufen am 8.8.2018}

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