»Präsenz ohne Substanz«

»Präsenz ohne Substanz« – Beiträge zur Symbolik des Spiegels

(Die Idee für diesen Titel stammt von Max Nänny).

Die Buchpublikation (2003) enthält auch andere Texte zum Thema …

Materialien zum Thema Spiegel hier

Literaturhinweise hier

Einleitender Aufsatz hier

 



Programm der 1. Tagung  (1. Juni 2000)

   
  1. Juni 2000
  ab  9:45 Uhr   Begrüssung
  10:15 Uhr

Peter Seidmann (1925–2015)

Spiegel und Grenze – Bericht über Symbol-Praxis in kulturhistorischer Perspektive
  11:15 Uhr Alexander Schwarz Spiegelbruch – Ein Versuch, das Jahr 1500 im Jahr 2000 zu finden
       
  14:30 Uhr Fabrizio Brentini Der Spiegel in der Malerei. Ausgesuchte Beispiele aus dem 15. bis 20. Jahrhundert

   15:30 Uhr

Cornelia Rizek-Pfister, Paul Michel, Michael Egerding

Ein spiegel âne vlecken, der in sich enphæhet den widerslac götlîches liechtes – (Panelgespräch über Texte aus der deutschen Mystik des Mittelalters)

 

Programm der 2. Tagung (31. August / 1. September 2001):

(Zum Betrachten der Exposés auf die Namen klicken; 

   
Freitag, 31. August 2001
  09:15 Uhr   Begrüssung durch den Präsidenten der Gesellschaft
  09:30 Uhr Cornelia Rizek Zauberspiegel in mittelalterlicher Literatur
  10:30 Uhr Burkhard Hasebrink

Ballspiele. Darstellbarkeit der Liebeseinheit im späthöfischen Erzählen

  11:30 Uhr Romy Günthart "wiltu wissen warumb so vil narren seind, frag den spiegel". Johann Geiler von Kaysersberg reflektiert
  Mittagspause
  14:30 Uhr Fritz Gutbrodt "Quam cernis, imaginis umbra est": Schatten und Spiegel. 
  15:30 Uhr Penny Paparunas Spiegelsymbolik in der viktorianischen Dichtung von Frauen 
  16:30 Uhr Max Nänny Funktionen der Figur des Chiasmus in der englischen und amerikanischen Literatur 
  Samstag, 1. September
  9:30 Uhr Ursula Renz

Lebendige Spiegel oder Spiegel des Lebendigen? Überlegungen zur Frage des Subjektverständnisses bei Nicolaus Cusanus 

  10:30 Uhr Philipp Michelus

Das Subjekt der Aufklärung und die Tragik des Spiegelblicks. – Zu Horkheimer/Adornos zentraler These [Das Referat musste ausfallen.]

  11:30 Uhr Thomas Krumm Spiegelmetapher und konstruktivistische Erkenntnistheorie 
  Mittagspause
  14:30 Uhr Heiri Mettler

Wiederholte Spiegelung … und kein Ende?
(Von Goethe bis Mani Matter) 

  15:30 Uhr Franziska Krähenbühl

Zum Spiegelbegriff in der Frühromantik und in der Dekonstruktion 

  16:30 Uhr Wolfgang Marx

Spiegelbild und Ichkonzept oder Der Blick des Anderen 

       

 


(Die mit gekennzeichneten Vorträge sind in Schriften zur Symbolforschung, Band 14 publiziert.)

 

Exposés

 

Romy Günthart

"wiltu wissen warumb so vil narren seind / frag den spiegel." – Geiler von Kaysersberg reflektiert

In den Jahren 1498/99 hielt Johann Geiler von Kaysersberg im Straßburger Münster einen Predigtzyklus über Sebastian Brants Buch "Das Narrenschiff", das vier Jahre zuvor mit grossem Erfolg erstmals gedruckt worden war. In der deutschsprachigen Fassung der Narrenschiffpredigten aus dem Jahre 1520, welche die primäre Textgrundlage dieses Beitrags bildet, werden der Predigtreihe über die einzelnen Kapitel des "Narrenschiffs" drei Homilien vorangestellt, die sich ausführlich damit auseinandersetzen, dass es sich beim Predigtanlass um einen volkssprachlichen, literarischen Text handelt, dessen Thema eine panoramaartige Präsentation aller erdenklicher Narren und Narrheiten darstellt. Für das Thema der Tagung besonders interessant ist die zweite dieser einleitenden Predigten, in der zum einen darüber gehandelt wird, dass und wie sich die literarische Vorlage in die Form einer Predigt umsetzen lässt. Zum andern wird Brants Buch, das vom Autor selber auch als "Narrenspiegel" bezeichnet wird, ebenso wie der geilersche Predigtzyklus, mit einem Spiegel verglichen, der dem Menschen seine Fehler aufzeigen und ihn damit zur Veränderung des makelhaften Zustandes führen soll. Johann Geiler von Kasersberg reflektiert in seinen Predigten Brants "Narrenschiff", reflektiert über diese Reflexion, entwickelt und benutzt den Spiegel als Metapher, die er auf verschiedenen Inhalts- und Reflexionsebenen neu und anderes gestaltet, immer mit dem einen Ziel, den Menschen zur Selbstreflexion und damit zur Erkenntnis seiner Fehler zu bewegen. Die verschiedenen Brechungen und Spiegelungen in den gedruckten "Narrenschiff-predigten" aufzuzeigen und zu interpretieren, soll Ziel dieses Beitrags sein

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Fritz Gutbrodt

"Quam cernis, imaginis umbra est": Schatten und Spiegel.

Ovids Erzählung von Narziss erzählt auf den ersten Blick die Geschichte einer Spiegelung. Allerdings sind bei ihm Spiegelbild und Schatten nicht deutlich voneinander zu unterscheiden. "Ista repercussae, quam cernis, imaginis umbra est": "Was du siehst, ist nur Schatten, nur Spiegelbild." Plato hat in seinem Höhlengleichnis den Schatten und das Echo als erste und stärkste Formen der Täuschung vorgestellt, die sich dem Menschen auf seinem Weg zur Erkenntnis der Wirklichkeit in den Weg stellen. Sollten die Menschen aus der Höhle ans Tageslicht gelangen, so würden sie zunächst - wie Plato ausführt - die Schatten sehen können, dann die Spiegelbilder der Menschen und Dinge im Wasser und erst allmählich die Menschen und Dinge selbst. Ganz am Schluss - und kaum ist es zu denken - würden ihre Augen die Sonne und ihr unvermitteltes Licht aushalten. Platos Warnung der Blinden vor der Blendung hat eine Stufenleiter der visuellen Wahrnehmung vorgezeichnet, in der das Spiegelbild eine Mittelposition einnimmt zwischen dem leeren Nichts des Schattens und der vollen Präsenz der Dinge. Die Reflektion und die Reflexion sind seither - und besonders seit der Aufklärung - zur Herrschaftsmetaphern der Wissenschaft geworden. Zu "privileged representations", wie Richard Rorty sie in Philosophy and the Mirror of Nature nennt. Dagegen gilt es mit Victor Stoichita zu erinnern, dass die Kunst ihren Ursprung gemäss Plinius im Schattenriss hat. Gemäss einer späteren Erzählung soll ein Mädchen den Schatten ihres Geliebten auf einer Wand festgehalten haben. Nicht das Spiegelbild, sondern der Schatten würde somit den mythischen Ursprung der Kunst entworfen haben. Wie im Mythos von Echo und Narziss ist es eine Geschichte von Liebe und Entbehrung. Nach einer Einführung zur philosophischen Fragestellung wird der Vortrag sich mit der romantischen Phantasie des Doppelgängers auseinandersetzen, in der Spiegel und Schatten als Doppelgänger einer Präsenz ohne Substanz auftreten.

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Burkhard Hasebrink

BALLSPIELE. Darstellbarkeit der Liebeseinheit im späthöfischen Erzählen

In der Nachfolge des Tristanromans stellen auch die späthöfischen 'Aventiure- und Minneromane' die Einheit der Liebenden in den Mittelpunkt ihrer Minnekonstruktionen. Doch wie 'Einheit' stets ihr Gegenteil mitzuführen scheint, geht es auch in der Darstellung der Liebeseinheit um eine Relation. 'Spiegelung' wäre nur eine Metapher für diese Relation; und auch diese Metapher will in einem Roman erst einmal erzählerisch umgesetzt sein. Ob man dabei auf eine 'Substanz' stößt, wird sich finden; sicher aber auf Formen der Textorganisation, die 'Liebeseinheit' nicht nur darstellen, sondern deren immanente Dynamik performativ umsetzen. Nicht zuletzt wäre zu überlegen, ob man dabei nicht Fragen (und Formeln) begegnet, wie sie außerhalb geistlicher unio-Modelle kaum erwartet worden wären.

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Franziska Krähenbühl

Präsenz ohne Substanz? Eine Untersuchung des Spiegelsymbols in der Frühromantik unter Bezugnahme auf Jacques Derridas différance.

In den Fichte-Studien von 1795/96 entwickelt Novalis die sogenannte Ordo-inversus-Lehre, wobei er sich auf die ursprüngliche Wortbedeutung von "Reflexion" besinnt. Diese bedeutet Spiegelung, d. h. Zurückwerfen von Licht und anderen Wellen an einer Körperoberfläche. Der Spiegel wird in der Frühromantik zu einem Schlüsselbegriff, da er ein Symbol für die intellektuelle Selbstbetrachtung, welche Friedrich Schlegel im 238. Athenäumsfragment "schöne Selbstbespiegelung" nennt, darstellt.
Die Spiegelung teilt zwei wesentliche Eigenschaften mit dem selbstreflexiven Denken. Betrachtet sich ein Ich im Spiegel, tritt eine Trennung zwischen dem betrachtenden Ich und dem betrachteten Ich ein. Zudem erscheint das gespiegelte Ich im Spiegel seitenverkehrt, da Rechts als Links und Links als Rechts reflektiert wird.
Wie in der Spiegelung spalten sich auch in der intellektuellen Selbstreflexion Subjekt und Objekt oder Betrachtendes und Betrachtetes, da Bewusstsein immer Bewusstsein von etwas ist und somit eine Dualität impliziert. Aus diesem Grund ist absolute Identität reflexiv nicht erfassbar. Die Unangemessenheit der Reflexion gegenüber der Darstellung des Absoluten kann durch einen bewussten Umgang mit dieser Verfehlung relativiert werden. Dies ist der Kern der Ordo-inversus-Lehre. Analog zur Seitenverkehrung des Gespiegelten im Spiegel ist die intellektuelle Reflexion des Absoluten "verkehrt". Diese Verkehrung kann nach Novalis nur durch eine zweite Reflexion korrigiert werden, indem die Reflexion sich selbst reflektiert. Analog zu dieser Reflexion der Reflexion kann auch das verkehrte Spiegelbild durch eine Spiegelung des Spiegelbildes wieder aufgehoben werden. Friedrich Schlegel begnügt sich im 116. Athenäumsfragment allerdings nicht mit einer doppelten Reflexion. Er steigert die Spiegelung ins Unendliche, da er "diese Reflexion immer wieder potenzieren und wie in einer endlosen Reihe von Spiegeln vervielfachen" will.
Der Gedankengang entlang des Spiegelsymbols führt von der Ontologie zur frühromantischen Sprach- und Kunsttheorie, denn der Spiegel als darstellendes Medium kann auch für die Sprache stehen. Doch die Sprache ist nach Auffassung der Frühromantiker nicht die "verkehrte" Darstellung des unfassbaren Absoluten, da es ausserhalb der Sprache kein Absolutes gibt. "Geist und Buchstabe", Stoff und Form oder, um mit Saussure zu reden, Signifikat und Signifikant sind untrennbar miteinander verbunden. Die Auffassung von Spiegelung der Ordo-inversus-Lehre muss also modifiziert werden.
Wie ist also das Spiegelsymbol in der frühromantischen Sprachtheorie zu verstehen? Welche Bezüge ergeben sich zu Derridas Konzept der différance? Ist der Spiegel letztlich gar als "Substanz ohne Präsenz" zu denken, da nach Derrida in der Sprache vielmehr die Präsenz als die Substanz verloren zu gehen scheint?

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Thomas Krumm

Spiegelmetapher und konstruktivistische Erkenntnistheorie

In unserer Argumentation soll aufgezeigt werden, daß das Spiegelsymbol keineswegs zwingend eine Korrespondenztheorie der Erkenntnis impliziert, sondern durchaus auch mit sog. konstruktivistischen Erkenntnistheorien kompatibel ist. Der Erkenntnisbegriff einer Abbildtheorie impliziert die Vorstellung, die Welt, die es zu erkennen gilt, liege für das erkennende Subjekt schon fertig vor, sie müsse nur noch wahrgenommen bzw. durch das Bewußtsein spiegelbildlich abgebildet werden. Sprechakttheoretisch geht es diesem Projekt um die Bedingungen der Möglichkeit der Formulierung wahrer, d.h. mit der Realität in spiegelbildlicher Übereinstimmung stehender Aussagen. Solche objektivistischen Vorstellungen sind in letzter Zeit vermehrt durch hermeneutisch, pragmatisch und konstruktivistisch arbeitende Autoren hinterfragt worden. Konstruktivistische Autoren stellen auf die Einsicht ab, daß das erkennende Wesen oder System nur dann über Wissen verfügt, wenn es dieses über eigene Operationen selbst hergestellt hat. Wissen bzw. Erkenntnnis ist für sie quasi Resultat selbstreferenzieller Beobachtungen. Nimmt man diese Perspektivität des Blicks ernst, können korrespondenztheoretische Erwartungen verabschiedet werden und gleichzeitig kann die Frage nach der erkenntnistheoretischen Funktion des Spiegels neu gestellt werden. Die Funktion des Spiegels scheint in der Brechung des Blickes zu liegen, die zugleich Sichtbares verdeckt und Unsichtbares sichtbar macht. Die Funktion des Spiegels liegt, so können wir schließen, in der Ermöglichung der Beobachtung des Unbeobachtbaren.

