Symbol oder Ornament?

 

❖ Es gibt Bilder, die mittels verschiedener Techniken und zu verschiedenen Zwecken Wissenselemente (Dinge, Personen, Szenen usw.) visualisieren, vgl. dazu das Projekt
> http://www.enzyklopaedie.ch/dokumente/viswis.htm

❖ Es gibt Bilder, die etwas (auch etwas Imaginäres) darstellen, das ›noch eine weitere Bedetung hat‹: wir nennen sie Symbole, Allegorien, Embleme, Personifikationen, Exempla usw. – Probleme: Was ist der ›Auslöser‹, damit eine zusätzliche Bedeutung erfragt wird?

❖ Mitunter wird man den Verdacht nicht los, ein Bild oder ein Teil eines Bildes sei nur dekorativ, eine ›Drôlerie‹, eine ›Groteske‹, ein ›Ornament‹; und man findet mit allen ikonographischen Hilfsmitteln (siehe unten) keinen Bezug zwischen dem Bild und dem Kontext.

❖ ❖ ❖ Also: Welche Bild-Elemente sind ornamental <—> welche erläutern das Vorgetragene auf symbolische Weise? Oder implizieren versteckt Anspielungen?

Das Problem stellt sich insbesondere bei Bildern, die nicht explizit mit ausformulierten Deutungen korreliert sind, sondern beispielsweise am Rand oder unten an der Buchseite stehen oder sonstwie marginal sind; manchmal auch bei Elementen im Bildinneren.

Wir konzentrieren uns auf Kunstdenkmäler des Mittelalters und der frühen Neuzeit.

▲ Es geht hier darum, was zeitgenössische Gestalter / Betrachter intendiert hatten / assoziieren mussten, um über-individuelle Deutungen; nicht darum, was wir Heutigen in einem Bilddetail ›als symbolisch empfinden‹ mögen und ›uns einbringen‹ wollen. (Wir deuten hier nicht Rorschachtestbilder.)

Ähnliches gilt natürlich auch für literarische Texte. Ein weites Feld.

 

Einige Fallstudien mögen das erörtern.

 

Rahmen / Kartuschen / Bordüren

Bilder am Rand

Titelbilder

Initialen – u.a.: Book of Kells

Details in ikonographisch präzis bestimmbaren Bildern

Ornamentales im Bild-Inneren

  • Thronwangen beim Petrarcameister
  • David und Bathseba

Mittelalterliche Bauplastik

Drolerien – Aquamanile, Gargouille, Miserikordien, Songes drolatiques

Formales

Versteckte Symbolik bei scheinbar Ornamentalem

Mittelalterliche Polemik gegen ornamentale bildliche Darstellungen

Symbol — Ornament — Zeugnis des göttlichen Schöpfers

Hinweise zur Suche

Literaturhinweise

 


Rahmen / Kartuschen / Bordüren von (inhaltlichen) Bildern

In Drucken v.a. des 16. Jahrhunderts werden Bilder oft mit Randleisten versehen. Die Verzierungen – rein ornamental oder floral oder wie im Beispiel hier mit Blattmasken und Karyatiden – haben mit dem Bild in der Regel überhaupt keinen inhaltlichen Bezug zum Bild, dem sie als Rahmen dienen:

Emblemata D. A. Alciati, denuo ab ipso Autore recognita, ac, quæ desiderabantur, imaginibus locupletata; Accesserunt noua aliquot ab Autore Emblemata suis quoque eiconibus insignita, Lugduni Batavorum: Rovilius 1551.
Thema des Bilds: Die Redegewandtheit ist schwierig. Mercur überreicht Odysseus das Kraut Moly…

 

❑ Davon zu unterscheiden sind die typographischen Verlegenheitslösungen, die dadurch bedingt sind, dass ein Bild nicht in den Satzspiegel passt und mit mit Zierleisten randbündig gemacht wird; Weißraum ist offenbar verpönt.

••• Der Basler Verleger Thomas Gwarin (1529–1592) verwendet die Bilder von Tobais Stimmer (vgl. unten) wieder in einer Vollbibel. Die Holzschnitte sind 8,5 cm breit; der Satzspiegel 10cm. Nichtssagende ornamentale Randleisten gleichen aus:

Biblia sacra veteris et novi testamenti, secundum editionem vulgatam. Baslilaeae M.D.L.XXVIII

••• In der ersten illustrierten Ausgabe der »Iconologia« von Cesare Ripa (1603) sind alle Bilder der Personifikationen selbstverständlich hochformatig; den Ausgleich zum Satzspiegel schaffen ornamentale, oft wiederholte Randleisten. — PERSECVTIONE hier schießt nicht mit den Pfeilen auf die als Hermen dienenden nackten Frauengestalten...!

Iconologia. Overo descrittione di diverse imagini cavate dall'antichità, e di propria inventione trovate et dichiarate da Cesare Ripa […] Di nuovo revista. Roma: Lepido Faci 1603.
> http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ripa1603

••• Schon der Drucker von Sebastian Brants »Narrenschiff« füllte den Weißraum der hochformatigen Bilder und des in strengen Knittelversen (8 bis 9 Silben umfassend) verfassten Texts mit Randleisten.

Das narren schyff (EA 1494) hier nach der 2.Auflage Basel: Olpe 3.3.1495; Kap. 18 (Von dienst zweyer herren).

Die Randleisten sind oft wiederholt. Die 2.Auflage hat bei Kap. 18 nur rechts dieselbe Leiste wie die erste Auflage. – Das Bild wird für Kap. 74 (Von vnnutzem jagen) wiederholt, beide Leisten sind hier andere.

Dass (vgl. hier rechts) darin Narren herumklettern, versteht sich. Die Eulen (sieh oben in der Leiste) könnten bedeutungsvoll sein; sie werden in den Auslegungen der alten Zoologie als übel beurteilt, vgl. etwa: Konrad von Megenberg, »Buch der Natur«, III, B, Kap. 53 (ed. Pfeiffer S. 208f.): Von der Äulen (Nocticorax): […] Pei der äuln verstê wir all pœs übeltætig läut, sam diep, schâcher, êprecher, die hazzent daz lieht der wârhait, als unser herr spricht: wer übel würkt, der hazzet daz lieht.

 

❑ In der Bilderbibel von Tobias Stimmer (1539–1584 ) glaubt man mitunter Bezüge zwischen dem Thema des Bilds und Elementen des Rahmens zu erkennen. — Das brennende Herz und die beiden Putten im unteren Rand könnten ja symbolisieren, dass Salomo in Sulamit (die Braut des Hohenlieds) verliebt ist:

Neue Künstliche Figuren Biblischer Historien/ grüntlich von Tobia Stimmer gerissen: Und zu Gotsförchtiger ergetzung andachtiger Hertzen mit artigen Reimen begriffen durch J. F. G. M . Zu Basel bei Thoma Gwarin, Anno 1576.
(Schlechtes) Digitalisat hier > https://www.e-rara.ch/doi/10.3931/e-rara-431

Im Reprint München: Hirth 1881 (Neuauflage 1923) sind die Rahmen den Bildern anders zugeordnet. Es wäre interessant zu wissen, ob dem Nachdruck ein anderes Exemplar aus dem 16. Jh. vorlag; das würde die These der Auswechselbarkeit der Rahmen bestätigen. Paul Tanner in New Hollstein Vol. LXXX, p.219 kennt nur die eine Ausgabe a.d.J. 1576.

Derselbe Rahmen umgibt das Bild der Erschaffung Evas aus Adams Rippe (Genesis II); da könnte ein brennendes Herz ja auch passen:

Stutzig wird man, wenn man erkennt, dass es für das ganze Buch acht stets wiederholte unterschiedliche Randleisten gibt und die Leiste mit dem brennenden Herz 21 mal vorkommt.

So auch in diesen Szenen: Samsons Kampf mit dem Löwen (Iud XIIII); Absalom, der im Baum hängenbleibt (II Reg XVIII); Daniel im Feuerofen (Danielis III); Paulus vor Damaskus (Actorum IX). Ganz unpassend scheint das Motiv hier (Steinigung des Gotteslästerers (Leviticus 23,24):

Oder hier, wo in der Apokalypse (18,21) dargestellt ist, wie ein Engel einen Stein, schwer wie ein Mühlstein, ins Meer wirft:

Da erhält man doch den Eindruck, die Rahmen seien recht zufällig um die Bilder gelegt.

 

❑ In einer frühen gedruckten Bilderbibel sind die meisten Szenen aus dem Leben Jesu mit ornamentalen Randleisten versehen; pro Bild gibt es eine spezielle. Die Holzschnitte sind dem Petrarcameister zuzuschreiben (Musper 1927 L 63). Der (lateinische) Text besagt, welche Szenen mit dem zentralen Bild gemeint sind.

