Symbolik der Glorifizierung, der Macht, der Gewalt

Kolloquium am 17. September 2022

 

Ort: 25hours Hotel Zürich West, Pfingstweidstrasse 102, 8005 Zürich.

 



Anfahrt mit ö.V.: Tram 4 von der Haltestelle »Bahnhofquai« in Richtung Bahnhof Altstetten bis zur Haltestelle »Toni-Areal« (13 Minuten) und dann 50 Meter weiter zu Fuß. Der Raum ist vor Ort ausgeschildert.

 

Programm

  9:45 Uhr — Marc Winter: Wenn Macht zur Materie wird – das ruyi-Zepter in China

10:30 Uhr — Andreas Hebestreit: Staatsmacht als Naturgewalt – Zur Interpretation der Sintflutsagen

11:30 Uhr — Nikolas Hächler: Die symbolische Inszenierung der Kämpfe des Kaisers Herakleios

12:15 Uhr — Kurze Mitgliederversammlung / Brunch im 25hours

14:00 Uhr — Rosa Micus: Der Sieg: Die Heilige Lanze –– Die Niederlage: Zwinglis Waffen

15:00 Uhr — Brigitte Boothe: Auftritt und Applaus. Bewundert den Kaiser! – Oder ist er nackt?

16:00 Uhr — Pause (Kaffee, Saft, Gebäck, Gespräche)

16:30 Uhr — Sarina Tschachtli: Witz als Gewalt – Gewalt als Witz. Machtsymbolik in Mären

17:30 Uhr — Sabine Sommerer: Stühle zur Inszenierung von Macht

Klick auf den Namen der Referentinnen und Referenten führt zum Exposé.
Die angegebenen Zeiten sind Richtzeiten. Nach den Referaten ist jeweils Zeit für eine Diskussion.
Kurzfristige Programmänderungen vorbehalten.

 

Ideen-Sammlung

pm Ein Gedankenexperiment: Wenn in einer kleinen Population* von Primaten éin Gruppenmitglied infolge physischer oder psychischer Stärke obenauf schwingt, so kann dieses eine Machtposition erringen und über einige Zeit behalten, bis sich Konkurrenz erfrecht und es zu einer Auseinandersetzung kommt; dann wird sich zeigen, wer...

In einer großen Gruppe* muss, wer die Macht gegenüber einer Menge von Konkurrenten behalten will, andere Dinge verwenden als Muskelkraft. Das Instrument ist hier eine Ideologie, die es gar nicht bis zu einem konkreten Kampf kommen lässt. Und diese Ideologie muss mit geeigneten Mitteln präsentiert werden, mit Mitteln, die allfällige Konkurrenten verstehen. Das heißt: es braucht eine allen gemeinsame Macht-Symbolik.

Androhung und Rechtfertigung von Dominanz wurde stets auch symbolisch plakatiert – solche Strategien sind im Focus unseres Projekts: in Gebärden, Kleidung, Sitzordnung, Denkmälern, Bauwerken usw.; umgekehrt werden Machthaber mit solchen Symbolen auch geschmäht und karikiert.

*) Vgl. Andreas Hebestreit, Die Vielen, die Wenigen, und die Anderen. Eine Kulturkritik, Münster: Votum Verlag 1995.

M.W. Gewalt zwischen Individuen, Gewalt zwischen Staaten, Gewalt zwischen Mensch und Umwelt. Menschen tun anderen Menschen sowie der sie umgebenden Natur ständig Gewalt an, das beginnt mit der Kindererziehung und endet mit Weltkriegen

Der Umgang mit der Gewalt kann vorausschauend sein, wenn man die symbolische Androhung derselben erkennt und vorwegnimmt.

Die Gewalt, die Menschen einander zufügen, ist momentan und kurzzeitig – aber die symbolische Markierung der Gewaltbereitschaft ist es, die aus einem kurzzeitigen Ausbruch einen dauerhaften Terror macht. Die symbolische Androhung ist es, die den Unterschied macht zwischen einem Wutausbruch und der systemischen Gewalt.

Die Symbolik der Macht setzt auf Pracht und Dominanz: Staatskarrossen, Ehrengarden, Ewige Flammen sind Machtinsignien, und darin ist die Gewalt präsent (sonst hätte die Ehrengarde keine Gewehre sondern Luftballons).

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Max Weber (1864–1920), Wirtschaft und Gesellschaft. Kapitel I. Soziologische Grundbegriffe

§ 16. Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.

Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden; Disziplin soll heißen die Chance, kraft eingeübter Einstellung für einen Befehl prompten, automatischen und schematischen Gehorsam bei einer angebbaren Vielheit von Menschen zu finden.

1. Der Begriff »Macht« ist soziologisch amorph. Alle denkbaren Qualitäten eines Menschen und alle denkbaren Konstellationen können jemand in die Lage versetzen, seinen Willen in einer gegebenen Situation durchzusetzen. Der soziologische Begriff der »Herrschaft« muß daher ein präziserer sein und kann nur die Chance bedeuten: für einen Befehl Fügsamkeit zu finden.

2. Der Begriff der »Disziplin« schließt die »Eingeübtheit« des kritik- und widerstandslosen Massengehorsams ein.

Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, Tübingen 1922 (besorgt von Johannes Winckelmann. Studienausgabe, Tübingen 1980)
> http://www.zeno.org/nid/2001143905X

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Das (deutsche) Wort Macht changiert zwischen den Bedeutungen "reines Vermögen" – "Stärke" – "Herrschaft" – "Gewaltausübung". Welche Wörter/Semantiken/Wortfelder kennen andere Sprachen? Vgl. violence, …

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pm Mit welchen handgreiflichen (I) Mitteln Macht seit Urzeiten ausgeübt wurde und wird, ist interessant – und scheußlich.

In unserem Projekt soll es vor allem um die (II) Symbolik der Macht-Androhung oder Macht-Rechtfertigung gehen.

(Ganz säuberlich trennen kann man die beiden Aspekte indessen nicht immer.)

Es wird einem Objekt (einem Tier, einer Landschaftsform, einem Bauwerk, einer Farbe, einem Werkzeug, einer Gebärde usw.) eine Bedeutung beigemessen bzw. unterlegt, d.h. es wird als Signifiant für ›Macht‹ usw. verwendet. Dies kann geschehen, (a) wenn ein Wille, Macht zu repräsentieren, Anlass ist (Beispiel Kleid), oder (b) wenn die Irritation durch ein solches Objekt primär ist und zur Interpretation ›Ausdruck von Macht‹ führt (Beispiel Telegraph).

Wollte man die verschiedenen Techniken zeichentheoretisch präziser fassen, so müsste man unterscheiden:
• Der typische Regent; er ist hoch zu Ross; man geht ihm vor dem Stadttor entgegen; man huldigt ihm; man steht auf vor dem Sitzenden;
• Ein Exemplum (das ›ceteris paribus‹ übertragen werden muss) steht für den/die Mächtige/n;
• Ein monströses Bauwerk; das Verhalten eines Tiers; eine mythologische Gestalt steht symbolisch für die Macht.

An wen richtet sich ein Machtsymbol? In welchen Bezugsrahmen wird es wahrgenommen?

+ An die mit Macht zu Beherrschenden gerichtet mit der Warnung ›Vorsicht, so könnte ich handeln!‹ Beispiele: der Herr der Tiere   das Medusenhaupt

+ An die getreuen Gefolgsleute mit der Erwartungshaltung ›Das seht ihr doch auch so, oder?‹: Primus/Prima inter pares. Beispiele: Louis XIV.    Prinz Eugen  

- Von den machtvoll Beherrschten wird das Symbol in Satire und Karikatur umgewandelt. Beispiele hier

Es sei nochmals erinnert an das viel zu wenig rezipierte Buch von Andreas Hebestreit, Die Vielen, die Wenigen und die Anderen. Eine Kulturkritik, Münster: Votum-Verlag 1995.

Dokumente aus älteren und fremden Kulturen sind angetan, uns die Augen zu öffnen. Im ›fernen Spiegel‹ erkennen wir unsere heutigen, eigenen Zustände.

Die folgende Ideen-Sammlung dient als Anregung; sie bedarf der Erweiterung.

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Hier zunächst ein Beispiel für (I): Mittel, die dem Machthandeln zugrunde liegen. Nicolò Machiavelli (1469–1527) hat sie analysiert. Und insbesondere im 20. Jahrhundert wurden diese Techniken praktiziert.

Ein Beispiel: Machiavelli, »Il Principe«, Erster Druck: Rom 1532; Text in der Übersetzung durch Johann Gottlob Regis von 1842 hier > http://www.zeno.org/nid/20009213643

Siebzehntes Kapitel. Von der Grausamkeit und Milde, und ob es besser ist, geliebt, oder gefürchtet zu werden.

[Ausschnitt] Es darf daher ein Fürst um den Namen des Grausamen sich nicht kümmern, wenn er seine Unterthanen einig und treu erhalten will; denn mit Statuirung sehr weniger Exempel wird er gütiger seyn als Jene, die aus zu großer Güte die Unordnungen einreißen lassen, aus denen Mord und Raub entspringt: denn diese pflegen eine ganze Gemeinheit zu kränken: jene Executionen aber, die vom Fürsten ausgehen, kränken nur einen Einzelnen.

Eine einfache emblematische Umsetzung einer solchen Empfehlung findet sich bei Diego de Saavedra Fajardo (1584-1648), »Idea de un principe politico christiano«, 1640 im Abschnitt: Qualem se Princeps in regimine Regnorum & Statuum suorum exhibere debeat. (Wie sich ein Fürst bei der Regierung seiner Reiche und Länder verhalten soll.), Emblem LXIX: FERRO ET AURO. (Mit Eisen und Gold).

Ein Abriss Eines Christlich-Politischen Printzens, In CI. Sinn-bildern und mercklichen Symbolischen Sprüchen gestelt / von A. Didaco Saavedra Faxardo ... Zu vor auß dem Spanischen ins Lateinisch; nun ins Deutsch versetzt, Zu Amsterdam, Bey Johann Janßonio, dem Jüngern, 1655.

(Das Goldschmied-Kleinod neben dem Schwert erinnert an den Baum mit den Goldenen Äpfeln der Hesperiden, ein Element in den Erzählungen der Taten von Hercules.)

Diderot schreibt in der »Enyclopédie« (Band 1; 1751, p. 898) den Artikel Autorité politique. Der beginnt mit:

Aucun homme n’a reçû de la nature le droit de commander aux autres. La liberté est un présent du ciel, & chaque individu de la même espece a le droit d’en joüir aussi-tôt qu’il joüit de la raison.

Der ganze Text hier.

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Von hier an in bunter Fülle Beispiele für (II):

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Der mächtigste Waltende ist der Erschaffer der Welt. Ovid schildert in »Metamorphosen« eine Kosmogonie: Im ursprünglichen Chaos (I,4) waren die Elemente zwar schon vorhanden, aber nicht funktionsfähig, und sie hemmten einander. Diesen Zwist schied ein Gott, eine höhere Wirkkraft (hanc deus et melior litem natura diremit I,21), so dass die Elemente entwirrt wurden. Über die Gottheit schweigt sich Ovid aus: wer auch immer von den Göttern es war (quisquis fuit ille deorum I,32).

Virgil Solis 1514–1562 stellt das so dar – die Gottheit anthropomorph mit dem Gestus des Zerteilens:

PVB. OVIDII NASONIS Metamorphoseon libri XV. In singulas quasque fabulas argumenta, Francofurti ad Moenum MDLXVII. (Erstausgabe der Holzschnitte 1563)

Der HErr der hebräischen Bibel zeigt seine Macht dem Volk Israel/Juda und dessen Angehörigen immer wieder.

Jeremias 18,6: Seht, wie der Ton in der Hand des Töpfers, so seid ihr in meiner Hand.

Hiob 10,9: Gedenke doch, dass du wie Ton mich gebildet! Und zu Staub willst du mich wieder machen?

Römerbrief 9,20f. Ja lieber Mensch / wer bistu denn / das du mit Gott rechten wilt? Spricht auch ein Werck zu seinem Meister / Warumb machstu mich also? Hat nicht ein Töpffer macht / aus einem Klumpen zu machen / ein Fas zu ehren / vnd das ander zu vnehren?

Die Frage trifft ins Zentrum, insofern es ja in einem der beiden Schöpfungsberichte heisst: Formavit igitur Dominus Deus hominem de limo terrae (Genesis 2,7); Luther 1545: VND Gott der HERR machet den menschen aus dem Erdenklos

Literaturhinweis:

Walter Dietrich, Artikel »Allmacht Gottes« (2006)
> https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/13033/

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Der gute Herrscher wird charakterisiert in sog. Ständebüchern:

[Tommaso Garzoni] Piazza universale, Das ist: Allgemeiner Schawplatz / Marckt / vnd Zusammenkunfft aller Professionen / Künsten / Geschäfften / Händeln vnd Handtwercken/ &c. Wann / vnd vom wem sie erfunden: auch welcher massen dieselbige von Tag zu Tag zugenommen: Sampt außführlicher Beschreibung alles dessen / so darzu gehörig […] Allen Politicis, auch jedermänniglich weß Standes der sey / sehr nutzlich vnd lustig zu lesen. Eerstmaln durch Thomam Garzonum, Italianisch zusammen getragen: anjetzo auffs trewlichste verteutscht […] Franckfurt am Mayn / In Verlag Matthæi Merians Sel. Erben 1659. (Das Bild aus dem Ständebuch von Jost Amman 1568: Der Fürst) — Zur Symbolik der Hunde mehr hier.

Der Regent
Zähmt Herr-Rebellen, die euch nachstellen.

Wen man soll Herr und Edle nennen,
der muß zuvor in sich erkennen,
ob er kein Laster-Knecht nicht sey.
Nur Adler herrschen, nicht die Eulen.
Die Herrschaft ohne Tugend-Seulen
ist eine güldne Sclaverey.

Abbildung Der Gemein-Nützlichen Haupt-Stände Von denen Regenten Und ihren So in Friedens- als Kriegs-Zeiten zugeordneten Bedienten an/ biß auf alle Künstler Und Handwercker/ Nach Jedes Ambts- und Beruffs-Verrichtungen/ meist nach dem Leben gezeichnet und in Kupfer gebracht/ auch nach Dero Ursprung/ Nutzbar- und Denkwürdigkeiten/ kurtz/ doch gründlich beschrieben/ und ganz neu an den Tag geleget von Christoff Weigel / in Regenspurg 1698.

