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ProjektionenIdeen für einen Arbeitstag der Schweizerischen Gesellschaft für Symbolforschung 2010Voraussichtliches Datum: Samstag, 18. September 2010; Ort: Zürich
Projektion (= Hinausverlegung) ist ein mit der Symbolbildung verwandter, aber doch davon zu unterscheidender Prozess, der in der Psychologie, der Religionskritik, der Literaturinterpretation, der Soziologie eine Rolle spielt. Der weitere Horizont ist die Frage, wie wir Wirklichkeit konstruieren. Inhaltsübersicht
Symbol vs. ProjektionModelle (in Form der Metapher, Allegorie, des Symbols) haben die Funktion, etwas (aus verschiedenen Gründen: weil es den Sinnen nicht zugänglich ist; weil es durch Individuum oder Gemeinschaft nicht akzeptiert wird usw.) schwer Fassliches (wir sagen: das Explanandum) anhand eines konkreten Dings (z.B. ein Tier, ein technischer Mechanismus, eine meteorologischen Erscheinung usw.) fassbar zu machen. Dabei hat das Ding in der Außenwelt unabhängig von seiner Indienstnahme als Modell ganz deutliche Züge, von denen einige dann zum Explanandum in Analogie gesetzt werden. Bei dem hier als Projektion bezeichneten Vorgang dient als ›Ding in der Außenwelt‹ etwas nur vage Differenziertes, das erst im Funktionszusammenhang Konturen bekommt. Gewisse unliebsame Elemente (unerträgliche Eigenschaften, Gedankeninhalte, Gefühle, Sehnsüchte und Wünsche des Individuums oder der Gemeinschaft, die mit gesellschaftlichen Normen in Konflikt stehen / für die man sich schämt / die man sich nicht zuzugeben getraut) werden auf dieses diffuse Etwas abgebildet, ihm zugeschrieben, in es verlagert, so dass sie ein Kontur bekommen und derart dann bewältigt werden können. Bildspender für den Vorgang ist die Laterna Magica (bzw. der moderne Dia-Projektor), wo ein Bild auf eine weiße Leinwand ›hinausgeworfen‹ und erst dort erkennbar wird, wozu die Leinwand ihrerseits nichts beiträgt. – Das dem unvoreingenommenen Betrachter als diffus Erscheinende wird vom Projizierenden als konturiert erkannt. Der Projizierende ist sich dieses Mechanismus nicht bewusst, er hält das von ihm auf der Projektionsfläche Erkannte für einen objektiven Gegenstand, sonst könnte der Vorgang ja keine selbstwertsteigernde (oder -erhaltende) Funktion haben. Projektion und Symbol stehen in einem inneren Zusammenhang: Das vom Projizierenden Erkannte wird von ihm – weil es ja seine in Auge springenden Eigenschaften dessen Psychischem verdankt – als bedeutungsgeladen erfahren: Es wird als Symbol wahrgenommen.
Bild aus: Athanasius KIRCHER, »Ars Magna Lucis et Umbræ«, 2. Auflage, Amsterdam 1671; Pars III, Problema iv: De Lucerna Magicæ seu Thaumaturgæ constructione = p. 768 sqq. Ein eher harmloser Fall von Projektion liegt vor, wenn wir am nächtlichen Sternenhimmel – der von sich aus keine Strukturen hat (was vielleicht moderne Astronomen in Abrede stellen würden), die Waage, die Fische, den Großen Bär (bzw. Großen Wagen), den Zentaur ›erkennen‹:
Von der Zufallsverteilung der Sterne zur den Stern-Bildern – Aus: Rupert Riedl, Biologie der Erkenntnis: Die stammesgeschichtlichen Grundlagen der Vernunft (1979), 1988 als dtv 10858; Abb.6. Erkenntnistheorie 1: Die Erscheinungen – die Welt der IdeenSOKRATES/PLATO verwendet einen Projektionsmechanismus als Modell in seinem Höhlengleichnis. Die projizierten Bilder sind Täuschungen, von deren Unechtheit der daran Gewöhnte sich kaum abbringen lässt. (»Staat« 514a-517a; Zusammenfassung von Thomas Fleischhauer; Schriften zur Symbolforschung Band 8, 1992, S. 12f.) Stellen wir uns ein grosses unterirdisches Gewölbe vor, zu dem ein langer, abschüssiger Gang hinabführt. Diese Höhle liegt so weit im Erdinnern, dass kein Sonnenstrahl bis zu ihr gelangen kann. Hier unten sitzen Menschen. Hinter ihnen – erhöht und in einiger Entfernung – brennt ein Feuer, dessen Widerschein die vor ihnen liegende Wand erhellt, das sie aber selbst nicht sehen können. Sie sind nämlich seit ihrer Geburt so gefesselt, dass sie nicht imstande sind, sich umzudrehen und das zu betrachten, was sich in ihrem Rücken abspielt. Zwischen dem Feuer und den Gefangenen zieht sich eine niedrige Mauer hin. Hinter der Mauer führt ein Weg entlang, auf dem Leute gehen, die Statuen von Menschen und Tieren sowie sonstige Gerätschaften tragen und miteinander reden. Die vorbeigetragenen Gegenstände ragen über die Mauer hinaus. Die Träger selbst bleiben verborgen, doch dringen ihre Stimmen bis zu den Gefangenen. Diese sehen also nur die Schatten der Dinge, die vorbeigetragen werden. Da sie nichts anderes kennen, werden sie die Schatten für wirkliche Wesen (tà ónta) halten und die Stimmen ihnen zuschreiben.
