Projektionen

Arbeitstag 2010. »Projektionen«

 

 Zeit und Ort

Samstag, 18. September 2010

Schulhaus des Freien Gymnasiums Zürich, 8008 Zürich (Tram 2 oder 4 vom Bahnhof Stadelhofen; Haltestelle »Feldeggstrasse« oder »Höschgasse«)  Stadtplan-Ausschnitt

Der Raum wird an der Eingangstüre plakatiert.

Türöffnung (Haustüre des FGZ) nur jeweils 1/4 Stunde vor den Vorträgen; unten im Programm mit * angegeben.

Die Organisatoren behalten sich vor, das Programm bei kurzfristigem Ausfall von Referenten abzuändern.

Der Eintritt ist frei. Gäste sind willkommen.
 

Tagesplan 

 

*9:45 Uhr   Ordentliche Mitgliederversammlung 2010
*10:15 Uhr  Ingrid Tomkowiak Von Arminius bis Obama. Zur Konstruktion und Gebrauchsgeschichte von Nationalhelden
11:30 Uhr  Viktor Weibel Die Schwyzer Japanesenspiele
12:30 Uhr  Mittagspause  
*14:15 Uhr  Andreas Hebestreit Soziale Projektionen – Beispiele aus der frühchristlichen Symbolik
15:15 Uhr  Ursula Füchslin Perspektivität der Gottes­erkenntnis bei Nicolaus Cusanus
   Kaffeepause  
*16:30 Uhr  Raffael Keller Von törichten Bächen und trügerischen Felsen. Projektionen im Werk von Liu Zongyuan
17:30 Uhr  Beatrice von Matt Magie der Horizonte – Das Meer als Projektionsfläche bei Max Frisch
   Pause  
*19:45 Uhr  Doris Lier »Was war es, was Erwartung gewesen war, vielleicht noch ist oder werden könnte?«
20:45 Uhr  Sabine Richebächer Projektion, Identität und Wunscherfüllung

 

 Zusammenfassungen der Referate

Ursula FÜCHSLIN, Perspektivität der Gotteserkenntnis bei Nicolaus Cusanus

Es ist der Begriff der Perspektivität, der in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts nicht nur in der Kunsttheorie, sondern fast zeitgleich auch in der Philosophie thematisch wird: Dabei wird sowohl das menschliche Sehen, wie auch das Erkennen im allgemeinen über dieses Konzept zu fassen versucht. So zeigt sich in der Philosophie des Nicolaus Cusanus (1401–1464) die Standortgebundenheit jeglichen menschlichen Erkennens, die eine gewisse Einschränkung des Blickwinkels mit sich bringt. In einem weiteren Sinne lässt sich diese Standortgebundenheit auch dahingehend verstehen, dass der menschliche Geist die Eindrücke, die er von aussen über die Sinne erhält, aktiv strukturiert und dies nach Gesichtspunkten geschieht, die in seinem Innern angelegt sind: er also gleichfalls im Erkenntnisprozess Inneres nach Aussen projiziert. Cusanus erarbeitet diese Merkmale menschlicher Erkenntnisweise, indem er letztere demjenigen Erkenntnisobjekt aussetzt, an dem sie ihre Grenze findet und zum scheitern verurteilt ist: Gott.    zurück zum Tagesplan

Raffael KELLER, Von törichten Bächen und trügerischen Felsen. Projektionen im Werk von Liu Zongyuan (773–819)

Chinesische Literaten liessen sich schon früh von Landschaften zu Texten inspirieren. Oft wurden diese dann in Form kalligraphischer Inschriften wieder in die Landschaft ›projiziert‹ und dadurch die rohe Natur zur Kulturlandschaft aufgewertet. Projektionen vielfältiger Art spielen auch im Werk von Liu Zongyuan (773–819) eine zentrale Rolle. In der letzten seiner in der Verbannung am Südrand des Tang-Reiches entstandenen Acht Aufzeichnungen aus Yongzhou, mit denen er die Gattung des literarischen ›Reiseberichts‹ (youji) begründete, schildert er aber auch das Scheitern einer Projektion und lässt darin seine im Dialog mit Han Yu (768-824 ) entwickelte ›Himmelstheorie‹ anklingen. 