Das Gegenbild:

Wer land vnd leüt durch vnrecht drangt/
Ob dem das schwert am faden hangt/
Vnd stet groß gfar wie hoch er prangt.

Der Tyrann steht vor seinem (mit einem Monstrum als Wange verzierten) Thron und hat statt Szepter und Reichsapfel ein Schwert, ein Rutenbündel und eine Peitsche in seinen Händen. Er wendet den Blick von seinen Untertanen ab, die verzweifelt zu ihm schauen. — Über ihm baumelt das Damoklesschwert. (Die Geschichte von Damokles bei Cicero, Tusculanae disputationes V, 61–62.)

Illustration zu Cicero, de officiis III, xxi, 84–85: Nichts ist nutzloser als eine Herrschaft, die mit Ungerechigkeit erlangt worden ist, da dieser Herrscher stets um sein Leben fürchten muss.

Officia M. T. C. Ein Buoch/ So Marcus Tullius Cicero der Römer/ zuo seynem Sune Marco. Von den tugentsamen ämptern vnd zuogehörungen eynes wol vnd rechtlebenden Menschen/ in Latein geschriben/ Welchs auff begere Herren Johansen von Schwartzenbergs &c. verteütschet/ Vnd volgens/ Durch jne in zyerlicher Hochteütsch gebracht/ Mit vil Figuren vnnd Teütschen Reymen/ gemeynem nutz zuo guot in Druck gegeben worden. Augspurg: Heynrich Steyner 1531. Fol. LXXXIIv
> http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0001/bsb00010109/images/

Aus demselben Buch (de off. II, vi, 23–24): Ein Herrscher soll dafür sorgen, dass sich ihm die Menschen aus Zuneigung unterwerfen und nicht aus Furcht, da sie ihn sonst zu vertreiben trachten; diejenigen, die gefürchtet werden wollen, müssen selbst die fürchten, von denen sie gefürchtet werden wollen.

Tyrannen/ vnd ein hundt der tobt
Wer die ertödt/ der wirt gelobt.


Ein Regent auf dem Thron (das Namensschild über ihm ist leer); er hält in den Händen eine Presse mit zwei Herzen und hat die Füße auf einen am Boden kauernden Mann gestellt, der ein Schloss vor dem Mund hat. Um den Thron herum stehen mehrere Männer, vier ebenfalls mit einem Schloss vor dem Mund. Links zückt ein Mann das Schwert mit auf den Herrscher gerichtetem Blick – obwohl er höflich den Hut zieht. Rechts hält ein Mann in der linken Hand den gezogenen Hut und in der rechten einen Pokal, evtl. mit einem Gifttrank? – Ganz klein links im Hintergrund evtl. die Szene der Tötung eines Hunds. A.a.O, Fol. XLIVr

Die Untertanen des üblen Mammon geraten in ›Ab-Hängigkeit‹:

George Grosz [1893–1958], Das Gesicht der herrschenden Klasse: 57 politische Zeichnungen. Berlin: Malik Verlag 1921.
> http://sdrc.lib.uiowa.edu/dada/Das_Gesicht/pages/046.htm

Hinweis: Uwe M. Schneede, George Grosz der Künstler in seiner Gesellschaft, dumont kunst-taschenbücher 1975.

Oder die Länder der Untertanen werden machtpolitisch von Monarchen aufgeteilt (Karikatur zum Spanischen Erbfolgekrieg):

Spotprent op Lodewijk XIV en Filips V die met een grote zaag de wereld in tweeën proberen te zagen. Bovenop de wereldbol zit Madame de Maintenon die op de zaag plast om het blad te smeren. Op de voorgrond een duivel met kardinaalshoed van Portocarrero. Op het blad onder en naast de plaat verzen gedrukt in het Frans en Nederlands. Onderdeel van een reeks van 19 spotprenten op de Fransen en bondgenoten uit het jaar 1706.

> https://www.rijksmuseum.nl/nl/collectie/RP-P-OB-82.991 (andere Version)

> Politische Karikaturen im Rijksmuseum auf Wikipedia hier

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Wer regieren will, muss über die richtigen Insignien verfügen.

Vgl. dazu den Artikel https://de.wikipedia.org/wiki/Reichskleinodien

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Marc Winter: Wenn Macht zur Materie wird – das ruyi-Zepter in China

Unter den verschiedenen für europäische Augen vielleicht befremdlichen Gegenständen der chinesischen Kultur sticht eines besonders hervor – das ruyi-Zepter, das wenig mit einem tatsächlichen Zepter der europäischen Herrscher gemein hat. Dieser in einer Vielzahl von Materialien geschaffene Gegenstand beeindruckt neben seiner handwerklichen Fertigung vor allem als Symbol – denn es ist die Nutzlosigkeit par excellence, hat doch dieses eigentümliche Ding keinerlei praktische Anwendung und keinen Nutzen. Dennoch waren Mensch hoch erfreut, wenn sie ein ruyi als Geschenk erhielten, und so setzte sich dieser Gegenstand durch als ein institutionalisiertes Geschenk für die Mächtigen in China, und er wurde dadurch zu einem Symbol der Herrschermacht, ohne allerdings diese zu verkörpern.

Der Beitrag wird der Frage nachgehen, wie sich der (oder das?) ruyi von einem profanen Rückenkratzer zum Symbol der Kaisermacht entwickelte und wie ein Ding, das keinerlei praktische Nutzanwendung hat, zum ultimativen Symbol der Herrschaft werden konnte.

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Kleider dienen als Machtsymbol.

• Beispiel Elizabeth I. (1533–1603):

POSVI DEVM ADIVTOREM MEVM – Ich habe Gott zu meinem Helfer eingesetzt.

Crispijn de Passe nach Vorzeichung von Isaac Oliver 1603
> https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_1868-0822-854

Julius Bernhard von Rohr, Einleitung zur Ceremoniel-Wissenschafft der großen Herren (1733):

Der gröste Pracht den die höchsten Standes Personen in ihrer Kleidung bey den solennesten Festivitäten erweisen, kan in nichts anders bestehen als in Kleidern von Sammet oder golden und silbern Stück, die mit Garnituren von Diamanten die bißweilen zu vielen Tonnen Goldes auch Millionen werth, besetzt sind. Die Schleppen des Fürstlichen Frauenzimmers werden entweder von Pagen oder Cavalieren auch wol gar bey grossen Solennitäten von hohen Standes Personen männlichen oder weiblichen Gesschlechts getragen (S.28).

Tutanchamun (regierte von 1332 bis 1323) besaß (im Grab beigelegt) ein spezielle Art von Sandalen:

Auf der Innensohle befinden sich Figuren von gefesselten Feinden des ägyptischen Reichs (aus Nubien und Mesopotamien). (Über ihren Köpfen und unter ihren Füßen sind zudem je vier Pfeil-Bögen erkennbar.) Die Feinde sollen so auf magische Weise unter den Füßen des Königs zermalmt werden. Vgl. http://www.tut-ausstellung.com/

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Heraldik

Im Coat of Arms of Philip, Duke of Edinburgh (Knight of the Thistle) steht der mächtige antike Held Herakles/Hercules (hier nicht als Gemeine Figur, sondern als Schildhalter):

Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Hercules_in_heraldry

Mehr dazu > https://www.heraldik-wiki-de

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Herrschende haben sich immer gerne als Reiter hoch zu Ross darstellen lassen. Hier als Bespiel das Reiterstandbild von Louis XIV, das der Zürcher Bronzegießer Johann Balthasar Keller (1638–1702) 1693 verfertigte:

Joh. Caspar Füeßlins Geschichte der besten Künstler in der Schweitz. Nebst ihren Bildnissen, Zweyter Band, Zürich, bey Orell, Geßner und Comp., Zweyter Band 1769.

Sehr prägnant ist das Denkmal von König Johann III. Sobieski (1629–1696) auf einem sich aufbäumenden Pferd, der über zwei besiegte Türken hinwegreitet > hier auf Wikipedia.

Sobieski gilt als Retter Wiens während der Türkenbelagerung 1683. Der König von Polen ließ das Denkmal 1788 – es herrschte wieder ein Türkenkrieg – in Erinnerung an diese Tat errichten.

Nicht nur Männer: Auch die Freiheitskämpferin Anita Garibaldi (1821–1849) bekommt in Rom auf dem Gianicolo 1932 eine Reiterstatue.

Literaturhinweise speziell hierzu:

Harald Keller, Artikel "Denkmal", in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. III (1954), Sp. 1257–1297 > http://www.rdklabor.de/w/?oldid=92988

Achim Aurenhammer / Ralf von den Hoff, Aufsatz zum Reiterstandbild (2020)
> https://www.compendium-heroicum.de/lemma/reiterstandbild/

Raphael Beuing, Reiterstandbilder der Frührenaissance. Monument und Memoria (Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme – Schriftenreihe des Sonderforschungsbereichs 496, Bd. 26), Münster: Rhema-Verlag 2010.
Vgl. > https://toc.library.ethz.ch/objects/pdf/z01_978-3-930454-88-4_01.pdf

Das Reiten auf einem Pferd ist eine herrschaftliche Gebärde. Hier ein Bild aus Die geuerlicheiten vnd einsteils der geschichten des loblichen streytparen vnd hochberümbten helds vnd Ritters herr Tewrdannckhs, Nürnberg, 1517


> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00013106/image_55
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00013106/image_561

Vgl. hierzu die Studie von Andreas Hebestreit hier >>> als PDF

Der König von Siam benutzte einen Elefanten als Reittier zur Repräsentation der Macht:

Guy Tachard, S.J. (1651–1712), Voyage de Siam, des pères jésuites, envoyez par le roy aux Indes & à la Chine, avec leurs observations astronomiques, et leurs remarques de physique, de géographie, d’hydrographie, & d’histoire, Paris 1686. — Pierre Paul Sevin (Zeichner) / Cornelis Vermeulen (Stecher) > Digitalisat

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Herrschende verwenden zum Ausdruck Ihrer Macht gerne Staatskarossen.

Die antiken Götter benutzen Wagen – hergeleitet ist die Vorstellung sicherlich vom Lauf der Gestirne am Himmel. In der Astrologie haben die Planeten über gewisse Länder und Menschengruppen (›Planetenkinder‹) Macht; diese werden dann auf dem Erdboden dargestellt.

Hier Saturn auf seinem Wagen:

Kupfer von Jan Sadeler d.Ä. nach Maerten de Vos (1532–1603) in: Planetarvm Effectvs Et Eorvm In Signis Zodiaci super Provincias, Regiones, et Ciuitates dominia, Antverpiae 1585.

Scan und Interpretation von Rebekka Marie König hier

Mehr zum Thema > http://www.pascua.de/planetenkinder/start-planetenkinder.htm

Auch die irdischen Herrscher verwenden gerne prächtige Wagen zur Machtdemonstration:

[Johann Ludwig Gottfried] Historische Chronica. oder Beschreibung der Fürnemsten Geschichten, so sich von Anfang der Welt, biß auff das Jahr Christi 1619 zugetragen. [Auflage:] Frankfurt/Main, M. Merians Erben, MDCLVII; S.120. — Dargestellt ist wohl der Triumphzug des Spurius Lucretius Tricipitinus (nach Livius, ab urbe condita III,10)

 

Mercedes G4 (W31), am Heldenplatz Wien, 15. März 1938 — (Hinten das Denkmal von Erzherzog Carl – dem Besieger Napoleons bei Aspern 1809.)
Quelle: www.tracesofwar.com; hier leicht retuschiert.

Wenn es schief läuft, kann der Wagenlenker auch zum Zugtier werden:

Nach der schweren Niederlage seiner Armee bei Sedan muss Kaiser Napoleon III. am 2. September 1870 vor König Wilhelm I. von Preußen kapitulieren. Der Kaiser der Franzosen begibt sich mit 85.000 Mann und 40 Generälen in Kriegsgefangenschaft. Napoleon III. wird im Schloss Wilhelmshöhe in Kassel interniert.

Promenade triomphale à travers l’allemagne — Nap.on: Pousse donc Eugénie!

Quelle > https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_1871-0708-224

Einige – insbesondere wenn sie Nähe zur Bevölkerung demonstrieren wollten – fielen im Wagen auch einem Attentat zum Opfer, wie Erzherzog Franz Ferdinand 1914 und President Kennedy 1963 …

Mehr zum Thema Wagen hier auf unserer Website.

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Apotheose des Prinzen Eugen (1663–1736):

Radierung von Salomon Kleiner (1700–1761) [und Jeremias Jakob Sedelmayr?], Augsburg 1731. — Ausschnitt; das ganze Bild hier
> https://sammlung.belvedere.at/objects/17424/glorifikation-des-prinzen-eugen?#

Vorlage ist die 1721 entstandene Statue von Balthasar Permoser (1651–1732)
> https://sammlung.belvedere.at/objects/3013/apotheose-des-prinzen-eugen-von-savoyen

• Mit der rechten Hand hält der Prinz einen Baumstamm, welcher der Keule des Hercules ähnelt.
• Mit dem rechten Fuß tritt er einen (nicht näher charakterisierten) Besiegten, wie dies auf Denkmälern oft vorkommt; vgl. vgl. Gilles Guérin: Louis XIV terrassant la Fronde (Château de Chantilly).
• Eine weibliche Figur, die ihm den anderen Fuß zum Aufstieg stützt, bläst in ein Horn; ist es die Fama, die seinen Ruhm ausposaunt?
• Ein Engel hält einen Ouroboros im Strahlenkranz empor: ewiger Glanz!

(Apropos Pracht-Statuen) Ein Traum, der die Weltherrschaft voraussagt:

Beim Anblick einer Statue Alexanders des Großen seufzte der jugendliche Caesar auf, weil er noch nichts Denkwürdiges vollbracht habe in einem Alter. Er wollte die erste beste Gelegenheit zu größeren Unternehmungen ergreifen, worin ihn die Traumdeuter sogar noch bestärkten, als ein Traumbild in der folgenden Nacht ihn verwirrt hatte. Es hatte ihm nämlich geträumt, er habe seiner Mutter beigewohnt. Sie spornten seine Hoffnung aufs äußerste an durch die Auslegung, damit werde ihm die Herrschaft über die ganze Erde angekündigt. Es sei ja die Mutter, die er überwältigt habe, keine andere als die Erde, welche für die Mutter aller angesehen werde.