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Wolfgang Marx

SPIEGELBILD UND ICH-KONZEPT oder DER BLICK DES ANDEREN

Der entscheidende Durchbruch für die Entwicklung des Ichs beginnt, wenn das Kind imstande ist, sich selber im Spiegel zu erkennen. Von diesem Zeitpunkt ab wird das Kind fähig zur Empathie, zur emotionalen Perspektivenübernahme, und es setzt der Antagonismus von Scham und Schuld ein, der den Menschen zu einem sozialen und auch sozial akzeptablen Wesen machen soll. Ursprung der Scham ist der Blick des anderen, der mich zu einem Objekt macht, das taxiert, bewertet, gar abgewertet wird. Scham kann abgewehrt werden, aber auch entarten ("Ehre"). Das Schuldgefühl entspringt der Empathie für das Leid der anderen und soll eine spontane Bereitschaft zur Hilfestellung auslösen. Der Antagonismus dieser beiden Gefühle soll zu einer optimalen Ausbildung der Ich-Grenze führen: Scham soll vor zu grosser Öffnung und Schwächung bewahren, Schuld vor allzu grosser Verhärtung und Abschliessung. In diesem Wechselspiel soll das Kind zu einem eigenständigen und zugleich doch auch sozialen Wesen werden. Die Soziabilität ist keine Frage der Vernunft, sondern wesentlich eine des Gefühls ("Descartes' Irrtum"). Die Assoziation des Schuldgefühls mit Regelverstössen ist nicht naturgegeben, sondern Ergebnis einer konsequenten Konditionierung, die das Faktum ausnutzt dass Verhaltenskontrolle effektiver an Schuld als an Scham geknüpft werden kann. Abschliessend soll noch diskutiert werden, was der Verlust bzw. Verkauf des Spiegelbildes in psychologischer Sicht bedeutet.

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Heiri Mettler

Wiederholte Spiegelung ... und kein Ende? (Von Goethe bis Mani Matter)

Präsenz ohne Substanz. Die Definition des Spiegelbilds wird im Falle wiederholter Spiegelungen noch verwunderlicher. Weder im Spiegel noch mit ihm greife ich nach nach einem Etwas, das sich in ihm spiegelt, oder nach einem Jemand. Auch unterlasse ich es, auf dem Spiegel wie auf einer Leinwand nach einem Farbauftrag zu suchen.
In Geradehineinstellung von mir weg auf Körperliches ausser mir gerichtet, erfährt diese meine Intention mit der Spiegelung eine Brechung, eine radikale Hemmung, ja Unterbrechung. Ich werde mich und was mit mir zusammen neben und hinter mir ist, nicht los. Komme ich dabei einfach auf mich und meinen Hintergrund zurück, statt aus mir herauszugehen, auf andere und anderes hin? Die Gewohnheit des Autofahrens mit dem Blick durch die Frontscheibe in Fahrtrichtung einerseits und anderseits in der Gegenrichtung auf den Rückspiegel scheint ein einfaches Hin und Zurück nahezulegen.
Indem ich es mir vorstelle, räumlich vor mich hin stelle und diese Vorstellung umzukehren und lediglich zurückzubuchstabieren versuche, verstelle ich mir von vornherein als eine Angelegenheit innerhalb eines fix vorgegebenen Raumes, als eine Verschiebung auf dem selben Geleise vorwärts und rückwärts, was es heisst, aus mir heraus und in mich gehen zu können.
Goethe nennt die Spiegelung, insbesondere die Farberscheinung wiederholter Spiegelung innerhalb durchsichtiger Körper Symbol. Der Spiegel, der den Blick im Gegensatz zur Frontscheibe des Autos nicht durchlässt, diese manifeste General- und Radikalhemmung der Blickrichtung, der auf anderes und andere gerichteten Gerade- hineinstellung, die den Blickstrahl ineins mit dem Lichtstrahl aufhält und zurückzwingt, die Intention bricht und dabei nicht etwa schwächt, sondern zur Reflexion bringt, macht darauf aufmerksam, was das heissen könnte: aus sich heraus und in sich gehen, sich draussen beeindrucken lassen und dies sich selbst und andern wiederum zum Aus-druck, zur Sprache bringen und so mündlich und erst recht schriftlich ein Zeichen setzen, dass man sich fortan mit andern zusammen daran erinnern kann.
Erst die wiederholte Spiegelung zeigt, was Spiegelung sein könnte, seis mit Goethe die in der entoptischen Intensivierung der Farberscheinung erkannte Steigerung der ursprünglichen Wahr-Nehmung durch eigene Er-Innerung, verstärkt durch die Erinnerung anderer, seis mit Mani Matters berndeutschem Chanson "Bim Coiffeur" "es metaphysischs Grusle", der Abgrund des Selbstverlusts, der Endlosigkeit, dem sich nur ein Ende setzen lässt, indem man/frau fluchtartig den Salon verlässt.

  Heinrich Mettler (1939–2014)
Heinrich Mettler doktorierte 1968; 1976 habilitierte er sich an der Universität Zürich; von 1978 – 1994 war er als Gymnasiallehrer und Privatdozent tätig. Während dreier Jahrzehnte verband er die Lehrtätigkeit am Gymnasium mit jener an der Universität. Er veröffentlichte (zusammen mit seinem Kollegen Heinz Lippuner) mehrere Publikationen, in denen ein Zusammenwirken von Forschung, Lehre und Unterricht angeregt wurde. Legendär waren die Seminare, die von Studenten und Gymnasiallehrkräften mit Gewinn besucht wurden.
Aus seinen Interessensgebieten seien exemplarisch herausgegriffen die Disputationskultur bei Lessing (vgl. seine Studie »Lessings unabdingbares Bedürfnis, mit Freunden zu disputieren« 1985) und Schillers »Wilhelm Tell«, insbesondere die Wirkkraft der Identifikationsfigur Tell. Er war aber nicht nur ein profund ausgebildeter Germanist, sondern beschlagen in der Antike und in der italienische Renaissance. Er ging dem Einfluss der Psychoanalyse auf die moderne Literatur nach und umgekehrt den literarischen Wurzeln der Psychoanalyse.
Heiri Mettler hat regelmäßig an unseren Kolloquien teilgenommen; seine horizont-erweiternden Voten in den Diskussionen werden wir sehr vermissen.

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Philipp Michelus

Das Subjekt der Aufklärung und die Tragik des Spiegelblicks. – Zu Horkheimer/Adornos zentraler These

Einzelne philosophische Zeitschriften sind soweit, dass sie nicht mehr über den "Tod des Subjekts" selbst, sondern über Sinn und Unsinn einer Wandlung dieses Begriffs zum Schlagwort philosophieren; das Taschentuch zum Abschied vom Subjekt der cartesisch-kantischen Tradition flattert etwas müde im Wind - und jetzt kommt einer daher, der seine Stockflecken wieder aufbessern will? Die prägnanten Formulierungen einzelner Fragmente der Dialektik der Aufklärung sollen in diesem Beitrag wieder entschlüsselt werden, die geheimnisvolle Rede von einer Vernunft, deren Emanzipation von Natur sich in Abhängigkeit von naturbeherrschenden Mächten wandelt, die selbst naturwüchsige Gestalt annehmen, soll wieder nachvollzogen werden - allerdings nicht allein begrifflich argumentativ, sondern auch im Versuch, einige literarische Aufklärungssubjekte bei ihren Spiegelblicken zu beobachten. Der Spiegel als Interpretationsmetapher für einzelne Thesen der Dialektik der Aufklärung? Ja, so ähnlich. Und vielleicht wird es sogar möglich sein, einen Spiegelblick für jenes Subjekt zu konstruieren, das als ein mit der Natur Versöhntes im Sinne Horkheimers und Adornos der Tragik des aufgeklärten Subjekts entgehen soll? Das Schlimmste was dabei herauskommen kann: (m)eine Präsenz ohne Substanz.

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Max Nänny (1932–2006)

Sprachliche Spiegelungen von Spiegelungen

Spiegelungen als Motiv in Mythos und Literatur (Narziss, Eva) werden fast ausschliesslich thematisch oder komparatistisch angegangen. Mein Vortrag ist nun als Beitrag zur ikonischen (im semiotischen Sinne) Erforschung literarischer Texte gedacht. "Ikonische" Erforschung heisst hier, dass speziell auf die Beziehung von Inhalt und Form geachtet wird. Nach einer kurzen Einführung zu möglichen ikonischen Funktionen der rhetorischen Figur des Chiasmus (1-2-3 : 3-2-1) werde ich anhand einiger Beispiele aus der englischen und amerikanischen Literatur seit der Renaissance zu zeigen versuchen, wie in Prosa- sowie Gedichtpassagen, in denen es um eine Spiegelung geht, diese Passagen selbst einer formalen Spiegelung unterworfen werden, indem sie chiastisch strukturiert werden. Textbeispiele von folgenden Autoren sind vorgesehen: Shakespeare, Milton, Addison, Keats, Coleridge, Wordsworth, Joyce und Woolf.

 

Thomas Hermann, Erinnerungen an Max Nänny, in: Andreas Fischer, Es begann mit Scott und Shakespeare. Eine Geschichte der Anglistik an der Universtität Zürich, Zürich: Chronos 2016, S.180–182.

Die University of Pennsylvania verleiht einen »Max Nänny Prize for best article in Word and Image Studies «

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Ursula Renz

Lebendige Spiegel oder Spiegel des Lebendigen? Überlegungen zur Frage des Subjektverständnisses bei Cusanus im Ausgang von seinem Umgang mit der Spiegelsymbolik

Wer sich mit Nicolaus von Kues befasst, ist bald einmal mit vielen Mutmassungen über den philosophischen Ort seines Denkens im Übergang zur Neuzeit konfrontiert. Cusanus wird gern als einer der Väter neuzeitlichen Denkens in Anspruch genommen. Von besonderem Interesse ist dabei die These, dass sich in den cusanischen Denkfiguren ein neues Verständnis menschlicher Subjektivität anzeige. In meinem Vortrag möchte ich diese These anhand von Cusanus Umgang mit der Spiegelsymbolik diskutieren. Thematisiert Cusanus durch seine Verwendung des Spiegels als eines der vielen Bild-Modelle seines Denkens tatsächlich Aspekte der Subjektskonstitution? Und wenn ja - wodurch wird dann bei Cusanus Subjektivität konstituiert?

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Cornelia Rizek-Pfister

Zauberspiegel in mittelalterlicher Literatur

Präsenz ohne Substanz lässt sich durchaus auch ohne Spiegel denken; Schatten, Geistererscheinungen, Hologramme ... - Doch um ein Hologramm, also ein dreidimensionales Bild in der Luft, zu erzeugen, werden (unsichtbare) Spiegel benötigt; und raffinierte Spiegel-Anordnungen lassen scheinbar Geister erscheinen. Und um Gottesvorstellungen zu visualisieren, erfreute sich das Bild der gespiegelten Sonne grosser Beliebtheit. Der Spiegel ist kein Ding wie jedes andere, besonders wenn es um Geheimnisvoll-Göttliches oder um Zauberei geht. Spiegelungen sind das Mittel par excellence, um verformte, verzauberte Bilder zu schaffen. Sie sind ein wunderbares Werkzeug der Manipulation.
Zauberspiegel finden sich u.a. in Texten von Wolfram von Eschenbach, Heinrich von Veldeke und Paracelsus; es gibt Spiegel ganz unterschiedlicher Ausrichtung und Machart. Mich interessiert allerdings jeweils besonders die Bedeutung und Funktion einer Spiegel-Erwähnung sowie deren Einbettung in den Gesamttext. Spiegel wurden sehr häufig im Zusammenhang mit dem Spannungsfeld Wahrheit / Täuschung gesehen; gibt es Hinweise, dass der Text selbst an dieser Stelle täuscht? Könnte man ihn als zweideutig lesen? Wird das Zauberhafte des Spiegels als Taschenspieler-Trick, als Wunder der Natur oder als Sichtbarmachung und Präsenz geisterhafter, dämonischer oder göttlicher Mächte verstanden? Welche Hinweise gibt der Text auf solche Deutungen? Gibt der Text Hinweise darauf, dass und wie das Spiegelbild gedeutet wird?

Das Referat wurde eingearbeitet in den einleitenden Aufsatz des Buchs.

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Penny Paparunas

Trouble with the "I / Eye": Mirrors in Victorian Women Poetry

Victorian women poets have received - apart from the canonical 'big three', Elizabeth Barrett Browning, Christina Rossetti and the American Emily Dickinson (and to a lesser extent perhaps Emily Bronte) - little critical attention in the past. Its is only with the recent publications of the anthologies by Leighton / Reynolds (1995) and by Armstrong / Bristow / Sharrock (1996) that so-called 'minor Victorian women poets' such as Augusta Webster, Mary Coleridge, Constance Naden or Michael Field have reached a wider audience.
Three recurring and related images within Victorian women poetry - the mask, the picture and the mirror - point to the obstacles women encountered in establishing and identifying themselves as poets in a society which on the one hand labelled them as sentimental, 'writing from the heart' and which on the other hand was surprised at their mere existence. The mirror image prevails in the second half of the century. It seems as if the woman wants to free herself from the implicit Pygmalion-like, male observer / voyeur / artist who represents her "not as she is, but as she fills his dream" (Rossetti). In occupying the male's position, the woman can watch herself in the mirror and thus arises as both subject and (reflected) object. The looking-glass can take various forms, it comes to us as the conventional requisite in a woman's private room but it can also take, for example, the shape of a small cup or the eye; all of them thus constitute 'outward mirrors'. Mirrors can also appear as visual self-images created by the woman, that is, reflections which are not the origin of an outward, identifiable object; we may hence speak of 'inward, non-identifiable mirrors'.
The mirror serves to unite the divided I, subject and object, and this meeting may end in a reassertion of identity or in a trauma-like experience - a reflection which is unsettling, horrifying and uncanny. The various and often strange self-encounters Victorian women poets depict in their poetry indicate the deep-rooted split in the female self. This paper will draw attention to how women attempt to overcome this split which the Victorian age has fragmented or suppressed. At stake then is, whether the female gaze can return or overcome the determining male gaze (which turns women into an icon) and whether women can ultimately articulate their presence. This paper will particularly focus on these 'minor Victorian women poets' and terminology drawn from gender and psychoanalytic theory will be used.