Hinweis: Liu Zongyuan: Am Törichten Bach. Berlin: Friedenauer Presse, 2005. [Übersetzung von R.K.]  — ISBN-13 9783932109454    zurück zum Tagesplan

Andreas HEBESTREIT, Soziale Projektionen – Beispiele aus der frühchristlichen Symbolik

Das weite Thema ›Projektionen‹ wird eingegrenzt auf eine besondere Art der sozialen Projektion, die bis heute praktisch keine Beachtung gefunden hat. Konkret geht es um die These, dass Minderheiten, Paritäten und Mehrheiten dieses jeweilige Größenverhältnis, in dem sie sich befinden, in die Symbole ›projizieren‹, mit denen sie ihre Welt konstituieren und verstehen. Das spätantike Christentum, das sich (zumindest im Mittelmeerraum) innerhalb von 500 Jahren von einer adventistischen Sekte (Minderheit) über eine mit anderen Heils-Bewegungen gleichrangig (paritär) konkurrierende Religion bis zur Durchsetzung als staatskirchliche Mehrheits-Religion entwickelt hat, bietet eine gute Grundlage, die entsprechend minderheitlich, paritär und mehrheitlich geprägten Symbolsprachen in ihrer geschichtlichen Abfolge an einigen herausragenden Beispielen zu erläutern. 

Hinweis: A. H., Die Vielen, die Wenigen und die Anderen, Münster: Votum-Verlag 1995. — ISBN: 3-930405-34-2    zurück zum Tagesplan

Doris LIER, »Was war es, was Erwartung gewesen war, vielleicht noch ist oder werden könnte?« Hans Blumenbergs Begriff der metaphorischen Orientierung

Nach Hans Blumenberg steht der Mensch durch vorgreifende, metaphorische Orientierung in der Welt: Er kann das Andere, Fremde zum Eigenen zu erklären, kann etwas durch beliebig anderes ersetzen, kann vorgreifend etwas phantasieren, das gar nicht da ist und vielleicht auch nie kommen wird. All diese Kunstgriffe dienen der Prävention, sind Absicherungen und Orientierungshilfen. Im Hintergrund des Gedankens steht Freuds Projektion, die von Freud selbst aber vorwiegend als pathologischer Abwehrvorgang verstanden wird. Als primäre vorgreifende Orientierung wird die Projektion zur anthropologischen Konstante, zur unerlässlichen, spezifisch menschlichen Überlebensstrategie.  zurück zum Tagesplan

Sabine RICHEBÄCHER, Projektion, Identität und Wunscherfüllung

Sigmund Freud übernahm den Begriff Projektion aus der Biologie bzw. Wahrnehmungspsychologie, um damit unterschiedliche Äusserungen des normalen wie des pathologischen Seelenlebens zu erklären. Auf der Basis der Freudschen Triebkonzeption erscheint Projektion als das ursprüngliche Abwehrmittel gegen unlustvolle, innere Reize: Indem das Subjekt den Reiz nach aussen projiziert, kann es ihn dort bekämpfen oder ihm entfliehen – wie beispielsweise im Falle der Phobie. Der Begriff setzt also ein wie auch immer geartetes Verhältnis von Innenwelt und Umwelt voraus. Im Unterschied zu Freud thematisiert der britische Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald W. Winnicott den Übergangsraum zwischen Ich und dem Anderen als den eigentlichen Ort von riskanter Freiheit, Spiel und Kreativität, ohne den nichts wirklich Neues entstehen kann. Auf Winnicotts Spuren werden drei Beispiele für Projektionen respektive Übergangsphänomene zwischen Phantasie (innen) und Realität (aussen) vorgestellt.  zurück zum Tagesplan

Ingrid TOMKOWIAK, Von Arminius bis Obama. Zur Konstruktion und Gebrauchsgeschichte von Nationalhelden

