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Thema 2008 / 2009: FarbsymbolikFarbensymbolik
Erklärung dieses Bildes (J. J. Scheuchzer, Regenbogen in einem Wasserfall, 1731)
Erste Arbeitstagung: 30. August 2008
Impulsreferat von Peter Peisl: Präludium über die Biologie des Farbensehens Susanne Brügel: Farben in mittelalterlichen Minnereden
Franziska Struzek-Krähenbühl: Zur Farbsymbolik der blauen Blume von Novalis (PDF-Datei) (ausserplanmässig:) Martin Städeli: Fensterfarben (PDF-Datei)
Zweite Tagung: 12. September 2009Abstracts:
Hans Jürgen Scheuer (Stuttgart): Painture et parole – varwe inde worde. Farbentopik, Erzählorganisation und Imaginationslenkung im höfischen Roman
Andreas Hebestreit (Zürich): Gedanken zur Farbe der Aufklärung — Text als PDF-Datei
Julia Pirschl (Freiburg/Br.): Arkane Farben – Zur Anwendung und Bedeutung von Farbsymboliken im Rahmen abendländisch-esoterischer Wissenssysteme
Mirjam Lange (Zürich): Synästhesie: Wenn Gefühle farbig sind
Rudolf Suntrup (Münster/Westf.): Liturgische Farben im Kontext der mittelalterlichen Farbendeutung
Anne-Noëlle Menzel (Zürich): Variantenreiche Monochrome Malerei
Samantha Foulger (Rheinfelden): Der Stier, der die schwarze Suppe isst. Die Grundfarben im Sumerischen
Einführung (P.M.)Wie immer wollen wir es nicht bei oberflächlichen Klischees (Grün ist die Farbe der Hoffnung) bewenden lassen, sondern historisch in die Tiefe und zu den Quellen vordringen und nach den Voraussetzungen und Bedingungen für die Zuordnung von Bedeutungen fragen. Die Beschäftigung mit Farben führt in verschiedene Diskussionsfelder, die auseinandergehalten werden sollten.
Eigentümlichkeiten des Farbsehens: (1) Durch die sog. ›chromatische Adaption‹ nimmt der Mensch einen Wechsel der Farbtemperatur des Umgebungslichtes kaum wahr: ein weisses Blatt Papier wird sowohl unter Kunst- als auch unter Tageslicht als gleich weiss angesehen. (2) Ein-und-dieselbe Farbe kann unterschiedlich wirken, je nachdem, welcher Hintergrund sie umgibt. (3) Zwei Körper können unter einer Lichtart gleich aussehen, während sie unter einem anderen Licht unterschiedlich aussehen. Wer zu einem Kleidungsstück die gleiche Farbe dazu kaufen will, hält die Stoffe im Geschäft unter Kunstlicht nebeneinander; da sieht es gleich aus, aber bei Tageslicht ist die Farbe doch nicht identisch.
Reine Farben sind faszinierendIn der Natur kommen abgesehen von dem allgegenwärtigen Blau des Himmels und dem Grün von Laub und Gras nur wenige reine Farben vor. Der Normalfall ist ein Gemenge von Erdfarben, Beige und Grau. Umso auffälliger und faszinierender sind die Phänomene der ›reinen‹ Farben, wie sie den Menschen noch vor dem 19.Jh. entgegentraten
Man muss sich vergegenwärtigen, dass vor der Synthese von Farben, die erst im 19.Jh. wirklich zur Geltung kam, nur wenige Farben in Artefakten zu sehen waren, so etwa in den Mosaiken der frühchristlichen Basiliken (Ravenna ), in mittelalterlichen Glasfenstern (Chartres, Königsfelden ) oder in den Werken der Maler (es handelt sich hier um anorganische Farben); in Textilien der adligen Klasse (organische Farben in beschränktem Umfang): blau aus Waid und Indigo – rot aus Krapp oder Cochenille oder Brasilholz – gelb aus Wau oder Saflor oder Safran – allerlei Zwischentöne). Wie der Verlust der Farbigkeit der Natur im Winter die Menschen beeindruckte, ermisst man an einem Gedicht von L. 75, 25 (›Winterklage‹, 1. Strophe)
