Merkmale zur Unterscheidung von Zeichentypen

 

Diesen Text hat Paul Michel geschrieben; er geht teilweise zurück auf dessen Aufsatz »Destruktion des Symbolbegriffs« in Band 9 der Schriften zur Symbolforschung: Wurzeln des Symbolgebrauchs. Die biologischen und die kulturellen Wurzeln des Symbolgebrauchs, Verlag Peter Lang, Bern 1994. — Korrespondenz an: mailbox {at} symbolforschung {punkt} ch — Letzte Ajournierung 25.1.2010

 

Einleitung

Für eine seriöse Beschäftigung mit ›Symbolen‹ und ›Symbolik‹

Heutzutage sind Wohlfühlkurse (die durchaus ihre Berechtigung haben mögen) im Schwange; in der Kunstbetrachtung hat man sich von einer wortseligen Bescheibung ab- und dem Sich-anmuten-Lassen zugewandt; an jedem Bahnhofkiosk gibt es wohlfeile Symbolfibeln zu kaufen.

Im Gegensatz dazu geht es hier um eine rationale, differenzierende Beschäftigung mit Symbolen. Emotionale Statements wie »Wenn ich S betrachte, so empfinde ich X« und pauschalierende Sätze wie »Grün bedeutet den Neid« seien aus der Betrachtung ausgeklammert. Sondern es soll jeweils ein bestimmter Zeichengebrauch hinsichtlich seiner ihn bestimmenden Komponenten möglichst exakt beschrieben werden. Also: Wer verwendet aus welchem Anlass und mit welcher Absicht dieses Zeichen? Was weiss sie/er und was wissen die Angesprochenen, die Zeichendeuter über die zu diesem Zweck verwendeten Dinge, Gebärden usw.? Woran merken wir überhaupt, dass das, was da im Fokus steht, ein Zeichen ist und nicht vielmehr einfach ein bedeutungsloses Ding? Was muss man alles wissen oder können, um das Zeichen zu verstehen? Wieso hat sie/er um sich auszudrücken ein Symbol verwendet und nicht gerade heraus gesagt, was Sache ist?

Das Wort ›Symbol‹ wird von verschiedenen Autoren in ganz anderem Sinne gebraucht und zudem gerne emphatisch aufgeladen. Man muss aufpassen, dass man sich nicht verrennt oder aneinander vorbeiredet. So wollen wir das Wort tunlichst vermeiden und beginnen mit der primitiven, aber tauglichen Formel »aliquid stat pro aliquo« (etwas [etwas Sinnenfälliges] steht für etwas anderes [was derzeit oder überhaupt nicht erreichbar ist]) um dann allmählich immer feiner differenzieren.

Schlichtere Zeichentheorien begnügen sich mit den folgenden drei Typen:

  • Modell: Die Landkarte bildet ein Stück Erdoberfläche ab. Zwischen der realen Erde und der gezeichneten Karte besteht eine Ähnlichkeitsrelation. (In Anlehnung an Peirce spricht man verkürzt von ICON.)
  • Symptom: Das Fieber lässt auf einen Infekt schließen. Zwischen der Krankheit und der Körpertemperatur besteht ein Kausalitätsverhältnis, eine logische Folge. (In Anlehnung an Peirce spricht man verkürzt von INDEX.)
  • Auf Konvention beruhende Zeichen: die Lautfolge »F - r - o - sch« bedeutet im Deutschen das Tier Rana. (In Anlehnung an Peirce spricht man von verkürzt SYMBOL [!].)

Die Welt der Symbole ist aber weit komplexer, als dass diese drei Typen zu ihrer Interpretation ausreichen würden.

Wichtig ist, den Subjektivismus und die Überinterpretation bei der Deutung einzudämmen. Ein Mittel dazu ist der Beizug von Text-Quellen und die genealogische Herleitung. Auch gilt es einzusehen, dass Symbole nicht mit einer einfachen Symbolfibel (wo jedem ›Symbol‹ eine Bedeutung zugeordnet wird) gedeutet werden können.