Etiam confusum eum somnio proximae noctis — nam visus erat per quietem stuprum matri intulisse — coniectores ad amplissimam spem incitaverunt arbitrium terrarum orbis portendi interpretantes, quando mater, quam subiectam sibi vidisset, non alia esset quam terra, quae omnium parens haberetur. Suetonius, De Vita Caesarum, Divus Julius vii, 2.

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Eberhard G. Happel zitiert (»Denckwürdigkeiten« III, 696ff.) einen Bericht des Orientreisenden Jean Baptista Tavernier (1605–1689) zum Thema von den Asiatischen Potentaten und ihrer Macht, wo insbesondere die Prachtentfaltung des grossen Mogol geschildert wird.

E. G. Happelii grösseste Denkwürdigkeiten der Welt Oder so genannte Relationes Curiosæ. Worinnen fürgestellet/ und auß dem Grund der gesunden Vernunfft examiniret werden/ allerhand Antiquitäten/ Curiositäten/ Critische/ Historische/ Physicalische/ Mathematische/ Künstliche und andere Merckwürdige Seltzamkeiten/ Welche auff dieser Unter-Welt/ in der Lufft/ auff der See oder Land jemahlen zu finden gewesen/ oder sich noch täglich zeige. Dritter Theil/ Einem jeden curieusen Liebhaber zur Lust und Erbauung in Druck verfertiget/ und mit erforderten schönen Kupfern und andern Figuren erläutert, Hamburg: Wiering, 1687.

> https://archive.org/stream/imageGIX360cMiscellaneaOpal#page/n821/mode/2up

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Eine Form der Herrscherverehrung seit der Antike: Dem die Stadt besuchenden König geht man vor der Stadt entgegen, man spricht von der ›Einholung‹ des Königs.

Beispiel: König Sigismund (römisch-deutscher König seit 1411) besucht 1414 die Stadt Bern; am Uolrichsabend (3. Juli) wird er in Bümplitz in einem festlichen Zug abgeholt. Die Berner Knaben knien, jeder trägt eine Mütze mit dem Wappen des Reichs; die Fähnchen teils mit Reichswappen, teils mit dem Berner Bär. Dahinter die Geistlichkeit mit Monstranz/Messkelch. — Dz geviel im [dem König] gar wol und sprach zuo den füsten, die mit im rittent: »Do wachset unnß ein nüwe welt.«

Diebold Schilling, Spiezer Chronik, Entstehungszeit: 1484/85 – Bern, Burgerbibliothek, Signatur: Mss.h.h.I.16 S.601 > https://www.e-codices.unifr.ch/en/bbb/Mss-hh-I0016/601
Text in der Edition von Urs Martin Zahnd (Faksimile-Verlag Luzern 1991) Nr. 417.

Literaturhinweise:

Erik Peterson, Die Einholung des Kyrios, in: Zeitschrift für systematische Theologie 7, (1930), S. 682–702.

Hans Conrad Peyer, Der Empfang des Königs im mittelalterlichen Zürich, in: Archivalia et historica. […] Festschrift für Anton Lagiardèr zum 65. Geburtstag, hg. Dietrich W.H. Schwarz u.a., Zürich 1958, S. 219–233.

Ernst H. Kantorowicz, The ›King’s Advent‹ and the Enigmatic Panels in the Doors of Santa Sabina (Neudruck 1965).

Peter Willmes, Der Herrscher-Adventu' im Kloster des Frühmittelalters, München: Fink 1976.
> https://digi20.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb00042541_00001.html

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Huldigungen dienen der Macht-Repräsentation. Hier einige Auschnitte aus dem entsprechenden Kapitel von Julius Bernhard von Rohr:

Die Huldigung ist eine eydliche Versicherung von der Unterthänigkeit und Treue, welche ein Unterthan seinem Landes-Herrn leistet, und sind hierzu alle Unterthanen Landsaßen und Einwohner, von was für Condition sie auch seyn mögen, so offt verbunden, als sich eine Veränderung mit der Person des Landes-Herrn begiebt.

Die meisten Ceremonien bey den Huldigungen werden durch die Observanz determiniret; Je grösser die Liebe und Zuneigung der Unterthanen gegen ihren Landes-Herrn, ie mehr Solennia werden von ihnen freiwillig dabei vorgenomnen. Die Anzahl der Stände ist stärcker, die Præsente ansehnlicher, das Vivat frolockender, ihr Bezeugen devoter und ihre ganze Handlung solenner.

Die Gassen in Städten werden vor der Huldigung auf das zierlichste ausgeschmückt Auf den Haupts-Plätzen und Strassen richtet man prächtige Triumph-Bögen und Ehren-Pforten auf. Die Häuser und Ercker werden mit Schildereyen und Tapezereyen behangen, die Gassen mit grünen Tannen-Bäumen, mit Orengerien, mit Blumen, perspctivischen Gemählden und auf andere Weise ausgeziert. Die Bürgerschafft und Zünffte erscheinen in sauberer Kleidung mit ihren Fahnen und mit guten Ober- und Unter-Gewehr versehen.

Nach abgelegten Huldigungs-Eyde erschallet allenthalben das Vivat, und dieses wird um desto starcker, williger und öffterer ausgeruffen, ie mehr natürliche Zuneigung die Unterthanen in ihren Herzen gegen ihre hohe Landes Obrigkeit tragen. Bißweilen wird auch der Vermahnung zum Eyde mit angehangen, daß sie das gewöhnliche Frolockende Vivat dreymahl auf iedes gegebenes Zeichen mit freudiger heller Stimme aus den innnersten Kräfften eines wahren teutschen Hertzens ausruffen sollen.

So wird auch dem gemeinen Pöbel bey dergleichen Solennitäten mit Essen und Trincken manche Lust gemacht. Man läst ihnen in Quantität Fleisch, Bier und Brod austheilen; so läst man ihnen auch wohl einen oder ein paar Tage Fontainen mit Wein springen oder ihnen Geld aiswerffen, […]

III. Theil, VII. Capitul: Von der Huldigung (S.657–681)

Julius Bernhard von Rohr, Einleitung zur Ceremoniel-Wissenschafft Der großen Herren, Die in vier besondern Theilen Die meisten Ceremoniel-Handlungen, so die Europäischen Puissancen überhaupt, und die Teutschen Landes-Fürsten insonderheit ... zu beobachten pflegen, Nebst den mancherley Arten der Divertissemens vorträgt ... und ... aus dem alten und neuen Geschichten erläutert, Berlin: J.A.Rüdiger 1733.
> https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00080078

Die Huldigung der Reichsstadt Frankfurt am 9.1.1712 an Kaiser Karl II :

Digitalisat der HAB Wolfenbüttel > http://diglib.hab.de?grafik=graph-c-175b
Vgl. auch > http://diglib.hab.de?grafik=graph-a1-723

Adolph Freiherr von Knigge (1752–1796):

Man traue nicht zu sehr den freundlichen Gesichtern der mehrsten Großen, glaube sich nicht auf dem Gipfel der Glückseligkeit, wenn der gnädige Herr uns anlächelt, die Hand schüttelt oder uns umarmt! Vielleicht bedarf er unsrer in diesem Augenblicke, und behandelt uns mit Verachtung, wenigstens mit Kälte, sobald dieser Augenblick vorüber ist.
Vielleicht fühlt er gar nichts bei seiner Freundlichkeit, wechselt Mienen, wie andre Kleider wechseln, ist grade in der Verdauungsstunde zu untätigem Wohlwollen gestimmt, oder will einen andern seiner Sklaven dadurch demütigen.
Man bleibe mit dieser Gattung Menschen immer in seinen Schranken, mache sich nicht gemein mit ihnen und vernachlässige nie die äußere unterscheidende Höflichkeit und Ehrerbietung, die man ihrem Stande schuldig ist, sollten sie sich auch noch so sehr herablassen!
Früh oder spät fällt es ihnen doch ein, ihr Haupt wieder empor zu heben, oder sie verabsäumen uns, wenn ein andrer Schmeichler sie an sich zieht; und dann setzt man sich unangenehmen Demütigungen aus, die man mit weiser Vorsicht vermeiden kann.

Über den Umgang mit Menschen [5. Auflage Hannover 1796], Dritter Teil, Erstes Kapitel, ¶ 5

Im Hintergrund der 1856 erschienenen Illustration zu Goethes »Reineke Fuchs« (zuerst 1794) ist wohl die politische Restauration jener Zeit mitzudenken: Louis Napléon begründet 1851 das sog. Zweite Kaiserreich; Franz Joseph I. formiert ein absolutistisches System.

Der König Nobel gedenkt an Pfingsten Hof zu halten in Feier und Pracht. Niemand sollte fehlen! und dennoch fehlte der eine, Reineke Fuchs, der Schelm! es scheute der Fuchs die versammelten Herren …

Über dem Thron der Spruch: Gebt mir das Eure und laßt mir das Meine.

Gezeichnet von Wilhelm von Kaulbach (1804–1874); in Holz geschnitten von Julius Schnorr (1826–1855)
> https://archive.org/details/reinekefuchs00goet/page/2/mode/1up

Zu gewissen Zeiten nehmen Huldigungen auch andere Formen an.

Männer des Spatens. Postkarte aus: Wilhelm Stöckle, Deutsche Ansichten. 100 Jahre Zeitgeschichte auf Postkarten, München 1982 (dtv 10041), Abb. Nr. 100.

(Skeptiker munkelten, als sie 1937 die jungen Männer des Arbeitsdiensts sahen, es brauche nur wenig, um die Spaten durch Gewehre auszutauschen.)

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Architektur ist ein beliebtes Mittel der Zurschaustellung von Macht.

Der Babylonische Turm:

Genesis 11, 1 ES hatte aber alle Welt einerley zungen vnd sprache. 2 Da sie nu zogen gen Morgen / funden sie ein eben Land / im lande Sinear / vnd woneten daselbs. 3 Vnd sprachen vnternander / Wolauff / lasst vns Ziegel streichen vnd brennen / Vnd namen ziegel zu stein / vnd thon zu kalck / 4 vnd sprachen / Wolauff / Lasst vns eine Stad vnd Thurn bawen / des spitze bis an den Himel reiche / das wir vns einen namen machen / Denn wir werden vieleicht zerstrewet in alle Lender. 5 DA fur der HERR ernider / das er sehe die Stad vnd Thurn / die die Menschenkinder baweten. 6 Vnd der HERR sprach / Sihe / Es ist einerley Volck vnd einerley Sprach vnter jnen allen / vnd haben das angefangen zu thun / sie werden nicht ablassen von allem das sie furgenomen haben zu thun. 7 Wolauff / lasst vns ernider faren / vnd jre Sprache da selbs verwirren / das keiner des andern sprache verneme. 8 Also zerstrewet sie der HERR von dannen in alle Lender /das sie musten auffhören die Stad zu bawen / 9 Da her heisst jr name Babel / das der HERR daselbs verwirret hatte aller Lender sprache / vnd sie zerstrewet von dannen in alle Lender. (Lutherbibel 1545)

Turrim immensæ altitudinis Babelici moliuntur (Ein Turm von unermesslicher Höhe errichten die Babylonier; nicht der lat. Bibeltext)

Die zu Babel unterstehen sich aus hochmuth zu bauen eine Statt und Thurn dessen Spitz biß an den Himmel reiche.

Biblia ectypa. Bildnußen auß Heiliger Schrifft deß Alten Testaments, Erster Theil. in welchen Alle Geschichten u: Erscheinungen deutlich und schriftmäßig zu Gottes Ehre und Andächtiger Seelen erbaulicher beschauung vorgestellet worden. ... hervorgebracht von Christoph Weigel in Regensburg. Anno M.D.C.xcvii.

Corlelis Anthonisz. (ca 1505 – 1553) erkennt im Eingriff des Mächtigeren mehr als die Zerstreuung der Sprachen (Kupfer datiert 1547):

Alst op thoechste was
most het doen niet vallen

(Als es am höchsten war, musste es niederfallen.)

Hier der Konstantinsbogen in Rom (312 errichtet):

Dedikations-Inschrift: Dem Kaiser Flavius Constantinus Maximus, dem frommen und glücklichen Augustus, haben Senat und Volk von Rom, weil er durch göttliche Eingebung und Größe des Geistes mit seinem Heer sowohl am Tyrannen als auch all seinen Anhängern zur selben Zeit den Staat mit gerechten Waffen rächte, diesen Triumphbogen gewidmet. (Übers. auf Wikipedia)

Familien der Oberschicht zeigen mittels Architektur, dass sie dazu gehören – aber noch elitärer sind, was die Höhe des Turms zeigen soll.

›Geschlechtertürme‹ in Bologna (Rekonstruktion von Angelo Finelli, 1917)

Im Erbfolgestreit um 1475 befahl Isabela la Católica als Machtdemonstration den Adligen der Stadt Cáceres (in der Region Extremadura), ihre Türme um die Zinnen zu kürzen. Auch um in einem möglichen Krieg ihre Verteidigungsmöglichkeiten zu schwächen. Nur der Turm eines Adligen, der auf ihrer Seite stand, blieb heil. (Freundliche Mitteilung von Chr. Drechsler)

 

Literaturhinweise: Kerstin Pöllath, ›Ein sonderbahr Zierd dieser Stadt... ist die Meng vieler hoher Thürm‹. Profane mittelalterliche Türme in Regensburg. Studien zu ihrer Geschichte und Funktion (Regensburger Studien 25), Regensburg: Stadtarchiv 2019.
> https://www.regensburg.de/fm/121/archiv-leseprobe-tuerme.pdf

Olaf Wagener (Hg.): Symbole der Macht? Aspekte mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Architektur Frankfurt a.M. etc.: Peter Lang 2012 (Beihefte zur Mediaevistik 17).
Kritische Rezension von Christofer Herrmann in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 4
> https://www.recensio.net/rezensionen/zeitschriften/sehepunkte/13/04/symbole-der-macht

Der Deutsche Pavillon an der Weltausstellung Paris 1937. Architekt: Albert Speer (1905–1981). Nicht-funktional, kolossal, pathosgeladen, effekthascherisch, leeres Gepränge; wichtig ist, dass sich der Betracher ›als klein vorkommt‹:

Quelle? Bei Pinterest heruntergeladen … Vgl. das Bild > hier

Literaturhinweis: Christian Welzbacher, Monumente der Macht. Eine politische Architekturgeschichte Deutschlands 1920–1960, Berlin: Parthas 2016.