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Das Spiegelkabinett

Materialien in bunter Folge

 

Plinius d. Ä. (23/24 – 79), naturalis historia XXXIII, xlv, 128–130:

Merkwürdig ist die Eigenschaft der Spiegel, die Bilder wieder zu geben, was unbezweifelt von der zurückprallenden und wieder ins Auge gelangenden Luft herrührt.
     Aus demselben Grunde vergrössern Spiegel, welche erhaben und vertieft polirt sind, das Bild ins Unendliche. So viel kommt darauf an, ob der Spiegel die anprallende Luft zurückstösst oder aufnimmt! Selbst Trinkbechern ertheilt man diese Eigenschaft dadurch, dass man gleichsam viele Spiegelflächen darin anbringt; sieht nun Jemand hinein, so nimmt er eine Menge Bilder wahr.
    Man macht auch Spiegel, wie z. B. die in einem Tempel zu Smyrna befindlichen, worin wunderliche Gestalten zum Vorschein kommen. Die Ursache hievon liegt in der Gestalt des Spiegels, denn es kommt sehr viel darauf an, ob sie concav wie ein Becher oder wie ein thraecidischer Schild, in der Mitte vertieft oder erhöhet, schräg oder schief, liegend oder aufrecht sind, denn nach der Beschaffenheit der auffangenden Fläche werden die Schatten zurückgeworfen. Das Bild ist nämlich nichts anderes, als die Repräsentation des von der klaren Fläche aufgenommenen Schattens.
    Um endlich alles auf die Spiegel bezügliche hier zusammen zu fassen, so füge ich hinzu, dass bei unsern Vorfahren die brundisischen, aus einer Legirung von Kupfer und Zinn dargestellten die besten waren. Die silbernen sind vortrefflich; die ersten machte Pasiteles zur Zeit des grossen Pompejus. Seit Kurzem ist man der Meinung, das Bild falle richtiger aus, wenn die Rückseite des Spiegels mit Gold überzogen sei. 

Plinius, Die Naturgeschichte. Ins Deutsche übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Georg Christoph Wittstein, Gressner & Schramm, Leipzig 1881–1882.

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Katoptrik, hier aus der »Magia Naturalis« des Giambattista Della Porta (1535–1615):

Von allerhand Brand- und andern Spiegeln/ und was man damit vor wunderliche Sachen vorstellen kan.

Joh. Baptistæ Portae Nobilis Neapolis Magia Naturalis, Oder: Hauß-, Kunst- und Wunder-Buch, nach dem vermehrten in 20 Büchern bestehenden lateinischen Exemplar ins Hochdeutsche übersetzt . […] Mit dem Zweyten Theil von neuen vermehret. Erster Theil, Die Zweyte Auflage, verbessert, Nürnberg, 1715 . Das siebenzehende Buch, S. 940–994. Vgl. > http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10927356_0...

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Emblem XCII:
[Motto] MONSTRATUR IN UNDIS [Sie zeigt sich im Wasser] — Cognoissance reflexeSo kann man sie besser sehen
[Übers. des  frz. Epigramms]
Der unsichtbare Gott kehrt ein in unser Augen
nur in der Widerspiegelung seiner sichtbaren Werke,
nur in ihr sind seine Geheimnisse begreiflich,
die er aufs sinnreichste verbirgt. 

Julius Wilhelm Zincgref, Emblematum ethico-politicorum centuria Julii Guilielmi Zincgrefii, [Frankfurt am Main]: de Bry 1619. — [Kupferstecher: Matthaeus Merian der Ältere] Faksimile der Ausgabe Heidelberg 1664 u.d.T. »Hundert ethisch-politische Embleme«, hg. Arthur Henkel / Wolfgang Wiemann, Heidelberg: Winter 1986 (Band 2: Übersetzungen [nicht aller Texte] und Kommentare) Digitalisat > http://diglib.hab.de/drucke/li-10083/00205.jpg

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Johann Arndt, »Vier Bücher vom Wahren Christentumb« [1605/09, 1612 zu 6 Büchern erweitert; viele Neuauflagen]; die Embleme zuerst in der Ausgabe Riga 1678/79.

Bild hier aus: Des hoch-erleuchteten Theologi, Herrn Johann Arndts, ... Samtliche Sechs Geistreiche Bücher Vom Wahren Christenthum. Das ist: Von heylsamer Busse, hertzlicher Reue über die Sünde, wahren Glauben, auch heiligen Leben und Wandel der rechten wahren Christen. Neue Auflag mit Kupferen, Samt Richtigen Anmerckungen, kräfftigen Gebätteren über alle Capitel, und einem sechsfachen Register, Zürich, in Bürcklischer Truckerey getruckt 1746.

[Erstes Buch, 1. Kap.] Hier ist ein heller Spiegel auf einem Tisch, in welchem sich die Sonne helle spiegelt; Also spiegelt sich auch in einer gläubigen Seele die Klarheit des HErrn oder das Bild GOttes mit aufgedecktem Angesicht

2 Corinth. Cap. 3. v. 18. Es spiegelt sich in uns allen des HErrn Klarheit mit aufgedecktem Angesicht, und wir werden verkläret in dasselbige Bilde von einer Klarheit zu der andern.

So spiegelt sich das Leben wirckend Licht
   In einer Laster-freyen Seelen,
      Darinn man keine Hölen
Noch Höcker spürt, mit offnem Angesicht.
      Der ganz vollkommne Schönheits-Blick,
Gebildet ab im Willen und Verstande,
     Prellt Winckel-recht in GOtt zurück
Und hängt an Ihm durch gar verborgne Bande.
      Der Schöpffer stehet und beschauet sich,
O Mensch, in dir mit solchem Wohlgefallen,
Daß ihm Gemüth und Sinn vor heisser Liebe wallen;
     Er zielt mit aller seiner Huld auf dich,
        Läst seiner Güte Strahlen schiessen
Bis in dein Innerstes, und giebt sich dir
             Mit sehnlicher Begier
             Zu schmecken und geniessen.
     O höchstes Gut! O wahre Seligkeit!
          O stete Ruh! O lautre Freuden!
     Von welchen uns des Teufels Neid
          Und unsre Sünden scheiden!
Doch Christus hat es alles wiederbracht,
   Und, was der Feind und Sünden Fall vernichtet,
(Indem ihn GOtt für uns zur Sünde hat gemacht,)
      Erneurt und wieder aufgerichtet. 

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Das Bild zeigt eine Meeresoberfläche bei bewegtem Seegang und darüber eine Sonne, die sich in jeder einzelnen Welle spiegelt; das Motto lautet OMNIS AB UNO; und das Epigramm formuliert: Von einer Schönheit kömt | was Schönes sich hier spiegelt.

Johann Albert Fabricius (1668–1736), Hydrotheologie Oder Versuch, durch aufmerksame Betrachtung der Eigenschaften, reichen Austheilung und Bewegung der Wasser, die Menschen zur Liebe und Bewunderung Ihres ... Gütigsten, Weisesten, Mächtigsten Schöpfers zu ermuntern ... : Nebst einem Verzeichniß von alten und neuen See- und Wasser-Rechten ... Hamburg: König & Richter 1734. (Titelkupfer)

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Barthold Hinrich Brockes (1680–1747) widmet dem Gedanken, die Kreatur sei ein Spiegel des Schöpfers, ein Gedicht im »Irdischen Vergnügen in Gott« (V [1736], 165–167); hier ein Ausschnitt:

Sind die erschaffnen Creaturen, wenn man’s erweget, anders was
Als ein des Schöpfers wahres Wesen vor Augen stellend Spiegel-Glas?
In welchem, durch die, zu dem Zweck allein, erschaffne Sonnen-Strahlen,
Sich Weisheit, Lieb’ und Macht uns allen überzeuglich mahlen,
Und, durch die Sinnen, unsren Seelen empfindlich vorgestellet werden? …
Die Seel’ erblicket von der GOttheit, in der Geschöpfe Wunder Pracht
Ein gleichsam dreyfach-einigs Wesen, in seiner Weisheit, Liebe, Macht.
Erfordert es denn wenigstens vernünft’ger Menschen Seelen-Pflicht,
In seines namens Preis’ und Ruhme, Lob, Herrlichkeit und Ehre, nicht,
Daß unsre Seel’ ie mehr und mehr sich durch Betrachtung angewehn’,
Im schönen Creaturen-Spiegel die wahre GOttheit anzusehen? …

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Otto van Veen (1556–1629): Amoris divini emblemata 1615:

De spiegel vergroot het licht uit dat hij van de zon opneemt en ontvangt; op dezelfde manier en met een volkomen overeenkomstige uitwerking voedt onze ziel zo gelovig de vlammen die haar God haar geeft, dat ze andere zielen warmte geeft en ze met hetzelfde vuur hartstochtelijk liefheeft.

Le miroir accroist la lumiere
Qu’il prend & reçoit du soleil,
Nostre ame en la mesme maniere,
Et par vn effect tout pareil,
Nourrit si sainctement les flammes,
Que luy communique son Dieu;
Qu’elle eschauffe des autres ames,
Et les esprend au mesme feu.

Das Engelchen mit dem Strahlennimbus ist Amor divinus; das Engelchen, das den Spiegel hält, ist die Anima. (Genau genommen sollte es  ein Brennspiegel sein.)

Amoris divini emblemata, Studio et ære Othonis Væni concinnata, Antwerpen: Plantin 1660.
> https://archive.org/stream/amorisdiuiniembl00veen_0#page/40/mode/2up
> http://emblems.let.uu.nl/v161517.html

Motti:

Ignem veni immittere in terram –  Ich bin gekommen,ein Feuer anzuzünden auf Erden (Lukas 12,49) 

Solis inardescit radiis, longeque refulget (Aeneis VIII, 623: das Schwert des Aeneas gleicht einer Wolke, die von der Sonne erglüht, weithin leuchtet)

Die emblematische Predigt ist dem hl. Ignatius von Loyola gewidmet. Er hat mit dem göttlichen Feuer die erkalteten und erloschenen Seelen wieder angezündet. Der archimedische Hohlspiegel regte Feuersbrünste an.* Ähnlich hat der überaus klare (limpidissimus) Geist des Ignatius die göttlichen Strahlen tief in sich versammelt und mit seiner glühenden Rede (ignito suo eloquio) den ganzen Erdkreis angezündet.

*) Die Geschichte, Archimedes habe die feindliche römische Flotte vor Syrakus (214–212 v. Chr.) mittels eines Brennspiegels angezündet, beruht im Kern auf einer kurzen Stelle bei Galen (130–200), »De temperamentis«.

[Heinrich Engelgrave, S.J. (1610–1670)], Lucis Euangelicæ sub velum sacrorum emblematum reconditæ, Pars tertia. Hoc Est Caeleste Pantheon, Sive Caelum Novum, In Festa Et Gesta Sanctorum Totius Anni, Selecta Historia, et Morali Doctrina Varie Illustrum  per R.R. Henricum Engelgrave S.J., Pars posterior, Coloniae Agrippinae: Busaeus 1659. S. 72–116.

 

Text aus der deutschen Ausgabe 1655: Die Sonne wirft jhre Stralen in einem außgehölten glaß/ vnd solche schlagen gantz fewrig wider zurück […] welches dan bedeutet/ daß auß der guten oder bosen zuneigung der bedienten fridd oder krieg entstehe; sehr gefählich ist das widerhallen der geboht/ welche sie empfangen. Wan sie ein gantz ebenes/ klares/ reines Christallenes gemüth hetten/ so würden sie eben mit solcher reinigkeit die befehl von sich geben/ wie sie solche empfangen/ ja auch wol reiner; wo aber solches von Staal ist/ so werden sie die gantze Weldt in kriegsbrandt stecken. … 

Bild aus: Idea principis christiano-politici, centum symbolis expressa a Didaco Saavedra Faxardo  hier aus der Ausgabe Brüssel 1649. Emblem Nr.LXXVI > http://www.fondiantichi.unimo.it/fa/emblem01/saav076.html

Archimedes-Emblem im Pfarrhaus von St. Jost in Blatten (Kanton Luzern), erbaut 1654-57; auf der Website von Dieter Bitterli

> http://www.emblemata.ch/emblemata.ch/Objects_%26_Emblems/Pages/Blatten_%...

Daniel Casper von Lohenstein (1635–1683), »Die Augen«: Last Archimeden viel von seinen Spiegeln sagen … (Sonett, 1680)

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In Parvo Totus

Das grosse Sonnen-Liecht
   Mit ihrer runden Scheiben/
In ein klein Spiegel sich
   thut völlig einverleiben;
Deß Spiegels Gleichheit thut
   MARIA auch besteiffen/
[bestätigen]
Der Spiegel d’Sonn in sich/
   Sie thut GOtt selbst begreiffen.

Abraham [a Sancta Clara], Stern, So auß Jacob aufgangen Maria: Deren Heilige Lauretanische Litaney mit so viel Sinn-Bilderen, als Titulen, Mit so viel Lobsprüchen, als Buchstaben in jedem Titul seynd, Vermehrt und geziehret worden, [o.O.] 1686.
> https://books.google.ch/books?id=Rvw-AAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_...

Mater inviolata

Das Bild stellt für die Sonn in der Jungfrau, das ist Christum, die Sonn der Gerechtigkeit; dardurch aber wird angedeutet, daß, gleichwie der Glanz aus der Sonn geht ohne Verletzung der Sonn, also seye Christus das Liecht u. Glanz der Welt aus Maria gebohren worden ohne Verletzung ihrer Jungfrauschafft. Es steht geschrieben: Der Gerechte wird in die Welt kommen wie der Glantz, wohl gemerckt: nit wie das Feuer, so verbrennt und verzehret, sondern wie der Glanz so noch schöner machet; also hat Christus durch seine Geburt die Jungfrauschafft Mariæ nit verletzt, sondern gezieret.