Die Erfindung der Teer- (oder Anlilin-) farben (1856 Mauvein, Fuchsin, 1859 Magenta) füht zu einer Vermehrung der Buntheit der Welt . Diese Faszination führt die Menschen schon früh dazu, der Farben habhaft werden zu wollen, abgelöst von deren natürlichem Vorkommen.Man versuchte, die Farben zu isolieren oder durch irgendwelche Bearbeitung (kochen, vergären lassen, versetzen mit anderen Substanzen) Farben zu gewinnen. Bereits die Höhlenbewohner und Pfahlbauer taten das. Man versuchte, Textilien, dauerhaft zu färben, d.h. so dass die Farbe beim Waschen nicht verschwand und lichtecht war. Direktziehende Farbstoffe gibt es nur wenige (Kongorot erst 1884); in der Regel muss das pflanzliche (Leinen) oder tierische (Wolle, Seide) Gewebe vorbereitet werden: Beize (für Krapp) / Küpe (für Indigo) / Entwicklung am Licht (Purpur). Dass dabei ein Schmuckbedürfnis mitwirkte, ist anzunehmen. Das Erlebnis der (subtraktiven) Mischung von Farben (Farbpigmenten) hat ebenfalls etwas Berückendes.Dass aus einer blauen und einer gelben Susbtanz beim Mischen grün entsteht, ist ein beeindruckendes Phänomen, es grenzt irgendwie an Zauberei. Ebenso ergreifend ist (erst mit technischen Instrumenten wie Projektoren und Farbfiltern machbar) die additive Farbmischung, bei der durch Überblendung von rot – grün – blau weiss entsteht.
Theorien darüber, wie der Farbeindruck zustande kommtEs scheint eine höhere Kulturleistung zu sein, dass der Mensch die Farbigkeit nicht mehr bloß zur Orientierung in der Welt braucht (weil er z.B. weiss, dass gelb-schwarz gefleckte Tiere i.d.R. giftig sind), sondern sich über die Vielfalt der Farbnuancen, die er wahrnimmt, wundert. Eine (von uns heutigen ach so ›Aufgeklärten‹ belächelte) Anschluss-Frage ist, zu welchem Zweck der Schöpfer die menschliche Natur mit diesem Farbsehen befähigt hat (sie gehört zur Physikotheologie). Eine nächste Stufe der Kulturentwicklung ist dann, dass er über die Entstehung des Farbeindrucks nachsinnt und Theorien bildet.
Johann Jacob Scheuchzer schreibt: Bey denen Stralen ist anders nichts, als eine Fähigkeit in unser Gesicht eine gewisse Eintruckung zu verursachen, welche der Seelen eine gewisse Farb vorbilde: Gleichwie der Don einer Glocke, oder Saite anders nichts ist, als eine zitternde durch die Luft fortgetragene Bewegung, in dem Gehör aber, oder vielmehr in dem Gemüth, vorgestellet wird als ein Don. (»PHYSICA Oder Natur=Wissenschafft«, Auflage von 1711; 1. Theil, Kapitel XIV, Abschnitt 13).
Die Frage, wie der Farbeindruck entsteht, hat die Menschen immer wieder angeregt, genau hinzuschauen, z.B. zu beobachten, dass der Schatten von Bäumen auf einer weissen Wand im Abendrot grünlich erscheint u.a.m. Diese Frage hat stets zum Experimentieren angeleitet. Inwiefern prägt unsere Semantik der Farbbezeichnungen unsere Farbwahrnehmung?Das Altgriechische unterscheidet nicht zwischen der Farbe von Honig und von Gras: chloros. Es leuchtet zunächst ein, dass Menschen einer Sprachgemeinschaft, die mehr/weniger oder andere Farbbezeichnungen kennen, die Welt auch ›anders sehen‹. Im Anschluss an die amerikanische Ethnolinguistik (Sapir / Whorf) wurde das behauptet. — Brent Berlin / Paul Kay haben in ihrem Buch »Basic color terms« (1969) dagegen eine universalistische These aufgestellt: Es gebe eine sich historisch entwickelnde Reihe von Farb-Grundwahrnehmungen in allen Kulturen. — Neuere Untersuchungen (Jules Davidoff / Ian Davies / Debi Roberson) kehren nach Feldforschungen in Papua-Neuguinea wieder zur relativistischen Theorie zurück.