Deuotissime meditationes de vita beneficiis et passione saluatoris Iesu Christi cum gratiarum actione, Augsburg: Grimm & Wirsung 1520.
> https://archive.org/details/deuotissimemedit00grim

Vergleicht man dieses Digitalisat der Boston Public Library mit dem Reprint München 1903 (was diente als Vorlage?), so erkennt man, dass die Bilder in verschienenen Drucken mit wechslenden Randleisten versehen wurde, was gegen eine symbolische Bedeutung spricht.

Ein Bild kommt doppelt vor, mit verschiedenen Umrandungen:

Zur Szene: Jesu Gefangennahme (Lukasevangelium 22,54: duxerunt ad domum principis sacerdotum)

Die Pflanzen und das Insekt rechts oben kann man als ornamental gelten lassen; aber passt der Storch, der einen Frosch packt, eventuell zur Szene der Gefangennahme Jesu? Dann aber das katzen- oder affenartige Tier (mit Gürtel!) daneben?

Zur Szene: Jesus wird von Herodes zu Pilatus zurückgesandt (Lukas 23,11: Sprevit autem illum Herodes cum exercitu suo: et illusit indutum veste alba, et remisit ad Pilatum.)

Die Pflanzen, das Insekt oben rechts, die Körner pickenden Vögel kann man wiederum als ornamental hinnehmen. Aber passt der Pfau nicht recht gut zum Text des Evangeliums, wo es heißt, Herodes habe Jesus (um ihn als Pseudo-König zu verspotten) ein Prachtgewand umgelegt? — Der Pfau wird allegorisch breit ausgelegt bei Konrad von Megenberg (Buch der Natur III B 57), aber ohne Bezug auf Christus. — Und was bedeutet der kleine Putto, der den Pfauen-Schwanz mit einer Schere (?) attackiert?

 

Johann Ulrich Kraus (1655–1719) hat die in der unteren Hälfte der Folio-Seiten seiner Bilderbibel dargestellten Szenen mit üppig verzierten Rahmen versehen. Manchmal scheinen sie zum Bild-Inhalt zu passen, oft aber nicht.

• Thema hier ist: Den [an Aussatz erkrankten] Syrischen Hauptmann Naeman reinigt Elisa mit dem Wasser des Jordans (2. Könige 5, 10–14). – Die wie Neptun und die Personifikationen der vier Paradiesesflüsse aussehenden Gestalten im Rahmen passen einigermaßen dazu.

 

• Hier ist das Thema: Der Prophet Habacuc grämt sich/ daß Er sein Volkh nicht kan zur Busse bringen/ trohet mit starkhen Schrökhlichen Feinden (gemeint ist Habakuk 1,6ff., wo gesagt ist, dass JHWH als Werkzeug seiner Gerechtigkeit die Babylonier über das Volk Israel geschickt hat). – Die marine Szenerie im Ornament passt nicht zum Thema.

 

• Thema ist hier: Der belägerten Stadt Samaria weissaget Elisa und es geschiht das in einer Nacht grosse Theurung in grosse Wohlfeile sich verkehret. (2. Könige 7) Gezeigt wird das von den Aramäern in Zelten vor der Stadt belagerte Samaria; darüber die dunkle Wolken vertreibende Sonne. – Was sollen die Delphine und Indianer im Rahmen?

Historische Bilder-Bibel, welche besteht in Fünff Theil/ Als: Erster Theil/ der Patriarchen. Ander Theil/ der Richter in Israel. Dritter Theil/ der Könige in Jerusalem. Vierdter Theil/ der Propheten. Fünffter Theil/ der Apostel / [gezeichnet und in Kupffer gestochen von Johann Ulrich Kraussen], Augspurg 1705.

 

❑ Die Bilder in Johann Michael Dilherrs (1604–1669) Emblembuch hat Melchior Küsell (1612–1683/4?) mit bildlichen Rahmen versehen.

• Die Predigt zu Philipperbrief 3,17–21 (Viele leben als Feinde des Kreuzes Christi. Ihr Ende ist das Verderben, ihr Gott ist der Bauch) ist einzig diesem Thema gewidmet:

Wer nur nach der Welt-lust trachtet
Seinen Bauch zum Abgott machet.

und zeigt einen Bauch-Diener inmitten von kulinarischen Köstlichkeiten; von unten steigt bereits der Höllenrauch auf.

Das Motto im Balken oben ist passend gerahmt von zwei fetten Schweinen. Aber was sollen die beiden in Blattwerk auslaufenden, als groteske Halbfiguren gezeichneten barbusigen Damen?

Heilig-Epistolischer Bericht/ Licht/ Geleit und Freud. Das ist: Emblematische Fürstellung/ Der Heiligen Sonn- und Festtäglichen Episteln: In welcher Gründlicher Bericht/ von dem rechten Wort-Verstand/ ertheilet; Dem wahren Christenthum ein helles Licht furgetragen; Und ein sicheres Geleit/ mit beigefügten Gebethen und Gesängen/ zu der himmelischen Freude/ gezeiget wird,/ von Johann Michael Dilherrn […], Nürnberg: Endter 1663. S. 390
Kontext > https://haab-digital.klassik-stiftung.de/viewer/image/1561179264/421/

• Die Predigt zur wunderbaren Befreiung von Petrus aus dem Kerker (Apostelgeschichte 12,1–12: Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen) fasst verallgemeinernd zusammen:

Schau doch/ was das Gebet verricht:
Davon die Ketten wird zernicht.

Das Bild (S.571) zeigt das Innere des Gefängnisses mit den gelösten Ketten.

Und wiederum zwei eher unpassende Figuren als Rahmen.
Kontext > https://haab-digital.klassik-stiftung.de/viewer/image/1561179264/602/

 

❑ Randleisten, die genaue Zitate von Fabel-Illustrationen enthalten, stehen in diesem Totentanz – Zusammenhang? Ein Beispiel (S.55):

Zu: O HErr/ Ich leide Noth und Gewalt

Die eine Maus packende Katze oben rechts könnte zur Szene passen, wo der Tod den Straßen-Räuber ergreift. — Aber die Szene aus dem Gastmahl von Fuchs und Storch unten rechts? (Bei der Einladung setzt der Fuchs dem Storch die Speisen in einer flachen Schüssel vor, so dass dieser sie nicht essen kann. Bei der Einladung des Storchs setzt dieser dem Fuchs die Speisen in einem halsigen Gefäß vor; Phaedrus I,26):

Theatrum mortis humanæ tripartitum: I. pars. Saltum mortis. II. pars. Varia genera mortis. III. pars. Pœnas damnatorum continens. Figuris æneis illustratum. Das ist: Schau-Bühne deß Menschlichen Todts in drey Theil … mit schönen Kupffer-Stichen geziehrt und an Tag gegeben durch Johannem Weichardum Valvasor, Saltzburg: Johann Baptista Mayr 1682.
> https://gdz.sub.uni-goettingen.de/id/PPN796912483

Darauf hat aufmerksam gemacht:

Martin Germ, Aesop’s Fables in Disguise: a Creative Interpretation of Gheeraerts’s Illustrations for De warachtighe fabulen der dieren in Two Early Publications by Johann Weichard Valvasor, in: Etudes Epistémè 31/2017
Digital > https://journals.openedition.org/episteme/1697
oder > https://doi.org/10.4000/episteme.1697

 

❑ Das Book of Hours ›The Dunois Hours‹ (ca. 1439/1450) ist prächtig mit pflanzlich-ornamentalen Randleisten verziert. Auf dieser Seite stehen mitten drin Szenen, die sich auf das Hauptbild beziehen: Den Hirten auf dem Feld (Lukas 2, 8–16) erscheinen Engel am Himmel, dann ziehen sie zur Krippe mit dem Jesuskind:

British Library Yates Thompson MS 3, Fol. 81 verso
> http://www.bl.uk/manuscripts/FullDisplay.aspx?ref=Yates_Thompson_MS_3

❑ In der »Physica Sacra« von Johann Jacob Scheuchzer (1672–1733) dienen die Randleisten oft dazu, die naturwissenschaftlichen (auch technologischen oder numismatischen) Details darzustellen, die der Text entwickelt, während die Bildtafel das biblische Geschehen darstellt, von dem er ausgeht.