Weiters, gleichwie die Sonn die Strahlen auf einen Spiegel würfft, oder Brenn-Glaß, und von dortaus ein Liecht anzündet ohne Verletzung des Spiegels, also hat der Heil. Geist auf Mariam den Spiegel der Reinigkeit die Gnaden Strahlen der Uberschattung geworffen, und durch disen Spiegel Christum das Liecht der Welt angezunden, ohne daß der Spiegel verletzt worden, will sagen, ohne daß Mariæ Jungfrauschafft befleckt worden; und dises billich, weilen nach Zeugnuß Augustini Christus kommen ist, das Verderbte gut zu machen, nit das Gute zu schwächen.

Der vom Engel gehaltene Spiegel (in dem sich Maria nicht anschaut, sondern der ein Symbol für sie ist) ist angeschrieben mit Speculum sine macula Sap. 7 (Spiegel ohne Makel, Weisheit 7,26)

Franciscus Xaverius Dornn, Lauretanische Litaney, So Zu Lob, und Ehr Der Ohne Mackel empfangenen, Von aller Sünd befreyten, unbefleckten Jungfrauen, und Glorwürdigsten Himmels-Königin Mariæ; Das erste mahl In dem wunderthätigen Hauß Loreto von denen heiligen Engeln ist abgesungen, […] nunmehro aber Fast auf allen Chören mit Freuden vollen Jubel angestimmet, und von wahren Dienern, und Marianischen Liebhabern nicht ohne grösten Trost vil tausendmahl gebetten wird, Dritte vermehrte Auflag, Augspurg: Burckhart 1763. > http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB000058E400000086

Der Brennspiegel für Maria ist auch auf der 1654 bemalten Holzdecke der Wallfahrtskirche Hergiswald bei Luzern dargestellt. Das Motto EXARDESCET IGNIS (Ein Feuer wird sich entzünden) meint, dass Maria die Strahlen der göttlichen Sonne der Gerechtigkeit (Prophet Maleachi 3,20 [Vulgata-Zählung  4,2]) auffängt und an die Gläubigen weiterleitet.

Dieter Bitterli, Der Bilderhimmel von Hergiswald. Der barocke Emblemzyklus der Wallfahrtskirche Unserer Lieben Frau in Hergiswald bei Luzern, seine Quellen, sein mariologisches Programm und seine Bedeutung, Basel: Wiese-Verlag 1997 (>>> Neuauflage 2017!). (West 2; Text dazu S. 146)

[S.303] Erklärung des Sinnbildes.

Das klare Spiegel-Eis empfängt der Sonne Glut/
und wird doch nicht zerschmelzt; gebiehrt auch ihre Stralen
ohn allen Schaden gar der hellen Sonne-Flut.
Ihr Wesen kan in sie/ aus ihrem jendes fallen/

Unmängbar/ unverletzt. Die Sonn wird nicht getrübt/
wann sie geht durch das Glas; und dieses nicht zerbrochen/
wann jene komt aus ihr/ wird nur dadurch geübt
die Unverletzlichkeit/ und klärlich ausgesprochen

die heilge Christ-Geburt. Die Keuschheit GOtt empfangt
und wiederum gebiert/ ihm und ihr unverletzlich.
Er kein Verkleinerung klein werdend nicht erlangt/
und bleibt an Kraft und Wehrt gleich ewig unerschätzlich.

Auf Geist-subtile Weis sie einen Leib gebiert
aus ihrem keuschen Leib/ der Sonn-durchdringlich strahlet
aus ihrer Reinigkeit. Die Keuschhet nichts verliert;
vielmehr der Höchste selbst mit ihrem Glanz sich mahlet.

Der Allerheiligsten Menschwerdung/ Geburt und Jugend Jesu Christi/ Zwölf Andächtige Betrachtungen; durch Dessen innigste Liebhaberin und eifrigste Verehrerin Catharina Regina Frau von Greiffenberg/ gebohrne Fre<yherrin auf Seysenegg/ Zu Verehrung der Ehre GOttes/ und Erweckung wahrer Andacht/ verfasset/ und ausgefärtigt. Nürnberg: Johann Hoffmann 1678. > http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bs...

Literaturhinweise:

Leo Scheffczyk / Remigius Bäumer, Marienlexikon, St.Ottilien: Eos-Verlag 1988–1994; s.v. ›Spiegel‹.

Anselm Salzer, Die Sinnbilder und Beiworte Mariens in der deutschen Literatur und lateinischen Hymnenpoesie des Mittelalters, mit Berücksichtigung der patristischen Literatur. Eine literar-historische Studie, (1886–1894); Nachdruck: Darmstadt: wbg 1967; im Register unter ›Spiegel‹.

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Origine d’Amore. Donna che tenga uno specchio trasparente rotondo, grosso & corpulento, incontro all’occhio del Sole, il quale con i suoi raggi trapassando per mezzo dello specchio accenda una facella posta nella mano sinistra, dal manico dello specchio penda una cartella, nella quale sia scritto questo motto: ›Sic in corde facit amor incendium‹.

Das Kapitel erscheint erst in der von Castellini erweiterten Ausgabe von Cesare Ripas »Iconologia« 1618: La novissima ICONOLOGIA del Sig. Cavalier Cesare RIPA. [……] Ampliata in quest’ ultima editione non solo dallo stesso auttore di trecento, e cinquantadue imagini, con molti discorsi peini di varia eruditione, & con molti indici copiosi, ma ancora arrichita d'altre imagini, discorsi, & esquisita corretione dal Sig. Gio. Zaratino Castellini, Padova: Pietro Paolo Tozzi 1618. > https://archive.org/stream/novaiconologia00ripa#page/385/mode/1up 

Was kann mit dem specchio trasparente gemeint sein, der wie die Liebe im Herzen einen Feuerbrand anfacht? Der Ausdruck fehlt in alten Wörterbüchern.

• Das Bild zeigt ein die Strahlen beim Durchgang sammelndes Vergrösserungsglas, das eine Fackel entzündet; ein solches ist trasparente oder traslucido, wird aber nie als ›Spiegel‹ bezeichnet, sondern als lente (fem.).

• Aber ein Brennspiegel kann nicht durchlässig sein, sonst reflektiert er die Strahlen nicht. Brennspiegel heissen, auch schon in älteren Texten, specchio ustorio oder specchio ardente (Dizionario della lingua italiana von Tommaseo-Bellini, Torino 1835)

Petrarca im Sonett 74: Come raggio di sol traluce in vetro meint, dass die Strahlen der Augen der Geliebten ungehindert wie durch transparentes Glas in sein Herz dringen.

(Besten Dank an Georges Güntert für die italianistische Hilfe!)

Aus dem Bereich der katoptrischen Instrumente kann angemerkt werden, dass Mario Bettini (1582–1657) so etwas wie ein durch-leuchtendes Brennglas entwarf: eine Kombination von zwei ineinander verschachtelten, außerhalb des Brennpunkt abgeschnittenen Parabolspiegeln (Auf der Zeichnung: B muss man sich in A enthalten vorstellen, vgl. die Rekonstruktion bei Baltrušaitis S. 127).

Apiaria universae philosophiae mathematicae, in quibus paradoxa et nova pleraque machinamenta ad usu eximios traducta, & facillimis demonstrationibus confirmata, Bononiae 1642. > http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bs...

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Unter den Vergil später zugeschriebenen Texten findet sich ein Cento (ein Flicken-Gedicht), betitelt »de unda et speculo«. Die 12 Distichen sind recht banal: Der klare, bewegungslose Wasserspiegel (unda) gibt das Bild genau, aber umgedreht wieder; das Spiegelbild lügt (mendax).

Redditur effigies liquida cernentis in unda,
Qualis in aduerso speculorum cernitur orbe.
usw.

Der Text mit Hinweisen auch zu Übersetzungen hier als PDF .

Der Illustrator der Vergil-Ausgabe, wo das Gedicht im Anhang abgedruckt ist, zeigt Frauen, die ihre Spiegelbilder beschauen, aber nicht nur im klaren Wasser, wovon der Text spricht, sondern am Brunnen und in echten Spiegeln; eine Dame mit offenem Haar. Er scheint die Ikonographie der sich im Spiegel beschauenen Superbia zu kennen. Die Vorstellung geht im Kern zurück auf Jesaia 3,16ff., wo die hochmütigen Frauen Spiegel bei sich haben.

Publij Virgilij maronis opera cum quinque vulgatis commentariis […] expolitissimisque figuris atque imaginibus nuper per Sebastianum Brant superadditis, exactissimeque revisis atque elimatis, Straßburg: Grieninger 1502; fol Xr. 

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Ein meister las,
troum unde spiegelglas,
daz si zem winde
bî der stæte sîn gezalt.

(Ein Gelehrter trug vor, dass Traum und Spiegel[bild] hinsichtlich der Beständigkeit dem Winde gleichen. Walther von der Vogelweide, L. 122,24; evtl. unecht)

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Jost Amman (1539–1591): Kunstbüchlin, Darinnen neben Fürbildung vieler Geistlicher unnd Weltlicher Hohes und Niderstands Personen […] allerhande Kunstreiche Stück vnnd Figuren […] begriffen. Alles auff das zierlichst vnd künstlichst gerissen durch weylandt den fürtrefflichen vnd weitberümten Jost Ammon [sic] von Nürnberg […] [4. Ausg.], Franckfurt am Mayn: Johann Feyrabend 1599> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00071697/image_85

Detail aus dem Zürcher Neujahrsblatt: Der Kunst- und Tugend Liebenden Jugend ab der Bürgerlichen Bibliothec am Neüen JahrsTag verehrt Anno 1700.

Der Spiegel in der Hand der Prudentia nimmt Bezug auf das Wort respicio = ›Rücksicht nehmen, etw. bedenken, überlegen‹. Die Schlange in der anderen Hand bezieht sich auf Matthäus 10,16: Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben ...

Hie volget nach ein lieplich vnd nützliche materi. vnd wirt genant der selen wurczgart, Ulm: Conrad Dinckmut 1483. > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00031609/image_306

Ein koloriertes Blatt daraus ist abgedruckt im (immer wieder großartigen) Buch von Peter Jezler (Hg.), Himmel – Hölle – Fegefeuer. Das Jenseits im Mittelalter [Katalog zur Ausstellung des Schwz. Landesmuseums], Zürich: Verlag NZZ 1994; Kat. 149 (S. 363) mit Kommentar von U.S. = Ueli Suter.

Die personifizierten Seelen erleiden (gemäß dem ›ius talionis‹) die entsprechende Pein für ihre Laster:
• der Geiz (avaritia) wird mit einem Sack voll Gold gefüttert;
• den Neid (indvidia) wird von einem Hund gebissen (?);
• die Trägheit (acedia) (mit untätig verschränkten Armen ?) wird auf einen Rost gezerrt;
• der Zorn (ira) wird von einem Teufel mit einer Machete erschlagen;
• die Unkeuschheit (luxuria) betastet ihren Partner, dessen Penis zu einer Schlange ausgewachsen ist und …;
• die Völlerei (gula) wird mit Speis und Trank vollgestopft;
• der Hochmütigen (superbia) hält ein (mit einem struppigen Kamm ausgerüsteter) Teufel einen Spiegel vor.

Freud: Ich hab ein fürtreffenlich gestalt des leibs. Vernunnfft: Dise ist mit nichten bestendiger dann die zeit.

Aus: Franciscus Petrarcha, Von der Artzney bayder Glück / des guten vnd widerwertigen […]. Augspurg: H. Steyner 1532; I,2

Ein Kupfer nach Pieter Brueghel d.Ä. aus dem Jahre 1558 zeigt ebenfalls eine sich bespiegelnde Dame mit einem Pfau.

> https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Brueghel_-_Sieben_Laster_-_Super...

Ne quid dedeceat, facto caveamus in omni
    Apta rei caput est, tempora nosse, suæ.

(Bei allen Taten müssen wir uns hüten, dass nichts Unziemliches dabei sei. Das Wichtigste ist, die passende Zeit für seine Sache zu kennen. Übers. Warncke)

Die Frau prüft Ihr Aussehen im Spiegel – im Hintergrund beschaut Narziss sein Antlitz im Wasserspiegel.

Gabriel Rollenhagen / Crispin de Passe, Nucleus Emblematum, Arnheim/Utrecht 1611/1613; unter dem Titel: Sinn-Bilder, hg. Carsten-Peter Warncke (Bibliophile Taschenbücher 378), Dortmund 1983; Centuria secunda (1613), Nr. 91. > https://archive.org/stream/gabrielisrollenh00roll#page/n208/mode/1up

Cesare Ripa schreibt in der »Iconologia« (1603) zu Superbia:

Donna bella et altera, vestita nobilmente di rosso, coronata d'oro, di gemme in gran copia, nella destra mano tiene un pavone et nella sinistra un specchio, nel quale miri et contempli se stessa. – Ein Bild fehlt hier noch.

In der späten Ausgabe zeichnen Eichler und Hertel die Superbia / den Hochmuth dann im Rokoko-Stil vor den Spiegel mit dem Pfau; im Hintergrund als übles Beispiel für den Hochmut der Sturz Luzifers:

Des berühmten Italiänischen Ritters, Cæsaris Ripæ, allerleÿ Künsten, und Wissenschafften, dienlicher Sinnbildern, und Gedancken, Welchen jedesmahlen eine hierzu taugliche Historia oder Gleichnis beÿgefüget. dermahlige Autor, und Verleger, Joh. Georg Hertel, in Augspurg [vor 1761]. II, 126. > https://archive.org/stream/parsidesberuhmte00ripa#page/n282/mode/1up

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Seneca (4 v.u.Z. – 65) kommt im Zusammenhang mit Überlegungen zur Entstehung des Regenbogens auf die Spiegel zu sprechen.