Haus der Sowjets in Leningrad (Wettbewerb 19235–40)

Aus: Peter Noever / Boris Grojs, Tyrannei des Schönen. Architektur der Stalin-Zeit [Ausstellung im Österreichischen Museum für Angewandte Kunst, Wien 1994], München: Prestel 1994; Abb. 98.

Speziell zu würdigen wären die Überlegungen zu Peter Behrens in:

Georg Fuchs, Die Vorhalle zum Hause der Macht und der Schönheit (1902)
> https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1902_1903/0015/image,info

Auch die Inneneinrichtung sollte (bei einigen Fürsten) der Macht-Bestätigung dienen, bei goldenem Stuhl-Gang...

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Ein Feuerwerk am Fest für die Majestät: glanzvolle Vergeudung zwecks Repräsentation

Das vom Kurfürsten Johann Georg II. 1678 arrangierte Feuerwerk auf dem Wall in Dresden zeigt die herkulische Vertreibung des Bösen, dieses verkörpert durch die Furien und den Höllenhund Cerberus:

Herculis Feuerwerck auf dem hohen Walle in der churfürstlich sächsischen Residenzstadt Dresden verbrennt den 28. Februarij A. 1678. [Zum Drucke befördert Durch Gabriel Ttzschimmern, Nürnberg: Hoffmann 1680].
> Europeana

Literaturhinweise speziell hierzu:

Die schöne Kunst der Verschwendung. Fest und Feuerwerk in der europäischen Geschichte, hg. von Georg Kohler unter Mitarb. von Alice Villon-Lechner, Zürich: Artemis 1988. (hier das Bild auf S.126/27)

Karl Möseneder, Artikel »Feuerwerk«, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. VIII (1983), Sp. 530–607. > http://www.rdklabor.de/w/?oldid=88954

Der ›Lichtdom‹ in Nürnberg 1936 (Bild > Wikipedia)

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Sabine Sommerer: Stühle zur Inszenierung von Macht

Sitzen ist nicht nur ein Privileg der Bequemlichkeit, sondern insbesondere der Hoheit, es ist ein Zeichen der Distinktion. Sitzen darf der König, die Äbtissin, der Bischof, der Papst. Wer thront, ist erhöht, über dem Volk. Stühle sind weit mehr als blosse Gebrauchsgegenstände – sie erzählen etwas über Würde, göttliche Macht und Herrschaft.

›Kathedra‹ bezeichnet den physischen Stuhl des Bischofs in der Bischofskirche, spätestens seit dem mittleren 2. Jahrhundert aber auch das Bischofsamt; eine Verknüpfung von Sitzgelegenheit und Amt.

Dass Throne Medien der Machtinszenierung sind, sieht man auch anhand der hohen Qualität der Ausstattung, der Materialität und der Art der Verzierung.

Der Vortrag konzentriert sich auf Realien von Stühlen.

Das Thema ist durch die "Sofagate"-Affäre vom 6.4.2021 aktuell geworden.

Interviews mit Sabine Sommerer zum Thema:

https://www.news.uzh.ch/de/articles/2021/geschichte-der-sitzgelegenheit.html

und in der Sonntagszeitung (3.10.2021, S. 48 – als PDF zum Download)

Ältere Beispiele:

Römische History vß T. Liuio. Straßburg: J. Grüninger 1507; fol. CLXIIIr

Kaiser Maximilian I. (u.a.), Die geuerlicheiten vnd einsteils der geschichten des loblichen streytparen vnd hochberümbten helds vnd Ritters herr Tewrdannckhs, Nürnberg 1517.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00013106/image_17

Des Hochberümptesten Geschicht schreybers Justini warhafftige Hystorien/ die er auß Trogo Pompeio gezogen: … Die Hieronymus Bonder auß dem Latein inn diß volgend Teütsch vertolmetscht hat/ welche nit allein zuo lesen lustig/ sondern einem yeden menschen zuo wyssen nutzlich vnd not ist. … Gedruckt zuo Augspurg durch Heynrich Steyner M.D.XXXI.

Heydenweldt vnd irer Götter anfängklicher vrsprung, durch was verwähnungen denselben etwas vermeynder macht zugemessen, vmb dero willen sie von den alten verehret worden, pp. pp. auß vieler glerten thewrn männer schrifften,… zusamen getragen. … Durch Johann Herold beschriben vnd ins teütsch zuosammen gepracht, Basel: Henrich Petri, 1554 — Darin: Diodori des Siciliers / vnd berümptesten Geschicht schreybers/ vonn angfang der Weldt biß zuo jrer bewonung/ vnd rhuomreichen herrschunge fürgefallener geschichten; pag. lxv.

Literaturhinweise:

Hans-Werner Goetz, Der ›rechte‹ Sitz. Die Symbolik von Rang und Herrschaft im Hohen Mittelalter im Spiegel der Sitzordnung, in: Symbole des Alltags – Alltag der Symbole. Festschrift Harry Kühnel, Graz: ADVA 1992, S. 11–47.

Wolfgang Schild, Die Sitzhaltung des griesgrimmigen Löwen als Richtersymbol in: Symbole im Dienste der Darstellung von Identität, (Schriften zur Symbolforschung, Band 12,) Verlag Peter Lang, Bern 2000 S.145–157.

Clausdieter Schott, Die Sitzhaltung des Richters, in: Symbolische Kommunikation vor Gericht in der frühen Neuzeit, hg. Reiner Schulze, Berlin: Duncker & Humblot 2006, S. 153–187 (mit 15 Abb.).

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Brigitte Boothe: Auftritt und Applaus. Bewundert den Kaiser! – Oder ist er nackt?

Zur Profilierung gehören für Kinder und Erwachsene wirkmächtige Wunsch- und Idealbilder, die auch kulturelle Prominenz geniessen. Es handelt sich um unbesiegbare Imponiergestalten; sie verkörpern, im Verständnis C.G Jungs, den Archetypus des Helden und der Heldin, auch den des Herrschers und der Herrscherin. Zu derartigen Porträts gehört auch die Wunschphantasie von der Unverwundbarkeit, die zunächst in einer kindlichen Entwicklungs- und Beziehungskonstellation Bedeutung hat, in der es darum geht, sich selbst als lebendes Bild vor Publikum zu inszenieren. Selbst-auratisierend oder selbst-verklärend profiliert sich die kleine Person - profilieren sich grosse Personen – in imponierender Körperlichkeit, suchen Anerkennung und Applaus, geniessen im Dienst gesteigerten Selbstwertgefühls Grandiosität.

Grossartige Selbstüberschätzung schafft Euphorie. Andererseits bestehen kontinuierlich Risiken der Beschämung, Blamage, Missachtung wie auch der Verletzung, Verkürzung, Beschädigung und Zer-störung. Dass ich unsterblich sei, kann im Kontext imponierender Selbstprofilierung unterschwellig als wunscherfüllende Imagination wirksam sein. Man bietet sich selbst als Bild imponierender Vitalität zu Applaus und Bestätigung an. Bilder des Fragilen und Vulnerablen sind demgegenüber abstossende Bilder des Makels, der Niederlage, des Verfalls. Verletzung und Versehrung, Siechtum und Vernichtung mögen andere treffen, man selbst kann lustvoll und im Triumph über Unterlegene auftreten. Hilft nichts mehr, dann kann man immer noch - zumindest im Tagtraum, aber auch im destruktiven Agieren, im Amoklauf – das Bild des Grossen Abgangs inszenieren: als tollkühne Tat, sich lachend in den Abgrund zu stürzen und für die Bewunderer unsterblich zu sein. Worauf es hier ankommt, das ist die Regieführung. Nicht andere haben das Heft in der Hand, und nicht die eigene Schwäche ergreift Besitz von der Person, nicht die tödliche Bedrohung zwingt die Person in die Niederlage, vielmehr bleibt die Kraftgestalt Akteur und Herr der Lage, und zwar als lebendes Bild, dem Blick der bewundernden Anderen dargeboten, die ein Zeugnis ablegen werden für die Ewigkeit.

Ein antikes Beispiel (pm): Empedokles sei in den Vulkan hineingesprungen in der Absicht, den über ihn verbreiteten Glauben, er sei zum Gott geworden, zu bestärken; die Wahrheit sei aber an den Tag gekommen, als eine der Sandalen aus dem Krater herausgeschleudert worden sei. (Diogenes Laertius VIII,69).

Horaz (Ars Poetica 465ff.) kennt nur den Sprung in den Aetna, ohne Sandalen: Deus immortalis haberi | dum cupit Empedocles, ardentem frigidus Aetnam | insiluit. (Empedokles wollte für einen unsterblichen Gott gehalten werden, so sprang er kühl in den glühenden Ätna.)

Sebastian Brant stellt diesen ›Grossen Abgang‹ als Narrheit dar (die Szene oben rechts): Empedokles trägt eine Narrenkappe und springt in den flammenden Vulkan; in Vorwegnahme der Geschichte sind bereits (hier sind es zwei) Sandalen herausgeschleudert.

Empedocles in solch narrheyt kam
Das er vff Ethna sprang in flam.

Sebastian Brant, Narrenschiff (1494), Kapitel 45

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Tiere sind beliebte Symbole für die Macht (z.Bsp. Löwe, Adler) oder die zu überwindenden Mächte (z.Bsp. Drachen, Schlangen).

• Rollsiegel von Prinz Ukīn-Ulmaš (Akkadzeit 2340 bis 2200): Der Löwe überwältigt den Büffel, ein Symbol für die Macht der königlichen Dynastie:

Hildi Keel‐Leu / Beatrice Teissier, Die vorderasiatischen Rollsiegel der Sammlungen BIBEL+ORIENT der Universität Freiburg Schweiz (Orbis Biblicus et Orientalis 200), Freiburg CH / Göttingen 2004. Tafel 66; Beschreibung S. 49.
online: https://www.zora.uzh.ch/54117/ ;
Vgl. das Informationsbulletin des Bibel+Orient-Museums für Vereinsmitglieder und Gönner Nr. 37, Mai 2022.

• Der Löwe als Macht-Symbol durchzieht – wie zu erwarten – die Jahrhunderte. Hier heißt es:

SESE TERRORE TUETUR. — Er schützt sich durch Schrecken.

Mein grawsam Angesicht/ mein erschröcklich geberden/
Mein weit brüllend Stimm den Feindt ferr von mir helt/
Durch seiner tugendt Lob so manch küner Kriegshelt/
Den Sieg zu wegen bringt/ weil er geförcht muß werden.

Julius Wilhelm Zincgref (1591–1635), Sapientia Picta. Das ist/ Künstliche Sinnreiche Bildnussen und Figuren/ darinnen denckwürdige Sprüch und nützliche Lehren im Politischen und gemeinen Wesen durch hundert schöne newe Kupfferstück vorgebildet/ entworffen/ und durch teutsche Reymen erklräet werden. […] Franckfurt: P. Mareschall 1624.
> http://diglib.hab.de/drucke/li-6643-2/start.htm?image=00017

• In der altorientalischen Glyptik erscheint das Bild des Herrn der Tiere. Dieser bringt die dämonische Wildheit, das Chaos der Welt unter Kontrolle oder setzt ihm mindestens Grenzen. Othmar Keel: »Da die jeweilige Nationaltracht [des Herrschenden in der Mitte] eine bedeutende Rolle spielt, kann man sich fragen, ob da eine zeitloser ›Herr der Tiere‹ oder ob durch die Komposition der totale Herrschaftsanspruch der jeweiligen Supermacht, die sich ihn ihrem König konkretisiert, dargestellt werden soll.« Gott sagt von Nebukadnezar, er habe ihm die Tiere des Feldes gegeben, dass sie ihm dienen (Jeremia 27,6; vgl. 28,14).

Aus: Othmar Keel, Jahwes Entgegnung an Ijob. Eine Deutung von Ijob 38-41 vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Bildkunst Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1978 (Forschungen zur Religion und Literatur des Alten und Neuen Testaments, Band 121), S. 86–125 zum Thema ›Herr der Tiere‹. – Bild Nr. 59, Text S. 123.

• Der Löwe kann ebenfalls Symbol sein für die unterworfene Macht. Plinius (naturalis historia VIII, xxi, 55) schreibt über die Löwen:

Unter das Joch gebeugt und vor den Wagen gespannt wurden sie zuerst in Rom von M.Antonius, und zwar während des Bürgerkrieges nach der Schlacht auf den Pharsalischen Feldern, nicht ohne eine gewisse Vorbedeutung für die Zeit, da jenes Vorzeichen besagt, edle Geister würden unter das Joch gezwungen.

Die Schlacht fand 48 v.u.Z. statt; Andrea Alciato bezieht das in seinem Emblembuch auf die Ermordung von Cicero (43 v.u.Z.):

IIII. Zamung der gar fraydigen. [freidig: kühn, mutig, aber auch frech, unverschämt]

Als Antony het erschlagen
Cicero den beredten man,
Setzt er sich auff einen wagen,
Und spannet fraydig Lewen dran.
Wolt mit der hochfart zaygen an,
Gleich wie er die Lewen gezambt,
Also het er manch grossen man
Zu Rhom mit seinem gwalt gedambt.

Das Bild aus Liber emblematum ... Kunstbuch, Franckfurt am Main 1567;
Der Text in der Übersetzung von Wolfgang Hunger aus Andreae Alciati Emblematum libellus, Paris 1542.
> https://www.emblems.arts.gla.ac.uk/alciato/emblem.php?id=A67a124

Wie sich die Diktaturen gleichen!

   

Links: Text (übers. aus dem Russischen): Rotten wir die Spione und Abweichler aus, die ... Agenten des Faschismus! (Website der Quelle nicht mehr aktiv).
Rechts: Plastik Der Rächer von Arno Breker (seit 1936 Bildhauer des Dritten Reichs)

Der Drache ist der Widersacher schlechthin:

Sus au monstre! In: Le Petit Journal, 20 septembre 1914
> Wiki Commons

Der Tintenfisch / Polyp, der mit seinen Tentakeln zugreift, wurde in der Propaganda gerne als Symbol für eine feindliche Macht verwendet:

»Cinderella Stamp«, Paris 1917/18 (Vorbild ist eine Graphik von Maurice Neumont.) Gefunden auf www.barronmaps.com

Mehr zu den Kraken/Polypen auf dieser Seite hier.

