Tiere in Allegorien, in der Emblematik

Die Eigenschaften und Verhaltensweisen von Tieren wurden immer wieder allegorisch ausgebeutet. Insofern als diese ein Fundament in der Natur hatten, gaben sie eine gute Basis für Deutungen ab.

Zuerst einige Beispiele aus der christlichen Antike

Dann als Fallstudien der Kranich und der Paradiesvogel

 



Clemens von Alexandrien († vor 215/16): Mahnrede an die Heiden (Protrepticus), 1., Kapitel 4

1. Er allein unter allen, die je lebten, zähmte die wildesten Tiere, die Menschen, sowohl Vögel, das sind die Leichtfertigen, als kriechende Tiere, das sind die Betrüger, und Löwen, das sind die Jähzornigen, und Schweine, das sind die Wollüstigen, und Wölfe, das sind die Raubgierigen. Stein und Holz aber sind die Unvernünftigen; ja noch gefühlloser als Stein ist ein Mensch, der in Torheit versunken ist.

2. Als Zeugen wollen wir aufrufen das Prophetenwort, das, übereinstimmend mit der Wahrheit, die beklagt, die in Torheit und Unverstand zermürbt sind: „denn Gott vermag aus diesen Steinen Abraham Kinder zu erwecken". Er erbarmte sich der großen Unwissenheit und Herzenshärtigkeit derer, die gegen die Wahrheit versteinert waren, und erweckte aus jenen Steinen, aus den an Steine glaubenden Heiden, einen Samen der Frömmigkeit, empfänglich für die Tugend.

3. Hinwiederum hat er einige giftige und heimtückische Heuchler, die der Gerechtigkeit auflauerten, einmal „Otterngezücht" genannt; aber auch wenn von diesen als Schlangen Bezeichneten einer aus freien Stücken Buße tut und dem Logos folgt, wird er ein „Mensch Gottes". Wieder andere nennt er mit einem bildlichen Ausdruck „Wölfe, die in Schaffelle gekleidet sind", womit er die Raubtiere in Menschengestalt meint. Alle diese wilden Tiere aber und die harten Steine verwandelte das himmlische Lied selbst in sanfte Menschen.

Origenes († 253/54), Gegen Celsus (Contra Celsum), Viertes Buch, 93.

Wenn ich daher sonst etwas an Moses bewundert habe, so verdient, wie ich behaupten möchte, dies ganz besondere Bewunderung, dass er die verschiedenen Naturen der Tiere beachtet hat, sei es nun, dass er das Urteil über diese und die einem jeden Tiere stammverwandten Dämonen von der Gottheit erhalten hat, oder dass er selbst zu der Erkenntnis emporgestiegen war und sie durch seine Weisheit gefunden hat. Jedenfalls bestimmte er bei der Einteilung der Tiere, es sollten alle unrein sein, die bei den Ägyptern und den übrigen Völkern für weissagende gehalten werden, während die andern im allgemeinen als rein gelten könnten. Zu den unreinen zählt Moses den Wolf, den Fuchs, die Schlange, den Adler und Habicht und ähnliche Tiere. Und man wird im allgemeinen finden, dass nicht nur im Gesetze, sondern auch bei den Propheten diese Tiere immer als Sinnbilder des Schlechtesten verwendet sind, während Wolf oder Fuchs niemals für eine gute Sache genannt werde . Es scheint nun für eine jede Gattung von Dämonen eine Art von Gemeinschaft mit einer jeden Tiergattung zu bestehen. Und wie unter den Menschen einige stärker sind als die andern, ohne dass hier die sittliche Beschaffenheit in Betracht kommt, so dürften in gleicher Weise einige Dämonen in gleichgiltigen Dingen größere Macht besitzen als andere.

Boethius (*um 480/485; † zwischen 524 und 526), Consolatio Philosophiae IV, prosa 3