»Der Held ist der, der uns rettet«, schreibt der Kulturwissenschaftler Hans-Otto Hügel. Als Arminius bzw. Hermann der Cherusker zum Nationalhelden wurde, war er schon weit über 1'000 Jahre tot. Als den Franzosen ein junges Mädchen als Retterin prophezeit wurde, war Jeanne d’Arc noch gar nicht geboren. Doch hat sie die mit Sehnsüchten der Bevölkerung aufgeladene Rolle alsbald übernommen. Hier wie auch bei anderen Nationalhelden lässt sich zeigen, wie diese aufgrund von Projektionen konstruiert werden und/oder sich selbst danach ausrichten. Im Verlauf ihrer Gebrauchsgeschichte werden sie solchen Projektionen stets von Neuem angepasst. zurück zum Tagesplan

Beatrice VON MATT, Magie der Horizonte – Das Meer als Projektionsfläche bei Max Frisch

Im Alter von 22 Jahren gelangt Max Frisch erstmals ans Meer und macht damit eine der grundlegenden Erfahrungen seines Lebens. Der Vorstoss zum Meer wird künftig das Urbild all der vielen Aufbrüche in Frischs Werk. Das Meer als transzendenter Raum der Möglichkeiten entwickelt sich zur Instanz, vor der die Protagonisten von »Jürg Reinhart« über »Santa Cruz« und »Homo Faber« bis »Montauk« zu bestehen haben.  zurück zum Tagesplan

Viktor WEIBEL, Die Schwyzer Japanesenspiele

Was haben Japanesen in Schwyz zu suchen? 1863 wurde an der Fasnacht das Spiel »Die Schweiz in Japan. Grosses japanesisch-schweizerisches Volksfest in Jeddo-Schwyz« aufgeführt. Und flux darauf gaben sich die Freunde des tollen Lebens den Namen Japanesen und nannten ihren Verein Japanesengesellschaft. Seither erscheint der Hesonusode oder Kaiser der Japanesen periodisch mit seinem Hofstaat in Yeddo-Schwyz, lässt sich feiern und schaut einem Spiel zu, das man vor ihm und für ihn aufführt. Dabei wird allerhand Politisches, Menschliches und Allzumenschliches auf die Bretter gebracht. Die Fasnacht bietet sich als Gelegenheit für Projektionen naturgemäss an. In andere Personen schlüpfen, so tun als ob, einmal sagen dürfen, wozu man im Alltag keine Gelegenheit hat oder einem der Mut fehlt – das kann man an der Fasnacht. Im Fremden oder Andersartigen das Eigene wahrnehmen, das ist ein Bereich fasnächtlichen Treibens.  zurück zum Tagesplan

Ideensammlung (P.M.)

»Es ist eine Gleichnisrede, die dich verführt und verwirrt hat«, sagte Eduard. »Hier wird freilich nur von Erden und Mineralien gehandelt, aber der Mensch ist ein wahrer Narziß; er bespiegelt sich überall gern selbst, er legt sich als Folie der ganzen Welt unter«.  »Jawohl!« fuhr der Hauptmann fort; »so behandelt er alles, was er außer sich findet; seine Weisheit wie seine Torheit, seinen Willen wie seine Willkür leiht er den Tieren, den Pflanzen, den Elementen und den Göttern«. (Wahlverwandtschaften, 1. Theil, 4. Kapitel = Hamburger Ausgabe, 6. Band, S. 270)

Anstatt dass sich die Welt in uns spiegelt, solten wir vielmehr sagen, unsere Vernunfft spiegele sich in der Welt.  (Lichtenberg, Aphorismen, J 998).

Die Frage ist aber, ob alles für uns lesbar ist. Gewiß aber läßt sich durch vieles Probieren und Nachsinnen auch eine Bedeutung in etwas bringen, was nicht für uns oder gar nicht lesbar ist. So sieht man im Sand Gesichter, Landschaften usw., die sicherlich nicht die Absicht dieser Lagen sind. Symmetrie gehört auch hieher. Silhouette im Dintenfleck pp. Auch die Stufenleiter in der Reihe der Geschöpfe, alles ist nicht in den Dingen, sondern in uns. Überhaupt kann man nicht gnug bedenken, daß wir immer uns beobachten, wenn wir die Natur und zumal unsere Ordnungen beobachten. (ders. J 392)