L. Annaeus Seneca, Quaestiones naturales / Naturwissenschaftliche Untersuchungen, Hg. und übers. von Martinus F. A. Brok, Darmstadt: wbg 1995 (zweisprachige Ausgabe).
Der lat. Text online hier > http://www.thelatinlibrary.com/sen/sen.qn1.shtml

Liber primus, ¶ 5, 14: Es gibt Spiegel, worin man kaum zu schauen wagt, so missgestaltet ist ihr Bild. Sie verzerren die Gesichter der Betrachter dermaßen, dass die Ähnlichkeit nur als Karikatur bewahrt bleibt. Bei anderen kannst du beim ersten Blick stolz auf deine Körperkraft werden, so muskuläs werden deine Arme, und dein ganzer Körper erhält einen übermenschlichen Umfang. Einige zeigen nur die rechte Seite deines Antlitzes, andere die linke Seite. (Übersetzung von M.F.A.Brock).
Sunt, quae uidere extimescas, tantam deformitatem corrupta facie uisentium reddunt, seruata similitudine in peius; sunt, quae cum uideris, placere tibi uires tuae possint, in tantum lacerti crescunt et totius corporis super humanam magnitudinem habitus augetur; sunt, quae dextras facies ostendant, sunt, quae sinistras, sunt, quae detorqueant et uertant.

Der ¶ 16 erhält einen Exkurs darüber, wie ein gewisser Hostius Quadra Spiegel missbrauchte. (Dieser Abschnitt fehlt in der deutschen Übersetzung von F. E. Ruhkopf, Leipzig 1794, da er »in höchstem Grade indecent« ist.) Der perverse H.Q. brachte in seinen Räumen mehrere Vergrößerungsspiegel an, die sein und seiner Knaben Glied bei seinen sexuellen Ausschweifungen vergrößert aussehen ließen. – Es sei verweisen auf die englische Übersetzung > Physical science in the time of Nero, being a translation of the Quaestiones naturales of Seneca, by John Clarke, London: Macmillan 1910 >
https://archive.org/stream/physicalsciencei00seneuoft#page/41/mode/1up

¶ 17 betitelt M.F.A.Brok »Vom einfachen Gebrauchsgegenstand wurde der Spiegel zum Luxusartikel«. Seneca entwirft hier eine pessimistische Kulturgeschichte wie in seinem 90. Brief: Der technische Fortschritt ist der Luxus-Begierde, d.h. einem moralischen Abstieg geschuldet.

Als Philosoph muss man sich fragen, was die Natur – die nach stoischer Lehre nichts Überflüssiges erzeugt – beabsichtigte, als sie nach der Erschaffung der Körper auch noch deren Ebenbilder zur Schau stellen wollte (quid sibi rerum natura uoluerit, quae, cum uera corpora edidisset, etiam simulacra eorum aspici uoluit).

Die Spiegel wurden erfunden, damit der Mensch sich selbst kennenlernt (Inuenta sunt specula, ut homo ipse se nosset). Während die Menschen früherer Zeiten noch kaum auf das Äußere Wert gelegt haben, hat später die dem Menschen eingeborene Eigenliebe die Betrachtung der eigenen Gestalt zu einer angenehmen Empfindung gemacht. Dann hat immer mehr der Luxus sich der Menschen bemächtigt und es wurden teure Spiegel verfertigt.

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Ovid, »Metamorphosen«, 3.Buch, Verse 402–510 (lat. Text und dt. Übersetzung von Reinhart Suchier, 1862)  > http://www.gottwein.de/Lat/ov/met03.php#Narcissus

spem sine corpore amat, corpus putat esse, quod umbra est.

British Library, Royal 20 A XVII, fol. 14v (circa 1340/1350)

> http://www.bl.uk/manuscripts/Viewer.aspx?ref=royal_ms_20_a_xvii_f014v

Amore sui inardescens Narcissus in florem transmutatur.

Metamorphoseon sive transformationum Ovidianarum libri quindecim, aeneis formis ab Antonio Tempesta florentini incisi et in pictorum antiquistatisque studiosorum gratiam nunc primum exquisitissimis sumptibus a Petro de Iode Antverpiano in lucem editi Aº 1606. (Privatbesitz)

Die unten abgebildete Ofen-Kachel hängt, als Einzelstück gerahmt, im Museum des Schlosses Mörsburg nördlich von Winterthur. Sie stammt aus einer Winterthurer Hafnerwerkstatt. Die Ofenmaler bezogen ihre Motive aus Musterbüchern, Emblembüchern und sonstwoher, nahmen sich aber die Freiheit, die Vorbilder zu ihren Zwecken abzuwandeln. Der Künstler hier hat sich bedient bei Antonio Tempesta:

Das lateinische Motto und der erste Vers der Bildunterschrift sind beide sprichwörtlich:

Cuique suus crepitus bene olet (Jedem riecht sein Furz gut). Die Sentenz findet sich immerhin in des Erasmus »Adagia« 2302. III, IV, 2.

Eim jeden Narrn* sein kappen gfallt,
Wie dem Narcisso sein gestalt.

*) Das zweite r im Wort Narrn ist wie in der Frakturschrift üblich ein rundes r.  ---- Die Narrenkappe (mit Schellen an den Zipfeln) ist seit Sebastian Brants »Narrenschiff« (1494) allgemein bekannt.

(Dank an Thomas G. in W. für den Hinweis und die Fotografie!)

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… und wie der Wind oder Schall, von glatten und festen Körpern abspringend, dahin zurückgetrieben wird, von wo er ausging, so kommt die Strömung der Schönheit, durch das Auge, wo sie den natürlichen Gang zur Seele hat, sich fortleitend, wieder in den Schönen zurück […] und erfüllt nun auch wieder die Seele des Geliebten mit Liebe. Er liebt zwar nun, aber wen, ist ihm unklar […]. Dass er aber in dem Liebenden wie in einem Spiegel sich selbst erblickt, ist ihm verborgen. Und zwar wenn dieser anwesend ist, wird er geradeso wie dieser von Schmerz frei; wenn er aber abwesend ist, so sehnt er sich wieder geradeso, wie er ersehnt wird, der Liebe Abbild, die Gegenliebe, in sich tragend; …

Platon, »Phaidros« (255d) > http://www.zeno.org/nid/20009262660

Mir ist geschehen als einem kindelîne,
daz sîn schœnez bilde in einem glase gesach
unde greif dar nâch sîn selbes schîne
sô vil, biz daz ez den spiegel gar zerbrach.
Dô wart al sîn wunne ein leitlich ungemach.
Alsô dâhte ich iemer vrô ze sîne,
dô ich gesach die lieben vrouwen mîne,
von der mir bî liebe leides vil geschach.

(Mir ist es ergangen wie einem kleinen Kind, das sein schönes Bild in einem Glas erblickte und so lange nach seinem Widerschein griff, bis es den Spiegel gänzlich zerbrach. Da verwandelte sich all seine Wonne in schmerzliches Leid. – So glaubte ich ebenfalls, stets froh zu sein, als ich meine liebe Dame (Minne-Herrin) sah, von der ich viel Freude, aber auch viel Leid erfuhr.)

Heinrich von Morungen (Minnesangs Frühling 145,1 [hier nur die 1.Strophe von vier online gestellt]) > http://texte.mediaevum.de/texte/morungen.htm#l32 – Bild: Ausschnitt aus der Manessischen Handschrift.

Literaturhinweis: Manfred Kern / Cyril Edwards / Christoph Huber (Hgg.), Das ›Narzisslied‹ Heinrichs von Morungen. Zur mittelalterlichen Liebeslyrik und ihrer philologischen Erschließung. (Interdisziplinäre Beiträge zu Mittelalter und Früher Neuzeit 4) Heidelberg: Winter  2015.

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Henricus Engelgrave S.J. (1610–1670) kombiniert Bibelstellen mit heidnisch-antiken:

Si vertitatem dico vobis, quare non creditis mihi? (Johannes-Evangelium 8,45 [so richtig] Wenn ich die Wahrheit sage, warum glaubt ihr mir nicht?). Die Stelle aus der Rede Jesu zu seiner jüdischen Zuhörerschaft bildet die Evangeliums-Lesung am Palmsonntag (Dominica Passionis); Thema ist die Wahrheit, die es im Glauben an Jesus zu erkennen gilt. Gegensatz ist der Teufel, der Vater der Lüge.

• Ovid, Metamorphosen VII, 704: Liceat mihi vera referre [pace deae]Die Wahrheit gönne die Göttin mir zu gestehn (Übersetzung von J.H.Voß) / Ich möchete die Wahrheit sagen, die Göttin nicht kränken (H.Breitenbach 1958) beteuert Cephalus, der insistiert, dass er von Eos/Aurora entführt wurde.

Auf das Emblem folgt eine dreizehn-seitige lateinisch verfasste Predigt, die um das Motiv kreist, dass der Spiegel die Wahrheit wiedergibt.

Lvx Evangelica sub velum Sacrorvm Emblematvm Recondita in Anni Dominicas Selecta Historia & Morali Doctrina Variè Advmbrata / Per Hen. Engelgrave. Societatis Iesv, Coloniae: prostant apud Iacobum a Meurs Amstelodami, 1655. Emblem XIX.

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Wie der Spiegel alles allen wiedergibt, so soll die Liebe, ohne Täuschung alles aufnehmen. Das Motto Omnibus omnia geht zurück auf Paulus, der im 1.Korintherbrief 9,19–23 sagt, er habe sich in seiner Predigt immer allen angepasst, um alle zu retten: »Für alle bin ich alles geworden.«

Johannes Bolland, Jean de Tollenaer [et alii], Imago primi saeculi Societatis Iesu, a prouincia Flandro-Belgica eiusdem Societatis repraesentata, Antwerpen: Plantin 1640. > https://archive.org/details/imagoprimisaecul00boll

(Der ornamentale Rahmen hat nichts mit dem Inhalt zu tun.)

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Man siehet aber gleichwolen/ daß unter gleichen spiegeln eine Action eines gegen dem andern gegeben werde/ gleichwie es in unserem Emblemate oder Sinnbild scheinet/ in welchem drey Spiegel in einem Triangel vorgestellt werden/ solcher Gestalt gegeneinander gesetzet/ daß deren ein jeder in denen zweyen andern gesehen wird/ und dasjenige/ was von einem vorgestellet ist/ ebenfalls auch von denen andern repræsentiret wird/ dahero wir zu einem Sinnspruch hinzugesetzet haben: Id ipsum in vicem: Eines gegen dem andern.

Es folgen lange Ausführungen über die Trinität (und anderes); am Schluss, ohne dass die Bildlogik aufgenommen würde:

Die erschaffene Sachen […] können uns nicht/ […] die Heil. Dreyfaltigkeit vorstellen/ wiewohlen sie uns Gleichnüssen geben/ deren wir uns zu gebrauchen pflegen/ selbe zu verstehen: Wir wollen dahero dieses allerheiligste Geheimnus der H. Dreyfaltigkeit steiff auf der Erden glauben/ und selbe inbrünstig lieben/ damit wir deren Allmacht dieselbe im Himmel klar sehen/ und geniessen mögen.

Paolo Aresi (1574–1644): Höchsterbaulich-Catholische Lob-Reden/ Uber die Siegreiche Auferstehung/ Und Triumphirliche Himmelfahrt Jesu Christi. Ferner über die höchstnutzliche Sendung des H. Geistes/ Oder das Heilige Pfingst-Fest/ Und dann endlich über das unerforschliche Geheimnus Der Allerheiligsten Dreyfaltigkeit : Mit wohlersonnenen Emblematen oder Sinn-Bildern/ erbaulichen Lehren/ nachdrücklichen Gleichnissen/ trefflichen Allegorien/ und heilsamen Sprüchen aus H. Schrifft und denen H. Vättern allenthalben ausgezieret/ allen sowol Geist- als Weltlichen/ absonderlich denen Hn. Predigern sehr nutzlich / Von dem weyland Hochwürdigsten Bischof zu Tortona H. Paulo Aresio/ Und nunmehr aus dem Italiänischen/ nach dem wahren Sinn und Meinung des H. Autoris/ in unsere Teutsche Mutter-Sprach übersetzt von Johann Michael Fux von Herrnau, Sultzbach: verlegts Joh. Leonhard Buggel/ Buchh. in Nürnberg. A. 1695. > http://diglib.hab.de/drucke/lk-44/start.htm (Das Buch ist hier auch OCR-technisch erfasst.)

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Boccaccio (1313–1375) berichtet in »De claris mulieribus« von einer Künstlerin, die u.a. ein Selbstportrait mit Hilfe eines Spiegels verfertigt hat.

Fuerunt insuper diu eius artis insignia, sed, inter alia, eius effigies, quam adeo integre, lineaturis coloribusque servatis et oris habitu, in tabula, speculo consulente, portraxit, ut nemini coetaneo quenam foret, ea visa, verteretur in dubium. (Cap. LXVI. De Martia Varronis.)
Tutte le opere di Giovanni Boccaccio; Vol. 10: De mulieribus claris, a cura di V. Zaccaria, Ed. Mondadori, 1964, pp.264 sqq. und Kommentar p.526

Boccaccio hat offensichtlich die Geschichte der antiken Malerin Iaia aus Kyzikos beigezogen, von der Plinius (nat. hist. XXXV, xxxvi, 147) berichtet: pinxit … suam imaginem ad speculum. (Sie hat ihr Bild vor einem Spiegel gemalt.)

In der Übersetzung von Heinrich Stainhöwel (Ulm: Zainer, vor 1474) kommt das Motiv des Spiegelgebrauchs nicht vor: Marcia Varronis war berühmt durch ein bild, … daran sie ir aigen gestalt also bezeichent het mit aller lidmâsz und farben, daz niemand, der sie ie gesehen hette, ir gestalt nit erkennet. (Ausgabe von K. Drescher 1895, Kapitel LXV, S. 218)

Eine Handschrift der Bibliothèque Nationale Paris zeigt die Szene:

> https://commons.wikimedia.org/wiki/File:De_mulieribus_claris_-_Marcia.pn...