Beispiel: Bei der Besprechung der Ägyptischen Plagen (Exodus 8,2–14) kommt Scheuchzer auf die Frösche zu sprechen, die auf den Wink Aarons erscheinen. Anlässlich dieser Stelle zeigt er die Entwicklung des Froschs vom Ei über die Kaulquappe zum adulten Tier; er legt dar, dass dies zu den übernatürlichen Wundern gehört. In der Randleiste stellt er die Entwicklungsstadien des Amphibs dar. Der Text verweist mittels Ziffern auf die Bilder.

Tab. CXXV: Ranarum Forma et metamorphosis – Frösch-gestalt und Verwandlung

Bilder auf der Tafel und im Rahmen von Johann Melchior Füssli; Zierrat im Rahmen von Johann Daniel Preissler; Kupfer von I[ohann] G[eorg] Pinz.

Kupfer-Bibel, in welcher die physica sacra, oder geheiligte Natur-Wissenschafft derer in Heil. Schrifft vorkommenden natürlichen Sachen, Deutlich erklärt und bewährt von Joh. Jacob Scheuchzer […]. Anbey zur Erläuterung und Zierde des Wercks in künstlichen Kupfer-Tafeln ausgegeben und verlegt durch Johann Andreas Pfeffel; Augsburg und Ulm: Ch. U. Wagner, 1731–1735.
> http://www.e-rara.ch/zut/content/pageview/2963181

Literaturhinweise:

Paul Michel, Batrachotheologia. Über Frösche und Wunder bei Johann Jakob Scheuchzer, in: LIBRARIVM, Zeitschrift der schweizerischen bibliophilen Gesellschaft II 1996, S. 129–145.
> https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=lib-006:1996:39::147#147

Jochen Hesse, «Zur Erlaeuterung und Zierde des Wercks»: Die Illustrationen der Kupferbibel «Physica Sacra», in: Urs B. Leu (Hg.), Natura Sacra. Der Frühaufklärer Johann Jakob Scheuchzer, Zug: Achius 2012, S. 105–128.


Bilder am Rand

(Das lässt sich selbstverständlich nicht exakt trennen vom vorherigen Abschnitt.)

 

❑ Das Book of Hours of Engelbert of Nassau (ca. 1470–1490) ist am Rand reich verziert mit realistisch genau dargestellten Blumen und Insekten.

Bodleian Library, Oxford. Ms. douce 219, Folio 57 recto
> Digitalisat hier

Alphonso Psalter, formerly known as ›The Tenison Psalter‹ (circa 1284–1316)
British library Add MS 24686, Fol. 13r
> http://www.bl.uk/manuscripts/FullDisplay.aspx?ref=Add_MS_24686

Passt das Bild zum Kontext?

Psalm 6: Miserere mei domine quoniam infirmus sum, sana me, Domine, quoniam conturbata sunt ossa mea. Et anima mea turbata est valde; sed tu, Domine, usquequo ? convertere, Domine, et eripe animam meam ; salvum me fac propter misericordiam tuam. — Erbarme mich meiner, oh Herr, denn ich bin schwach; heile mich, Herr, denn meine Gebeine zittern, und meine Seele ist sehr bestürzt, aber wie lange? Wende dich, Herr, und errette meine Seele, hilf mir um deiner Barmherzigkeit willen!

«Les Epistres et les Euvangiles de tout l'an,... translatées de latin en françois selon l'ordonnance du Messel à l'usage de Paris». (XIVe siècle)
BNF manuscrits, NAF 4508, Fol. 152r
> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b8446943w

Lutrell Psalter (1325–1340) British Museum Add MS 42130

Text auf der Seite = Psalm 106 (Vulgata) / 107 (MT) 28–33, ein Danklied für die übers Meer Reisenden: 29 Et statuit procellam ejus in auram, et siluerunt fluctus ejus ...28 Sie schrien zum HERRN in ihrer Bedrängnis und er führte sie heraus aus ihren Nöten, 29 er machte aus dem Sturm ein Säuseln und es schwiegen die Wogen des Meeres. …

Man blättere das Digitalisat durch! (Ikonograph. Beschreibung auf der Startseite)
> http://www.bl.uk/manuscripts/FullDisplay.aspx?ref=Add_MS_42130

 

❑ Bereits die Tapisserie (genauer: Embroidery) von Bayeux (2. Hälfte des 11.Jhs.) ist mit Rändern ausgeschmückt, in denen sich viele phantastische Tiere tummeln.

https://de.wikipedia.org/wiki/Teppich_von_Bayeux#Der_vollständige_Teppich

Numeriert und kommentiert hier
> http://anglosaxon.archeurope.info/index.php?page=view-the-bayeux-tapestry

(hier als Beispiel # 19)

Sehr häufig sind in den Randzonen (nebst anderen Gestalten) einem Greifen gleichende ›Fabelwesen‹ gestickt, die zeitgenössisch bereits in der Bauplastik vorkommen:

Der Greif hat durchaus symbolische Bedeutungen, vgl. Géza Jászai, Artikel »Greif«, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte (2015) > https://www.rdklabor.de/w/?oldid=93556 — aber wenn er in Scharen am Rand auftritt?

Sodann gibt es aber auch realistische Szenen, z.Bsp. Hunde, die Vieh treiben (#7); pflügende Bauern (#10); Aal-Fang (#17); Pfeile schießende und gefallene Krieger (#56 – #58); der Komet über und eine Vision der feindlichen Schiffe unter der Szene mit der Krönung Harolds (# 33).

Kommentiert die Szene aus der Fabel (Phaedrus I,4), wo der Fuchs dem Raben den Käse ablistet (zwischen #4 und #5, vor: hic Harold mare navigavit) die Geste eines Mannes, der Harald Godwinson zum Besteigen der Schiffe in Richtung Normandie auffordert – wo er dann in Gefangenschaft gerät ?

Hinweis: Simone Bertrand, La Tapisserie de Bayeux…, Zodiaque 1966.

 

❑ Die Randzeichnungen im Gebetbuch Maximilians I. sind diesbezüglich besonders problematisch. Einige passen genau zum Kontext, andere sind der reichen Phantasie von Albrecht Dürer entsprungen.

Hier ist das Gebet Psalm 91 (Vg. 90) Qui habitat, u.a mit dem Text: Er beschirmt dich mit seinen Flügeln. … Fallen auch tausend zu deiner Seite, … so wird es doch dich nicht treffen … Dazu passend die brutale Kampfszene:

Das Gebetbuch Kaiser Maximilians; der Münchner Teil mit den Randzeichnungen von Albrecht Dürer und Lucas Cranach d. Ae.; Einführung von Hinrich Sieveking, München: Prestel 1987.

Magdalena Bushart, Die Randzeichnungen im Gebetbuch Kaiser Maximilians I., in: Franz Nikolasch (Hg.),Symposium zur Geschichte von Millstatt und Kärnten Millstatt 2006, S.99–114.

Bernhard Seidler, Kühlen Kopf bewahren! Albrecht Dürers Darstellungen der Versuchung des Heiligen Antonius und ihre medizinischen Implikationen (2018) https://doi.org/10.1515/9783110605389-010


Titelbilder

Als zu Beginn des 15.Jhs. ein Bücher-Markt entstand, und damit Konkurrenz und das Bedürfnis, die eigenen Erzeugnisse als solche hervorzuheben, wurden einprägsame Titelblätter kreiert, die als Blickfang dienten.

Hier ein Blatt zu einem Buch von Johann Eck, das in Augsburg 1519 bei Grimm & Wirsung erschien (Quelle: wikicommons):

Der Rahmen wurde von den Verlegern – für die der Paterarcameister gearbeitet hatte ! – um 1519 – 1522 für verschiedene Bücher verwendet.

Aber aufgepasst: Nicht alle ornamental so ähnlich aussehenden Illustrationen sind Dekor:

Paolo Giovio, Le vite dei dodeci Visconti Prencipi di Milano. Tradotte per M Lodovico Domenichi. In Milano: Gio. Battista Bidelli 1626 u.ö.

Es sind hier keine ornamental drapierten Schlangen, die Menschen verschlingen; im Gegenteil: Sie speien sie aus. Es handelt sich um das heraldische Motiv der Sforza / Visconti - Familie:

Andrea Alciato, Emblemata, Ausgabe Paris 1534
Kommentar > https://www.emblems.arts.gla.ac.uk/alciato/emblem.php?id=A34b001


Initialen

Haben die eingefügten Bilder einen Zusammenhang mit dem sie umgebenden Text?

❑ ≠

Beginn des Psalters. Initiale B des Texts Beatus vir qui non abiit in consilio impiorum, et in via peccatorum non stetit, et in cathedra pestilentiae non sedit; sed in lege Domini voluntas ejus, et in lege ejus meditabitur die ac nocte. Glückselig der Mann, der nicht nach dem Rat der Bösen geht und nicht auf dem Weg der Sünder steht und nicht auf dem Stuhl der Pestilenz sitzt, sondern am Gesetz des Herrn seine Lust hat und über seinem Gesetz Tag und Nacht sinnt.