Ob Farben spontan eine Konnotation nahelegen, oder ob diese kulturell tradiert und erlernt ist – ein Problem, das sich bei allen Symboliken stelltEinerseits scheint es ›naturgegeben‹, dass blaustichige Farben, wie wir sie im Winter und am Horizont wahrnehmen, als ›kalt‹ und ›fern‹ erscheinen, während braunstichige Farben, wie wir sie im Sommer und in der Nähe wahrnehmen, als ›warm‹. — Anderseits könnte z.B. die Verbindung von rosa und süß auch auf kultureller Erziehung beruhen. (Vgl. die Frage der Zuweisung von Packungsfarben zu Geschmäckern in der Werbebranche: Senf in rosa Tuben?) Farben lassen sich in Reihen anordnenEin und derselbe Gegenstand kann verschiedene Farben haben. Dies ist bei der Allegorie von Wichtigkeit. Während z.B. bei der Allegorie eines Hauses jedes Element (Wand, Fenster, Tür, Kamin, Dach) eine spezifische Entität eine spezielle Deutung heischende darstellt, drängen sich z.B. bei der Allegorie des Regenbogens keine weiteren Elemente vor, sondern die Deutung beschränkt sich auf die Reihe der Farben. Dies legt Parallel-Bildungen nahe (die dann gerne in Tabellen repräsentiert werden): 4 Farben ≈ 4 Basisemotionen oder ≈ 4 Temperamente oder ≈ 4 Elemente.
Damit lassen sich auch mit ein und demselben ›Träger‹ durch Abänderung einzig der Farbe Code-Systeme herstellen, z.B. die Farben für Waffengattungen auf den Kragen von Uniformen (gelb ≈ Infanterie; violett ≈ Heerespolizei usw.)
Überlegungen, wie man die Vielfalt der Farben irgendwie logisch ordnen kannWarum hat Newton in »Opticks« 1704 das an sich lineare und an beiden Ende offene Spektrum zu einem Kreis zusammengebogen? Hat ihn der Kreis der Urinfarben der Harnschau in der Medizin angeregt? (Vermutung von John Gage).
Wie kommt man von einer bestimmten Farbe zu ihrer ›symbolischen‹ Bedeutung?Farben haben teils eine evokative Potenz / Farben werden aber auch ganz konventionell mit einer Bedeutung in Bezug gesetzt. Es gilt herauszufinden, welche ›Brücken‹ von der konkreten Farbe zu dem damit bedeuteten ›abstrakten‹ Konzept führen. Beispiel: (gest. 1362) sagt: rubor significat verecundiam, quae facit rubere (die Röte bedeutet das Schamgefühl, das erröten macht). Hier bildet die physignomische Erscheinung des Errötens die Brücke, die vom Farbeindruck rot zur Bedeutung verecundia führt.
Farben können zur Kennzeichnung von Sachen und Personen in Dienst genommen werdenSobald Farben relativ genau reproduzierbar sind, kann man sie dafür verwenden, Dinge zu kennzeichnen (z.B. verschiedenfarbige Marken für kaum unterscheidbare Tür-Schlüssel). Ein wichtiges Feld ist hier die Heraldik. Heraldische Farben . Hierzu gehört auch: Farbe als Ausdruck eines politischen Bekenntnisses: das Rot der Kommunisten (woher kommt es eigentlich?), das Braun der Nationalsozialisten, die Orange Revolution in der Ukraine, das Grün der Palästinenser … Farben wurden von den Machthabern immer gerne instrumentalisiert, einerseits um die eigene Vorrangstellung ostentativ herauszustellen (nur der Kaiser trägt eine Purpur-Toga; spätmittelalterliche Kleiderordnungen), anderseits um gewisse Gruppen sozial auszugrenzen (die Juden und die Prostituierten tragen ein gelbes Abzeichen). Neuerscheinungen auf dem BuchmarktWerner Spillmann (Hrsg.), Farb-Systeme 1611–2007 , Basel: Schwabe 2009. Ungeordnete Hinweise auf interessante Websites