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 Im »Memorial der Tugend« zeigt Johannes von Schwarzenberg (1463–1528) eine 40jährige Frau, die sich im ›Spieglein an der Wand‹ anschaut, sich noch recht verführerisch findet und sinniert:

Mich wundert fast vnd thůt mir ant [beunruhigt mich]
Wann
[denn] viertzig jar wirt alt genannt.
Ich waiß noch nichts dz mich beschwert/
Dann so ein junger mein begert.
Weill all mein sach je sein
[sind] vmb sonst/
Ich schmuck mich baß
[besser] vnd mach mir gunst [verschaffe mir Zuneigung]
Gib auß mit freüden weil
[solange] ich hab/
So [wenn] mir gefelt ain junger knab.
Vnd hilfft dasselbig auch nit gar
[vollständig]/
Der mäidle jung halt ich ein par.
[als Lockvögel?]
Den leüten mach ich freüd vnd můt/
Das sy mich halten auch für gůt
Vnd ab mir nemen kain verdrieß/
Biß das ich hie mein end beschließ.

Der Kommentar dazu lautet:

O poßhaffts weib der dich nit kennt/
Verfuͤrstu wie der wolff die ent.
[Ente]
Wann vil nach dir des Teüffels stöll
[? – Idiotikon XI,53 auch: ›Zusammenrottung‹]
Hie springen inn die grůb der höll
Gifft ist verborgen inn deim haubt/
Vnselig wirt der so dir glaubt.
Wie fromme weiber seind ain hort/
So kommet von den bösen mort.
Denck Teüffels end was küfftig ist/
Vnd das das du bald vergencklich bist
Vnd můst vmb deinen falschen trost/
[wegen … Hoffnung]
Dort praten auff der hölle rost.
Ich rath dir böser schanden fleck/
Durch beicht vnd bůß dein sünd leg weck.

Das Büchle Memorial/ das ist ein angedänckung der Tugend/ von herren Johannsen vonn Schwartzenberg jetzt säliger gedächtnuss/ etwa mit Figuren und reümen gemacht / Johann Frhr von Schwarzenberg , Augsburg: Steyner M.D.XXXV, fol. CXVL recto [Erstausgabe 1534]

Das Pendant des sich im Spiegel anschauenden alten Mannes ist schöner gezeichnet in der Handschrift Trogen, Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden, CM Ms. 13 (fol. 88r.)

> http://www.e-codices.unifr.ch/en/cea/0013/88r/0/Sequence-218

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Hendrik Goltzius (1558–1616) zeichnet den Seh-Sinn (Kupfer von Jan Saenredam 1565–1607). Ein Maler mit Zwicker – ein Adler, der in die Sonne blickt – ein Arzt, der eine Urinprobe besieht – ein Geograph, der mit dem Zirkel einen Globus vermisst – vorn eine (scharfsichtige) Katze – Sonnenuhren – das Modell des Malers, das sich im Spiegel besieht, den ihm ein Putto entgegenhält (bei ihm ist ein Köcher sichtbar: also Amor; dann ist die Frau Venus) – alles Illustrationen des genauen Sehens.

Die Bildunterschrift lautet: Hæc memini nocuisse atque oblectasse videntes. (≈ Ich weiss aus Erfahrung, dass dies den Sehenden Unheil wie Ergötzung beschert hat.)

Was ist mit haec inhaltlich gemeint? Das bloße Sehen oder das Malen?

Das Malen einer Frau im positiven Sinn (zu oblectasse): Alexander hat seine Geliebte Campaspe durch Apelles nackt malen lassen; wie der Maler in Liebe zu ihr entbrannte, hat Alexander ihm die Frau zum Geschenk gegeben (dono dedit ei), so erzählt Plinius,  »Naturalis historia« XXXV, xxxvi, 86 (hier heisst die Frau Pankaspe). Ein älteres Bild dieser Szene > https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/ea/Jan_Wierix_-_Apelles...

Dass der Anblick einer entkleideten Frau Schaden bringen kann (zu nocuisse), kennen wir aus den biblischen Szenen Susanna im Bade (Daniel 13,1–64; von Goltzius gemalt!) und David und Bathseba (2.Samuel = II. Reg, Kapitel 11). — Aus der heidnisch-antiken Mythologie: Der Anblick der schönen Medusa versteinert.

Das Bild von Glotzius im British Museum > http://tinyurl.com/yceq57h6 [Die Jahresangabe 1616 bezieht sich auf die Edition durch Johann Janssonius.]

Literatur dazu: Eric J. Sluijter, Venus, Visus en Pictura, in: Nederlands Kunsthistorisch Jaarboek  / Netherlands Yearbook for History of Art, Vol. 42/43 (1991-92), pp. 337-396 > http://www.jstor.org/stable/24705374 

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Von eyner edlen frowen wie die vor eym spiegel stuond / sich mutzend [sich schmückend] / vnnd sy jn dem spiegel den tüfel sach jr den hyndern zeigend

EJn ander exempel will ich üch aber sagen/ vff die meynung von eyner frowen/ die den vierden teil des tags haben muest sich an ze thuonde vnd zuo mutzen/ Dero huß was nun etwas wyt von der kylchen/ deßhalb jr der kylchherr vnd syne vndertanen zuo manchen malen mit dem ampt warten muosten/ deß sy zuo mal grossen vnwillen vnd verdrieß hatten/ Also begab sich eins sonnentags das sy gar lang vß bleib/ vnd vil lüten jn der kylchen warten machet/ Die selben sprachen/ sy mag sich dysen tag nit gnuog strelen [kämmen] noch spieglen/ So redten dann etlich heymlich ein vngesunds strelen vnd spieglen thüege jr got zuo senden/ vmb das sy vnnß so manchmal alhie warten machet/ Also jn der selben stund da sy sich also spieglet/ ward sy den tüfel jn dem spiegel sehen/ so gar grusamer gestalt/ vnnd jr den hyndern zeigende/ das sy so hart dar ab erschrack/ das sy schyer [beinahe] von synnen komen were/ vnd lange zyt mit schwerer kranckheit wart beladen/ doch verlech [verlieh]  jr got wyder gesuntheit vnd [ergänze: sie] strafft sich selbst darumb gröslich/ vnd strafft sollich jr wesen mit dem zieren ab/ Vnd sagt mit demüetigem hertzen got dem hern siner straffen lob vnd danck also/ das sy dar durch jr lebenn selicklichen verendet/ Darumb lassen üch das ein jnbildung syn/ Vch vor söllichen langsamen spieglen vnd kleiden zuo hüeten/ dar durch jr die heilgen ampter versumen mögen/ oder ander lüt zuo warten machen oder verhynderent […]

Geoffroy de la Tour Landry, Livre pour l’enseignement des ses filles (1371/72), deutsche Übersetzung (um 1478/90) durch Marquard vom Stein: Der Ritter vom Turn von den Exempeln der gotsforcht vnd erberkait, Basel: Michael Furter 1493. [Faksimile Unterschneidheim 1970]. – Marquard vom Stein, »Der Ritter vom Thurm«, krit. hg. von Ruth Harvey, (Texte des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit 32), Berlin: E.Schmidt 1988.

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Sebastian Brant, Das Narren schyff, Basel: Jo.B.von Olpe 1494.

Kapitel 92 [moderne Zählung] Vberhebung der hochfart

Wer hochfart ist / vnd důt sich loben
Vnd sytzen will alleyn vast oben
Den setzt der tüfel vff syn kloben
[Klemmfalle für den Vogelfang]

Brants Invektive richtet sich gegen die Angeber, die sich rühmen, an vielen ausländischen Universtiäten studiert zu haben; er vergleicht sie mit aufgeputzten Frauen:

Wer lert durch hochfart/ vnd durch gelt
Der spiegelt sich alleyn der welt
Glich als eyn nærrin die sich mutzt
Vnd spieglen důt der welt zů tutz
[in späteren Ausgaben trutz]

OCR-erfasster Text > https://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/15Jh/Brant/bra_...
Vgl. das Digitalisat > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00036978/image_247

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Laß mein Hertz vnbefleckt sei in deinen Rechten/ das ich nit zuschanden werde. Psalm 118

Ps 118, 80 nach der Vulgata: Fiat cor meum immaculatum in justificationibus tuis, ut non confundar. — Ps. 119,80 nach neuen Übersetzungen: Untadelig werde mein Herz durch deine Gesetze, so werde ich nicht zuschanden. – Mein Herz richte sich ganz nach deinen Satzungen, damit ich nicht zuschanden werde.

Das Bild zeigt die ›Anima‹ (als Stellvertreterin der Leserin / des Lesers), der ein Engel einen Spiegel vorhält, in dem sich ihr Herz spiegelt. Auf dem Tisch daneben steht ein realer Spiegel nebst Salbentöpfen mit Schminke.Es wird eine lange Reihe von Frauen beigebracht, die sich mit allerlei  kosmetischen Techniken zu verschönern trachteten, und dies der gottes-ebendbildichen Seele entgegengestellt, die der Engel im Spiegel zeigt. (Dieser Spiegel gleicht den Gesetztestafeln von Moses in der gängigen Ikonographie.)

Gantz recht vnd billich wirdt aller fleiß vnnd sorg der Heiligen angewendt/ in dem sie alle vberflüssige zierde deß eusserlichen Menschens (welche zwar zergängklich ist)  verachten/ vnnd sich mit gantzem fleiß darauff geben vnnd bemühen zu ziehren vnnd heraus zubutzen den jnnerlichen Menschen/ welcher geschaffen ist/ nach der Bildnuß Gottes/ vnnd von Tag zu Tag ernewet wirdt. Diß ist warlich die schöne/ welcher nichts mangelt vnd abgeht/ welche allein von dem Herren zuhören würdig ist. […] Dann die schöne der seelen ist die allerbeste schönheit [usw.]

Gottselige Begirde aus lautter sprüchen der Heÿligen Vättern Zuosamen gezogen Vnd mitt schönen figuren gezieret/ durch R. P. Hermannum Hugonem, Verteütscht Durch R. P. F. Carolum Stengelium, Augspurg 1627 (= Teil-Übersetzung von: Herman Hugo S.J.,1588 –1629, »Pia desideria« Antwerpen 1624) mit Kupfern von oder nach Boetius a Bolswert († 1633). Das ander Buch, XXI = S. 202–214.

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Bonis moribus studendum.

Ex septem doctis, coluit quos Graecia, magnum
   Ipse Bias habuit quoque nomen.
Hic iubet in speculo pueros discernere formas,
   Et proprios cognoscere uultus,
Vt, qui est formosus, formosas induat artes,
   Et mores similes faciei:
Et qui deformis, pulchris sese artibus ornet,
   Quo penset damnum faciei.
Na nihil in terris homines magis ornat et effert
   Quam mores culti atque bonae artes.

Kein ding zierett den Menschen mehr dan Kunst vnd gutte sitten.

Bias einer auß Griechen landt
So man die weisen hatt genant
Gebott allweg den Knaben sein
Das sie soIten ein Spiegel rein
Nemmen sich selb darinn besehen
Wan dan jhr angsicht schön thett stehen
SoIten sie darnach Richten auch
Jhre sitten vnd gantzen brauch
Damit ein schöner leib nit hab
An jhm ein heßlich wüste gab.
[Fähigkeit, Talent]
Sey aber einer Vngestalt
So soll er aber trachten baldt
Das er sich üb jn Kunst vnd zucht
Vnd bring herfür ein solche frucht
Das man seiner heßIicheit nitt acht
Dan Kunst vnd gberd alleing macht
Das man viI auff ein Menschen halt
Wie heßlich der ja sey gestalt.

Matthäus Holtzwart, Emblematum Tyrocinia, sive picta poesis Latinogermanica, das ist eingeblümete Zierwerck oder Gemälpoesy innhaltend allerhand Geheymnußlehren durch kunstfündige Gemäl angepracht und poetisch erkläret, Nun erstmals inn Truck kommen, Straßburg: B.Jobin 1581; Nr. IX. — hg. Peter von Düffel und Klaus Schmidt, Stuttgart 1968 (RUB 8555); mit Übersetzung der lat. Fassung auf S. 173.

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Die Geschichte und der Spiegel/ von welchen dieses Buch benennet worden/ haben eine artige Vergleichung; in dem jene das wandelbare menschliche Leben/ dieser das veränderliche Angesicht/ jene die beliebte Tugend und Laster/ diese die Schönheit und Häßlichkeit/ jene die innerliche Beschaffenheit/ als Liebe/ Neid Feindschafft/ &c. dieser die äusserliche Gestaltung abbildet und vorweiset. Die Geschichte bestehen in hinfallender Vergessenheit/ wie der Spiegel in einem zerbrechlichen Glas/ und wann wir uns/ vermittelst dieser beeden/ selbst erkennen/ so ist der Mensch Gottes Ebenbild/ wiewol in höchster Unvollkommenheit: Seine Wercke sind der Spiegel seiner Reden; sein Leben ist ein Spiegel seines Gemütes/ sein Aug ist ein Spiegel seiner Gedancken/ und seine windgeschwinden Begierden sind gleich den flügelschnellen Gegenstralen/ welche besagter Spiegel (oder mit versetzten Buchstaben Gespiel) als das höchstwunderbare Meisterstück der Kunst/ von sich zu blicken pfleget; daher pflegen wir auch zu sagen; man soll sich an andrer Unglück spiegeln und mit andrer Schaden klug werden. Weil nun in gegenwärtigen Wercke viel denckwürdige Geschichte und Exempel zu erfreulicher Folge der Tugenden/ wie auch zu sorgsamer Verwarnung der Laster/ vorgestellt worden/ ist solchem der Titel deß Geschichtspiegels vorgeschrieben/ und selber mit schicklichen Sinnbildern und gleichständigen Fragen gleichsam eingefasst/ und an das Liecht oder vielmehr an die Sonne E.G. hochberühmten Namen mit unterthäniger Geflissenheit gesetzet worden.