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Andreas Hebestreit: Staatsmacht als Naturgewalt – Eine neue Interpretation der Sintflutsagen

Die biblische Sintflutgeschichte kennen wir. [Sonst kann man sie hier nachlesen.] Weniger bekannt dürfte die Tatsache sein, dass diese Geschichte ein rund tausend Jahre älteres Vorbild hat. Während es sich in der Bibel um eine Strafe Gottes handelt, geht es im akkadisch-sumerische Original ganz konkret um eine militärische "Operation Sintflut".
    Das bronzezeitliche Mesopotamien erlebte erstmals in der Geschichte Konflikte zwischen einer städtischen Elite und einer (vorwiegend) ländlichen Masse. Es kam immer wieder zu Streiks und Aufständen. – Das frühgeschichtliche Mesopotamien hat auf Grund seiner großen Fruchtbarkeit auch immer wieder Einwanderungen erlebt. Wahre Menschenfluten, die für zusätzliche Konflikte mit den bereits Ansässigen sorgten.
    Der militärische Arm der Führungselite wollte deshalb gegen Rebellen und Aufständische in analoger Weise vorgehen, nämlich mit einer flutartig ausgebreiteten Strafexpedition. Nur wenige entkamen.

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Radierung von Antonio Tempesta (*ca. 1555–1630) – hier ist allerdings die bei Ovid in den »Metamorphosen« (I, 216–331) geschilderte Sintflut gemeint.

Gegen Ende 1895 zeichnet ein unbekannter Karikaturist in »Der Wahre Jacob« diese Umsturz-Sintfluth:

Zeit-Umstände: Das "Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" wurde 1890 nicht mehr verlängert, aber 1894 vom Reichskanzler (katholisch, Centrums-Partei) die sog. "Umsturzvorlage" eingebracht, die gefährlichen Bestrebungen zum Umsturz der Gesellschaftsordnung engegentreten sollte. Diese wurde dann aber vom Reichstag am 11.5.1895 nicht angenommen. Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Umsturzvorlage

Auf dem Dache sitzt ein Greis, der sich nicht zu helfen weiß. Am 15.10.1895 hielt der Rektor der Universität Berlin, Adolph Wagner, die Rektoratsrede: "Die akademische Nationalökonomie und der Socialismus. Rede zum Antritt des Rectorats der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin gehalten in der Aula am 15. October 1895." – Er wird (gut erkennbar!) hier auf der beinahe untergehenden Universität sitzend gezeichnet. – Die sozialdemokratische Arche mit den Musen an Bord nähert sich.

Der wahre Jakob. Illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung 12/1895, S. 1932.
> https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/wj1895/0095/image

Hinweis bei Michael Klant, Die Universität in der Karikatur. Böse Bilder aus der kuriosen Geschichte der Hochschule, Hannover: Fackelträger-Verlag, 1984.

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Gestalten aus der biblischen und paganen Geschichte/Mythologie zur glorifizierenden Inszenierung von Macht:

Nikolas Hächler: Gewalt – Herrschaft – Ruhm. Beobachtungen zur symbolischen Inszenierung der Kämpfe des Kaisers Herakleios im Spiegel der literarischen und dokumentarischen Überlieferung

Der oströmisch-byzantinische Kaiser Herakleios (610–641) gelangte über einen Militärputsch an die Macht und führte über mehrere Jahre hinweg Krieg gegen die persischen Sassaniden sowie später im Rahmen der Islamischen Expansion gegen Muslime. Sowohl in literarischen Quellen als auch in dokumentarischen Zeugnisse wird der Einsatz von Gewalt gegen Byzanz’ Feinde als gottgewollt und damit als Teil guter Kaiserherrschaft dargestellt. Besonders bedeutsam sind in diesem Zusammenhang die so genannten David-Platten (entstanden um 630, heute im Metropolitan Museum of Art), auf denen der Zweikampf zwischen David und Goliath vor dem Hintergrund der Kriege zwischen Ostrom und den Persern inszeniert wird. Nebst König David spielten aus Sicht der Zeitgenossen Konstantin der Grosse sowie Herakles als Vorbilder zur Charaktiersierung von Herakleios’ Sieghaftigkeit eine wichtige Rolle.

https://www.metmuseum.org/art/collection/search/464377 (hier auch Detailaufnahmen)

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Was trägt der römische Kaiser Sergius Galba für eine seltsame Brosche auf seinem Brustpanzer?

Stich von Balthasar Moncornet (c. 1600-1668)
https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_O-3-20

Die Vorstellung beruht auf der mythologischen Erzählung von Medusa: Sie versteinerte mit ihrem Blick alles. Perseus kann sie köpfen, indem er das Gesicht abwendet und im spiegelnden Schild schaut, wo sie sich befindet; so kann ihr Blick ihn nicht treffen. Das Haupt der Medusa funktioniert auch noch im abgetrennten Zustand; Perseus trägt es mit sich. Wie Phineus, der einstige Verlobte der (von Perseus vor dem Ungeheuer Cetus geretteten) Andromeda, seine ihm Versprochene zurückfordert, versteinert Perseus ihn und seine Gesellen mittels des Medusenhaupts auf dem Schild im Kampf zu Marmorstatuen. (Ovid, Metamorphosen V, 210–235; mehr dazu hier.)

Kupfer von Frederick Bouttats (1610–1675) aus: Les Metamorphoses d'Ovide en Latin et François, divisées en XV livres. Avec de nouvelles Explications Historiques, Morales & Politiques sut toutes les Fables, chacun selon son sujet. De la traduction de Mr. Pierre Du-Ryer Parisien […] Edition nouvelle, enrichie de tres-belles Figures. François Foppens, Bruxelles 1677.

Joseph Werner der Jüngere (* 1637 in Bern; † 1710) hat 1662–1667 für Louis XIV sechs (in Gouache-Technik überlieferte) Bilder gemalt, die für die Cabinets de la Galerie d’Apollon im Louvre bestimmt waren:

Der Roi Soleil als Apoll/Helios auf dem Sonnenwagen


Dieses und weitere solche Portraits auf der interessanten Website
> https://www.altesses.eu/princes_max.php?image=e48507eac3

• Der König als Apoll, der die Schlange / den Drachen Pytho(n) überwindet. Man fragt sich, wer damit gemeint ist. Die Fronde? (Amor mit dem zweiten, anders gearteten Pfeil wäre für die galante Fortsetzung der Geschichte, vgl. Ovid, Metamorphosen I, 438ff., wichtig; hier schaut er etwas verlegen vom Himmel herunter...):

> https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl020108819

Zum Vergleich ein Bild aus einer illustrierten Ovidausgabe:

Les metamorphoses d'Ovide, en Latin et en François, de la traduction de M. l'Abbé Banier, de l’Académie Royale des inscriptions & belles-lettres; avec des explications historiques. A Paris: Chez Pissot 1767–1771.

Auch Rubens (1636/38) kennt diese Darstellung > Wiki Commons

• Louis XIV als Jupiter wurde von Charles-François Poërson (1653–1725) dargestellt. Bild auf Wikimedia

• Auch als Alexander der Große hat er sich gern porträtieren lassen. Usw.

Die Idee basiert auf der Gedankenfigur der typologischen Beziehung zwischen Altem und Neuem Testament, die dann säkularisiert wurde; so sieht sich Karl der Große († 814) als neuer David. Statt alttestamentlicher Vorbild-Gestalten können auch heidnisch-antike verwendet werden.

Literaturhinweis: Peter Burke,The Fabrication of Louis XIV (1992) – Ludwig XIV. Die Inszenierung des Sonnenkönigs, (Fischer Taschenbuch 12337), Ff/M 1995.

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Rosa Micus
Der Sieg: Die Heilige Lanze –– Die Niederlage: Zwinglis Waffen

Die Heilige Lanze galt früh als Ausweis der Herrscherwürde und versprach ihrem Träger den Sieg in der Schlacht. Zwingli verhalfen in der Schlacht bei Kappel Helm und Schwert nicht zum Sieg und blieben auch nicht erhalten.

Beide, Lanze und Reichskleinodien, sowie Helm und Hieb- und Stichwaffen des Reformators, tragen eine hohe symbolische Bedeutung. Dabei wandelte sich der Garant des Sieges über die Heiden zur verehrten Reliquie, wandelte sich der Umgang vom Bestandteil des Krönungszeremoniells zum Objekt der Schau liturgischer Verehrung, bis die Reformation Lanze und Kleinodien auf eine rein staatssymbolische Bedeutung zurückführte.

Die drei Generationen nach der Niederlage bei Kappel aufgetauchten Waffen Zwinglis dienten als Zeichen der schmählichen Niederlage des Gegners im konfessionellen Streit. In der Zeit der Helvetik nach Zürich ›zurück‹–geführt, werden sie zum Zeichen des ideellen Sieges. Die Reichskleinodien sah man am Ende des Alten Reiches noch einmal dezidiert als politisch-gewichtige Symbole; erst im sicheren Wien wurden sie später kostbare historische Schaustücke. Als ›echt‹ angesehen, dienten Zwinglis Waffen lange nach ihrer Rückkehr nach Zürich als wesentliches Argument zur Errichtung des Nationalmuseums der Schweiz am Ort ihrer Aufbewahrung. Als Fake entlarvt, werden sie heute nicht mehr in der Dauerausstellung präsentiert, während die Heilige Lanze – nach heutigen Maßstäben ebenfalls ein ›Fake‹, Jahrhunderte lang jedoch wahr im Sinne von wirkend – in der Dauerausstellung weltlicher Kostbarkeiten in der Wiener Hofburg zu sehen ist.

(Je mit einem Epilog zu 20. Jahrhundert und Gegenwart)

Huldreich Zwinglis Waffen

Ruhe den eisernen Waffen! Doch nimmer den geistigen Ruhe!
Führten Ihn jene zur Gruft – drang er durch diese zum Licht.

Tafel aus: Hans Jakob Horner, Lebensbeschreibung des schweizerischen Reformators Ulrich Zwingli, Mit acht Kupferblättern und einer Nachahmung seiner Handschrift. Der Züricherischen Jugend zum Andenken der im Jahre 1519 begonnenen Glaubensverbesserung auf das Neujahr übergeben von der Gesellschaft auf der Chorherrenstube. (41.Neujahrsblatt) Zürich, bey Ziegler und Söhnen 1819.
> https://books.google.ch/books?id=2X5y4Na9FCsC&hl=de&source=gbs_navlinks_s
(Auch den die Tafel umseitig erläuternden Text beachten!)

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Ein konstruiertes Phantasie-Wesen als Symbol der Macht: Thomas Hobbes, »Leviathan« (1651):

(Ausschnitt, das ganze Bild hier)

Zur Erklärung des Titelbilds siehe das 17. Kapitel: Eine allgemeine Gewalt (Common Power), die dem Menschen Sicherheit verschafft, besteht in der Übertragung der gesamten Macht und Stärke aller auf einen Menschen oder eine Versammlung (Assembly), der/die die Vielfalt der Einzelwillen durch Stimmenmehrheit auf éinen Willen reduziert. Er/sie wird autorisiert, die einzelnen zu regieren.

Dafür verwendet Hobbes das Symbol des aus vielen Personen zusammengesetzten Leviathan, der mittels der ihm so verliehenen Autorität durch Schrecken Frieden im Staat und gegen äußere Feinde zu schaffen vermag. Hobbes nennt ihn unmetaphorisch Soveraigne. (Das Bibelzitat zuoberst im Titel verweist auf Hiob 41,24, wo es von dem letztlich doch Gott unterstehenden Ungeheuer Leviathan heißt: ›Non est super terram potestas quae comparetur ei.‹ Es ist auf Erden keine Macht, die ihm verglichen werden könnte.)

This done, the Multitude so united in one Person, is called a COMMON-WEALTH, in latine CIVITAS. This is the Generation of that great LEVIATHAN, or rather (to speake more reverently) of that Mortall God, to which wee owe under the Immortall God, our peace and defence. For by this Authoritie, given him by every particular man in the Common-Wealth, he hath the use of so much Power and Strength conferred on him, that by terror thereof, he is inabled to forme the wills of them all, to Peace at home, and mutuall ayd against their enemies abroad.
> https://www.gutenberg.org/files/3207/3207-h/3207-h.htm#link2H_4_0203

Vgl. den Aufsatz von André Utzinger auf dieser Website hier

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Ein Machtanspruch zeigt sich im Gesichtsausdruck. Johann Caspar Lavater (1741–1801) hat das physiognomische Konzept des ›Starken‹ so skizziert:

Stärke mit Feuer; Vordrang, Muth, Gefahrverachtung; Entschlossenheit des Gereizten und Leichtreizbaren. Diese Stärke ist weniger tragend; Weniger duldend, als zertretend. Sie kündigt sich an; Sie ist Ruhe, ehrwürdig, aufgebracht, furchtbar drohend. [Wessen Portrait ist es?]

J.C. Lavaters physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntniss und Menschenliebe, verkürzt herausgegeben von Johann Michael Armbruster, Winterthur, in Verlag Heinrich Steiners und Compagnie, Winterthur, 3 Bände 1783 / 1784 / 1787; Band 3, Beylagen zum dritten Kapitel, XX. (S. 248).

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Das Sich-Großmachen ist bei vielen Tieren die erste Phase im Kampf zwischen Rivalen. Hier der 6 cm lange, in kleinen Höhlen lebende Schleimfisch Emblemaria pandionis, der seine Rückenflosse spreizt. Durch diese Technik können Artgenossen schädigende Kämpfe untereinander vermeiden, was der Arterhaltung dient.

aus: Wolfgang Wickler / Uta Seibt, Das Prinzip Eigennutz. Ursachen und Konsequenzen sozialen Verhaltens (EA 1977); München: Dt. Taschenbuch-Verlag 1981 (dtv 1697).

Imponiergehabe ist im Homo "sapiens" erblich angelegt. Die Schultern bei höheren Primaten-Männchen zeigen zu diesem Zweck mittels Haaren einen vergrößerten Umriss:

Die Menschen-Männer imitieren das mittels Kleidungstücken:

Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Liebe und Hass. Zur Naturgeschichte elementarer Verhaltensweisen, München: Piper 1970, S. 28f. (Mit freundlicher Genehmigung des Autors IEE)

Schön getroffen hat den Imponiergestus des Römischen Kaisers der Graphiker Andreas Müller (1831–1901):

Münchener Bilderbogen 1871, Sechundzwanzigzigster Bogen, Nr. 558: Zur Geschichte der Kostüme. Römer.