Wer Phantasie hat, macht aus jedem Abschnitzel eine wundertätige Reliquie, aus jedem Eselkinnbacken* eine Quelle; die fünf Sinne reichen ihr nur die Kartons**, nur die Grundstriche des Vergnügens oder Mißvergnügens. (Jean Paul, Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal,1793 — * vgl. Richter 15,15ff.; ** Kartons sind die noch unausgeführten Vorlagen von Kunstwerken)

Ne cherchons pas des illusions du dehors et inconneues, nous qui sommes perpetuellement agitez d'illusions domestiques et nostres. (Montaigne, Essais III,11, Ed. P. Villey et Saulnier p. 1032).

Projektion (= Hinausverlegung) ist ein mit der Symbolbildung verwandter, aber doch davon zu unterscheidender Prozess, der in der Psychologie, der Religionskritik, der Literaturinterpretation, der Soziologie eine Rolle spielt. Der weitere Horizont ist die Frage, wie wir Wirklichkeit konstruieren.

 

Symbol vs. Projektion

Modelle (in Form der Metapher, Allegorie, des Symbols) haben die Funktion, etwas (aus verschiedenen Gründen: weil es den Sinnen nicht zugänglich ist; weil es durch Individuum oder Gemeinschaft nicht akzeptiert wird usw.) schwer Fassliches (wir sagen: das Explanandum) anhand eines konkreten Dings (z.B. ein Tier, ein technischer Mechanismus, eine meteorologischen Erscheinung usw.) fassbar zu machen. Dabei hat das Ding in der Außenwelt unabhängig von seiner Indienstnahme als Modell ganz deutliche Züge, von denen einige dann zum Explanandum in Analogie gesetzt werden.

Bei dem hier als Projektion bezeichneten Vorgang dient als ›Ding in der Außenwelt‹ etwas nur vage Differenziertes, das erst im Funktionszusammenhang Konturen bekommt. Gewisse unliebsame Elemente (unerträgliche Eigenschaften, Gedankeninhalte, Gefühle, Sehnsüchte und Wünsche des Individuums oder der Gemeinschaft, die mit gesellschaftlichen Normen in Konflikt stehen / für die man sich schämt / die man sich nicht zuzugeben getraut) werden auf dieses diffuse Etwas abgebildet, ihm zugeschrieben, in es verlagert, so dass sie ein Kontur bekommen und derart dann bewältigt werden können.

Bildspender für den Vorgang ist die Laterna Magica (bzw. der moderne Dia-Projektor), wo ein Bild auf eine weiße Leinwand ›hinausgeworfen‹ und erst dort erkennbar wird, wozu die Leinwand ihrerseits nichts beiträgt. – Das dem unvoreingenommenen Betrachter als diffus Erscheinende wird vom Projizierenden als konturiert erkannt. Der Projizierende ist sich dieses Mechanismus nicht bewusst, er hält das von ihm auf der Projektionsfläche Erkannte für einen objektiven Gegenstand, sonst könnte der Vorgang ja keine selbstwertsteigernde (oder -erhaltende) Funktion haben. 

Projektion und Symbol stehen in einem inneren Zusammenhang: Das vom Projizierenden Erkannte wird von ihm – weil es ja seine in Auge springenden Eigenschaften dessen Psychischem verdankt – als bedeutungsgeladen erfahren: Es wird als Symbol wahrgenommen.

Bild aus: Athanasius KIRCHER, »Ars Magna Lucis et Umbræ«, 2. Auflage,  Amsterdam 1671; Pars III, Problema iv: De Lucerna Magicæ seu Thaumaturgæ constructione = p. 768 sqq.

Ein eher harmloser Fall von Projektion liegt vor, wenn wir am nächtlichen Sternenhimmel – der von sich aus keine Strukturen hat (was vielleicht moderne Astronomen in Abrede stellen würden), die Waage, die Fische, den Großen Bär (bzw. Großen Wagen), den Zentaur ›erkennen‹:

Von der Zufallsverteilung der Sterne zur den Stern-Bildern – Aus: Rupert Riedl, Biologie der Erkenntnis: Die stammesgeschichtlichen Grundlagen der Vernunft (1979), 1988 als dtv 10858; Abb.6.