Tripartitum Psalterium Eadwini (The Eadwine Psalter) Fol. 6 recto
Trinity College, Cambridge
> https://mss-cat.trin.cam.ac.uk/viewpage.php?index=1229

❑ ≠

Paulus Diaconus (vor 800), »Historia Langobardorum«. British Library, Royal MS 13 A XXII; (4th quarter of the 11th century; Mont Saint-Michel, Western France)
> http://www.bl.uk/manuscripts/FullDisplay.aspx?ref=Royal_MS_13_A_XXII

Initiale S zum Text: Septemtrionalis plaga quanto magis ab aestu solis remota est et nivali frigore gelida, tanto salubrior corporibus hominum et propagandis est gentibus coaptata; sicut econtra omnis meridiana regio, quo solis est fervori vicinior, eo semper morbis habundat et educandis minus est apta mortalibus.

Je weiter der nördliche Himmelsstrich von der Hitze der Sonne entfernt und von Eis und Schnee kalt ist, um so gesunder ist er für die Körper der Menschen und begünstigt die Völkervermehrung, wie umgekehrt alles mittägliche Land je näher es der Glut der Sonne liegt, immer voll Krankheiten und zur Hervorbringung eines tüchtigen Menschenschlages weniger geeignet ist. Daher kommt es, dass so große Völkermassen im Norden geboren werden und nicht mit Unrecht wird jener ganze Landstrich vom Tanais bis zum Sonnenuntergang mit dem allgemeinen Namen Germania bezeichnet …

❑ ≠

Gregor, »Moralia in Job«; Dijon, Bibliothèque municipale, Ms. 173 (Cîteaux, 1.Drittel des 12.Jhs.), Fol. 29 recto
Digitalisiert bei > http://patrimoine.bm-dijon.fr

Quamvis omnem scientiam atque doctrinam scriptura sacra sine aliqua comparatione transcendat … (Lib XX, 1): Die heilige Schrift übertrifft alle Wissenschaft und Lehre nicht nur durch den Inhalt, sondern auch durch die Darstellungsweise …

❑ ≠

Cotton MS Tiberius C VI (3rd quarter of the 11th century – 2nd half of the 12th century) Fol. 60recto
> http://www.bl.uk/manuscripts/FullDisplay.aspx?ref=Cotton_MS_Tiberius_C_VI

Initiale D zum Text Psalm 38 (MT 39): Dixi custodiam vias meas ne peccem in lingua mea custodiam os meum silentio donec est impius contra me – Ich habe mir vorgenommen: Ich will mich hüten,dass ich nicht sündige mit meiner Zunge; ich will meinem Mund einen Zaum anlegen…

❑ Hier könnte die Zügelung des Monstrums in der Initiale Q einen Bezug zum Text haben:

Psautier de Corbie (Angfang 9.Jh.) BM Amiens Ms18 Fol. 46 recto
> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b8452190t/f99.item

Quid gloriaris in malitia potens misericordia Dei tota est die (Psalm 51,3 [Vg]) — Was rühmst du dich der Bosheit, der du mächtig bis in der Ungerechtigkeit? Vers 7: sed Deus destruet te in sempiternum terrebit – Doch wird dich Gott verderben auf immer …

 

❑ Das Book of Kells (Dublin, Trinity College, Cod. 58) strotzt von solchen Initialen sowie Füllseln am Zeilenanfang und Zeilenende; man blättere das vorzügliche Digitalisat durch!
> https://digitalcollections.tcd.ie/concern/works/hm50tr726?locale=en

••• Beispiel: Fol. 45 recto mit dem Beginn des Paternoster

••• Ein Spezialfall ist der Beginn des Matthäusevangeliums (Fol. 34 recto) mit dem Text zu Matthäus 1,18: Christi autem generatio sic erat: … (übers.: Mit der Abstammung Christi verhielt es sich so: …) wobei in Anlehnung an den griechischen Evangelien-Text Τοῦ δὲ Ἰησοῦ Χριστοῦ ἡ γένεσις οὕτως ἦν drei — aus den griechischen Buchstaben Chi (Χ) und Rho (ρ) und (grammatikalisch unmöglich) dem lateinischen Genitiv-i gebildete — Initialen stehen.
Χ und ρ hier gelb nachgezeichnet, unten rechts auf der Seite: generatio:

Winzig finden sich u.a. diese Details (hier grün und blau hervorgehoben):

• Grünes Rechteck: Zwei Mäuse packen ein rundes, gemustertes Ding, das aussieht wie eine Oblate oder ein Vollmond; dahinter hocken zwei Katzen, denen ihrerseits Mäuse etwas einzuflüstern scheinen. "Dissimilium societas" – Oder christlich tief-sinnig bedeutsam?

• Blaues Oval: Ein Otter hat einen Fisch gepackt. – Nun ist seit der Väterzeit das griechische Wort für "Fisch": ΙΧΘΥΣ ein Akrostichon für Christus: Χριστός [Christus] Θεού [Gottes] Υιός [Sohn] Σωτήρ [Erlöser]); vgl. https://www.rdklabor.de/wiki/Fisch_I --- bei III A

Aber dass dieser "Fisch" von einem Otter gefressen wird? Niedergestiegen zur Hölle und dann auferstanden?

Suzanne Lewis, Sacred Callygraphy. The Chi Rho Page in the Book of Kells, in: Traditio 36 (1980), pp. 139–159.
> https://www.jstor.org/stable/27831075

The Book of Kells. Reproductons … With a Study of the Manuscript by Françoise Henry, London: Thames and Hudcon 1974.

 

❑ Beginn der (lat./dt.) Benediktinerregel Engelberg, Stiftsbibliothek, Cod. 72 (1250–1276). Die Initiale A des ersten Worts der Regel: Ausculta, o fili praecepta … ist interpretierbar:

Engelberg, Stiftsbibliothek, Cod. 72 > https://www.e-codices.unifr.ch/de/bke/0072/1v

Links außen kniet ein Mönch, angeschrieben mit Chuono, vermutlich der Übersetzer / Schreiber des Codex. Der unter dem A stehende Abt Waltherus abbas zeigt den Codex einem Engel zur Bestätigung. Rechts steht eine Nonne (Engelberg angeschlossen war das Frauenkloster St.Andreas). Einzig die das A tragenden nackten Gestalten sind nicht klar interpretierbar; dass die eine vom Abtsstab gepiekt wird, deutet darauf, dass es zu überwindende Sünden sein könnten.

Nach: Richard Fasching in: Christian Kiening / Martina Stercken (Hg.), SchriftRäume. Dimensionen von Schrift zwischen Mittelalter und Moderne, Zürich: Chronos 2008, S.288

 

+++ Mittels Pinterest findet man hunderte solcher Initialen; freilich alle schön aus der Seite herausgeschnitten und ohne Kommentar...


Details in ikonographisch präzis bestimmbaren Bildern

 

Beispiel: Die Geschichte von David und Bathseba (II. Reg. = 2.Samuel, Kapitel 11), ist häufig dargestellt, v.a. in bebilderten Bibeln.

❑  Bathseba im Bade; König David, sie betrachtend. David trägt als König eine Krone. Er schaut vom Balkon seines Palasts herunter, das entspricht der Bibel (Vers 2).

Hans Sebald Beham, Bibla Germanica, Egenolff 1534.

❑  Hier der Holzschnitt, geschnitten von Christoph van Sichem d.Ä.:

aus: Flauij Josephi / des Hochberühmten Jüdischen Geschichtschreibers / Historien vnd Bücher Von alten Jüdischen Geschichten […] Straßburg: Theodosius Rihel 1611.

Neben David steht eine Harfe; das übliche Attribut Davids, der König Saul mit Saitenspeil ermuntert hat (1. Samuel 16, 14ff.) und als Dichter und Sängers des Psalters gilt, vgl. das Bild in der Zürcher Bibel 1531:

Der Brunnen bei der badenden Bathseba ist mit einem ••• Eroten geziert, ein Hinweis auf den verliebten Blick Davids; hier vergrößert:

❑  Dass David sündigte, als er Bathseba begehrte und ihren Ehemann Uria in den Tod schickte, wird von Tobias Stimmer (1539–1584) möglicherweise dadurch herausgestellt, dass er (rechts unten) einen ••• Affen bei der Szene zuschauen lässt.

Neue Künstliche Figuren Biblischer Historien, Basel 1576.