Die ganze Seite auf > https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/muenchener_bilderbogen1871/0009/image

Gerne würde man ihm mit dem mittelhochdeutschen Spruchdichter Freidank [um 1330] zurufen:

Der keiser solte swern, [für wahr erklären]
ern kan sich mücken niht erwern;
waz hilfet herschaft unde list,
[list: Klugheit, Kunst]
sît der flôch [Floh] sîn meister ist?

ed. Bezzenberger (1872) 74,1ff.

Eine beliebte Macht-Geste ist die geballte Faust, dies bis in die jüngste Zeit, auch und gerade wenn die Macht schwindet:

(Mehr dazu im Kapitel zu den Händen)

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Das Imponiergehabe wurde gerne für Karikaturen verwendet.

 

Sarina Tschachtli: Witz als Gewalt – Gewalt als Witz. Machtsymbolik in Mären

In spätmittelalterlichen Mären werden Machtpositionen in asymmetrischen Beziehungen neu ausgehandelt: etwa zwischen Herr und Knecht, meist zwischen Mann und Frau. Es stehen damit gesellschaftliche Ordnungen zur Disposition. Jedoch wird in diesen Konflikten nicht auf vertraute Mittel der Machtausübung zurückgegriffen, vielmehr inszenieren die Texte die besondere Gewitztheit der letztlich überlegenen Figur. Wenn nun der Ehemann seine Frau nicht nur schlägt, sondern in besonders origineller Weise zu züchtigen weiß, dient dies nicht nur der Unterhaltung, sondern stellt auch eine ideologische Allianz her – zwischen dem gewitzten Protagonisten und den impliziten Rezipienten, die am Witz teilhaben. Ich möchte anhand zweier Mären zeigen, wie die erzählten Machtdemonstrationen gerade in der genretypischen Verbindung von Gewalt und Komik wirksam werden.

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Grandville
(Jean Ignace Isidore Gérard, 1803–1847) zeichnet Monsieur Vautour:

Scènes De La Vie Privée Et Publique Des Animaux. Études De Mœurs Contemporaines, Publiées Sous La Direction De M. P.-J. Stahl, Avec La Collaboration De Messieurs De Balzac ... Vignettes Par Grandville, Paris: J. Hetzel Et Paulin, Éditeurs 1842.

Die in Wien erscheinende Satirezeitschrift »Kikeriki« karikierte am 29. August 1870 nach dem Deutsch-Französischen Krieg Bismarck als Pfau. Die Federn sind angeschrieben mit den Kriegsschauplätzen, an denen Preussen erfolgreich war: Wörth, Mars-la-tour, Gravelotte, Vionville, Metz u.a.

aus: Eduard Fuchs, Die Karikatur der europäischen Völker. 1: Vom Altertum bis zur Neuzeit – 2: Vom Jahre 1848 bis zur Gegenwart, Berlin: Hofmann 1901/03; Band 2, Abb. 247.

Lenin der Vielgewandte, Karikatur von Erich Schilling in: Simplicissimus Jahrgang 27 (1922) Heft 1, S. 15

Auf der großartigen Online-Edition der Klassik Stiftung Weimar (www.simplicissimus.info) unter 27_01_015.jpg

Die Idee beruht auf der Vorstellung der viel-armigen mythologischen Gestalt Geryon, der in der Emblematik des 16.Jhs. für die Unüberwindlichkeit der Einigkeit (Concordia insuperabilis) steht!


> https://emblems.arts.gla.ac.uk/alciato/facsimile.php?id=sm45-D8r

Spaß beiseite: Zur grauenhaften Situation in Russland zur Zeit von Wladimir Uljanow (1870–1924) und seinem Nachfolger Iosseb Dschughaschwili (1878–1953) vgl. die Autobiographie von

Natalja Baranskaja (1908–2004) in deutscher Übersetzung und mit Anmerkungen von Beatrix Michel-Peyer unter dem Titel »Unbehauste Wanderer«, Books on Demand 2019.
> https://www.bod.ch/buchshop/unbehauste-wanderer-natalja-baranskaja-9783743127173

1941 erschien in England eine der vielen Parodien auf der Grundlage von Heinrichs Hoffmanns »Struwwelpeter« (1845): der »Struwwelhitler«, in dem auch andere Diktatoren karikiert wurden:

Hier in Analogie zu Hans-Guck-in-die-Luft.

https://de.wikipedia.org/wiki/Struwwelpeter#cite_ref-22

https://www.hs-augsburg.de/~harsch/anglica/Chronology/20thC/Struwwelhitler/str_hi00.html

Digitalisat des ganzen Buchs hier als PDF {Nov.21}

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In der Emblematik des 16./17. Jahrhunderts ist das Thema der Mächtigen omnipräsent. Teils wird Kritik geübt, teils werden die Herrschenden zu einem tugenhaften Verhalten ermuntert, teils wird ihnen gelobhudelt.

Erstes Beispiel: Der Kentaur Chiron wird in der antiken Mythologie geschildert als ein Weiser, er ist Erzieher mehrerer Helden. Der Kentaur ist ein Mischwesen aus Pferd (steht für die Stärke, wie der Bogen in der einen Hand) und Mensch (steht für die Klugheit, wie die Schlange in der anderen Hand).

VIRIBVS est iungenda modis SAPIENTIA cunctis — Mit Kraft muss auf alle Art Weisheit verbunden sein.
Uti qui nescit robore saepe cadit. — Wer die Stärke nicht zu gebrauchen weiß, stürzt oft.

Gabriel Rollenhagen / Crispin de Passe, Nucleus Emblematum, Arnheim/Utrecht 1611, Nr. 91

Zweites Beispiel: 1662 entwarf Charles Le Brun Tapisserie-Serien zur Verherrlichung Ludwigs XIV. Es handelt sich um einen Zyklus der Vier Elemente und einen der Vier Jahreszeiten. Der Augsburger Kupferstecher und Verleger Johann Ulrich Krauß (1655–1719) brachte 1687 eine verkleinerte Ausgabe mit deutscher Übersetzung heraus.

Mittels der Elemente werden verschiedene Tugenden des Herrschers allegorisch dargestellt. Beispielsweise für das Feuer: La PIETÉ, La MAGNAMINITÉ, La BONTÉ, La VALEUR = Die Tapfferkeit.

Micat exitiale superbis [~ Das Unheilvolle zerstört blitzend den Hochfahrenden]

Die Tapfferkeit wird in dem Stuck vom Element des Feuers vorgebildet durch einen Donner=Stral/ welcher einen grossen Baum niderschlägt/ mit dem Wort

    Mein Donner=Schlag verletzt / den der sich widersetzt.

Anzuzeigen/ gleich wie seine Majestät den Demütigen Gnad erzeiget/ also schlage sie die Hoffärtigen darnider/ eben wie der Donner=Strahl der schwachen Pintzen=Röhre [= Schilfrohr] schonet/ die ihme gehorsamen/ also schlage er die grosse Bäume / die sich ihme widersetzen/ zu Boden.

(Die Liktorenbündel und die Schmiede an der Esse in der Umrandung lenken eher von der Hauptaussage ab...)

Tapisseries du Roy, ou sont representez les quatre elemens et les quatre saisons; avec les devises qui les accompagnent et leur explication = Königliche französische Tapezereyen, oder überaus schöne Sinn-Bilder, in welchen die vier Element, samt den vier Jahr-Zeiten, neben den Dencksprüchen und ihren Ausslegungen, vorgestellet werden. Aus den Original-Kupffern nachgezeichnet, und den Kunstliebenden zu Nutzen und Ergötzen an den Tag gegeben und verlegt durch Johann Ulrich Krauß, Gedruckt [in Augsburg] durch Jacob Koppmayer 1687.
> http://diglib.hab.de/drucke/xb-4f-354/start.htm?image=00032

Exkurs: Man kann diese Allegorie auch gegen den Strich lesen, wenn man sie aus der Perspektive der Untertanen liest und dabei an die antike Fabel von Eiche und Schilfrohr (de quercu et harundine) denkt, die Jean de La Fontaine (1621–1695) in seinen »Fables«übersetzt und nur einige Jahre später (1668) herausgegeben – und sicherlich auf das Leben am Hof bezogen hat.
I, 22 Le Chêne et le Roseau; dt. Übersetzung von Ernst Dohm.

Bereits in der emblematisch aufgemachten Äsop-Ausgabe von Gilles Corrozet (1510–1568) wird die Eiche auf den orgueilleux bezogen, während der homme humble als Schilfrohr sich beugt und so überlebt. Hier noch Moral, am Hof dann Schlauheit.

Les Fables du très ancien Ésope phrigien / premièrement escriptes en grec, & depuis mises en rithme françoise [par G. Corrozet]. Avec privilege du Roy. A Paris en l’imprimerie de Denis Janot 1542.
> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k8707962p/f9.item

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Eine Technik, um die eigene Macht zu demonstrieren, ist die Verunglimpfung der Opposition.

Beispiel: Bücherverbrennung

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Anerkennung des Machtsymbols verweigert

Der Landvogt Gessler verlangt, dass man seinen auf einer Stange angebrachten Hut grüße. Wie Wilhelm Tell diesen Unterwerfungsgestus verweigert, wird die Symbolik ersetzt durch aktuelle Gewalt (M.W.). Und das kann üble Folgen für den Machthaber haben.

Vnd dieweyl der Vogt wol wußt daß Wilhelm ein guoter armbrostschütz was/ und jm seine kinder seer lieb warend/ vnderstuond er durch sölich mittel in zereitzen/ ließ im fürbringen seinen jüngsten sun/ vnd nötiget jn demselbigen einen öpffel ab dem haupt zeschiessen. […] Wilhelm aber stecket noch einen pfeyl hinden in sein göller/ im fürrsatz/ wo er das kind träffe/ alsbald auch den tyrannen zerschiessen.

Auf dem Bild ist der Hut auf der Stange sichtbar, und im Hintergrund erkennt man, wie Tell vom Boot springt und dann in der Hohlen Gasse mit der Armbrust den reitenden Landvogt erschießt.

Gemeiner loblicher Eydgnoschafft Stetten / Landen vnd Völckeren Chronik wirdiger thaaten beschreybung […] durch Johann Stumpffen beschriben […] Zürich bey Christoffel Froschouer M.D.XLVII. I, fol. 328 verso

Mehr zum Tellenschuss auf dieser Website.

In Schillers »Wilhelm Tell« argumentiert Stauffacher naturrechtlich (2. Akt, 2. Szene, Rütlischwur) so:

Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht,
Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
Wenn unerträglich wird die Last – greift er
Hinauf getrosten Mutes in den Himmel,
Und holt herunter seine ew'gen Rechte,
Die droben hangen unveräusserlich
Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst –
Der alte Urstand der Natur kehrt wieder,
Wo Mensch dem Menschen gegenübersteht –
Zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr
Verfangen will, ist ihm das Schwert gegeben –
Der Güter höchstes dürfen wir verteid'gen
Gegen Gewalt – Wir stehn vor unser Land,
Wir stehn vor unsre Weiber, unsre Kinder!

Im Kontext hier: http://www.zeno.org/nid/2000560950X

August Iffland war 1804 bezüglich einer Aufführung dieses Texts skeptisch und mutmaßte, er könne – als Aufruf zu politischen Widerstand im Stil der französischen Revolution aufgefasst – Anstoß erregen. Schiller änderte den Text.

Vgl. dazu den Aufsatz von Peter von Matt (2007), in: ders., Das Kalb vor der Gotthardpost, 2012, S. 245–255; dort Schillers urprüngliche und die für die Aufführung in Berlin überarbeitete Fassung synoptisch.

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Das Inverse zur Macht-Symbolik ist die Unterwerfungs-Symbolik. Demütigungen wurden von Machthabern gerne ausgeübt.

••• Der babylonische König Nebukadnezar wird vom HErrn wegen seines Hochmuts gedemütigt.

N.: ›Das ist die grosse Babel / die ich erbawet habe / zum königlichen Hause / durch meine grosse macht / zu ehren meiner Herrligkeit.‹ – Ehe der König diese wort ausgeredt hatte / fiel eine stim vom Himel / Dir könig NebucadNezar wird gesagt / Dein Königreich sol dir genomen werden / vnd man wird dich von den Leuten verstossen / vnd solt bey den Thieren / so auff dem felde gehen / bleiben / gras wird man dich essen lassen / wie Ochsen / Bis das vber dir / sieben zeit vmb sind / Auff das du erkennest /das der Höhest gewalt hat vber der menschen Königreiche / vnd gibt sie wem er wil. Von stund an ward das wort volnbracht vber NebucadNezar / Vnd er ward von den Leuten verstossen / vnd er ass gras /wie Ochsen / vnd sein Leib lag vnter dem taw des Himels / vnd ward nas / bis sein Har wuchs / so gros als Adelers feddern / vnd seine Negel / wie Vogels klawen wurden. (Daniel 4,28ff.; Lutherbibel 1545)

Biblia ectypa. Bildnußen auß Heiliger Schrifft deß Alten Testaments, Erster Theil. in welchen Alle Geschichten u: Erscheinungen deutlich und schriftmäßig zu Gottes Ehre und Andächtiger Seelen erbaulicher beschauung vorgestellet worden. ... hervorgebracht von Christoph Weigel in Regensburg. Anno M.D.C.xcvii

••• Der unterlegene Kaiser Valerianus (reg. 253–260), einst ein übler Christenverfolger, muss dem Perserkönig Sapor zur Schande auf allen Vieren als Schemel beim Besteigen des Pferdes dienen:

Boccaccio (1313–1375) beschreibt diese Szene in »De casibus virorum illustrium« VIII, Kap.1 und 2. Die Übersetzung von Laurent de Premierfait († 1418) ist illustriert:

Des cas des nobles hommes et femmes, ca. 1410 (Bibliothèque de Genève Ms. fr. 190/2)
> https://www.e-codices.unifr.ch/en/bge/fr0190-2//109v

Des Cas et ruyne des nobles hommes et femmes reversez par fortune depuis la création du monde jusques à nostre temps, translaté de latin en langage françois, Paris: impr. par Jean du Pré 1483
> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k8712388k/f641.item

Qui cum victor illum traxisset in Persiam, in sempiternum romani nominis dedecus, honustum catenis damnavit ut non solum perpetuo servitio marceret, verum ut, quotiens ipse conscenderet equum, deiectissime sortis homo Valerianus curvatis poplitibus per tergum illi preberet ascensum. Quo in officio vite fuit residuum et tandem miserrime expiravit.
> http://www.bibliotecaitaliana.it/testo/bibit001350

Als dieser (Sapor) als Sieger ihn nach Persien verschleppt hatte, zur ewigen Schande für das römische Ansehen, verurteilte er ihn, mit Ketten beschwert, nicht nur, in dauernder Knechtschaft zu schmachten, sondern dass, sooft er selbst ein Pferd bestieg, Valerianus als Mensch elendesten Schicksals mit gekrümmten Knien ihm das Aufsteigen über seinen Rücken anbieten musste. In diesem Dienst bestand der Rest seines Lebens und schliesslich verstarb er jämmerlich. (Übersetzung Th.G.)