Hinweise auf taugliche Literatur finden Sie hier .

 

Wir sind nicht die ersten

Viele gelehrte Leute haben seit der Antike bis in die Gegenwart über den Zeichengebrauch nachgedacht. Sie haben dabei verschiedene Dimensionen beleuchtet und mitunter auch etwas verabsolutiert. Ich erwähne hier nur einige wenige:

  • Der Kirchenvater AUGUSTINUS (354–430) wies in seiner Schrift »de doctrina christiana« vor auf den Unterschied zwischen den natürlichen und konventionellen Zeichen hin.
  • Der Philosoph Charles Sanders PEIRCE (1839–1914) entwickelte eine ausgeklügelte Philosophie des Zeichengebrauchs; er unterscheidet grundsätzlich drei hoch drei (d.h. 27) Zeichen-Arten; davon seien aber nicht alle realisiert. Die komplizierte Theorie von Peirce wird meistens in sträflicher Simplifikation (und für ein deutschsprachiges Publikum in verfänglicher Terminologie) auf drei Zeichentypen Index – Symbol – Ikon reduziert. Es gibt wohl nur wenige Spezialisten, die die Theorie von Peirce (er unterscheidet z.B. das rhematisch‑iconische Quali-Zeichen / das dicentisch‑indexikalische Sin-Zeichen / das argumentisch‑symbolische Legi‑Zeichen) ganz durchschauen und zudem noch damit konkrete Symbole interpretieren können.
  • Der Linguist Karl BÜHLER (1879–1963) entwarf 1934 sein »Organonmodell der Sprache«. Danach hat jedes Zeichen eine dreifache Funktion:
    • Darstellung: die Beziehung zwischen dem Zeichen und dem damit gemeinten Gegenstand oder Sachverhalt;
    • Ausdruck: die Beziehung zwischen dem Sender und dem Zeichen;
    • Appell: die Wirkung, die das Zeichen auf den Empfänger ausübt.
  • Charles W. MORRIS (1903–1979) unterschied in »Foundations of the Theory of Signs« (1938) die drei Dimensionen Semantik, Syntax, Pragmatik:
    • die Syntax untersucht die Beziehungen zwischen Zeichen untereinander;
    • die Semantik untersucht die Beziehungen zwischen Zeichen und dem damit Bedeuteten:
    • die Pragmatik untersucht Verwendung von Zeichen durch ihre Benutzer.

Wie so oft wurde das Rad mehrmals erfunden.

Distinktive Merkmale zur Unterscheidung von Zeichentypen

Wir lassen uns von älteren Zeichen- und Symboltheoretikern anregen, übernehmen, was sich bewährt, und erstellen einen Katalog unterscheidender Merkmale, mit denen wir konkrete Fälle von Symbolgebrauch beschreiben, gleichsam ein Signalement eines bestimmten Symbols abgeben können. – Ähnlich wie man eine Pflanze morphologisch bestimmt nach Blütenstand (Ähre / Traube / Dolde / Rispe usw.); Blütenform (Kreuzblütler / Schmetterlingsblütler usw.); Blattform (herzförmig / pfeilförmig / gefingert, paarig gefiedert); Blattstellung (wechselständig / quirlständig); unterirdischen Pflanzenteile; Fruchtformen. – Es handelt sich hier nicht um eine Zeichentheorie, sondern um einen Behelf, um die Sache genau zu betrachten.

Zwischen Signifiant (das Bedeutende) und Signifié (das Bedeutete) zu unterscheiden, ist für einen an die Postmoderne gewöhnten Leser nicht auf der Höhe der Zeit. So zu unterscheiden ist aber für eine Einführung sehr praktisch.

<1> Signifiant

Was kann als bedeutsam auftreten? Was ist das Signifiant? Grundsätzlich alles!