Der Affe kommt in der Bibel in dieser Szene nicht vor. Ist er ein amüsantes Detail? Der Affe gilt als töricht, auch als Sünder, und das könnte ein Hinweis auf David sein.

Zum Vergleich Frau Venus (mit Esel und Affe) fesselt Narren, aus: Sebastian Brant, »Narrenschiff«, Kapitel 13 Von buolschafft, wo Frau Venus u.a. Affen mit sich führt – hier aus der lat. Übersetzung »Stultifera nauis«, Augsburg 1497: De amore venereo

Alles über Affen bei Horst W. Janson, Apes and ape lore in the Middle Ages and Renaissance, (Studies of the Warburg Institute 20), London 1952.

❑ Matthäus Merian (1593–1650) baut die Szene dekorativ aus. Der Garten des Palastes ist prächtig dekorativ ausgestattet. Was soll die alte Frau, die Bathseba ein ••• Kästchen mit Münzen (?) anbietet? Im Bibeltext heißt es nur, dass David Boten zu Bathseba schickt.

Icones biblicæ præcipuas sacræ scripturæ historias eleganter & graphice repræsentantes. Biblische Figuren/ darinnen die Fürnembsten Historien/ in Heiliger und Göttlicher Schrifft begriffen/ Gründtlich und Geschichtsmessig entworffen […] Straßburg/ In verlegung Lazari Zetzners Seligen Erben 1625ff.

❑ Melchior Küsel (1626–1683) gestaltet die Szene 1679 ebenfalls üppig. Zwei gigantische ••• Säulen, die einen Himmels- und einem Erdglobus tragen, stehen im Hof des Palasts.

Sie ähneln den Säulen Jachin und Boas, die gemäß 1.Könige 7, 15ff. von Davids Sohn Salomon vor dem Tempel errichtet wurden.)

Icones Biblicae Veteris et Novi Testamenti. Figuren Biblischer Historien Alten und Neuen Testaments – Proprio aere aeri incisae, et venales expositae a Melchiore Kysel, Augustano. Impressum: Augustae Vind. anno Christiano MDCLXXIX.

Allenfalls könnte die Imprese von Philippus III. Rex Hispaniae, Indiae Et Siciliae [1578–1621] hineinspielen, wo der Himmelsglobus und der Erdglobus allegorisch gedeutet werden:

Et patri et Patriae (Sowohl für den Vater [Gott] als auch für das Vaterland) – Das wäre auf den Sänger der Psalmen und König des Großreichs von Juda und Israel anwendbar.

Aus: Salomon Neugebauer, Selectorum Symbolorum Heroicorum Centuria Gemina, Francofurti: Iennis, 1619 > http://diglib.hab.de/drucke/405-quod-2s/start.htm


Ornamentales im Bild-Inneren

 

••• Das erste Bild der deutschen Übersetzung von Ciceros »Cato major de senectute« = Büchlein von dem Alter (Erstausgabe 1522; Neudruck 1531) zeigt die drei Diskussionsteilnehmer Scipio, Laelius, Cato; letzterer auf einem Sessel, der mit einer skulptierten Wange – ein phantastisches Mischwesen darstellend – versehen ist. – Ein hübsches Ornament.

Des hoch berümpten Marci Tullii Ciceronis büchlein von dem Alter, durch herr Iohan Neüber ... vsz dem latein inn Teütsch gebracht, Augspurg: S. Grymm, 1522.
>
https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00048290?page=1
(Holzschnitt des sog. Petrarcameisters)

Wieder abgedruckt in: Officia M. T. C. Ein Buoch/ So Marcus Tullius Cicero der Römer/ zuo seynem Sune Marco. Von den tugentsamen ämptern vnd zuogehörungen eynes wol vnd rechtlebenden Menschen/ in Latein geschriben/ Welchs auff begere Herren Johansen von Schwartzenbergs &c. verteütschet/ …. Augspurg: Heynrich Steyner 1531.

In der Übersetzung von Petrarcas »de remediis« II,28 wird gezeigt, wie ein Patrizier vom König den Amtsstab entgegennehmen darf. Die schneckenförmige, in ein Phantasiewesen auslaufende Thronwange ziemt sich für einen Herrscher als Möbel-Ornament nicht übel.

Franciscus Petrarcha, Von der Artzney bayder Glück / des guten vnd widerwertigen […]. Augspurg: H. Steyner MDXXXII.

In «de remediis» I,92 ist das Thema die Nichtswürdigkeit von Ehren und Glorie. Obwohl der Papst in Petrarcas Text nicht genannt wird, zeigt das Bild den mit der Tiara gekrönten Papst inmitten von Kardinälen, Bischöfen und anderen Würdenträgern. Merkwürdig ist in diesem Kontext die Thronwange: die Skulptur einer Sphinx.

- Die konzeptionelle Vorlage für die Sphinx / Sphynx dürfte im Buch Esopi appologi sive mythologi cum quibusdam carminum et fabularum additionibus Sebastiani Brant, [Basel 1501] zu finden sein. (Brant ist auch sonst oft der Inspirator der Bilder.) Da heißt es: Die Sphinx ist ein ungeheuerliches Lebewesen in Äthiopien, das zur Familie der Affen gehört, ein dunkles Fell und zwei Brüste hat und einem Menschen ähnlich sieht. Die Dichter lassen sie Antlitz und Brust einer jungen Frau, Vogelfedern und Löwentatzen haben.

- Als formale Vorlagen für die Sphinx standen damals ornamentale typographische Füll-Leisten zur Verfügung. Das British Museum kennt solche Probeabzüge aus den 1520er Jahren:

https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_1919-0616-47 (hier ein Ausschnitt)

Vgl. den Exkurs zur Symbolik der Sphinx als PDF hier.

Hier fragt sich, ob diese Figur eine symbolische Bedeutung hat. Sinnstiftend wäre

  • entweder das monströse und verderbliche Scheusal Sphinx, von der (wie oben erwähnt) S. Brant 1501 spricht. (Die Holzschnitte des Petrarcameistesrs sind vor 1523 entstanden, also zur Zeit harter Auseinandersetzungen zwischen den Protestanten und den Altgläubigen; und das Buch kennt Kritik am Papsttum.)
  • oder das, was der Kirchenvater Clemens von Alexandrien (ca.150 – ca. 215) meinte: Deshalb stellen auch die Ägypter vor den Tempeln die Sphinxbilder auf, um damit anzudeuten, dass die Lehre von Gott voller Rätsel und schwer verständlich sei, vielleicht aber auch um anzuzeigen, dass man die Gottheit lieben und fürchten muss, und zwar lieben, weil sie gegen die Frommen mild und gütig ist, fürchten aber, weil sie gegen die Gottlosen unerbittlich gerecht ist; denn die Sphinx weist auf das Bild eines wilden Tieres und auf das eines Menschen hin. (Stromata V, v, 5) — Freilich wurde dieser griechische Text erst 1550 ediert.

••• Bei Cesare Ripa, »Iconologia« 1603 wird die Prodigalità (Verschwendung) mit dem Füllhorn (Cornucopia) in Händen dargestellt; mit verbundenen Augen.

In der deutschen Fassung »Erneuerte Iconologia« Band I, 1669 hält die Personifikation der Menge/ oder Uberfluß aller Dinge das Füllhorn in der einen Hand und eine Garbe mit herunterfallenden Ähren in der anderen.

Erneuerte Iconologia oder Bilder-Sprach: Worinnen Allerhand anmuhtige Außbildungen von den fürnehmsten Tugenden Lastern menschlichen Begierden [...] Frankfurt a. Main, 1669/1670.

Gottfried Eichler (del.) und Joh. Georg Hertel (excud.) gestalten die Bilder reichhaltiger:

Des berühmten Italiänischen Ritters, Cæsaris Ripæ, allerleÿ Künsten, und Wissenschafften, dienlicher Sinnbildern, und Gedancken, Welchen jedesmahlen eine hierzu taugliche Historia oder Gleichnis beÿgefüget. Joh. Georg Hertel in Augspurg [vor 1761]. – I, 34

Abundantia erscheint wie 1669; dazu passend vorn eine Schatz-Truhe und ein weiteres mit Münzen (?) gefülltes Gefäß.

Dazu kommt (1) in einer zweiten Bild-Ebene ein Exemplum: König Crœsus (Kroisos) war sprichwörtlich reich. Solon achtete dessen Reichtümer gering. Als Krosios in einer Schlacht besiegt und auf den Scheiterhaufen gebracht wurde, solle er dreimal ›Solon‹ gerufen haben. Ilse Wirth hat in ihrem Kommentar (München: Wilhelm Fink 1970) die Quellen der Szene nachgewiesen: Herodot, I,xxxii,86 und Plutarch, Solon, xxvii,28.