Wie sich nun aber jeder durch seine eigene Tugend über die Menschheit emporheben kann, so muß andererseits die Nichtswürdigkeit diejenigen, die sie der menschlichen Natur beraubte, auch unter die menschliche Würde herabdrücken und erniedrigen, so daß du den durch das Laster Entstellten fürder nicht mehr für einen Menschen halten kannst. Brennende Habsucht verzehrt den Geizigen, den gewaltthätigen, rastlosen Räuber fremder Güter. Mit einem Wolfe wirst du einen solchen Menschen füglich vergleichen! Der Wilde und Unruhige, der seine Zunge nur zum Zanken und Streiten gebraucht, wird dir einem kläffenden Hunde, der heimliche Fallensteller aber, der gern betrügerisch im Trüben fischt, einem Fuchse ähnlich erscheinen. Wer in unmäßige Zornausbrüche verfällt, zeigt die Natur eines Löwen, die eines Hirsches dagegen, wer furchtsam und stets fruchtbereit vor den ungefährlichsten Dingen erzittert. Dem Esel ähnelt der Träge und Stumpfsinnige. Wer leichtsinnig und flatterhaft fortwährend seine Interessen wechselt, unterscheidet sich tu nichts von den Vögeln, und derjenige endlich, der in gemeinen und schmutzigen Fleischeslüsten versunken ist, der ist in seinen wüsten Begierden dem unreinen Schweine verwandt! So kommt es, daß derjenige, der die Rechtschaffenheit aufgegeben und damit zugleich aufgehört hat ein Mensch zu sein, nun, da er sich zum göttlichen Wesen nicht emporzuschwingen vermochte, schmachvoll zu den Tieren hinabsinkt! — http://www.pinselpark.org/philosophie/b/boethius/texte/trost4_2.html

Weitere Beispiele hier: https://www.uzh.ch/ds/wiki/ssl-dir/Allegorieseminar/index.php?n=Main.Las...

 



Der Kranich

❖ Plinius (ca. 23–79 n.Chr.) schreibt über die Kraniche (grus, Mehrzahl grues) :

In der Nacht haben sie Wachen, die in der Klaue einen kleinen Stein halten, der beim Einschlafen losgelassen und herabfallend, ihre Unachtsamkeit verrät; die anderen schlafen, indem sie den Kopf unter den Flügel stecken und abwechselnd auf dem einen und anderen Bein stehen … —  excubias habent nocturnis temporibus lapillum pede sustinentes, qui laxatus somno et decidens indiligentiam coarguat; ceterae dormiunt, capite subter alam condito alternis pedibus insistentes. dux erecto providet collo ac praedicit. (naturalis historia X,xxx,59).

Vgl. Isidor (Etymologiae XII, vii, 15):  nocte autem excubias dividunt, et ordinem vigiliarum per vices faciunt, tenentes lapillos suspensis digitis, quibus somnos arguant: quod cavendum erit, clamor indicat. 

Konrad von Megenberg (1309–1374) schreibt in dieser Tradition (»Buch der Natur« IIIB, 34):

die kranch tailent ir schiltwacht des nahtes under sich, alsô daz ie der zehend kranch wachent beleibt, und ir iecleicher der wacht der zeuht ainen fuoz auf von der erden und nimt ain stainl dar ein und stêt uf dem andern fuoz. wenne daz stainel vellt, sô erwacht er und schreit. alsô behüett er sich, daz er iht slâf. die ie andern slâfent, alsô daz si diu haupt verpergent under ir flügel und wehselnt ir füez. aber ir hauptman der hüett ir aller mit aufgerecktem kragen und siht sich umb mit fleiz.

Und so sehen die Kraniche dann in einem Bestiar (um 1230/40)  im Bild aus. (Hier ist  das Schlafen durch die geschlossenen Augen dargestellt):

 

British Library, Harley MS 4751 > http://bestiary.ca/beasts/beast234.htm

❖  Genauere Naturbeobachtung zeigt dies indessen nicht. — Der europäische Kranich, Grus grus und der Jungfernkranich, Anthropoides virgo sind im Falkenbuch von Kaiser Friedrich II. († 1250) »de arte venandi cum avibus« unter den Sumpf- und Wasservögeln mehrfach und naturgetreu abgebildet.

 

Carl Arnold Willemsen, Das Falkenbuch Kaiser Friedrichs II. Nach der Prachthandschrift in der Vatikanischen Bibliothek. (Die bibliophilen Taschenbücher Nr. 152), Dortmund: Harenberg 1980; mit Register und Beschreibungen.