Stellen wir uns weiter vor, dass einer dieser Gefangenen von seinen Fesseln befreit und gezwungen wird, sich umzudrehen. Das Licht des Feuers wird ihn schmerzlich blenden. Er wird, nach den ihm jetzt direkt sichtbaren vorbeigetragenen Gegenständen gefragt, in seiner Bestürzung zunächst dazu neigen, ihre Schatten für wirklicher zu halten, sind sie ihm doch vertrauter. Wenn ihn dann jemand durch den langen Gang aus der Höhle hinauszieht, wird er draussen, vom Sonnenlicht geblendet, am Anfang auch nicht etwas von dem erkennen können, was ihm jetzt als Wirklichkeit vorgeführt wird. Mit der Zeit werden sich jedoch seine Augen an die Helligkeit gewöhnen, und er wird nach und nach die Schatten, die Dinge selbst, den Himmel – zunächst in der Nacht, darauf bei Tage – ansehen können. Am Ende wird er das Wesen der Sonne, die alles hervorgebracht hat, am Leben erhält und dessen Wahrnehmung erst ermöglicht, erkennen können. Jetzt wird er sich selber glücklich schätzen, die Lage seiner ehemaligen Mitgefangenen aber wird ihn dauern. Stellen wir uns schliesslich vor, dass dieser ehemalige Gefangene den langen den Weg hinab in die Höhle wieder zurückgeht. Da er sich im Dunkeln nur sehr schlecht zurechtfindet, wird er ›keine gute Figur machen‹, wenn es – wie hier unten üblich – darum geht, die Schatten an der Wand zu bestimmen und vorherzusagen, welche ihrer verschiedenen Formen als nächste erscheinen wird. Die Gefangenen werden den Aufstieg ans Tageslicht, von dem er ihnen erzählt, für nicht lohnend erachten und ihn, falls er ihre Fesseln zu lösen versucht, überwältigen und töten, wenn sie nur können. Erkenntnistheorie 2: Bilder aus dem Inneren
Der Homo-mensura-Satz von PROTAGORAS (ca. 481–411; Diels/Kranz, Fragmente der Vorsokratiker) Jetzt in der Variante bei Giambattista VICO (1668–1744, »Scienza Nuova«, I. Buch, 2. Abteilung). Satz 1: Der Mensch macht infolge der unbegrenzten Natur seines Geistes, wo dieser sich in Unwissenheit verliert, sich selbst zur Richtschnur des Weltalls. … Satz 2: Es ist eine andere Eigenschaft des menschlichen Geistes, dass die Menschen, wo sie sich von fernen und unbekannten Dingen keinen Begriff machen können, diese nach den ihnen bekannten und gegenwärtigen Dinge beurteilen.) Francis BACON (1561–1626) zeigt im »Novum Organum« (Aphorismen 38 bis 62) mit seiner Idola-Lehre auf, wie Projektionen den Blick verfälschen. Als idola bezeichnet er falsche Begriffe (notiones falsae), Voreingenommenheiten, die den einzelnen Menschen oder eine Gemeinschaft oder das ganze Menschengeschlecht derart mit Beschlag belegt haben, dass sie die Erkenntnis verstellen. Unter den Ideologiekritikern der Moderne ist Ernst TOPITSCH (1919–2003) zu nennen, der Heilslehren als Projektionen auffasst, wobei er nach verschiedenen Modellen (biomorphe, soziomorphe und technomorphe) gliedert. Vom Ursprung und Ende der Metaphysik, Wien: Springer 1958; 2. Aufl. München: dtv 1972. Historische Soziologie›Der edle Wilde‹ (›the Noble Savage‹) ist eine Projektion der Europäer, mit der sie ein Umkehrbild ihrer eigenen korrupten Moral den kaum bekannten indigenen Völkern überstülpten. Vgl. die Forschungen zum Fremdstereotyp, zur sog. Imagologie, z.B. Urs Bitterli, Die ›Wilden‹ und die ›Zivilisierten‹. Grundzüge einer Geistes- und Kulturgeschichte der europäisch-überseeischen Begegnung, München: Beck 1976; 3. Auflage 2004.