Erkenntnistheorie 1: Die Erscheinungen – die Welt der Ideen

SOKRATES/PLATO verwendet einen Projektionsmechanismus als Modell in seinem Höhlengleichnis. Die projizierten Bilder sind Täuschungen, von deren Unechtheit der daran Gewöhnte sich kaum abbringen lässt. (»Staat« 514a-517a; Zusammenfassung von Thomas Fleischhauer; Schriften zur Symbolforschung Band 8, 1992, S. 12f.)

Stellen wir uns ein grosses unterirdisches Gewölbe vor, zu dem ein langer, abschüssiger Gang hinabführt. Diese Höhle liegt so weit im Erdinnern, dass kein Sonnenstrahl bis zu ihr gelangen kann. Hier unten sitzen Menschen. Hinter ihnen – erhöht und in einiger Entfernung – brennt ein Feuer, dessen Widerschein die vor ihnen liegende Wand erhellt, das sie aber selbst nicht sehen können. Sie sind nämlich seit ihrer Geburt so gefesselt, dass sie nicht imstande sind, sich umzudrehen und das zu betrachten, was sich in ihrem Rücken abspielt. Zwischen dem Feuer und den Gefangenen zieht sich eine niedrige Mauer hin. Hinter der Mauer führt ein Weg entlang, auf dem Leute gehen, die Statuen von Menschen und Tieren sowie sonstige Gerätschaften tragen und miteinander reden. Die vorbeigetragenen Gegenstände ragen über die Mauer hinaus. Die Träger selbst bleiben verborgen, doch dringen ihre Stimmen bis zu den Gefangenen. Diese sehen also nur die Schatten der Dinge, die vorbeigetragen werden. Da sie nichts anderes kennen, werden sie die Schatten für wirkliche Wesen (tà ónta) halten und die Stimmen ihnen zuschreiben.

Stellen wir uns weiter vor, dass einer dieser Gefangenen von seinen Fesseln befreit und gezwungen wird, sich umzudrehen. Das Licht des Feuers wird ihn schmerzlich blenden. Er wird, nach den ihm jetzt direkt sichtbaren vorbeigetragenen Gegenständen gefragt, in seiner Bestürzung zunächst dazu neigen, ihre Schatten für wirklicher zu halten, sind sie ihm doch vertrauter. Wenn ihn dann jemand durch den langen Gang aus der Höhle hinauszieht, wird er draussen, vom Sonnenlicht geblendet, am Anfang auch nicht etwas von dem erkennen können, was ihm jetzt als Wirklichkeit vorgeführt wird. Mit der Zeit werden sich jedoch seine Augen an die Helligkeit gewöhnen, und er wird nach und nach die Schatten, die Dinge selbst, den Himmel – zunächst in der Nacht, darauf bei Tage – ansehen können. Am Ende wird er das Wesen der Sonne, die alles hervorgebracht hat, am Leben erhält und dessen Wahrnehmung erst ermöglicht, erkennen können. Jetzt wird er sich selber glücklich schätzen, die Lage seiner ehemaligen Mitgefangenen aber wird ihn dauern.

Stellen wir uns schliesslich vor, dass dieser ehemalige Gefangene den langen den Weg hinab in die Höhle wieder zurückgeht. Da er sich im Dunkeln nur sehr schlecht zurechtfindet, wird er ›keine gute Figur machen‹, wenn es – wie hier unten üblich – darum geht, die Schatten an der Wand zu bestimmen und vorherzusagen, welche ihrer verschiedenen Formen als nächste erscheinen wird. Die Gefangenen werden den Aufstieg ans Tageslicht, von dem er ihnen erzählt, für nicht lohnend erachten und ihn, falls er ihre Fesseln zu lösen versucht, überwältigen und töten, wenn sie nur können.