Der Codex Pal.Lat. 1071 digitalisiert > http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bav_pal_lat_1071/0005

Das Verhalten des Kranichs gemäß Plinius & Co.wird allegorisiert. Hier eine chronologische Revue:

❖ Ein ins 14. Jh. zu datierender »Physiologus« zitiert das Verhalten der Vögel und formuliert dann:

Allegoria
Nos quoque preclare monuit dominus uigilare,
   Cum tempus lateat, quo latro surripiat,
Mortis et absque mora nobis approximet hora,
   Aduentus cuius semper erit dubius.
Qualiter et quando ue! ubi ueniat, dubitando
   Heres; sis igitur cautus ad eius iter!
Prouidas prima tibi ne moriaris ab ima,
   Que mors est anime, que sine fine manet!
Mors ibi non moritur, ubi uiuere mors reperitur;
   Non ibi flamma perit, sed neque uermis abit.
Peruigil orando, sit peruigil edificando,
   Qui gregis est pastor, quem gregis urit amor!
Illudens sathanas fantasmata resque prophanas
   Segnibus inducit, quos sopor obtinuit.
Swadet <et> ipse Cato*, quod sompno qui moderato
   Vtatur; nimis est noxia multa quies.
Crapula, natura, fraus, stella diurnaqu ura
   Sompnia cum signis uana uel apta creant.

 *) Gemeint sind die Disticha Catonis

Novus phisiologus; nach Hs. Darmstadt 2780, hg. von A. P. Orbán, Leiden: Brill, 1989 (Mittellateinische Studien und Texte 15); Verse 903ff.

Nicolaus Episcopius d. J. († 1565) und seine Erben benutzen den Kranich in der Druckermarke. (Der Bischof-Stab ist vom Namen abgeleitet.) – Rollenhagen / de Passe (siehe unten) haben sich hier bedient.

Angeli Politiani Opera, Qvae Qvidem Extitere Hactenvs, Omnia, Longè Emendativs Qvam usquam antehac expressa, Basileae apud Nicolaum Episcopium Iuniorem 1553.
> http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb11057445_0...
> http://www.e-rara.ch/doi/10.3931/e-rara-5637

Der Spruch: tes epimeleias doula panta ginetai bedeutet: Alles ist dem Gesetz der Wachsamkeit unterworfen.

Hier ein später Nachfahre aus: Ægidii Tschudii, gewesenen Land-Ammanns zu Glarus, Chronicon Helveticum. Oder Gründliche Beschreibung Der So wohl in dem Heil. Römischen Reich ... vorgeloffenen Merckwürdigsten Begegnussen, Gedruckt zu Basel/ In Verlegung Hanß Jacob Bischoff; Zweyter Theil 1736.

Literaturhinweis: Anja Wolkenhauer, Zu schwer für Apoll. Die Antike in humanistischen Druckerzeichen des 16. Jahrhunderts. Wiesbaden, Otto Harrassowitz 2002; Abb.19 und 20 und S. 404–409.

❖  Nikolaus und Jeremias Reusner:

Emblemata Nicolai Revsneri IC. Partim Ethica, Et Physica: Partim vero Historica, & Hieroglyphica, sed ad virtutis, morumque doctrinam omnia ingeniose traducta: & in quatuor libros digesta, cum Symbolis & inscriptionibus illustrium & clarorum virorum, Francoforti: Impensis Sigismundi Feyerabendij, 1581; II, 34.

Das Lemma Curâ sapientia crescit besagt:  Durch Achtsamkeit nimmt die Weisheit zu. Im Epigramm stehen die Verse:

Sic et Aristoteles fertur plerunque lapillum
    Peruigil in somnis sustinuisse manu.

(Es heißt, dass Aristoteles, noch im Schlafe wachsam, meist ein Steinchen in der Hand gehalten habe.) Die Zuschreibung an Aristoteles ist falsch; gemeint ist Alexander der Große.

Im Emblembuch des  Joachim Camerarius (1534–1598) kommt er ebenfalls vor (III,27, zuerst 1596 erschienen); hier die Fassung der deutschen Übersetzung:

Vierhundert Wahl-Sprüche und Sinnen-Bilder, durch welche beygebracht und außgelegt werden die angeborne Eigenschafften, wie auch lustige Historien und Hochgelährter Männer weiße Sitten-Sprüch. … Im III. Von Vögeln und allerley kleinen so wol fliegenden als nit fliegenden Thierlein. … Vormahls durch den Hochgelährten Hn. Ioachimum Camerarium In Lateinischer Sprach beschrieben: Und nach ihm durch einen Liebhaber seiner Nation / wegen dieses Buchs sonderbarer Nutzbarkeit allen denen die in vorgemelter Sprach unerfahren seyn/ zum besten ins ins Teutsch versetzet, Maintz: Bourgeat 1671.

Lemma: Damit kein Einfall [unvorhergesehener Zwischenfall, auch Einfallen eines feindlichen Heers] mög geschehen/ Eh daß wir dessen uns versehen [etwas wahrnehmen].