  • Die Kreaturen: die Elemente (Feuer und Wasser), Steine, Pflanzen, Tiere, die Gestirne, insbesondere Sonne und Mond und damit die Tageszeiten (Nacht); Farben; — der menschliche Leib, die Gliedmaßen, die Physiognomie und Gestik —
  • Töne, Gerüche (Weihrauch)
  • Artefakte des Menschen: Musikinstrumente, Rad, Mühle, Webstuhl, Zaumzeug des Pferdes, Leiter / Treppe, —
  • menschliche Tätigkeiten wie die Jagd, der Bergbau, das Theaterspielen, der Handel (Tausch und Münze), der Tanz —
  • Sozial-Handlungen, z.B. Kuss, Handschlag, sitzen vs. stehen, jemandem den Handschuh zuwerfen —
  • Orte: Garten und Wüste, Wald, Berg, Aufstieg zum Berg, das Meer, der Weg, die Weggabelung —
  • ganze Szenen wie z.B. dass Jona vom Fisch verschlungen und wieder ausgespien wurde —
  • berühmte Leute: Alexander, Odysseus —
  • Abstraktes wie Zahlen, geometrische Figuren —

Bei der Analyse eines Symbols muss grundsätzlich abgeklärt werden, wie das Signifiant beschaffen ist. Das heisst nicht: herumphantasieren, was einem so in den Sinn kommt, sondern möglichst genau aus (historisch abliegenden oder kulturell fremden) Quellen erschließen, was die Verwender dieser Symbolik über die bedeutsame Sache wissen oder wussten. Man sucht Quellen zu den der untersuchten Symbolik zeitgenösssichen Vorstellungen über Tiere, Pflanzen, Maschine, Pesonen usw. Diese findet man leicht in Enzyklopädien der Zeit.

<2> Signifié

Worauf verweisen diese Dinge, was ist das Signifié? (Damit ist impliziert: in welcher Lebenswelt bewegen wir uns?)

  • in der Welt des Sozialen und des Rechts (z.B. ein Strohhalm als Zeichen für die Übergabe eines Lehens; Stratordienst; immixtio manuum)
  • der Religion (Symbolik für Schuld / Sünde oder das Wirken der Gnade oder die unio mystica)
  • des Psychischen (Rotwerden als Symptom der Wut; Symboliken für das Verliebtsein wie z.B. Verwundung)
  • in der frei phantasierenden Poesie
  • ...

Hier gilt das gleiche wie zu <1> Gesagte. Man muss sich ein Bild machen von den möglichen Vorstellungen im Bereich des vermuteten Signifiants, also beispielsweise Quellen suchen zur Rechts- und Sozialgeschichte, zur Dogmatik, usw.

<3> Auslöser

Weshalb wird das erscheinende Phänomen überhaupt als Signifiant erkannt?

  • Das Zeichen ist stark konventionalisiert, und wir sind quasi dressiert, es sofort zu deuten. (Der Zebrastreifen als Verkehrssignal);
  • der Text / das Bild enthält eine explizite Deutung oder wenigstens eine Weckformel (»wer Ohren hat zu hören, der höre!«); Tituli (Schriftbänder) auf Bildern;
  • die Darstellung enthält Einsprengsel von habitualisierten Metaphern;
  • die Darstellung ist von einer sonderbaren Extravaganz, sie enthält innere logische Widersprüche, Inkompatibilitäten;
  • Text/Bild ergäbe wenn er/es ungedeutet stehenbliebe, keine Pointe; bliebe irgendwie witzlos.

Oft deuten wir Dinge als Zeichen, weil wir von der Erwartung ausgehen, es müsse hier etwas Bedeutsames vorliegen. (Die mittelalterliche Hermeneutik geht davon aus, dass auch das Alte Testament immer von Christus spricht.)

Oft aber merken wir gar nicht, dass z.B. mit einem Detail in einer Zeichnung oder mit einer Geste in einem Kommunikationsablauf ›etwas gemeint ist‹.