Das Bild ist zudem (2) opulent ••• ornamental ausstaffiert. Insofern als dieser Stil das ganze Buch durchwaltet (> http://diglib.hab.de/drucke/uk-51/start.htm), kann man nicht sagen, die Ornamente seien ikonographischer Ausdruck des Themas Überfluß.


Mittelalterliche Bauplastik

 

• Beispiel: Kapitelle im Kreuzgang des Zürcher Großmünsters (um 1200).

Aquatintablätter von Franz Hegi (1774–1850) in: Anton Salomon Vögelin, Der Kreuzgang beim Großen Münster in Zürich in: Mittheilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, Erster Band Zürich, in Commission bei Meyer und Zeller [1841].

Im unteren Teil ist dargestellt: Delila schneidet dem Simson die 7 Locken ab (Richter 16, 4–20).

Delila (oder Dalila), die Geliebte Simsons, wird von den Philistern bestochen: Sie soll herausfinden, was seine übernatürliche Kraft bewirke. Drei Mal kann Simson sie davon abbringen, schließlich verrät er sein Geheimnis: Seine Kraft hängt davon ab, dass sein Haupthaar nie geschnitten wurde. Delila lässt ihn auf ihren Knien einschlafen und die sieben Locken abschneiden. Jetzt können ihn die Philister fesseln und blenden. – Der Bezug zwischen dem Bibeltext und dem Bild ist hinlänglich klar.

Aber oben? Wie bei den Buchseiten steht das phantasievolle Bild am Rand. Und auf anderen Kapitellen wie hier ?

Hier sind wir schon bei den Drôlerien.

 

• Vom Symbolbild zum (Pseudo-)Ornament

Beim mittelalterlichen Kunstbetrieb ist stets mit Depravierungen* einer ursprünglich formal gut ausgebildeten Gestalt zu rechnen; Umformungen ins stilistisch Schlichtere, vom Realistischen ins Ornamentale über mehrere Stufen hinweg können weit vom urspünglichen Original fortführen. Schön hat das Zygmunt Swiechowski (1920–2015) aufgezeigt an einer Reihe von Darstellungen des letzten Abendmahls auf Kapitellen.

*) Damit soll keinesweges die unselige ›Theorie des gesunkenen Kulturguts‹ von Hans Naumann (1886–1951) repristiniert werden.


Ornamentale Drôlerien

In vielen Fällen kann man kaum eine Symbolik zuordnen:

Aquamanile

Aquamanile bereits aus ottonischer Zeit, hier ein Beispiel aus dem Louvre:

Gargouille

Die spätgotischen Wasserspeier (frz. gargouille) an den Außenwänden von Kathedralen Hier aufgenommen von Eugène Viollet-le-Duc, Dictionnaire raisonné de l’architecture française du XIe au XVIe siècle (1854–68):

Wasserkännel

an Brunnen, hier aus Vitruvius, Des aller namhafftigisten unnd hocherfahrnesten/ Römischen Architecti/ unnd kunstreichen Werck oder Bawmeisters/ Marci Vitruvij Pollionis/ Zehen Bücher von der Architectur und künstlichem Bawen. ... Erstmals verteutscht/ unnd in Truck verordnet. Durch/ D. Gualtherum H. Rivium .... - Basel: Henricpetri [1614]

Miserikordien

An den aufklappbaren Sitzbrettern in (bes. gotischen) Chorgestühlen waren kleine Stützen angebracht, die den während der Messe lange Zeit zum Stehen verpflichteten Mönchen eine behelfsmäßige Sitzgelegenheit boten. — Auf der Unterseite finden sich aus Holz gefertigte Plastiken, nur selten erbaulichen, eher humorvollen Inhalts.
> https://en.wikipedia.org/wiki/Misericord

Aus St Laurence’s Church in Ludlow (Shropshire)
> https://www.misericords.co.uk/ludlow.html (auf dieser Website weitere Beispiele)

Christa Grössinger, The World Upside Down: English misericords. London: Harvey Miller 1997.

Songes drolatiques – pour la recreation des bons esprits

Die Zeichnungen von François Desprez (1525–1580) in: Les Songes drolatiques de Pantagruel, ou sont contenues plusieurs figures de l’invention de maistre François Rabelais: & derniere oeuvre d’iceluy, pour la recreation des bons esprits. A Paris : Par Richard Breton 1565. Digitalisat des ganzen Buchs > http://diglib.hab.de/drucke/39-geom/start.htm

Der Verleger Breton überließ in seinem Vorwort die Erklärung (declarer le sens mistique ou allegorique) der Holzschnitte dem Leser: celuy qui sera resuer de son naturel y trouuera dequoy resuer [rêver] … pour les bigaretez [Buntscheckigkeiten] qui y sont contenues. Die Inventionen würden sich auch für Maskeraden eignen … – Die gelehrten Kommentatoren im 19.Jh. versuchten diese Phantasiegestalten dann ernsthaft zu identifizieren, teils mit Figuren in Rabelais’ Text, teils mit zeitgenössischen lebenden Personen (z.B. Papst Julius II.)

Grotesken

Es gibt Publikationen, in denen die Bilder explizit als rein ornamental verstanden werden wollen, gleichsam autopoietisch erzeugt. Sie blühen in der Epoche des sog. ›Manierismus‹. Ein Meister war Hans Sebald Beham (1500–1550):

(Quelle: Wiki Commons)

Neuw Grotteßken Buch. Inventirt, gravirt und verlegt Durch Christoph Jamnitzer [1563–1618], Nürnberg 1610.
> https://archive.org/details/gri_33125008528032


Formales

Künstlerisch wertvolle unsymbolische Ornamente erscheinen vom 15. Jh. an, besonders üppig in der Spätantike, im Manierismus, Rokoko, im Jugendstil auf Schmuckstücken, Gewändern, Vasen, Pokalen, Tafelaufsätzen, Bucheinbänden, Waffen, Möbeln, Friesen, Portalen, Säulen, Gewölben, Chorgittern, usw.

Ornamente zeigen gerne den Trägergrund flächenfüllend; sie erzeugen i.d.R. keinen tiefenräumlichen Eindruck. Sie tendieren zu rhythmischer Wiederholung und Symmetrie. (Dies sind aber keine Definitionsmerkmale.)

Otto Wagner, Majolika-Haus in Wien (1898/99), Türe des Aufzugs im Parterre (Foto PM)

Auffallend ist, dass in der Ornamentik viele Kompositwesen vorkommen – die man aber unterscheiden muss von (a) als realistisch geglaubten ›Monstren‹ (z.B. bei Conrad Lycosthenes) und von (b) mythologisch-/symbolischen Wesen (z.B. äygptische Gottheiten). – Kompositwesen sind künstlerisch attraktiv und haben immer auch ein bisschen das Flair des Marginalen und Interessanten...

Lucas van Leyden  1528 (Quelle: nl.wikipedia)


Versteckte Symbolik bei scheinbar Ornamentalem

Die ›Zickzack-Linie‹ scheint rein ornamental zu sein, hat aber wahrscheinlich eine Bedeutung. Vgl. hier zu den ausfürhlichen Aufsatz von Andreas Hebestreit: »Ursprünge des Ornaments. Zur Genealogie einer Symbolform« auf der Subsite hier !


Mittelalterliche Polemik gegen (ornamentale) bildliche Darstellungen

 

Bernhard von Clairvaux (* um 1090; † 1153, »Apologia ad Guillelmum Abbatem« (nach 1117)

Aber wozu dienen in den Klöstern, vor den Augen der lesenden Brüder, jene lächerlichen Missgeburten, eine auf wunderliche Art entstellte Schönheit und schöne Scheusslichkeit? (mira quaedam deformis formositas, ac formosa deformitas)
Was bezwecken dort die unflätigen Affen, die wilden Löwen? Was die widernatürlichen Zentauren, die halbmenschlichen Wesen, die gefleckten Tiger? Was sollen die kämpfenden Krieger, die Jäger mit ihrem Horn?
Hier kann man unter einem Kopf viele Leiber sehen, dort wieder auf einem Körper viele Köpfe. Auf der einen Seite bemerkt man an einem Vierfüßler den Schwanz einer Schlange, auf der anderen an einem Fisch den Kopf eines Vierfüßlers.
Dort gibt es ein Tier zu sehen, vorne ein Pferd, die hintere Hälfte eine Ziege, hier wieder ein Hornvieh, das hinten als Pferd erscheint.
Mit einen, Wort, es zeigt sich überall eine so große und so seltsame Vielfalt verschiedener Gestalten, dass einen mehr die Lust ankommt, in den Marmorbildern statt in den Codices zu lesen, dass man eher den ganzen Tag damit verbringen möchte, diese Dinge eins nach dem anderen zu bewundern, statt über das Gesetz Gottes zu meditieren. Bei Gott, wenn man sich schon nicht dieser Albernheiten schämt, warum tut es einem nicht wenigstens um die Kosten leid? (si non pudet ineptiarum, cur vel non piget expensarum?)