Auf der rechten Seite steht der zusätzliche Text:

Dahero Alexander M[agnus] (wie Ammian. Marcellinus erzehlet) ein Exempel der Wachsamkeit genommen/ damit weder er/ noch sein Volck in Gefahr kämen; Er hat eine silberne Kugel/ wann er sich zur Ruhe begeben wollen/ in der rechten Hand gehalten/ und darunter ein ährines [ehernes] Becken gestellet/ damit/ wann sie ihm im Schlaf entfiel/ er darauff erwachte …

❖  Cesare Ripa gibt 1603 die erste bebilderte »Iconolgia« heraus, opera non meno utile, che necessaria à Poeti, Pittori, Scultori, per rappresentare le virtù, vitij, affetti, et passioni humane. (Digitalisat > http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ripa1603)

Die Vigilanza wird dargestellt als Donna con un libro nella destra mano et nell'altra con una verga et una lucerna accesa, in terra vi sarà una Grue, che sostenga un sasso col piede.  (Bild hier aus einer späteren Ausgabe)

Im Emblembuch von Gabriel Rollenhagen / Crispin de Passe, »Nucleus Emblematum«, Arnheim/Utrecht 1611/1615 (II, 15) ist die Kranich-Allegorie auf die (lutherischen) Bischöfe bezogen. Qui custodit, non dormit (Wer fürsorglich ist / Obhutspflicht hat, schläft nicht.)

http://diglib.hab.de/drucke/21-2-eth-2/start.htm

Petrus Isselburg hat in Nürnberg den Rathaussaal ausgemalt; parallel dazu publiziert er die Embleme als Buch (mit Versen von Georg Rem). Das Lemma richtet sich an die Herrschenden. Pro grege meint: Für die Schar (der Kraniche) / für die Gemeinschaft (der Bürger).

Petrus Isselburg / Georg Rem, Emblemata Politica. In aula magna Curiæ Noribergensis depicta, Nürnberg 1617; Nr. 21. — Nachdruck der Ausgabe 1640 hg. W. Harms, Bern / Frankfurt: Lang 1982. > http://diglib.hab.de/drucke/uk-40/start.htm

Das Epigramm in der zeitgenössischen Übersetzung:

Damit d’andern ruhen die Nacht/
Hält hie ein Kranich fleissge Wacht/
Auff daß/ so er der Feind wird gwar/
Sich und die Sein bewahr vor Gfahr.
    Ein Fürst/ der soll sorgfältig seyn/
    Frü vnd spat/ für sein liebe Gmein.

 ❖ Salomon Neugebauer (bezeugt 1611–1654) verfasste eine Sammlung von Imresen vieler Könige; das sind (oft allegorisch ausgelegte) Wahlsprüche. Henry VII (1457–1509) hatte offenbar einen Kranich als Imprese, mit demselben Wortlaut Non dormit qui custodit wie dann Rollenhagen 1615.

 

Selectorum Symbolorum Heroicorum Centuria Gemina , Francofurti: Iennis 1619; Nr. 189. > http://diglib.hab.de/drucke/405-quod-2s/start.htm

 ❖ Caspar Augustin publiziert 1633 ein vexillologisches Werk: 

Der newen Cornet und Fahnen, welche in Augspurg der Außgewählten Burgerschafft gegeben worden, habender Emblemata und Figuren einfältige Erklärung und applicierung auff die streitende Kirch Christi gericht, Augspurg: Morhardt 1633. > digital.bib-bvb.de/publish/viewer/27/86606.html

 ❖ Florens Schoonhoven (1594–1648) zeigt die Kraniche genau so, wie sie Plinius beschreibt.. Das Lemma Typus Regis besagt: Ein Vorbild für den König.

Emblemata Florentii Schoonhovii I.C. Goudani : partim moralia partim etiam civilia : cum latiori eorundem ejusdem auctoris interpretatione : accedunt et alia quaedam poëmatia in alijs poematum suorum libris non contenta, Gouda: A.Burier 1618; Nr. 67. > https://archive.org/details/schoonhoviigouda00scho

Hübsch ist das Wortspiel im dritten Vers des Epigramms:

Grus notat haec: Regem vigilantem pro grege.

❖  Wolf Helmhardt von Hohberg (1612–1688) hat sein Emblembuch dem Psalter entlang organisiert; zu je einem Psalmvers fügt er ein Emblem. (Dazu kommen noch allegorisch gedeutete Pflanzen.) Zu Psalm 77,5 (in Luthers Übersetzung: Meine augen heltestu, daß sie wachen) passt der Kranich.