Blaise Pascal hat einmal formuliert: »Deux erreurs: 1º prendre tout littéralement; 2º prendre tout spirituellement.« (Pensées, Fragement Nr. 648 in der Edition von Brunschwicg)

Der Kunsthistoriker Erwin Panofsky stellte fest, daß holländische Maler im 17. Jahrhundert oft zeichenhaft gemeinte Gegenstände derart natürlich in die Welt des Bildes hineingewoben haben, daß sie nicht als solche auffallen; er spricht vom »principle of disguising symbols under the cloak of real things«. (E.P., Early Netherlandish Painting, 2. Auflage, Cambridge / Mass. 1964, S. 140ff.)

 

<4> Begründung des inhaltlichen Bezugs vom Signifiant zum Signifié

Das lässt sich auch so formulieren: Was muss der Interpret wissen, um vom Signifiant zum Signifié zu gelangen? Oder: Welche Brücken vermitteln vom Dargestellten zum Gemeinten?

  • Gesetzgeber können Zeichen durch eine Setzung konventionell festlegen (die Formen rund / dreieckig / viereckig bei den Verkehrsschildern).
  • Wir glauben gerne, dass viele Signifiants aufgrund anthropologischer Grundgegebenheiten etwas bedeuten: das Licht, die Nacktheit, die Quelle, der gebeugte Oberkörper haben eine immanente Symbolik. Vorsicht! Wieviel Natur / wieviel kulturelles Konstrukt ist wo am Werk? Gibt es Symbole, die wir ›ganz von innen heraus‹ so einfach verstehen? Hier setzt die Archetypenlehre an.
  • In der mittelalterlichen Zeichentheorie hat man die Signifiants (res) in ihre Eigenschaften (proprietates) zerlegt und von dort Brücken zu möglichen Signifiés geschlagen. Bei solchen Eigenschaften kann es sich handeln um: Zahlen (7 Laster), Farbe, Verhalten (eines Tiers), aber auch die Etymologie usw. – Diese Theorie ist keineswegs abwegig, sondern sehr patent.

Diese sog. ›Brücken‹ haben oft die sprachliche Form eines metaphernhaltigen Satzes (vgl. im folgenden Exkurs: die Seele ist ein *Spiegel* Gottes). Solche Sätze haben einerseits einen Bezug zur Welt des Signifiants (Spiegel – putzen, das Urbild wiedergeben …), anderseits einen Bezug zur Welt des Signifiés (Religion: Aszese treiben = wachen, fasten, enthaltsam sein usw; Gott in der Seele haben). Man sucht solche Sätze in der zeitgenössischen Literatur (für religiöse Texte zuerst immer die Bibel mit einer Konkordanz absuchen). — Manchmal ist die Sache aber einfacher, so zum Beispiel, wenn eine gemeinsame Zahl zwischen den beiden Welten vermittelt (die Säulen im Kirchenbau bedeuten die Apostel aufgrund der gemeinsamen Zwölfzahl).

 

Erster Exkurs: Der symbolische Syllogismus

Die Größen <1>, <2> und <4> sind in Form eines logischen Schlusses miteinander verknüpft, derart, dass

  • das Signifiant <1> den Obersatz abgibt,
  • die Brücke <4> den Mittelsatz abgibt,
  • so dass auf das Signifié <2> geschlossen werden kann.

Erst wenn alle drei Elemente bekannt sind oder zwingend erschlossen werden können, hat man einen plausiblen Deutungsansatz.


Zweiter Exkurs: Die erkenntnismäßigen Voraussetzungen

Voraussetzung für den Zeichengebrauch sind einige grundlegende Fähigkeiten (des Menschen, aber auch schon höher entwickelter Primaten):

  • die Fähigkeit, einen Gegenstand aus seinem angestammten Betrachtungs- oder Verwendungszusammenhang herauszulösen und etwas als etwas anderes aufzufassen, als wa er prima vista ist <1>;
  • die Fähigkeit, sich Nicht-Gegenwärtiges vorstellen zu können <2>;
  • die Fähigkeit, Assoziationen bilden zu können und Analogien zwischen ähnlichen Phänomenen aufzuspüren oder zu stiften <4>.