In der (teilweise unstimmigen) Übersetzung von Hieronymus Ziegler (Augsburg 1545): Nach dem nun Sapor der Persier Künig den sig vnd Victori allenthalben erlangt het/ zog er widerumb in Persiam/ füeret den gefangenen Keyser zum ewigen spott des Römischen namens gefangen mit jm/ daselbst ließ er jn/ in die Ketten zur ewigen gefencknuß schmiden. Auff das er nit allein in seiner gefencknuß ewigklichen erschimelt/ so muost er/ Valerianus/ so offt der Persier Künig auff ein Roß sitzen wolt sich auff alle viere nider lassen/ vnd bucken/ jm zuo eynem Schemel/ das er der schendlich mensche dest leichter/ ohn ein besondren vorthayl auff sitzen möcht/ auff der erden hocken vnnd ligen.

Auch Hans Holbein d.J. hat diese Szene dargestellt > Bild auf Wikipedia

••• König Heinrich IV. tut, nachdem er exkommuniziert wurde, im Winter 1077 einen Bußgang zu Papst Gregor VII. (›Gang nach Canossa‹)

Hier stand er nach Ablegung des königlichen Schmuckes ohne alle Zeichen königlicher Würde, keinerlei Pracht zur Schau zu tragend, mit entblößten Füßen, fastend vom Morgen bis zum Abend, in Erwartung es Ausspruches des römischen Papstes. Dieses that er am zweiten, dieses am dritten Tage. Erst am vierten Tage wurde er ihm vor Augen gelassen gelassen, und nach vielen Reden und Gegenreden wurde er zuletzt unter folgenden Bedingungen vom Bann losgesprochen […].
Die Jahrbücher des Lambert von Hersfeld [1077–1079], nach der Ausgabe der Monumenta Germaniae, übersetzt von L. F. Hesse, Berlin: Besser 1855 (Die Geschichtschreiber der deutschen Vorzeit, 11,5); S. 289f. zum 25. Januar 1077
> https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10015845?page=311

Illustration aus dem Jahr 1883 > https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Gregor7_Canossa.jpg

••• Kaiser Friedrich I. Barbarossa und Papst Hadrian IV. trafen am 8. Juni 1155 bei Sutri zusammen. Der Papst forderte vom Kaiser den sog. Stratordienst. (Lat. strator : der Reitknecht, der das Pferd mit dem stratum, der Decke versah, also sattelte. Er musste seinem Herrn beim Aufsteigen helfen). Dieser weigerte sich zunächst, weil dies eine vasallische Abhängigkeit zum Ausdruck bringe. Erst als er darauf aufmerksam gemacht wurde, dass anno 1130 bereits Lothar III. Papst Innozenz II. diese Ehre angetan hatte, willigte Barbarossa ein.

Neu-eröffneter Historischer Bilder-Saal, Das ist: Kurtze, deutliche und unpassionirte Beschreibung Der Historiae Universalis, Von Anfang der Welt biß auf unsere Zeiten, in ordentliche und mercksame Periodos und Capitul eingetheilet ... Dritter Theil, Sultzbach: Lichtenthaler 1694, S. 412 [hier aus der 3.Auflage 1733]

Es entstund aber unter Wegs [nach Rom] zwischen dem Pabst Adriano IV. und dem Käyser abermal ein kleiner Mißverstand in dem der Käyser recusirte dem Pabst beym Auf- und Absitzen vom Pferd den Steigbügel/ wie die vorherigen Käyser zuthun gepflogen/ zuhalten/ in dessen Entstehung [Unterlassung vgl. Dt-RechtsWB] ihm der Pabst zu dem Kuß nicht admittieren wolte: Doch als man den Käyser repræsentirte daß diese Ceremonie also Herkommens wäre/ und daß alle seine Antecessores und noch gantz neulich der Käyser Lotharius solche unverweigerlich gethan/ so bequemte er sich auch darzu. (Kontext hier)

••• Im 12. Jahrhundert entstand diese Darstellung: Kaiser Konstantin der Große leistet den Stratordienst und führt Papst Silvester († 335) auf einem Pferd nach Rom:

Rom, Basilika Santi Quattro Coronati, Oratorium des Hl. Sylvester
> https://de.wikipedia.org/wiki/Santi_Quattro_Coronati#/media/File:00_Stirnwand_8.jpg

•• 1177 führte der Friedensschluss zwischen Kaiser Friedrich I. Barbarossa und Papst Alexander III. in Venedig zum Ende des Schismas (Kirchenspaltung).

Der eifrige Lutheraner Robert Barnes (ca. 1495 – 1540) erfindet die Erzählung, dass der Papst dem Kaiser vor der Markuskirche einen Fußtritt verpasst habe. Der publikumswirksame Holzschnitt zeigt die fabelhafte Szene 1545 im Heft

Bapsttrew Hadriani iiij. vnd Alexanders III. gegen Keyser Friderichen Barbarossa geuͤbt. Aus der Historia zusamen gezogen nuͤtzlich zulesen. Mit einer Vorrhede D. Mar. Luthers. Gedruckt zu Wittemberg, durch Joseph klug. Anno. M.D.XLV.


> http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001C92E00000000

Literaturhinweise speziell hierzu:

Robert Holtzmann, Der Kaiser als Marschall des Papstes. Eine Untersuchung zur Geschichte der Beziehungen zwischen Kaiser und Papst im Mittelalter, in: Schriften der Strassburger Wissenschaftlichen Gesellschaft in Heidelberg, de Gruyter 1928.
> https://www.degruyter.com/view/journals/zrgg/50/1/article-p439.xml?language=de

Stefan Weinfurter, Die Päpste als "Lehnsherren" von Königen und Kaisern im 11. und 12. Jahrhundert? in: Ausbildung und Verbreitung des Lehnswesens im Reich und in Italien im 12. und 13. Jahrhundert, S. 17–40.
> http://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/vuf/article/view/33708/27405

Andreas Sohn, Bilder als Zeichen der Herrschaft. Die Silvesterkapelle in SS. Quattro Coronati (Rom), in: Archivum Historiae Pontificiae, Bd. 35 (1997,) S. 7–47.
> https://www.jstor.org/stable/23564493

••• Der Höfling Gerhard Atze hat ein Pferd von Walther von der Vogelweide erschossen, bezahlt aber die Entschädigung nicht (Ausgabe von Lachmann 104,7ff.). Walther dichtet (ca. 1204/05) ein Spottgedicht; einen sprachlich realitätsnahen Dialog zwischen ihm und seinem Knappen (Lachmann 82,11ff.):

Rît ze hove, Dieterich!

»Zu Hofe reite, Dieterich!«
Ich kann nicht, Herr! – »Was hindert dich?«
Ich hab kein Ross, um dorthin zu reiten!
»Ich leih dir eines, wenn du das willst.«
Herr, so reite ich besser!
»Noch eine kurze Weile warte.
Willst du lieber eine goldne Katze
[*ein Phantasiegeschöpf als Reittier? eine Geld-Katze?],
oder doch jenen wunderlichen Gerhard Atze?«
Gott steh mir bei, und fräß’ es Heu, das wär ein seltsames Pferd.
Dem gehn die Augen um wie einem Affen,
Und wie ein "guggaldei"
[ein Kuckuck? **ein Gockel-Ei; d.h. Ei eines Hahns?] ist es beschaffen.
Doch gebt mir nur diesen Atze her, so ist mein Wunsch gewährt!
»Dann krümm dein Bein
[geh zu Fuß], und bewege dich nach Hause, weil du den Atze gewählt / angegriffen hast.« [Der letzte Vers ist evtl. zweideutig: Das mittelhochdeutsche Verb "gërn" mit Genitiv bedeutet "etwas begehren", aber mit Akkusativ "angreifen".]

Dass man den zu Hofe überlegenen Feind – auch in Gedanken – als Reittier verwenden will, ist eine Demütigung. Walther legt dem Knappen dazu noch üble Worte in den Mund (die er doch als Dichter verfasst hat!) und weist ihn dann in gespielter Entrüstung zurecht.

Die germanistische Forschung bemüht sich seit langem um eine Deutung der Ausdrücke
* eine guldîn katzen und
** guggaldei. – Die Idee des ein Ei legenden Hahns hat Th.G. in W. beigesteuert. – Es könnte sich um eine üble Beschimpfung handeln, wenn man bedenkt, was Konrad von Megenberg im »Buch der Natur« (III,B,35) weiß: ez geschicht auch ze stunden, sô der han alt wirt, daz er ain ai legt, daz prüett denne ain krot auz und dâ von kümt ain unk, der haizt ze latein basiliscus. – Mhd. unk bedeutet Schlange, von lat. anguis. – Der Basilisk kann mit seinem vergiftigen anplik töten (ebd. III.E.3); die Quelle stammt aus dem 13.Jh.

••• Eine andere Art der Demütigung ist das Abschneiden des Kleids / des Barts

1.Chronik 19,1ff. Und danach geschah es, daß der König der Ammoniter starb, und sein Sohn Hanun wurde König an seiner Stelle. 2 Da sprach David: Ich will Güte erweisen an Hanun, dem Sohn des Nahas, wie sein Vater an mir Güte erwiesen hat! Da sandte David ⟨Boten⟩ hin, um ihn durch seine Knechte zu trösten wegen seines Vaters. Als aber die Knechte Davids in das Land der Ammoniter kamen, 3 da sprachen die Fürsten der Ammoniter zu ihrem Herrn Hanun: Meinst du, daß David deinen Vater … ehren will, wenn er Tröster zu dir gesandt hat? Hat er nicht vielmehr seine Knechte deshalb zu dir gesandt, um die Stadt auszuforschen und zu erkunden und zu durchstöbern? 4 Da ließ Hanun die Knechte Davids ergreifen und ihnen den Bart halb abscheren und ihre Obergewänder halb abschneiden, bis an ihr Gesäß; und er sandte sie fort. 5 Als dies David berichtet wurde, sandte er ihnen entgegen; denn die Männer waren sehr beschämt. Und der König ließ ihnen sagen: Bleibt in Jericho, bis euer Bart wieder gewachsen ist; dann kommt wieder heim! (Übersetzung der Schlachter-Bibel)

In der sog. ›Kreuzfahrerbibel‹ Pierpont Morgan Library, MS M.638, fol. 40v (Ausschnitt):

Von der prächtigen Hompage > https://www.themorgan.org/collection/Crusader-Bible

Biblia ectypa. Bildnußen auß Heiliger Schrifft deß Alten Testaments, Erster Theil. in welchen Alle Geschichten u: Erscheinungen deutlich und schriftmäßig zu Gottes Ehre und Andächtiger Seelen erbaulicher beschauung vorgestellet worden. ... hervorgebracht von Christoph Weigel in Regensburg. Anno M.D.C.xcvii

••• Schandtracht

Die Eidgenossen zwangen im Schwabenkrieg (Februar 1499) die Besatzung des Schlosses Randeck – welche zuerst den vorüberziehenden Feind mit den Worten Muh! Muh! Bläh! Bläh! Kühgheyer [Kühe-Gehîer, zu mhd. gehîwen ‘sich paaren‘; also Leute, die sodomitischen Umgang mit Kühen haben; ein beliebtes Schimpfwort für die Eidgenossen] gereizt hatte – zur Übergabe. Diese wurde gezwungen, in bloßen Hemdlinen ohne Muh, ohne Bläh, ohne Kuh, ohne Lachen abzuziehen; der Pfaffe mit einem Kreuz voraus (nach der Berner Chronik des Valerius Anshelm).

Litho von Martin Disteli im »Schweizerischen Bilderkalender für das Jahr 1841« Text S.19; Bild gegenüber S.22

Mehr dazu bei der Kleidersymbolik

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Die Vergänglichkeit der Machthabenden wird durch verschiedene Einflüsse herbeigesehnt:

••• Sebastian Brant sieht 1494 im »Narrenschiff« (Kapitel 56) ein Einwirken der Fortuna als end des gewalttes. Das Bild zeigt die Esel, die glauben auf dem Rad der Fortuna hochzukommen, und den Narren der herunterstürzt:

So groß gewalt vff erd nye kam
Der nitt zuo zytten / end ouch nam
Wann jm syn zyl / vnd stündlin kam

Noch fyndt man narren manigfalt
Die sich verlont vff jren gwalt
Als ob er ewiklich solt ston
Der doch duet / wie der schne zergon

> http://www.fh-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/15Jh/Brant/bra_n056.html

Im Text, der viele Exempla von gefallenen Herrschern aufführt, spielt er an auf Verse von Juvenal:

Gar wenig sint jn ruowen dott
Oder die stürben an jrm bett
Die man nit sunst erdoettet hett

Juvenal X, 112/3:
Ad generum Cereris sine caede ac vulnere pauci /
descendunt reges et sicca morte tyranni.

(Wenige Könige steigen hinunter zum Eidam der Ceres [dem Höllengott Pluto], von Gemetzel und Wunden verschont; nur wenige Tyrannen ohne einen unblutigen Tod.)

••• Diese Verse zitiert auch Joachim Camerarius (1534–1598) in seinem Emblembuch II, 99 (Erstausgabe dieses 2. Bandes 1595). Hier werden die Gewaltherrscher durch listige Gegner beim Müßiggang überrascht und vernichtet:

Die Tyranney/
Ist nirgend frey.

Das kleine Thier Ichneumon kreucht dem Crododil in Rachen/
Damit es diesem Wüterich den Garaus möge machen/
So gehets den Tyrannen auch: Ihr Vntergang kompt schnell/
Alastor* eilet flugs hinzu/ und trägt sie in die Höll.