Erkenntnistheorie 2: Bilder aus dem Inneren

Der Homo-mensura-Satz von PROTAGORAS (ca. 481–411; Diels/Kranz, Fragmente der Vorsokratiker)

Jetzt in der Variante bei Giambattista VICO (1668–1744, »Scienza Nuova«, I. Buch, 2. Abteilung). Satz 1: Der Mensch macht infolge der unbegrenzten Natur seines Geistes, wo dieser sich in Unwissenheit verliert, sich selbst zur Richtschnur des Weltalls. … Satz 2: Es ist eine andere Eigenschaft des menschlichen Geistes, dass die Menschen, wo sie sich von fernen und unbekannten Dingen keinen Begriff machen können, diese nach den ihnen bekannten und gegenwärtigen Dinge beurteilen.)

Francis BACON (1561–1626) zeigt im »Novum Organum« (Aphorismen 38 bis 62) mit seiner Idola-Lehre auf, wie Projektionen den Blick verfälschen. Als idola bezeichnet er falsche Begriffe (notiones falsae), Voreingenommenheiten, die den einzelnen Menschen oder eine Gemeinschaft oder das ganze Menschengeschlecht derart mit Beschlag belegt haben, dass sie die Erkenntnis verstellen.

Unter den Ideologiekritikern der Moderne ist Ernst TOPITSCH (1919–2003) zu nennen, der Heilslehren als Projektionen auffasst, wobei er nach verschiedenen Modellen (biomorphe, soziomorphe und technomorphe) gliedert. Vom Ursprung und Ende der Metaphysik, Wien: Springer 1958; 2. Aufl. München: dtv 1972.

Historische Soziologie

›Der edle Wilde‹ (›the Noble Savage‹) ist eine Projektion der Europäer, mit der sie ein Umkehrbild ihrer eigenen korrupten Moral den kaum bekannten indigenen Völkern überstülpten. Vgl. die Forschungen zum Fremdstereotyp, zur sog. Imagologie, z.B. Urs Bitterli, Die ›Wilden‹ und die ›Zivilisierten‹. Grundzüge einer Geistes- und Kulturgeschichte der europäisch-überseeischen Begegnung, München: Beck 1976;  3. Auflage 2004.

Bild aus: Sebastian MÜNSTER, »Cosmographey«, Basel: Henricpetri 1588 (der Holzschnitt bereits in der lat. Ausgabe 1552).

Religionskritik

XENOPHANES (fl. 540/37; Fragmente der Vorsokratiker) sagt: Die Äthiopien behaupten, ihre Götter seien stumpfnasig und schwarz, die Thraker, blauäugig und blond. — Wenn die Rinder und Rosse und Löwen Hände hätten und malen könnten und Bildwerke schaffen wie Menschen, so würden die Rosse die Götter rossähnliche, die Rinder rinderähnliche, und sie würden solche Statuen bilden, ihrer eigenen Körpergestalt entsprechend. Damit ist impliziert, dass die Götter anthropomorphe Projektionen sind.

Auch wenn FEUERBACH das Wort nicht benutzt, ist seine Auffassung der Religion nahe bei einem Konzept von Projektion; F. nimmt an, der Mensch setze die ihn beseelenden, bestimmenden, beherrschenden Elemente, denen er keinen Widerstand entgegensetzen kann in ein andres, von ihm unterschiedenes Wesen und verehre sie darin. Andrea Klages, Religion als ›Projektion menschlicher Sinnhaftigkeit in die öde Leere des Universums‹. Die Religionskritik Feuerbachs im Kontext der Neuzeit  (THEOS – Studienreihe Theologische Forschungsergebnisse, Bd. 67) Hamburg: Kovács 2005.