 

<5> Kontexte

Es heisst immer wieder, Symbole seien vieldeutig und dasselbe dinge könne ja alles meinen. Das ist eine Halbwahrheit: Je nach Ort der Anbringung / Textsorte / Verwendungszusammenhang kann dasselbe Signifié etwas anderes bedeuten und eine andere Funktion haben. Es ist wie bei der Polysemie im Wortschatz: der Kontext hat monosemierende Funktion.

Beispiel: der Löwe ist je nach Kontext Evangelistenattribut, Allegorie Christi, Allegorie des Teufels, Tierkreiszeichen, heraldisches Symbol, usw.

Nicht nur der unmittelbare Kontext (im Buch, auf einem Bild) ist zu berücksichtigen, sondern auch der kulturelle Kontext. Im zeitalter der Multikulti-Bewegung, wo jeder aus Indien eine nette Statuette des elfantenköpfigen Gottes Ganesh heimbringt, muss man betonen: Ohne Kenntnis des kulturellen Umfeldes kann man kaum Aussgen über eine Gestalt machen, die man für irgendwie symbolisch hält.

<6> Funktionen

Was leistet das Zeichen? Welchen Erkenntniswert hat es? Welche sozial-pragmatische Leistung erbringt es? Welche (emotionale, ästhetische) Konnotation bringt es mit sich?
Stets zu bedenken ist: Metaphern, Symbole usw. können als Argumente eingesetzt werden.

  • Das als Zeichen gedeutete Phänomen ist ein Hinweis auf ein nicht beobachtbares Phänomen (Kometen deuten Künftiges an.)
  • Das Signifiant gewährt Einsicht in die Funktionsweise eines komplexen Vorgangs (z.B. wie wirkt die Sünde ?) anhand eines weniger komplexen (man tappt in eine Falle, und die schnappt zu); Es liegt die Funktion des Modells vor.
  • Das Signifiant ist Beglaubigung für etwas schwer Fassliches (Der Löwe, der die totgeborenenen Jungen erweckt, beglaubigt, dass Christus von den Toten auferstanden ist.)
  • Das Signifiant ermächtigt bzw. verpflichtet seinen Besitzer oder den die bedeutsame Geste Ausübenden zu einer Handlung (Den Fehdehandschuh werfen ist eine Kriegserklärung.Wer einem Reitenden den Steigbügel hält, gibt sich als sozial Untergebenen zu erkennen.)
  • Das Signifiant hat eine mnemotechnische (= der Erinnerung dienende) Funktion (nach dem Zug durch den Jordan soll jeder der Stammesväter einen Stein auf einen Haufen legen zum ewigen Gedächtnis an diese Wohltat Gottes Josua 4,6ff.)
  • Der Ausdruck des Signifiants bereitet wegen seiner Verschlüsselung und dem gleichzeitigen Durchblickenlassen der Auflösung ästhetisches Vergnügen.
  • Das Signifiant springt da ein, wo das Signifié definitionsgemäß nicht fassbar ist. Das trifft für weite Bereiche der Religion zu. Dionysius Areopagita (Ende des 5. Jhs.) hat ausführlich dargelegt, dass Gott nur in symbolischer Gestalt dem Menschen erkennbar sei.
  • Das Signifiant hat Tabufunktion, es erlaubt das Umgehen von Zensur.

<7> Gestaltungsformen

Metapher – Vergleich – Gleichnis – Allegorie – Emblem – Metonymie

Welches Medium ist Träger? (Das Medium Text kennt andere Gesetzmäßigkeiten als das Medium Bild.)

 

Komplikationen, Kombinatorik und Erweiterungen

 

Mit den hier entfalteten distinktiven Merkmalen ist nur ein Inventar gegeben – ähnlich dem Katalog der Blütenbauformen / Blütenstandformen / Blattformen / Wurzelformen / usw. in der morphologischen Botanik – mit der ein einfaches (ein einfaches!) Zeichen genau beschrieben werden kann.

Die Sache ist aber komplexer, weil Zeichen in verschiedener Weise miteinander kombiniert werden können und weil Zeichenbenutzer mit ihnen Spiel und Schabernack treiben können.