Bild aus: Sebastian MÜNSTER, »Cosmographey«, Basel: Henricpetri 1588 (der Holzschnitt bereits in der lat. Ausgabe 1552). ReligionskritikXENOPHANES (fl. 540/37; Fragmente der Vorsokratiker) sagt: Die Äthiopien behaupten, ihre Götter seien stumpfnasig und schwarz, die Thraker, blauäugig und blond. — Wenn die Rinder und Rosse und Löwen Hände hätten und malen könnten und Bildwerke schaffen wie Menschen, so würden die Rosse die Götter rossähnliche, die Rinder rinderähnliche, und sie würden solche Statuen bilden, ihrer eigenen Körpergestalt entsprechend. Damit ist impliziert, dass die Götter anthropomorphe Projektionen sind. Auch wenn FEUERBACH das Wort nicht benutzt, ist seine Auffassung der Religion nahe bei einem Konzept von Projektion; F. nimmt an, der Mensch setze die ihn beseelenden, bestimmenden, beherrschenden Elemente, denen er keinen Widerstand entgegensetzen kann in ein andres, von ihm unterschiedenes Wesen und verehre sie darin. Andrea Klages, Religion als ›Projektion menschlicher Sinnhaftigkeit in die öde Leere des Universums‹. Die Religionskritik Feuerbachs im Kontext der Neuzeit (THEOS – Studienreihe Theologische Forschungsergebnisse, Bd. 67) Hamburg: Kovács 2005. ... und ihre Überwindung in der apophatischen TheologieDas Argument bekommt bei NIKOLAUS VON KUES (1401–1464) eine andere argumentative Pointe. Die Kritik an den anthropomorphen Gottesbildern mündet nicht ein eine Ermunterung zum Atheismus, sondern fordert auf zu einer apophatischen (d.h. Gott alle Attribute absprechende) Theologie: »De visione Dei«, Kapitel VI: De visione faciali [Ausschnitt] Visus tuus, domine, est facies tua. Qui igitur amorosa facie te intuetur, non reperiet nisi faciem tuam se amorose intuentem, et quanto studebit te amorosius inspicere, tanto reperiet similiter faciem tuam amorosiorem; qui te indignanter inspicit, reperiet similiter faciem tuam talem; qui te laete intuetur, sic reperiet laetam tuam faciem, quemadmodum est ipsius te videntis. Sicut enim oculus iste carneus per vitrum rubeum intuens omnia, quae videt, rubea iudicat et, si per vitrum viride, omnia viridia, sic quisque oculus mentis obvolutus contractione et passione iudicat te, qui es mentis obiectum, secundum naturam contractionis et passionis. deutsche Übersetzung von Dietlind und Wilhelm Dupré (1967): Dein Blick, Herr, ist Dein Angesicht. Wer Dich also mit liebevollem Gesicht betrachtet, findet nichts anderes, als dass Dein Gesicht ihn liebevoll ansieht; und je mehr er sich bemüht, Dich mit größerer Liebe anzublicken, umso liebevoller wird er Deinen Blick finden. Wer Dich feindselig ansieht, wird Dein Antlitz ebenfalls sehen. Wer Dich fröhlich betrachtet, wir Dein Antlitz von Freude erfüllt sehen, so wie es das seine ist, das Dich anblickt. So glaubt das leibliche Auge, das durch ein rotes glas blickt, dass alles rot sei, was es sieht, oder alles grün, wenn es durch ein grünes blickt. Genauso beurteilt jedes geistige Auge, das in Verschränkung und Leidenschaft verstrickt ist, Dich, den Gegenstand des Geistes, der Natur seiner Verschränkung und seiner Leidenschaften entsprechend. der ganze lat. Text von »De visione Dei« im Internet — englische Übersetzung (PDF) Psychologische DiagnostikIn der psychoanalytischen Theorie Sigmund und Anna FREUDs gilt Projektion als eine Art des »Abwehrmechanismus«: Negative, unerträgliche Selbstanteile (Aggressionen und andere Triebimpulse) werden abgespalten und nach außen projiziert; durch eine