in: Sämtliche Werke, lateinisch/deutsch, [aufgrund der Ausgabe von Jean Leclercq und H. Rochais, Rom 1957–1977], hg. Gerhard B. Winkler u.a., Innsbruck: Tyrolia 1990ff, Band 11, S. 137–204 (auch in Patrologia Latina 182, 526–540)

 

»Pictor in Carmine« (um 1200)

Dolens in sanctuario Dei fieri picturarum ineptias et deformia quedam portenta magi quam omamenta, optabam Si fieri posset mentes oculosque fideilum honestius et utilius occupare. Cum enim nostri temporis oculi non solum vana sed etiam profana sepius voluptate capiantur nec facile putaverim inanes ecclesie picturas hoc tempore posse penitus abrogari, presertim in cathedralibus et baptismalibus ecclesiis, ubi pubiice fiunt stationes, excusabilem arbitror indulgentiam, si vel eiusmodi picturis delectentur, que tanquam libri laicorum simplicibus divina suggerant, et literatos ad amorem excitent scripturarum. Siquidem, ut pauca tangamus de plurimis, quidnam decentius est, quid fructuosius, speculari circa Dei altarium aquilas bicipites, unius eiusdemque capitis leones quatuor, centauros pharetratos [mit einem Köcher ausgestattet], frementes acephalos [brüllende Kopflose], chimeram, ut fingunt logicam, fabulosa vulpis et galli diludia, simias tibicines [flötenblasende Affen] et onos liras Boetii [Harfe spielende Esel]; — vel certe contemplari gesta patriarcharum, legis cerimonias, presidia iudicum, typicos regum actus, certamina prophetarum, Machabeorum triumphos, opera Domini Salvatoris, et iam coruscantis evangelii revelata misteria?

Struck with grief that in the sanctuary of God there should be foolish pictures, and what are rather misshapen monstrosities than ornaments, I wished if possible to occupy the minds and eyes of the faithful in a more comely and useful fashion. For since the eyes of our contemporaries are apt to be caught by a pleasure that is not only vain, but even profane, and since I did not think it would be easy to do away altogether with the meaningless paintings in churches, especially in cathedral and parish churches, where public stations take place, I think it an excusable concession that they should enjoy at least that class of pictures which, as being the books of the laity, can suggest divine things to the unlearned, and stir up the learned to the love of the scriptures.

Lat. Text aus: Pictor in Carmine. Ein typologisches Handbuch aus dem 12. Jahrhundert. Nach der Handschrift des Corpus Christi College in Cambridge, Ms 300; hg. von Karl-August Wirth, Gebrüder Mann Verlag 2006 (Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte, Band 17).

Der englische Text aus: M. R. James, ed. in: Archaeologia, Volume 94 (1951), pp. 141–166.


Symbol — Ornament — Zeugnis des göttlichen Schöpfers

Im Focus steht hier das Werk von Joris Hoefnagel (1542–1600), der – teils zusammen mit seinem Sohn Jacob (1573 – ca. 1632/35) – mehrere Bildwerke schuf; teils als Unikate (in Aquarellmalerei), teils als Kupferstich ediert.

Im aktuellen Zusammenhang ist das Werk von Interesse, weil es • teils rein ornamentale Elemente enthält, • teils ikonographisch / emblematisch verweisende, und • teils solche, die rein abbildende Funktion haben. (Diese ••• Typen entsprechen nicht den im folgenden mit (a) – (d) gennannten Werke, sondern lassen sich querdurch finden.) Eine wunderbare ›Gemenge-Lage‹.

Umfassende Darstellung mit Nachweis von Quellen und Interpretationen: Thea Wilberg Vignau-Schuurman, Die Emblematischen Elemente im Werke Joris Hoefnagels, Leiden: Universitaire Pers 1969 (2 Bände). (Weitere Literaturhinweis am Ort.)

 

(a) Missale Romanum, ÖNB Codex 1784 (entstanden 1581–1590; einzelne Blätter sind datiert, z.B. 1586)
> https://onb.digital/result/111055EE

Zum Fest Dominica resurrectionis Domini stehen in Kartuschen am Rand die typologischen Vorausdeutungen der Auferstehung; also biblische Ikonographie:

Fol. 318 (Ausschnitt)
Links: Jonas entsteigt dem Wal (vgl. Matthäus 12,38–42)
Rechts: Samson trägt die Türflügel von Gaza (Richter 16,2–3)

(b) Georg Bocskay (1510–1575) gestaltete zwei Schriftmusterbücher, die dann von Joris Hoefnagel illustriert wurden:

— Schiftmusterbuch im Kunsthistorischen Museum Wien, Kunstkammer, Inv.-Nr. 975 (illustriert 1591–1594)
> https://www.khm.at/objektdb/detail/87174/ (Zum "Durchblättern" auf das Icon mit den 2 Bildschirmen unten rechts klicken!)

• Als Beispiel daraus Fol. 85 (Ausschnitt; Kommentar a.a.O. 1969, Band I, § 395)

Rechts der Kranich, der mit dem Fuß einen Stein hält, der ihn herunterfallend weckt, wenn er einzuschlafen droht. – Das Tier bedeutet in der Emblematik die Wachsamkeit; hier ist er mit IVSTITIA angeschrieben. Mehr dazu auf dieser Website hier.

— »Mira Calligraphiae Monumenta« (1561/62; von Hoefnagel 1575 illustiert) mit einem Anhang: das Alphabet; aufbewahrt im J. Paul Getty Museum
   > https://www.getty.edu/art/collection/object/103RWD

    Joris Hoefnagel, Georg Bocskay. Mira Calligraphiae Monumenta. Kommentiert von Lee Hendrix / Thea Vignau-Wilberg. Berlin 2020.

Als Beispiel für eine rein ornamentale Darstellung hier aus dem gotischen Minuskel-Alphabet (im zweiten Teil des Codex) die Buchstaben r/s:

(c) Joris Hoefnagel fertigte (ca. 1575/80?) eine Serie von nach den vier Elementen gegliederten Tierdarstellungen an:

Ignis: Animalia rationalia et insecta
Terra: Animalia quadrupedia et reptilia
Aqua: Animalia aquatilia et cochiliata
Aer: Animalia volatilia et amphibia

Online-Edition > National Gallery of Art Washington; Gift of Mrs. Lessing J. Rosenwald

Hier als Beispiel aus Animalia aquatilia et cochiliata, Tafel 13:

Die Fische sind bei Conrad Gessner ausgebüxt (Nachweise bei Lee Hendrix 1984, Appendix II):

      

Fischbuoch: das ist ein kurtze, doch vollkommne Beschreybung aller Fischen so in dem Meer und süssen Wasseren, Seen, Flüssen oder anderen Bächen jr Wonung habend, sampt jrer waren Conterfactur, zuo Nutz und Guotem allen Artzeten, Maleren, Weydleüten und Köchen gestelt, insonders aber denen so ein Lust habend zuo erfaren und betrachten Gottes wunderbare Werck in seinen Geschöpfften, erstlich in Latin durch den hochgeleerten und natürlicher Künsten wolerfarnen Herren D. Cuonradt Gässner beschriben; yetz neüwlich aber durch D. Cuonradt Forer zuo grösserem Nutz allen Liebhaberen der Künsten in das Teütsch gebracht. Getruckt zuo Zürych bey Christoffel Froschower im Jar als man zalt M.D.LXIII.
> http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-5026

Das Entscheidende ist indessen nicht, woher Hoefnagel die Vorlagen hat, sondern (wie bei Gessner; in der Quellenangabe fett hervorgehoben), dass hier ein physikotheologisches Interesse an der präzisen Darstellung erkennbar ist. Diese Bewegung (wiederum Gessner:) – den schöpffer durch die geschöpfft lernen erkennen – beginnt in der zweiten Hälfte des 16.Jhs. die Naturwissenschaft zu beflügeln: Je präziser ein Geschöpf erkundet wird, desto mehr erkennt man die Weisheit seines Schöpfers.

Genaue Naturbeobachtung und realistische Darstellung ist nicht (nur) ein stilgeschichtliches Phänomen ("trompe l’œil"), sondern beruht auf dem Konzept, dass "die lebendige Natur als Manifestation der Allmacht und Güte Gottes betrachtet wird." (Thea Vignau-Wilberg a.a.O. 1994, S.32).