Oft kann man ein Zeichen nicht hinlänglich analysieren, indem man es gleichsam ›botanisierend‹ aus dem Pflanzenbestimmungsbuch klassifiziert. Dann muss man versuchen, die Genalogie zu rekonstruieren und aufzeigen, aus welchen einfacheren Bedürfnissen und aufgrund welcher Verschiebungen sich das Zeichen so darstellt, wie es sich zeigt und wirkt.

Zu diesem Zweck folgt hier ein zweiter (noch zu erweiternder) Katalog von Anregungen.

Polyseme Zeichen

Ein Zeichen kann mehrere Funktionen erfüllen (Polysemie, Polyfunktionalität). Eine Unterschrift beispielsweise ist sowohl ein striktes Kennzeichen für den Unterschreibenden, als auch eine Deklaration (der Unterschreibende verpflichtet sich zu etwas).

Zusammenwirken mehrerer Zeichen

Es kommt oft vor, dass dieselbe Leistung von mehreren verschiedenen Zeichen zugleich erbracht wird. So stehen beispielsweise im Dienst der Repräsentation von Herrschaft sowohl der Besitz der Insignien (Krone, Szepter, Sphaira, Mantel, Schwert), als auch das Herzeigen von Reichtum (Veranstaltung von Festen, Jagden, Turnieren, prächtige Ausstattung des Gefolges), als auch das Gründen von Städten.

Verschiedene Deutung je nach Interesse

Dieselbe Gaunerzinke wird von einem Strolch ganz anders gelesen wird – nämlich z.Bsp. als ›Hier bekommst du gelegentlich zu essen!‹ (d.h. ein Gauner gibt dem anderen ein Signal) – als von einem Gendarmen – nämlich: ›Es befinden sich Ganoven im Ort‹ (d.h. er nimmt das Zeichen als Symptom).

Aufeinander aufbauende Formen

›Huckepack-Symboliken‹.

Spielerischer Umgang mit Ableitungen von bekannten Symboliken

Usurpation von Zeichen

Felix Krulls epileptoider Anfall in der Musterungsszene (II,5): hier liegt Usurpation eines Symptoms vor. Die Ärzte erkennen die Gesichtsverzerrungen, die Krull simuliert, fälschlicherweise als Symptome für eine (wehrdienstbefreiende) Krankheit.

Emotionale Aufladung

Gewisse Zeichen – und bei ihnen verwenden wir in der romantischen deutschen Tradition das Wort ›Symbol‹ besonders gerne – sind emotional gewaltig aufgeladen, sei es dadurch, weil sie uns Menschen besonders stark anmuten (der Regenbogen, der Pulsschlag, ein bunter Schmetterling auf einer Blüte, Brot, die weibliche Brust, u.a.m.), sei es dass sie durch eine kulturelle Gemeinschaft künstlich gepusht wurden (Fahnen, Hymnen). Dies emotionale Aufladung betrifft aber die hier zusammengestellten Punkte <1> bis <6> nicht; sie kommt nur dazu.

Verwandtes, Übergangsgestalten

Amulett, Talisman, Fetisch

 

Sympathie

Apotropaion

Hierophanie

Konnotationen vermittelnde Inszenierungen

Ein Feinschmecker-Restaurant stellt einen Notenständer mit der Menukarte ins Schaufenster; intendierte Aussage: Hier isst man nicht einfach, sondern bei uns ist das Essen ein kulturelles Geschehen. — Der Marlboro-Raucher sitzt als Cowboy lässig auf einem Mustang und läßt den Blick über die Prärie schweifen; zum Marlboro-Typ paßt Weite und Freiheit. — Im letzten Jahrhundert wurden Bankgebäude im Stil der Renaissance-Palazzi gebaut; wer hier ein- und ausgeht, gehört zur Aristokratie, ist mächtig und vornehm. Die genannten Dinge (Notenständer usw.), werden mitunter auch als ›Symbole‹ bezeichnet; es handelt sich indessen bloß um Beigaben, welche assoziativ eine konnotative Aura heraufbeschwören.

Hierzu gibt es einen hübschen Sketch hier .