solche Externalisierung Selbstanteile werden innere Konflikte in der Außenwelt inszeniert, und das innerpsychische Gleichgewicht kann aufrecht erhalten werden. Anna Freud, Das Ich und seine Abwehrmechanismen. Kindler, München 1936. Die Analytische Psychologie nach Carl Gustav JUNG versteht unter Projektion das Zuschreiben von in der eigenen Psyche angelegten Archetypen an Personen oder Objekte außerhalb des Ichs. Projektion des Schattenarchetyps, d.h. verdrängter eigener Eigenschaften, Wünsche und Taten – vor allem solcher, die mit gesellschaftlichen Normen in Konflikt stehen, oder für die sich der Projizierende schämt. Sogenannte ›projektive Tests‹ (am berühmtesten ist der RORSCHACH-Test) verwenden diesen Mechanismus für die psychologische Diagnostik, indem sie von dem, was die Versuchsperson / bzw. der Patient in den an sich bedeutungslosen Tintenklecks hineinprojizieren, auf dessen seelische Verfassung zurückschließen. Hermann Rorschach, Psychodiagnostik. Methodik und Ergebnisse eines wahrnehmungsdiagnostischen Experiments (Deutenlassen von Zufallsformen), Bern 1921.
Genealogie von MythenDas Paradies bzw. die Hölle (generell eschatologische Vorstellungen) als Projektionsflächen. Beide sind ja in der Bibel nicht deutlich beschrieben. (Paradies: Gen 2,10–14; Hölle: erst apokryph im 1. Henochbuch, Kap. 21) und können somit ausstaffiert werden für Darstellung von kulturellen Zuständen oder für die Abstrafung unliebsamer Gegner (in den sich vielleicht eigene Ängste oder Wünsche spiegeln). Adolf Doren, Wunschträume und Wunschzeiten, in: Vorträge der Bibliothek Warburg 1924/25, hg. Fritz Saxl, Leipzig/Berlin: Teubner 1927, S. 158–205. — Martin Müller, Das Schlaraffenland. der Traum von Faulheit und Müßiggang, Wien: Brandstätter 1984.
Bild: Die Unterwelt bei Vergil; Vergil-Ausgabe des Sebastian Brant, Straßburg, Grieniger 1502; fol CCLXXIIIIr. Literaturwissenschaft / bildende KunstOlimpia in E.T.A. HOFFMANNs »Sandmann« als Projektion Nathanaels. In der Belletristik beobachtet man öfters ›Hinausverlagerungen‹ von Emotionen in Nebenfiguren oder Personifikationen (vgl. z.B. den Kampf zwischen Löwe und Drachen in HARTMANNS VON AUE »Iwein«-Roman). Das Aquatintablatt von Francisco DE GOYA (1746–1828): »El sueño de la razón produce monstruos«: Die Phantasie, verlassen von der Vernunft, erzeugt unmögliche Ungeheuer; vereint mit ihr ist sie die Mutter der Künste und Ursprung der Wunder. Stefan Nehrkorn, 78. Sitzung der Humboldt-Gesellschaft in Berlin am 16.03.99.
Alchimie als ProjektionCarl Gustav JUNG hat die Arbeitsmethoden der Alchimisten als Projektion des seelischen Vorgangs der Selbstfindung aufgefasst. Ähnlich Henri-Charles Puech die mythologischen Vorstellungen im Manichäismus (Le Manichéisme, Paris 1949). Man kann diesen Gedanken wissenschaftsgeschichtlich verlängern: Die Leistung der modernen Naturwissenschaften besteht darin, sich von anthropomorphen Projektionen auf die ›Objekte‹ befreit zu haben.
InterpassivitätEin Seitenblick auf dieses Konzept von Robert Pfaller könnte sich lohnen. Interpassivität nennt er die Praxis, eigene Handlungen und Empfindungen an äußere Objekte, d.h. Menschen oder Dinge zu delegieren. Die Theorie der Interpassivität bezieht sich hauptsächlich auf den Bereich der Lustempfindungen, weshalb Interpassivität auch als ›delegiertes Genießen‹ definiert werden kann. Vgl. den Eintrag Interpassivität in der Wikipedia.
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