... und ihre Überwindung in der apophatischen Theologie

Das Argument bekommt bei NIKOLAUS VON KUES (1401–1464) eine andere argumentative Pointe. Die Kritik an den anthropomorphen Gottesbildern mündet nicht ein eine Ermunterung zum Atheismus, sondern fordert auf zu einer apophatischen (d.h. Gott alle Attribute absprechende) Theologie:

»De visione Dei«, Kapitel VI: De visione faciali [Ausschnitt]

Visus tuus, domine, est facies tua. Qui igitur amorosa facie te intuetur, non reperiet nisi faciem tuam se amorose intuentem, et quanto studebit te amorosius inspicere, tanto reperiet similiter faciem tuam amorosiorem; qui te indignanter inspicit, reperiet similiter faciem tuam talem; qui te laete intuetur, sic reperiet laetam tuam faciem, quemadmodum est ipsius te videntis. Sicut enim oculus iste carneus per vitrum rubeum intuens omnia, quae videt, rubea iudicat et, si per vitrum viride, omnia viridia, sic quisque oculus mentis obvolutus contractione et passione iudicat te, qui es mentis obiectum, secundum naturam contractionis et passionis.
Homo non potest iudicare nisi humaniter. Quando enim homo tibi faciem attribuit, extra humanam speciem illam non quaerit, quia iudicium suum est infra naturam humanam contractum et huius contractionis passionem in iudicando non exit. Sic, si leo faciem tibi attribueret, non nisi leoninam iudicaret, et bos bovinam et aquila aquilinam.
O domine, quam admirabilis est facies tua, quam si iuvenis concipere vellet, iuvenilem fingeret et vir virilem et senex senilem. Quis hoc unicum exemplar verissimum et adaequatissimum omnium facierum ita omnium quod et singulorum et ita perfectissime cuiuslibet quasi nullius alterius concipere posset?

deutsche Übersetzung von Dietlind und Wilhelm Dupré  (1967): Dein Blick, Herr, ist Dein Angesicht. Wer Dich also mit liebevollem Gesicht betrachtet, findet nichts anderes, als dass Dein Gesicht ihn liebevoll ansieht; und je mehr er sich bemüht, Dich mit größerer Liebe anzublicken, umso liebevoller wird er Deinen Blick finden. Wer Dich feindselig ansieht, wird Dein Antlitz ebenfalls sehen. Wer Dich fröhlich betrachtet, wir Dein Antlitz von Freude erfüllt sehen, so wie es das seine ist, das Dich anblickt. So glaubt das leibliche Auge, das durch ein rotes glas blickt, dass alles rot sei, was es sieht, oder alles grün, wenn es durch ein grünes blickt. Genauso beurteilt jedes geistige Auge, das in Verschränkung und Leidenschaft verstrickt ist, Dich, den Gegenstand des Geistes, der Natur seiner Verschränkung und seiner Leidenschaften entsprechend.
Der Mensch kann nicht anders als nur menschlich urteilen. Wenn er Dir ein Antlitz zuspricht, so sucht er es nicht ausserhalb der menschliche Eigengestalt, da sein Urteil innerhalb der menschlichen Natur verschränkt ist. Und das Gebundensein an diese Verschränkung verlässt er nicht beim Urteilen.Genauso  würde auch ein Löwe, wenn er Dir ein Gesicht zuschriebe, es für nichts anderes als ein löwenartiges, ein Rind für das eines Rindes und ein Adler für das eines Adlers halten.
O Herr, wie bewundernswert ist Dein Antlitz, das ein Jüngling, wollte er es erfassen, sich als das eines Jünglings, ein Mann als das eines Mannes und ein Greis als das eines Greises vorstellen würde. Wer könnte dieses einzige, wahrste und genaueste Urbild aller Gesichter erfassen, das ebenso das aller wie das jedes einzelnen ist und das das Urbild in so vollkommener Weise jedes einzelnen ist, als ob es das keines anderen sein könnte. 

der ganze lat. Text von »De visione Dei« im Internet — englische Übersetzung (PDF)

Psychologische Diagnostik

In der psychoanalytischen Theorie Sigmund und Anna FREUDs gilt Projektion als eine Art des »Abwehrmechanismus«: Negative, unerträgliche Selbstanteile (Aggressionen und andere Triebimpulse) werden abgespalten und nach außen projiziert; durch eine solche Externalisierung Selbstanteile werden innere Konflikte in der Außenwelt inszeniert, und das innerpsychische Gleichgewicht kann aufrecht erhalten werden. Anna Freud, Das Ich und seine Abwehrmechanismen. Kindler, München 1936.