Lust- und Artzeney-Garten des Königlichen Propheten Davids. Das ist Der gantze Psalter in teutsche Verse übersetzt, sammt anhangenden kurtzen Christlichen Gebetlein. Da zugleich jedem Psalm eine besondere neue Melodey, mit dem Basso Continuo, auch ein in Kupffer gestochenes Emblems, so wol eine liebliche Blumen oder Gewächse, samt deren Erklärung und Erläuterung beygefügt worden
Regensburg: Georg Sigmund Freysinger 1675.
— Reprint, hg. Grete Lesky, Graz: ADVA 1969 > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00095142/image_417

Auchh hier ist das Lemma prägnant formuliert: Oneror, ne onerer – was sich ebenfalls mit einem Wortspiel übersetzen lässt: Ich belaste mich, damit ich nicht belästigt werde.

(Man beachte Stadt – Brücke – Landschaft im Hintergrund!)

›Angewandte Emblematik‹ – Man konnte die Emblembücher für sich zur Erbauung oder zum moralischen Unterricht lesen; sie dienten aber auch Künstlern zum Ausgestalten von Räumen (vgl. oben Isselburg) oder Schmuckstücken – und deren Betrachtern zum Verständnis. Hier einige Beispiele.

❖  Schaffhausen im Haus »Zur Kante« (1694) – (Stadt – Brücke sind nicht der Munot und die Rheinbrücke, sondern kopiert aus Hohberg!)

Reinhard Frauenfelder in: Unsere Kunstdenkmäler 3 (1952) > kas-001_1952_3__147_d.pdf

 ❖ Im Rathaus der Stadt Zürich steht ein Kachelofen von Hans Heinrich Pfau (1697). Darauf diese Ofenkachel, wo wir auch Alexander den Großen wieder antreffen:

 

Vigilantia servat (die Wachsamkeit bewahrt [vor Unheil])

Wann die Bürger ruhwig schlaffen
Soll der Ober wachbar sein,
Sinnen, sorgen nur allein,
Ihnen Sicherheit zuschaffen.

Literaturhinweis: Margrit Früh, Winterthurer Kachelöfen für Rathäuser, in: Keramik-Freunde der Schweiz, Mitteilungsblatt, Nr. 95, Rüschlikon 1981. Digitalisat > http://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=kkf-002:1981:-#6

Wilhelm Busch hat sich den Vogel nicht entgehen lassen (Danke Peter M. für den Hinweis!)

Du, Hans, so rief der Oberkranich,
Hast heut die Wache, drum ermahn ich
Dich ernstlich, halt dich stramm und paß
Gehörig auf, sonst gibt es was.

Bald schlief ein jeder ein und sägte.
Hans aber stand und überlegte.

Er nahm sich einen Kieselstein,
Erhob ihn mit dem rechten Bein
Und hielt sich auf dem linken nur
In Gleichgewicht und Positur.

Der arme Kerl war schrecklich müd.
Erst fiel das linke Augenlid,
Das rechte blinzelt zwar noch schwach,
Dann aber folgt's dem andern nach.
Er schnarcht sogar. Ich denke schon:
Wie wird es dir ergehn, mein Sohn?
So denk ich, doch im Augenblick,
Als ich es dachte, geht es klick!
Der Stein fiel Hänschen auf die Zeh,
Das weckt ihn auf, er schreit auweh!

Der ganze Text auf der Website von Jochen Schöpflin > http://www.wilhelm-busch-seiten.de/gedichte/letzt75.html

 

❖ In Japan und China (Pin’yin hé) steht dieser Vogel für glückliche Langlebigkeit, Klugheit und die Vater-Sohn-Beziehung. Bei besonderen Gelegenheiten (Geburtstagen, Heirat) kann man das durch eine Vielzahl von in Origami-Technik gefalteten, auf einer Schnur aufgereihten Kranichen zum Ausdruck bringen: senbazuru. Dieses Wort wird mit 3 Kanji-Zeichen geschrieben, wobei sen für tausend, ba für Flügel und tsuru (zuru) für Kranich steht. 

Hier eine Faltanleitung > https://www.origami-kunst.de/faltanleitungen/diagramme/kranich/

 

❖ Und er lebt noch heute, in der Wach-Au!

> https://www.tsvwachau.de/mannschaften (Danke für den Hinweis, Romy G.!)