[Georg Philipp Harsdörffer (1607–1658)] Der Geschichtspiegel: Vorweisend Hundert Denckwürdige Begebenheiten/ Mit Seltnen Sinnbildern/ nutzlichen Lehren/ zierlichen Gleichnissen/ und nachsinnigen Fragen aus der Sitten-Lehre und der Naturkündigung/ Benebens XXV. Aufgaben Von der Spiegelkunst/ An das Liecht gesetzt/ Durch Ein Mitglied der hochlöblichen Fruchtbringenden Gesellschafft, Nürnberg: in Verlegung Wolffgang des Jüngeren und Johann Andreae Endtern 1654. – Vorrede an Freiherr Justus von Gebhard.

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Bespiegle dich O Welt in dir.
Dis Bild stellt deinen Wandel für.
Ich heuchle nicht, das glaube mir.

Titelblatt einer postumen Ausgabe des »Satyrischen Pilgram« des Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen  (1622–1676): Deß Simplicisssimi Satyrischer Pilgram. Anderer Theil/ Zusammengetragen durch Samuel Greifnson vom Hirschfeld, Gedruckt im Jahr 1683. > http://diglib.hab.de/drucke/lo-2310-3b/start.htm?image=00095

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Shakespeares Hamlet (Uraufführung 1609) sagt zu den Schauspielern, die das Stück spielen sollen, in dem sich der Stiefvater als Mörder entpuppen soll (III. Akt, Beginn der 2. Szene):

… for any thing so overdone is from the purpose of playing, whose end, both at the first and now, was and is, to hold, as 'twere, the mirror up to nature; to show virtue her own feature, scorn her own image

… passt die Gebärde dem Wort, das Wort der Gebärde an; wobei Ihr sonderlich darauf achten müsst, niemals die Bescheidenheit der Natur zu überschreiten. Denn alles, was so übertrieben wird, ist dem Vorhaben des Schauspieles entgegen, dessen Zweck sowohl anfangs als jetzt war und ist, der Natur gleichsam den Spiegel vorzuhalten: der Tugend ihre eignen Züge, der Schmach ihr eignes Bild, … (Übersetzung von Schlegel / Tieck)

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Titelbild der 2. Auflage der J. J. Bodmer und J. J. Breitinger herausgegebenen Zeitschrift »Die Discourse der Mahlern« (1721f.) unter dem neuen Titel »Der Mahler der Sitten« (1746).

Gegenstand der Discurse sind – nebst Artikeln, die sich mit literarischen und pädagogischen Fragen befassen, auch mit Freundschaft, Selbsterkenntnis usw. – die Capricen, Laster, Torheiten (Kleiderpracht, Gespensterfurcht u.a.) der Zeitgenossen.

Reddit 3.Sg.Präs. von reddere ›wiedergeben, abspiegeln, vollständig nachahmen‹

Die Verse stammen aus Vergils »Bucolica« II,25ff., wo Corydon – verzweifelt und hoffnungslos verliebt in Alexis – seine eigene Schönheit preist:

Nec sum adeo informis: nuper me in litore vidi,
cum placidum ventis staret mare. non ego Daphnim
iudice te metuam, si numquam fallit imago.

Auch bin ich gar nicht so hässlich. Ich sah mich jüngst am Strand, als das das Meer windstill da lag. Sei selber Richter: ich fürchte [den Vergleich mit] Daphnis nicht, wenn ein Abbild nie täuscht.

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Das vierdt Geschwarm der Narren sind die Seltzam Narren/ Mutz Narren/ Zier Narren/ Gemalt Narren/ Spiegel Narren: dise sag ich sein die Narren/ so allweg vor anderen Narren etwas newes vnd seltzams auf die ban bringen/ in seltzamen kleideren/ sitten vnd wunderbarlichen breuchen. Dise soll man fürnemlich (wiewol derselben sonst so viel seind/ das man sie nicht alle mag erzehlen) auß disen sieben nachuolgenden Schellen lehrnen erkennen […]

Holzschnitt von Tobias Stimmer (1539–1584) in: Welt Spiegel/ oder Narren Schiff darinn aller Ständt schandt vnd laster/ vppiges leben/ grobe Narrechte sitten/ vnd der Weltlauff/ gleich als in einem Spiegel gesehen vnd gestrafft werden: alles auff Sebastian Brands Reimen gerichtet; […] Weilandt Durch den hochgelerten Johan. Geyler in Lateinischer sprach beschrieben. Jetzt aber mit sonderm fleiß auß dem Latein inn das recht hoch Teutsch gebracht/ vnnd erstmals im Truck außgangen/ Durch/ Nicolaum Höniger von Tauber Königshoffen, Basel: Heinricpetri 1574. — Der ganze Text auf http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00090359/image_40

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Wan alle Spiegel dießen Lappen
Gantz deutlich weißen
[zeigen] mit der Kappen
So macht doch der den grosten Possen
[neckischer Scherz]
Der von dem Sessel hängt zerstossen.
Weil er Ihn doppelt præsentiret
Und trefflich so die Stuben zieret.

[Abraham a Santa Clara, zugeschrieben], Centi-Folium stultorum in Quarto. Oder Hundert Ausbündige Narren in Folio. neu aufgewärmet und in einer Alapatrit-Pasteten zum Schau-Essen, mit hundert schönen Kupffer-Stichen, zur ehrlichen Ergötzung, und nutzlichen Zeit-Vertreibung, sowohl frölich- als melancholischen Gemüthern aufgesezt : auch mit einer delicaten Brühe vieler artigen Historien, lustiger Fablen, kurtzweiliger Discursen, und erbaulicher Sitten-Lehren angerichtet, Wien, Lehmann o.J. [1724; Erstausgabe 1709]

SIEMPRE EL MISMO. Was ein gantzer Spiegel weiset/ eben das weisen alle seine stücke/ wo er zerbrochen. also besihet der Löw seine gestalt in einem jeden theil dieses gegenwertigen Sinnspruchs/ eine bedeütung der starcke/ vnd tapferen beständigkeit/ welche der Fürst auf allen fall wol bewaren sol. Dan er ist ein offenbahrer spiegel/ in welchen sich die Welt besihet.

Fajardo Diego da Saavedra, Idea Principis Christiano-Politici 100 Symbolis expressa, Jena: M.Birckner 1686. Emblem Nr. XXXIII. [Spanische Erstausgabe Diego de Saavedra Fajardo (1584-1648), Idea de un principe politico christiano 1640. ]

Literaturhinweis: Reinhard Frauenfelder, Die Vorlagen für die emblematischen Bilder am
Hause zum Grossen Käfig in Schaffhausen, in: Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte 14 (1953), S. 103ff. > http://doi.org/10.5169/seals-163959 

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Amicitia sordida

Si speculo desit plumbum, quo reddere formas
    Et splendore solet cuncta referre suo:
Quid vacuum inspexisse iuuat, labor omnis inanis,
    Dum pentrant radij, nullaque imago datur.
Haud secus est quoddam genus ad lucrosa paratum,
    Quod petit, ac repetit, gratia nulla tamen.
Accipiunt quicquid donas, vestigia nusquam
    Cernas, officium queis, meminisse velint.
Debet amicitia iuncti par esse voluntas,
    Huius imago tua est, ni sit inanis amor.
Hoc quis te melius nouit, testatur amicis
    Ferrari, qui me diligis vsque memor?

Trübe Freundschaft

Wenn dem Spiegel das Blei fehlt, durch das er erst die Umrisse und alle Einzelheiten mit vollem Glanz wiedergibt, was nützt es dann, auf das Leere zu blicken; alle Mühe ist vergebens, wenn die Strahlen hindurchgehen und kein Bild zustande kommt.
Sie nehmen alles, was man ihnen gibt, aber man findet nirgends eine Spur von Bereitschaft, der Wohltat zu gedenken. Dein Sinn muss dem des dir in Freundschaft Verbundenen gleich sein, – ist dieser doch dein Spiegelbild –, wenn die Liebe nicht vergeblich sein soll. Wer weiß das und bezeugt es seinen Freunden besser als du Ferrarius*, der du mich immer mit treuem Gedenken liebst?

*) Widmungsempfänger: Ottaviano Ferrari aus Milano (1518–1586).

[Joh. Sambucus 1531–1584] Emblemata, et aliquot nummi antiqui operis, Ioan, Sambuci Tirnaviensis Pannonii. Tertia editio, Cum emendatione & auctario copioso ipsius auctoris, Antwerpen: Ch. Plantin, 1569. — Deutsche Übersetzung aus: Arthur Henkel / Albrecht Schöne (Hgg.), Emblemata. Handbuch zur Sinnbildkunst des XVI. und XVII. Jahrhunderts, Stuttgart 1967, Sp. 1347.

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British Library, Royal MS 12 C. xix, Folio 28r
> http://bestiary.ca/beasts/beast131.htm     mit weiteren Stellenangaben in englischer Übersetzung

Ambrosius (340–397), »Exameron« VI. Tag,  4. Kap., ¶ 21

Sobald er [der Tiger] nämlich seine Lagerstätte leer und seine Jungen geraubt findet, verfolgt er unverzüglich die Spur des Räubers. Merkt dieser, daß er trotz des flüchtig eilenden Rosses, das ihn trägt, vom schnellen Raubtier eingeholt werde und jede Möglichkeit des Entrinnens ausgeschlossen sei, sucht er sich künstlich mit folgender List zu retten: In dem Augenblick, da er sich eingeholt sieht, wirft er eine Glasscheibe hin, und wirklich: die Bestie läßt sich vom eigenen Bilde täuschen und hält es für ihr Junges. Im Verlangen, es zu bergen, steht sie vom Überfall ab. Von neuem aber wirft sie sich, vom Trugbilde aufgehalten, mit allen Kräften auf die Verfolgung des Reiters. Von Wut aufgestachelt, beflügelt sie den Lauf. Schon droht sie über den Flüchtling herzufallen: wieder wirft ihr dieser eine Scheibe vor und hält sie so in ihrer Verfolgung auf. Sie erinnert sich des Truges, doch das beirrt sie in ihrem mütterlichen Eifer nicht. Sie kehrt das Trugbild zu sich und bleibt wie zur Säugung der Jungen zurück. So büßt sie, vom Eifer ihrer Mutterliebe getäuscht, beides ein: die Rache und das Junge.

Konrad von Megenberg (1309–1374), »Buch der Natur« III A 66 = Ausgabe F. Pfeiffer S. 161

Tigris haizt ain tigertier. daz ist fleckot mit mangerlai varb. daz ist wunderleich kreftig und snel. daz wirt geporn in Hircania, sam Isidorus und Jeronimus sprechent. diu tier sint gar grimmig und wenn die jäger si beraubt habent irr kindel, sô mügent in etswenn die jäger niht enpfliehen; dar umb werfent si glesein schilt hinder sich, sam Ambrosius spricht. sô danne diu tier dar über koment und die spiegel ansehent, sô wænent si, iriu kint sitzen dâ, und stênt über die spiegel und küssent die und umbvâhent si. zeletscht tretent si auf die spiegel und scharrent; sô vindent si nihts. in der zeit enpfliehent in die jäger. Aristotiles spricht, daz daz tier an vil dingen dem ohsen geleich. ez ist etswie vil rôt und ist sein flaisch süez. dar umb væht man ez. 

Vgl. > https://www.animaliter.uni-mainz.de/tiger/ 

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Martin Luther, »Etliche Fabeln aus Esopo verdeutscht« (Druck 1557)

Vom Hunde im Wasser

Es lieff ein Hund durch einen Wasserstrom/ vnd hatte ein stück Fleisch im Maule. Als er aber den schemen [das Schattenbild, Spiegelbild] vom Fleisch im Wasser sihet/ wehnet er/ es were auch Fleisch/ vnd schnappet girig darnach. Da er aber das Maul auffthet/ empfiel jm das stück Fleisch/ vnd das Wasser fürets weg. Also verlor er beide/ das Fleisch vnd schemen.
Lere
Man sol sich benügen lassen an dem/ das Gott gibt. Wem das wenige verschmahet/ dem wird das Grösser nicht/ Wer zu viel haben wil/ der behelt zu letzt nichts/ Mancher verleuret das gewisse / vber der vngewissen.

> http://www.zeno.org/nid/20005347025

Holzschnitt von Virgil Solis (1514–1562) in der Ausgabe  Fabulæ variorum auctorum nempe Aesopi s. graeco-latinae CCXCVII. […] Francofurti, apud Christ. Gerlach & Sim. Beckenstein MDCLX.

Die Fabel bei Aesop: Äsop, Fabeln, Griechisch / Deutsch, Übersetzung von Thomas Voskuhl, Stuttgart: Reclam 2005 (RUB 18297); Nr. 133.

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Ein Mensch/ der sich selbst liebt/ und Gefallen an ihm hat. Ein Aff/ mit einem Krantz auf dem Kopff/ beschauet sich in einem Spiegel. – Homme se complaisant en lui-même; l’amour de soi-même. Un singe couronné de fleurs, regardant son Image dans un miroir.

Viel nutzende und erfindungen reichende Sinnbild-Kunst, oder Hieroglÿphische Bildervorstellung der Tugenden, Laster, Gemüts-bewegungen, Künste und Wissenschafften, wodurch Rednern, Poeten, Mahlern, Bauverständigen, Bildhauern, durch Zeichnungen, und einer kurtzen beschreibung Anlasz jhre Gedancken aus zu üben gegeben oder beij gäh vorfallenden Gelegenheiten ihnen gnugsame Materi vor Augen gelegt wird damit Sie sich nicht lang besinnen dörffen, Nürnberg verlegt und zu finden beij Johann Christoph Weigel Kunsthändlern [s.d.; vor 1726]; Tafel XX, oben rechts.

Formamque imitata, jocosque    
Das Aussehn <hat die Katze> gespiegelt, und ihre Faxen.

Schau, mit welch vergnügtem Ausdruck die Katze den Spiegel bemüht,
mit ihrem Aussehen und ihren Scherzen!
Wie durchwegs gleich sie <im Spiegel> ihre Spässchen, 
                                als eine andere, vorspielt!