David Briggs (Sidney), The Dimensions of Colour (reichhaltig und klar) Website zur Farbenlehre von Harald Küppers (*1928) Arbeitsmaterialien zum Phänomen Farbe auf dem Lehrerfortbildungsserver der Lehrerfortbildung in Baden-Württemberg Virtual Colormuseum von Urs Baumann Haus der Farbe (Kompetenzzentrum für Farbe und Raum in Zürich) Liz Elliott, Magenta Ain't A Colour Kurs in allgemeiner Psychologie der Universität Heidelberg zum Thema Farbwahrnehmung Anomaloskop (Test auf Rot-Grün-Schwäche) von Daniel Flück (Zürich) Historische Farbsysteme (Prof. Dr. Hans Irtel, Universität Mannheim) Wissenschaftstheorie der Farbenlehre (Linksammlung der Universität Bern) Online-Magazin des Lack- und Farbherstellers Brillux: Farbimpulse Guter Artikel über Farbtheorie in der englischen Wikipedia Artikel über Pigment und Pigmente in der deutschsprachigen Wikipedia Geschichte des Indigo (Andreas Dutly, ETH-Zürich) Thomas Seilnacht: Das Phänomen Farbe • Lexikon der Farbstoffe und Pigmente Bei dieser Website sollte man sich durch die Heimwerkertips nicht ablenken lassen. Für Fortgeschrittene die Website von Ludwig Gall Benham-Kreisel auf der Homepage von Dietrich Zawischa (Universität Hannover) Chris Mullen’s Collection of Books on Colour Bedeutung der Farben in der Liturgie Warum ist die Farbe Gelb als liturgische Farbe im Christentum verboten? Dissertation von Sabine Doran, Gelbe Momente (FU Berlin, 2005) Farben in sprichwörtlichen Redewendungen (Idioms ) Historische Pigmente bei der Firma Kremer in Aichstetten (Allgäu) Blütenfarbstoffe , Vortrag von Christian Wolf (Universität Bayreuth) Color Wizard Erläuterung: Zuoberst befinden sich drei horizontale Schieberegler für Rot / Grün / Blau. Damit kann man prinzipiell jede Farbe additiv mischen. Zur intuitiven Bedienerführung sind unten die drei Dimensionen des HSV-Systems (vgl. das Munsell-Farbsystem) beigegeben: Hue Variation / Saturation Variation [Intensität] / Tint and Shade Variation [Vergrauung]. Eine weniger ausgefeilte Variante findet sich hier . Und noch einer hier . Click & drag over the Color Wheel to make a color (Mit einer langen Liste phantasiervoller Farbbezeichnungen) Web-Portal des Europäischen Informationszentrums Farbe Color Chart : Reinventing Color from 1950 to Today (Ausstellung des MOMA) Chemie und Kunst: Pigmente und Gemälde, eine Website von SwissEduc Website der Restaurations-Werkstatt von Volkert Emrath, Berlin: alte Pigmente und moderne Pigmente (1780) Goethes Farbenlehre ; ausführlicher die Website von Johannes Onneken Nicht nur zu Goethes Farbenlehre: Farben-Welten Die vier Vorhänge der Stiftshütte Joachim von Sandrart, »Teutsche Academie der Bau- Bild- und Mahlerey-Künste«, Nürnberg 1675–1680 über Der Farben Ursprung/ Natur und Bedeutung . Die sieben Farbkontraste nach Johannes Itten (und die Kritik an Itten) Farb-Zuordnungen im Feng Shui . Vieles Lustiges, inklusive Farben-Flirt-Barometer auf Farbenundleben .
Bibliographische Hinweise
Arbeitsbibliographie von Meinolf Schumacher (Universität Wuppertal) Bibliothekskatalog www.gbv.de unter dem Schlagwort »Farbensymbolik« absuchen. Zwei ausführliche Bibliographien von José Luis Caivano: bis 1949 / ab 1950 Literaturliste von Thomas Seilnacht Bibliografie von Farben-Kompass Ergänzungen von PM
Hinweise auf Ausstellungen
Farbe: Obsession und Spiel. Ausstellung im Gewerbemuseum Winterthur 30. Mai bis 17. Oktober 2010
Für Besitzer von Rathäusern: Rezept für Ochsenblutfarbe 100 Liter Rinderblut (am Montag im Schlachthaus abholen), Und bedenke: »Die Farben sind vom Gehirn generierte Erlebnisqualitäten bloßer elektromagnetischer Strahlung in einer absolut farblosen Welt.« (Eckart Volandt in: Spektrum der Wissenschaft 4/07 ) Oder so: »Farbe ist diejenige Gesichtsempfindung eines dem Auge strukturlos erscheinenden Teiles des Gesichtsfeldes, durch die sich dieser Teil bei einäugiger Beobachtung mit unbewegtem Auge von einem gleichzeitig gesehenen, ebenfalls strukturlosen angrenzenden Bezirk allein unterscheiden kann.« (DIN 5033, Blatt 1) »Doch größern Ruhm wird der verdienen, letztes Update 12.5.2010, PM
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