Das Verhältnis von Geschöpf zum Schöpfer ist kein symbolisches, sondern zeichentheoretisch als "symptom-haft" zu charakterisieren (in der Terminologie von Ch.S.Peirce: Index).

Im Missale (a) = ÖNB Codex 1784 Fol. 402recte sind illusionistisch gemalt: zwei Pflanzen und fünf Insekten und eine Schnecke; in der Kartusche steht, dass alle Kreaturen den Namen des HErrn loben:

O Domine atque Deus, nostrorum sancte parentum,
Collaudant nomen cuncta creata tuum.
Caelum, terra, fretum, fontes, et flumina et in se
Hæc ingens mundi machina quidquid habet.

Derselbe Text in (d) = Archetypa, Tafel IV,12
> https://www.biodiversitylibrary.org/item/234192#page/107/mode/1up

Literatur: Marjorie Lee Hendrix, Joris Hoefnagel and the Four Elements: A Study in Sixteenth-century Nature Painting, Diss. Princeton University, 1984.

(d) Joris und Jacob Hoefnagel publizieren 1592 eine Kupferstich-Folge von vier mal 12 Bildtafeln mit sehr präzisen Darstellungen von Pflanzen, Insekten und auch einigen Weich- und Wirbeltieren. Seltsamerweise sind diese nicht mit ihren Namen angeschrieben, sondern die Tafeln enthalten jeweils ein Motto und eine Subscriptio wie ein Emblem.

Archetypa studiaque patris Georgii Hoefnagelii, Francofurti ad Mœnum, Ann. sal. XCII. Ætat. XVII.
> https://hdl.handle.net/2027/gri.ark:/13960/t70w4hg53?urlappend=%3Bseq=1
> https://www.biodiversitylibrary.org/item/234192#page/5/mode/1up

Reprint mit Transliterationen, Übersetzungen der Texte und Bestimmung der Lebewesen: Archetypa studiaque patris Georgii Hoefnagelii 1592. Natur, Dichtung und Wissenschaft in der Kunst um 1600 = Nature, poetry and science in art around 1600, hg. Thea Vignau-Wilberg, München: Staatliche Graphische Sammlung 1994.

Hier als Beispiel die Tafel IV,3:

Das Motto: Nihili coaxatio. In actione consistit Virtus (Gequake um nichts. Im Handeln besteht die Tugend.)

Die Subscriptio ist betitelt mit Aenigma (Rätsel *) und beschreibt das Leben des Froschs, der unterm Schilf den Winter überlebt und im Frühling wieder lebendig wird: <Visaque> [richtig vitaque] vere novo rediviva, recurrit in artus.

Der ganze Vierzeiler Vox mihi rauca radit, sum arrula lingua […] stammt aus Hadriani *Ænigmatum Libellus im Anhang des Emblembuchs von Hadriani Iunii medici Emblemata. Antuerpiae: Ex officina Christophori Plantini 1565.

Dieses Verhalten des Frosches wird als Hinweis auf die Auferstehung des Menschen nach dem Tod verwendet von Matthäus Holtzwart, Emblematum Tyrocinia, Straßburg: B.Jobin 1581 (Emblem LXX): Resurrectio carnis.

Auch in dieser Publikation stehen viele Texte, die den Schöpfer in den kleinsten Kreaturen loben, beispielsweise bei Tafel I,1: Sprechet zu Gott: Wie wunderbar sind Deine Werke! (Psalm 65 [Vg.],3).


Hinweise zur Suche

»Endlich, was läßt sich nicht alles allegorisieren! Man nenne mir das abgeschmackteste Märchen, in welches ich durch Allegorie nicht einen moralischen Sinn sollte legen können!« (G. E. Lessing, Fabeln, 1759)

»Im Auslegen seid frisch und munter! Legt ihr’s nicht aus, so legt was unter.« Goethe, Zahme Xenien 2)

»Deux erreurs: 1° prendre tout littéralement; 2° prendre tout spirituellement.« (Blaise Pascal, Pensées, Nr. 648 [Brunschvicg])

Eine Deutung sollte immer auf einer möglichst zeitgenössischen Quelle beruhen, nicht auf vagen Vermutungen. Zur Deutung von Bildern, bei denen man eine Symbolik vermutet, denen aber keine Erklärung beigegeben ist, …

• zieht man ähnliche Bilder aus dem zeitgenössischen Umfeld bei, die eine Beschreibung enthalten (z.B. aus Emblembüchern, Bilderbibeln);

• versucht man – wenn man durch Erkunden des einschlägigen Wortfelds ein erfolgverheißendes Such-Wort errät – in damaligen Lexika oder Kommentarwerken Deutungen aufzutreiben: Beizug von Bild-Text-Verbünden in Enzyklopädien, Bestiarien, illustrierten Bibeln, mythologischen Handbüchern, Emblembüchern usw. (vgl. die Quellenübersicht hier und hier und hier und hier: RDK).

• Dabei gibt es nähere oder weitere Bezüge (sind klassisch-antike Quellen denkbar oder christliche mit dem Hintergrund der patristisch-mittelalterlichen Bibelauslegung?)

• Dabei ist der Kontext des zu deutenden Bilds einzubeziehen (Ort, wo das Bild angebracht ist, Verwendungszusammenhang, soziale Funktion).

• Schwer herauszufinden ist, ob der Auftraggeber die symbolische Deutung kannte; man kann aber unterstellen, dass ›gebildete‹ Betrachter eine solche assoziierten.

• Mitunter ist nicht offensichtlich, dass ein realistisch dargestelltes Bildelement symbolisch gemeint ist; die Bedeutung kann auch verdeckt oder versteckt sein: »Concealed or disguised symbolism«. Vgl. dazu Erwin Panofsky, Early Netherlandish Painting, 2. Auflage, Cambridge / Mass. 1964, S. 140ff.


Generelle Literaturhinweise:

• Owen Jones (1809–1874) Grammar of Ornament. Illustrated by Examples from Various Styles of Ornament. One Hundred Folio Plates. London: Day & Son (1856)
> https://archive.org/details/grammarornament00Jone

ders., Grammatik der Ornamente, illustriert mit Mustern von den verschiedenen Stylarten der Ornamente in hundert und zwölf Tafeln, 4°, London: Day & Son / Leipzig [o.J.].
> https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jones1856

• Alfred Lichtwark, Der Ornamentstich der deutschen Frührenaissance nach seinem sachlichen Inhalt, Berlin: Weidmann 1888.
> https://archive.org/details/derornamentstich00lich

• Hans Wolff, Die Buchornamentik im 15. und 16. Jahrhundert (= Monographien des Buchgewerbes 5). 2 Bände, Verlag des Deutschen Buchgewerbevereins, Leipzig 1911/13.

• Rudolf Berliner, Ornamentale Vorlageblätter des 15. bis 18. Jahrhunderts [Textband plus 22 Mappen], Leipzig: Klinkhardt & Biermann Verlag 1925/26. – 2., wesentl. erw. Aufl. zusammen mit Gerhart Egger 1981. — 1710 Illustrationen bis zum Jugendstil !

• Peter Meyer, Das Ornament in der Kunstgeschichte. Seine Bedeutung und Entwicklung, Zürich: Schweizer Spiegel Verlag 1944. [85 Seiten]

Jurgis Baltrušaitis, Réveils et Prodiges. Le Gothique Fantastique, Paris: Colin 1960.

• Lilian M. C. Randall, Images in the Margins of Gothic Manuscripts, Berkeley 1966. — Ca. 250 Handschriften verschiedener Thematik gesichtet; 739 Bilder abgedruckt; Motiv-Register auf 190 Folioseiten. — Nur fehlen leider die Kontextualisierungen der Bilder auf den Seiten der Handschriften.

• Carsten-Peter Warncke, Die ornamentale Groteske in Deutschland 1500–1650, Berlin: V.Spiess 1979 (Quellen und Schriften zur bildenden Kunst Band 6); 2 Bände. — Vorzügliche Einleitung; 1’301 Bildbeispiele.

• Christine Jakobi-Mirwald, Text – Buchstabe – Bild. Studien zur historisierten Initiale im 8. und 9. Jahrhundert, Berlin: Reimer 1998.

• Christof Metzger, Daniel Hopfer – ein Augsburger Meister der Renaissance: Eisenradierungen, Holzschnitte, Zeichnungen, Waffenätzungen, München 2009.

• Ein weiterer Fall ist auf unserer Webseite besprochen.


Erste Fassung online im Juni 2020; Ergänzungen Mai bis Juli 2022 — PM