Siehst du nicht, dass die Halskrause <im Umfang> den dicken Bauch wiedergibt?
    Wie dieser Turm da den armen Kopf niederdrückt?
Den Handlungen gemäss ist das Aussehen, und die Katze ganz ähnlich der Katze;
    und die gleichen Gebärden hat die Tochter wie die Mutter.
So verdirbt <jede> neue Unvernunft die empfindlichen Charaktere,
   und sie findet immer solche, die sie mit ihrem neuen Angebot verführen kann.

Die Katze spielt sich mit Aussehen und Gebärden vor dem Spiegel auf, in welchem dieser dieselben Spässe zeigt. Die modischen Accessoires ›spiegeln‹ den Leib des Stutzers. – Für die Aussage, dass die Mode-Torheiten charakter-verderbend sind, braucht es keine Spiegelsymbolik. – Wie gelangt der Verfasser zur Moral, wonach das Aussehen den Handlungen gemäss ist (bzw. sie ›spiegelt‹; rebus ut est species)?

(Dank an Thomas G. für Hinweise und Übersetzung! Er bemerkt dazu noch: Sapphische Ode und drei Distichen.)

Nicolaus Taurellus (Öchslin, 1547–1606), Emblemata Physico-Ethica, hoc est, Naturae Morum moderatricis picta praecepta. - Editio secunda. Nürnberg: Lochner, 1602. > https://www2.uni-mannheim.de/mateo/camena/taur1/jpg/s150.html

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[Lemma] Wormit er andern schaffet Pein/
 Das muß ihm selbst auch seyn.

[Subscriptio] Die Boßheit trägt zum Lohn
   Den Vntergang davon
Gleich wie der Basilißk/ wann er sich selber sieht
Von wegen strengen Giffts alsbald den Kürtzern zieht.

Erklärung: Der Blick des Basilisk tötet; wenn man ihm einen Spiegel vorhält, bringt er sich selbst um. 

Petrus Berchorius (gest. nach 1361), »Reductorium morale«, Lib. X, Cap. xiii: De basilisco dicitur quod si primus videt hominem, statim visu interficit ipsum.

Nicolas Caussin S.J. (1583–1651) kennt den  Basiliscus ad speculum moriens: Basiliscus […] solo aspectu auras inficit, plantas urit, necat animalia, saxa  ipsa dissolvit. Quod si se intueatur in speculo seipsum repercusso in se halitu propriis telis necatur. Die allegorische Bedeutung geht auf die Missgünstigen und Ränkeschmiede: Symbolum est invidi & calumniatoris […] suis sagittis conficitur. De Symbolica Aegyptiorum Sapientia, In Qua Symbola, Aenigmata, Emblemata, Parabolae Historicae Apologi, Hieroglyphica, Ex Horo Appolline, Clemente Alexand. S. Epiphanio, Symposio Poëta, cum Notis & Observationibus, Itemque Polyhistor Symbolicus Et Parabolarum Hist. Stromata Libris XII. complectens …… Authore R. P. Nicolao Caussino, … Coloniae Agrippinae: Joh. Kinchius 1654. (Erstausgabe 1618) Lib IX, Cap. xix.

Das Emblem aus Joachim Camerarius, 1534–1598, Vierhundert Wahl-Sprüche und Sinnen-Bilder, durch welche beygebracht und außgelegt werden die angeborne Eigenschafften, wie auch lustige Historien und Hochgelährter Männer weiße Sitten-Sprüch. Und zwar Im 1. Hundert: Von Bäumen und allerhand Pflanzen. Im II. Von Vier-Füssigen Thieren. Im III. Von Vögeln und allerley kleinen so wol fliegenden als nit fliegenden Thierlien. Im IV. Von Fischen und kriechenden Thieren. Vormahls durch den Hochgelährten Hn. Ioachimum Camerarium In Lateinischer Sprach beschrieben: Und nach ihm durch einen Liebhaber seiner Nation / wegen dieses Buchs sonderbarer Nutzbarkeit allen denen die in vorgemelter Sprach unerfahren seyn/ zum besten ins ins Teutsch versetzet, Maintz: Bourgeat 1671. (4.Buch, Nr. LXXIX; Erste, lat. Ausgabe 1604) >  https://books.google.ch/books?id=5RhVAAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_...

Der falsche Schein
Der Zorn wird füglich mit dem Basilisk verglichen/ welcher mit seinen feurigen Augen andere/ und wann man ihm einen Spiegel entgegen hält/ auch sich selbsten tödtet: deßwegen über solchem Sinnbild zu lesen:
Ich schade dir und mir.

[Georg Philipp Harsdörffer (1607–1658)] Der Geschichtspiegel: Vorweisend Hundert Denckwürdige Begebenheiten/ Mit Seltnen Sinnbildern/ nutzlichen Lehren/ zierlichen Gleichnissen/ und nachsinnigen Fragen aus der Sitten-Lehre und der Naturkündigung/ Benebens XXV. Aufgaben Von der Spiegelkunst/ An das Liecht gesetzt/ Durch Ein Mitglied der hochlöblichen Fruchtbringenden Gesellschafft, Nürnberg: in Verlegung Wolffgang des Jüngeren und Johann Andreae Endtern 1654. S. 204.

Se ipsum territus horret

Wenn der Basilisk sich siehet/
   Und im Spiegel sich erblikt/
   Seh wie hefftig er erschrikt/
Und mit macht zu rüke fliehet!
   Sein abscheulich Angesicht
   Kan er selbst vertragen nicht/
Sondern wenn er sich gesehen/
Muß er plötzlich untergehen.

Wenn der Mensch betracht die Sünden/
   Wenn er des Gesetzes Fluch
   Wie auch sein GewissensBuch
Fleisig nachsucht/ wird er finden
   Nicht ohn sonderliche Rew/
   Daß er gar abschewlich sey/
Und von wegen dieser Flecken
Recht Hertzinniglich erschrecken.

Herr probiere meine Nieren
   Daß ich from und ohne Clag
   Dir mein GOtt gefallen mag/
Und so meinen Wandel zieren/
   Daß ich hier/ dieweil ich leb
   Mich dir gantz und gar ergeb/
Und mich allzeit mög erzeigen
Gantz auffrichtig alß dein eigen.

[Kurfürst Karl II.,1651–1685]: Philothei Christliche Sinne-Bilder. Auß dem Lateinischen ins Teutsch gebracht. Franckfurt/ Bey Johann Peter Zubrodt. Anno MDCLXXIX. > https://archive.org/stream/philotheipseudch00karl#page/44/mode/2up

Das Bild aus der Ausgabe Philothei Symbola Christiana, quibus idea hominis Christiani exprimitur. Frankfurt: Zubrod, 1677. > https://www2.uni-mannheim.de/mateo/desbillons/symbol/seite19.html

Candore peremptus — Umgebracht durch die Weisse    [candor auch: heller Glanz]

Der Basilisck im Sand in Africa entspringend […] entseelt mit dem Gesicht die Menschen: und doch/ wer glaubt es? wider solches Unthier ist kein fürträglicheres Mittel/ als ein gegen gesetzter Spiegel: dann also wird er ertödtet/ indem das Gifft auff die Bestie zuruckschlaget. […]

Was dem Basilisck der Spiegel/ das ist der Sünd die Jungrfrau [Maria]. Wann du die Natur der Jungfrau betrachtest/ ist sie ein Glaß; kan fahlen und zerbrochen werden. Wann du die Gnad/ das ist/ die Weisse und den Glantz betrachtest, welchen sie nicht ihr/ sondern dem Künstler schuldig ist/ ist sie höher als alle Sünd. Gleichwie dann der Basilisck alles/ ausser deß Spiegels/ überwindet/ also hat alle [ergänze: Menschen] die Sünd/ ausser der Jungfrau bemacklet. […] Wie weit ist das Reich deß Basiliscks? biß zum Spiegl. Wie weit ist das Reich der Sünd? biß zu Maria. […]

Innocentia Vindicata, in Qua Gravissimis Argumentis Ex S. Thoma petitis ostenditur, Angelicum Doctorem, Pro Immaculato Conceptu Deiparae Sensisse & Scripsisse. Authore […] Celestino Sfondrati, St.Gallen: Jacobus Müller 1695; Pars posterior Symbolica; G3.

Deutsche Übersetzung: Die Erledigte Unschuld, In welcher Mit Uberschwäresten Beweißthumben Auß dem H. Thoma Erwiesen wird, Der Englische Lehrer habe beschlossen und geschrieben Für die Unbefleckte Empfängnuß Der Mutter Gottes, Wien: Schwendimann 1717; S. 103f. > http://digital.staatsbibliothek-berlin.de/werkansicht/?PPN=PPN688817572&...

Das Titelblatt zum ersten Teil des »Lügenschmieds« von Rupert Gansler (1658–1703) zeigt in der mittleren Zone, wie Frau Welt (mit der ♁-Krone), ein teuflisches Wesen und noch jemand (?) ›alternative Fakten‹ (Unwort des Jahres 2017) schmieden; als Hämmer haben sie Fuchsschwänze (Symbol der Schmeichlerei). – Der Engel von oben scheint das Erzeugnis mit einem Bannstrahl versengen zu wollen. – Im Gewölbe unten wird einem Basilisk im Spiegel die Wahrheit gezeigt – die Folgen erahnt der Wissende. (Im Buch wird das Bild nicht erklärt.)

Lugenschmid, Das ist: Unter dem Schein der Warheit verborgener, anjetzo aber entdeckter Welt-Betrug. Dem günstigen Leser Zu dem Predig-Ambt, mit Biblischen Historien, neuen Concepten, Theologisch- und Philosophischen Discursen; Mathematisch- Juridisch- und Medicinalischen Anmerckungen, Politischen Staats-Reglen, seltzamen Begebenheiten, und denckwürdigen Sinn-Bildern, mit einer angenehmen Schreib-Art curios, annehmlich, und wohlmeinend vorgestellet durch R.P. Rupertum Gansler [...], Augsburg und Dillingen: Johann Caspar Bencard, [Erster Band] 1697.

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Aegidius Albertinus (1560–1620) zum Thema ›Nosce te ipsum‹: Wirst du dein Schönheit besuchen, so wirst du ohne Sünd bleiben: wofern du dich selbst in einem Spiegel beschawest/ so wirst du dich niemaln versündigen. Die Alten mahlten die Fürsichtigket in der Gestalt eines weisen Mannes/ der sich in einem Spiegel beschawte/ dann deß Spiegels Art und Eigenschafft ist/ daß er den Menschen sein leibliche natürlicheGestalt/ Schönheit/ Mängel und Gebrechen zeiget. (S.68)

Aus: Aegidii Albertini Hirnschleiffer , Cöllen: bey Constantino Münich 1664; S.66ff. 

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Se regardant dans la glace, il se trouve joli garçon.

[Grandville, 1803–1847] Scènes De La Vie Privée Et Publique Des Animaux. Études De Mœurs Contemporaines, Publiées Sous La Direction De M. P.-J. Stahl, Avec La Collaboration De Messieurs De Balzac ... Vignettes Par Grandville, Paris: J. Hetzel Et Paulin, Éditeurs 1867 [Erstausgabe 1842].

 

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Illustrationen von John Tenniel (1820–1914) zu Lewis Carroll, »Through the Looking-Glass and What Alice Found There« (1871)

 

Einleitender Aufsatz hier

(Als PDF-Datei; nicht ausdruckbar, damit der Verlag das Buch verkauft ...)

 

Einige Literaturhinweise (chronologisch)

Wihelm Wackernagel, Über den Spiegel im Mittelalter, in: Kleinere Schriften, Bd. 1, Leipzig 1872, S. 128–142.

Hans Leisegang (1890–1951), Die Erkenntnis Gottes im Spiegel der Seele und der Natur, in: Zeitschrift für philosophische Forschung 4 (1949), S. 161–183.

Gustav F. Hartlaub, Zauber des Spiegels. Geschichte und Bedeutung des Spiegels in der Kunst, München: Piper 1951.

Joachim Schickel  (1924–2002), Der Logos des Spiegels. Struktur und Sinn einer spekulativen Metapher [1987], hrsg. v. Hans Heinz Holz, Bielefeld: Transcript 2012.

Herbert Grabes, Speculum, Mirror und Looking-Glass. Kontinuität und Originalität der Spiegelmetapher in den Buchtiteln des Mittelalters und der englischen Literatur des 13. bis 17. Jahrhunderts, Tübingen 1973.

Jurgis Baltrušaitis  (1903–1988), Der Spiegel. Entdeckungen, Täuschungen, Phantasien. Giessen: Anabas, 1986 (2. Auflage 1996).

Rolf Haubl, ›Unter lauter Spiegelbildern …‹ Zur Kulturgeschichte des Spiegels, Frankfurt a.M.: Nexus 1991.

Ralf Konersmann, Lebendige Spiegel – Die Metapher des Subjekts, Frankfurt a.M : Fischer 1991 (Fischer Wissenschaft 10726).

Sabine Melchior-Bonnet, Histoire du miroir. Hachette, Editions Imago 1994.

Régor R. Mougeot, Le miroir, symbole des symboles. Paris: Éditions Dervy 1995. 

Michael Egerding, Die Metaphorik der spätmittelalterlichen Mystik, 2 Bde., Paderborn: Schönigh 1997. Band II, Seite 530–537.

Fabienne Pomel, Miroirs et jeux de miroirs dans la littérature médiévale, Rennes: Presses universitaires de Rennes 2003.

Slavko Kacunko, Spiegel – Medium – Kunst. Zur Geschichte des Spiegels im Zeitalter des Bildes, Paderborn: Fink 2010.

Alois Haas, Spiegel und Maske – Reflexionen, in: Erika Streit, Spiegelungen, Wald: DreiPunktVerlag 2015, S. 16–42 und 125–129 (Anmerkungen).

Mehr zum Thema Emblematik hier. 

 

 

Skulptur am Rathaus in Nördlingen. (Aufnahme R. Günthart)

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