Vier Hundert Wahl-Sprüche Und Sinnen-Bilder / Durch welche beygebracht und ausgelegt werden Die angeborne Eigenschafften, Wie auch Lustige Historien / Und Hochgelährter Männer Weiße Sitten-Sprüch: Und zwar Im I. Hundert: Von Bäumen und allerhand Pflantzen. Im II. Von Vier-Füssigen Thieren. Im III. Von Vögeln und allerley kleinen so wohl fliegenden als nit fliegenden Thierlein. Im IV. Von Fischen und kriechenden Thieren, Mayntz 1715.

* Alastor ist ein antiker Fluch-Dämon.

Die alte Naturkunde weiß vom Ichneumon: Wenn das Krokodil am Gestade des Flusses gesättigt und mit offenem Maul einschläft, schießt das Ichneumon geschwind durch den Rachen in dessen Leib, frisst sein Eingweide und bricht durch den Leib wieder heraus.

Quellen: Plinius, Hist.nat. VIII,90 — Strabo, Geographica XVII,1,39 — Physiologus Kap. 25.

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Mit welcher Symbolik verhält man sich einem Mächtigen gegenüber? Mit Proskynese, d.h. mit der Geste des Sich-Niederwerfens; Reverenz-Erweisung durch Küssen des Bodens vor dem Potentaten.

Psalm 96,9: Fallt nieder vor dem Herrn; Ps. 99,5. 9 u.a. Stellen

Thomas Staubli, Artikel »Proskynese« in: https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/31456/

Othmar Keel, Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Alte Testament, Einsiedeln: Benziger 1972 und Neuauflagen, S.289; dazu die Abb. 413 (Ägypten, 31. Dynastie):

Wie die Portugaleser vor dem König in Congo erschienen …

… so auch die Inwohner mit denen jhnen gewöhnlichen Gebärden/ in dem sie sich dreymal auff die Erden legen vnnd die Füß empor heben/ einmütig bezeugen.

Duarte Lopes [u.a.], Regnvm Congo hoc est Warhaffte vnd Eigentliche Beschreibung deß Königreichs Congo in Africa, vnd deren angrentzenden Länder: darinnen der Inwohner Glaub, Leben, Sitten vnd Kleydung wol vnd außführlich vermeldet vnd angezeigt wirdt, Frankfurt am Main 1609.
> https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/lopes1609/0096

(Vgl. das zu den Huldigungen Gesagte)

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Die Einflussnahme durch Medien wird immer wieder als Ausübung von Macht empfunden.

••• Die Rhetorik wird personifiziert durch Ogmios, einen den Galliern zugeschriebenen (Herkules ähnelnden; deshalb mit Keule, Löwenfell und Pfeilbogen ausgestatteten) Gott, von dessen durchbohrter Zunge zu den Ohren der ihm folgenden Menschen feine goldene Ketten führen. Diese Szene wurde im 16. und 17.Jh. oft dargestellt.

Eloquentia fortitudine præstantior

Andrea Emblematum libellus, Paris: Chrestien Wechel 1534.
> http://www.emblems.arts.gla.ac.uk/alciato/picturae.php?id=A34b093

Die Beredsamkeit übertrifft die Tapferkeit

Einen Bogen hält die Linke, eine feste Keule führt die Rechte,
    den nackten Leib bedeckt der Löwe von Nemea.
Ist das also die Gestalt des Herkules? Nicht passt dazu,
    dass er, alt und bejahrt, graue Schläfen zeigt.
Wozu ist ihm die Zunge mit leichten Ketten durchschossen,
     mit denen er am angehängten Ohr die fügsamen Leute an sich zieht?
Sind etwa nicht die Gallier / Franzosen der Meinung, dass der Alkide / Herkules, mit der Zunge, nicht mit Gewalt
    obsiegend, den Völkern das Recht gebracht habe?
Es weichen die Waffen der Toga / dem Bürgerkleid, und noch so harte Herzen
     lenkt ein der Redekunst Mächtiger nach seinen Wünschen.
(Übersetzung von Th.G.)

Hier die Deutsche Übersetzung von Jeremias Held in D. Andrea Alciati … Kunstbuch, Frankfurt am Main, Sigismund Feyerabend / Simon Huter 1567:
> https://www.emblems.arts.gla.ac.uk/alciato/emblem.php?id=A67a018

Mehr dazu hier > https://www.uzh.ch/ds/wiki/Allegorieseminar/index.php?n=Main.Ogmios

••• Der von Claude Chappe (1763–1805) entwickelte, sogenannte Télégraphe aérien wurde beargwöhnt. (Ende August 1794 [= fructidor an II] von Paris nach Lille = Entferung von 60 Stunden; Nachrichtengeschwindigkeit 2 Minuten; Übertragungsleistung: ›Vokabular‹ von 8'464 definierten Wörtern)

Bild aus: Louis Figuier, Les Merveilles de la Science ou description populaire des inventions modernes, Tome II: Le Télégraphie aérien [etc], Paris: Furne, Jouvet et Cie. [1870], pp. 1–84; Fig. 19.

Ludwig Börne [1786–1837], »Schilderungen aus Paris« (1822–1824), XII. Der Garten der Tuilerien:

Auf diesem Palast spielt der Telegraph. Spielen? Ach ja, er spielt wie eine Schlange in der Sonne. Fürchterlich, fürchterlich! Die langarmige Tyrannei ! Neulich reiste ein englischer Schriftsteller von Paris nach London. Er war schon drei Tage fort, stand in Calais am Bord des Schiffes; die Segel wurden geruckt – da schoß ihm von Paris der Telegraph wie ein Blitz nach. Er wurde festgehalten und mußte, wegen Verdachts aufrührerischen Briefwechsels, vier Wochen im Kerker schmachten. Er ward unschuldig befunden.
> http://www.zeno.org/nid/20004635590

(Hinweis im Artikel »Telegraf« von Günter Butzer in: Günter Butzer / Joachim Jacob (Hgg.), Metzler Lexikon literarischer Symbole, Dritte Auflage Stuttgart: Metzler 2021, S.646)

••• Und heutzutage: Die Nutzung der Social Media hat einen negativen Einfluss auf die ›Selbstkonzeptklarheit‹ der User.

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Als moralische Auflage gilt die Schonung der Entmächtigten seit der Antike.

Parcere subiectis et debellare superbos ist einer der meistzitierten Verse aus Vergil, Aeneis VI, 847–853: Du Römer denke daran, […] die Unterworfenen zu verschonen und die Hochmütigen zu bekriegen. (https://www.lateinheft.de/vergil/vergil-aeneis-liber-sextus-vers-847-853/)

Im Emblem von Peter Isselburg (1580–1630) und Georg Rem (1561–1625) wird diese Devise mit einem Löwen veranschaulicht, der einen sich vor ihm in ›Demutsstellung‹ haltenden Hund verschont:

Parcere subjectis.

Ob schon der Löw sonst mechtig sehr/
Dennoch so begert er nicht mehr/
Das klein Hündlein bringen vmbs lebn/
Wann es sich nur ihm thut ergeben.
Der Überwundnen/ grosse Herrn/
Ghorsam zu schaden nicht begern.

Emblemata Politica. In aula magna Curiae Noribergensis depicta ; Quae sacra Virtutum suggerunt Monita Prudenter administrandi Fortiterque defendendi Rempublicam, Nürnberg 1617. – Nummer 22
> http://diglib.hab.de/drucke/uk-40/start.htm

Der Text unter dem Bild: Desinit in victos bilis generosa leonum deservire canes […]:

Es verzichtet die edle Galle der Löwen darauf, gegen unterlegene Hunde zu wüten; sie brauchen sich nur zu unterwerfen.
Die Hoheit der Könige und die Trefflichkeit der Fürsten versteht, den Flehenden unverzüglich entgegenzukommen
. (Übersetzung Th.G.)

bezieht sich auf Plinius, historia naturalis VII, xix, 48: Leoni tantum ex feris clementia in supplices. prostratis parcit – Von den wilden Tieren zeigt nur der Löwe Milde gegen Fehlende; er schont die, welche sich vor ihm niederwerfen.

Die Embleme sind (so der Buchtitel) In aula magna Curiae Norimbergensis depicta, im großen Saal des Nürnberger Rathauses gemalt, wo sie den Politikern Grundregeln für das Regieren nahelegten.

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Vorsicht: Der Ausdruck Der Wille zur Macht bei Friedrich Nietzsche meint keine politische Größe, sondern den Grundtrieb, der allen menschlichen Bemühungen zugrunde liegt.

»Jenseits von Gut und Böse«; Zweites Hauptstück: Der freie Geist, ¶ 36

[…] Gesetzt endlich, daß es gelänge, unser gesamtes Triebleben als die Ausgestaltung und Verzweigung EINER Grundform des Willens zu erklären – nämlich des Willens zur Macht, wie es mein Satz ist –; gesetzt, daß man alle organischen Funktionen auf diesen Willen zur Macht zurückführen könnte und in ihm auch die Lösung des Problems der Zeugung und Ernährung – es ist ein Problem – fände, so hätte man damit sich das Recht verschafft, alle wirkende Kraft eindeutig zu bestimmen als: Wille zur Macht. Die Welt von innen gesehen, die Welt auf ihren »intelligiblen Charakter« hin bestimmt und bezeichnet – sie wäre eben »Wille zur Macht« und nichts außerdem. –
Text im Zusammenhang hier > http://www.zeno.org/nid/20009255508

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pm Die Repräsentation herrschaftlicher Macht lässt sich von der Antike bis ins in die Neuzeit gut verfolgen. Nach und nach ist die Ausübung von Macht durch Gewaltherrschaft verschwunden. Die Demokratiebewegungen im 19. Jh waren in einigen Staaten längerfristig erfolgreich: das Volk wurde zum Souverän. Die Gewaltentrennung (Legislative; Exektive; Judikative) hilft dabei. Ebenso die Fixierung der Verfassung, mit der die staatliche Macht legitimiert, begrenzt, organisiert wird.

Der Zusammenbruch des Faschismus 1945 war ein weitere Etappe; die 68er-Bewegung und das New Public Management waren ebenfalls machtfeindlich. Auch auf andren Gebieten ist Macht und Gewalt ver-pönt, zum Beispiel in der Pädagogik.

In unserem Zusammenhang ist interessanter, dass (und seit wann und weshalb) das Vertrauen in die symbolischen / allegorischen / typologischen Repäsentationstechniken von Macht allmählich verschwanden.

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Einige Literaturhinweise:

 

Percy Ernst Schramm, Herrschaftszeichen und Staatssymbolik. Beiträge zu ihrer Geschichte vom dritten bis zum sechzehnten Jahrhundert, 3 Bde., Stuttgart 1954–1956.

Gerhard Ritter, Die Dämonie der Macht. Betrachtungen über Geschichte und Wesen des Machtproblems im politischen Denken der Neuzeit, Stuttgart: Hannsmann 1947. [5., umgearb. Aufl. des Buches "Machtstaat und Utopie"]

Elias Canetti (1905–1994), »Masse und Macht« 1960. Vgl. die Zusammenfassung > https://de.wikipedia.org/wiki/Masse_und_Macht

Hannah Arendt, On violence, NY 1970 – Macht und Gewalt, München 1970.

Dietmar Peil, Untersuchungen zur Staats- und Herrschaftsmetaphorik in literarischen Zeugnissen von der Antike bis zur Gegenwart (Münstersche Mittelalter-Schriften 50), München: Fink 1983.
> https://epub.ub.uni-muenchen.de/4904/

Karl Möseneder, Zeremoniell und monumentale Poesie. Die ›Entrée solenelle‹ Ludwigs XIV. in Paris, Gebr. Mann Verlag Berlin 1983.

Herfried Münkler, Die Visibilität der Macht und die Strategien der Machtvisualisierung, in: Gerhard Göhler (Hrsg.): Öffentlichkeit der Macht, Macht der Öffentlichkeit (im Erscheinen), Baden-Baden: Nomos 1995, S.213–230.

Wolfgang Sofsky, Traktat über die Gewalt, Frankfurt am Main: Fischer 1996.

Gerd Althoff, Die Macht der Rituale – Symbolik und Herrschaft im Mittelalter, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2003.

Heinz Krieg, Herrscherdarstellung in der Stauferzeit. Friedrich Barbarossa im Spiegel seiner Urkunden und der staufischen Geschichtsschreibung, Ostfildern: Thorbecke 2003 (Vorträge und Forschungen, Sonderband 50).
> https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/vuf-sb/article/view/18273

Michel Foucault, Analytik der Macht, Frankfurt am Main 2005 (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1759).

Philipp Stoellger (Hg.), Sprachen der Macht. Gesten der Er- und Entmächtigung in Text und Interpretation, Würzburg: Königshausen & Neumann 2008 (Interpretation Interdisziplinär Bd. 5).

Pierre Clastres (1934–1977), Archäologie der Gewalt; Transpositionen, Zürich: Diaphanes Verlag 2008.

Martin Zimmermann, Gewalt. Die dunkle Seite der Antike, München: Deutsche Verlags-Anstalt 2013.

Handbuch der politischen Ikonographie, hg. Uwe Fleckner / Martin Warnke / Hendrik Ziegler, München: Beck 2011. Darin besonders die Artikel

  • Franz Matsche, »Apotheose«
  • Uwe Fleckner, »Bildnis, theomorphes«
  • Elke Anna Werner, »Feindbild«
  • Hans-Martin Kaulbach, »Friede«
  • Wolfang Brassat, »Heroismus«
  • Isabelle Rouge-Ducos, »Imperator«
  • Ulrich Keller, »Reiterstandbild«
  • Yvonne Rickert, »Triumph«

Mehrere Artikel in: Günter Butzer / Joachim Jacob (Hgg.), Metzler Lexikon literarischer Symbole, Dritte Auflage Stuttgart: Metzler 2021. Siehe im Bedeutungsregister unter »Macht«, »Herrschaft«

Plassmann, Alheydis; Rohrschneider, Michael; Stieldorf, Andrea (Hgg.): Herrschaftsnorm und Herrschaftspraxis im Kurfürstentum Köln im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, Bonn: V&R unipress 2021. Vgl. dazu die Besprechung > https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-98085

 

Vielen Dank für Durchsicht, Ergänzungen und Übersetzung der lat. Zitate an Th.G. in W. – das ist Thomas Gehring.