Die Analytische Psychologie nach Carl Gustav JUNG versteht unter Projektion das Zuschreiben von in der eigenen Psyche angelegten Archetypen an Personen oder Objekte außerhalb des Ichs. Projektion des Schattenarchetyps, d.h. verdrängter eigener Eigenschaften, Wünsche und Taten – vor allem solcher, die mit gesellschaftlichen Normen in Konflikt stehen, oder für die sich der Projizierende schämt.

Sogenannte ›projektive Tests‹ (am berühmtesten ist der RORSCHACH-Test) verwenden diesen Mechanismus für die psychologische Diagnostik, indem sie von dem, was die Versuchsperson / bzw. der Patient in den an sich bedeutungslosen Tintenklecks hineinprojizieren, auf dessen seelische Verfassung zurückschließen. Hermann Rorschach, Psychodiagnostik. Methodik und Ergebnisse eines wahrnehmungsdiagnostischen Experiments (Deutenlassen von Zufallsformen), Bern 1921.

Genealogie von Mythen

Das Paradies bzw. die Hölle (generell eschatologische Vorstellungen) als Projektionsflächen. Beide sind ja in der Bibel nicht deutlich beschrieben. (Paradies: Gen 2,10–14; Hölle: erst apokryph im 1. Henochbuch, Kap. 21) und können somit ausstaffiert werden für Darstellung von kulturellen Zuständen oder für die Abstrafung unliebsamer Gegner (in den sich vielleicht eigene Ängste oder Wünsche spiegeln). Adolf Doren, Wunschträume und Wunschzeiten, in: Vorträge der Bibliothek Warburg 1924/25, hg. Fritz Saxl, Leipzig/Berlin: Teubner 1927, S. 158–205. — Martin Müller, Das Schlaraffenland. der Traum von Faulheit und Müßiggang, Wien: Brandstätter 1984.

Bild: Die Unterwelt bei Vergil; Vergil-Ausgabe des Sebastian Brant, Straßburg, Grieniger 1502; fol CCLXXIIIIr.

Literaturwissenschaft / bildende Kunst

Olimpia in E.T.A. HOFFMANNs »Sandmann« als Projektion Nathanaels.

In der Belletristik beobachtet man öfters ›Hinausverlagerungen‹ von Emotionen in Nebenfiguren oder Personifikationen (vgl. z.B. den Kampf zwischen Löwe und Drachen in HARTMANNS VON AUE »Iwein«-Roman).

Das Aquatintablatt von Francisco DE GOYA (1746–1828): »El sueño de la razón produce monstruos«: Die Phantasie, verlassen von der Vernunft, erzeugt unmögliche Ungeheuer; vereint mit ihr ist sie die Mutter der Künste und Ursprung der Wunder. Stefan Nehrkorn, 78. Sitzung der Humboldt-Gesellschaft in Berlin am 16.03.99.

Alchimie als Projektion

Carl Gustav JUNG hat die Arbeitsmethoden der Alchimisten als Projektion des seelischen Vorgangs der Selbstfindung aufgefasst. Ähnlich Henri-Charles Puech die mythologischen Vorstellungen im Manichäismus (Le Manichéisme, Paris 1949). Man kann diesen Gedanken wissenschaftsgeschichtlich verlängern: Die Leistung der modernen Naturwissenschaften besteht darin, sich von anthropomorphen Projektionen auf die ›Objekte‹ befreit zu haben.

Interpassivität

Ein Seitenblick auf dieses Konzept von Robert Pfaller könnte sich lohnen. Interpassivität nennt er die Praxis, eigene Handlungen und Empfindungen an äußere Objekte, d.h. Menschen oder Dinge zu delegieren. Die Theorie der Interpassivität bezieht sich hauptsächlich auf den Bereich der Lustempfindungen, weshalb Interpassivität auch als ›delegiertes Genießen‹ definiert werden kann. Vgl. den Eintrag Interpassivität in der Wikipedia. 

 

HAMLET: Do you see yonder cloud that’s almost in shape of a camel?
LORD POLONIUS: By the mass, and ’tis like a camel, indeed.
HAMLET: Methinks it is like a weasel.
LORD POLONIUS: It is backed like a weasel.


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