Literaturhinweise zum Kranich

http://animaliterbib.uni-trier.de/minev/Bibliographie/bibliographien/zu-...

http://www.animaliter.uni-mainz.de/kranich

 



Der Paradiesvogel (lat. auch Manucodiata)

Die Vorgeschichte

Aristoteles schreibt: Von den Vögeln können einige nur schlecht gehen, die aus diesem Grunde ›Fußlose‹ (apodes) genannt werden – gemeint sind Schwalben und Segler, worunter er die Art Drepanis (Sichelvogel) nennt. (Hist. animal I,1, 487 b 24; vgl. Zoologische Schriften I: Historia animalium. Bücher 1 und 2 [Band 16 von Aristoteles, Werke in deutscher Übersetzung], hg. Stephan Zierlein, de Gruyter 2013, Kommentar S. 151.)

Plinius kennt fußlose Vögel (apodes nat hist X, lv, 114).

Albertus Magnus (um 1193 – 1280) kennt den Vogel namens Daryatha, der keine Füße hat und, wenn er zur Erde fällt, mit den Flügeln und auf der Brust kriecht: Daryatha est avis pedibus carens ut dicit Aristoteles et cum ad terram ceciderit, cubitis alarum et pectore repit (de animalibus, liber XXIII, 43, ¶ 38 = Stadler II, S.1453). In der deutschen Übersetzung von Ryff 1545 heißt der Vogel Dryacha, der Text von Albertus wird übersetzt und ein Bild beigegeben:

Thierbuch Alberti Magni. Von Art Natur vnd Eygenschafft der Thierer/ als nemlich von vier füssigen/ Vögeln/ Fyschen/ Schlangen oder kriechenden Thieren/ vnd von den kleinen gewürmen die man Insecta nennet/ durch Waltherum Ryff verteutscht. Frankfurt am Main: Jacob 1545. – Digitalisat der ÖNB: http://digital.onb.ac.at/OnbViewer/viewer.faces?doc=ABO_%2BZ177496707

Es gab also schon lange die Vorstellung von fußlosen Vögeln, die die Wahrnehmung lenkte.

Im Zeitalter der Entdeckungsreisen

… kommen die ersten Bälge von Paradiesvögeln nach Europa. Die eingeborenen Jäger in Neuguinea hatten den Tieren die Füße abgeschnitten, damit beim Transport die Prachtfedern nicht beschädigt würden.

Niccolò de’ Conti (ca.1395–1469), ein venezianischer Kaufmann, der lange auf Java lebte, erzählt in seinem Reisebericht (1440/41 von Poggio Bracciolini niedergeschrieben; 1492 unter dem Titel »India recognita« gedruckt): Auf Java findet man häufig Vögel, die keine Füße haben, mit sehr feinen Federn und langem Schwanz. — http://bvpb.mcu.es/es/consulta/registro.cmd?id=406383

Juan Sebastián Elcano, der Kommandant der Magellanschen Reise, der 1522 nach Spanien zurückkam, brachte einige Paradisvogel-Bälge nach Europa.

Um etwa 1550 erscheint in Nürnberg ein Flugblatt »Der Pardyß vogel«. In der Bildlegende steht: Vnd wer disen vogel leibhafftig schawenoder kauffen wil/ der gehe zuo dem Hanns Kramer … der beut jm hundert taler. Abbildung bei Ingrid Faust u.a., Zoologische Einblattdrucke und Flugschriften vor 1800, Band II Stuttgart: Hiersemann 1999, Nr. 158.

Girolamo Cardano schreibt in seiner 1550 bis 1582 oft gedruckten Enzyklopäie »de subtilitate« (Ausgabe Nürnberg 1550, pag. 239) zum Vogel  Manucodiata: sie sind fußlos weil sie in der Luft leben (ob id pedibus caret, quod in sublimi aere … habitet). Sie ernähren sich einzig von Tau: cibum nullum esse puto praeter coeli rorem.

Konrad Gessner schreibt in »Historiae Animalium Liber III., qui est de Auium natura«, Tiguri [Zürich] anno 1555, er habe eine Zeichnung von Konrad Peutinger (1465–1547) bekommen, und außerdem gebe es ein unlängst in Nürnberg gedrucktes Blatt (vgl. oben). Im beschreibenden Text bezieht er sich auf Cardano.

http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-8154

In der deutschen Übersetzung (1557; fol CLXXXV recto): Diß vogels figur ist von dem verrüempten mann … Cůnrat Peütinger/ vns mitteilt worden: welcher auch bezeüget daß er einen sölichen vogel todt gesehen hette/ als auch vil andere warhaffte vnd glaubwirdige leüt vor mir söliches bezeüget habend. Vnd ist vnlangest ein figur diß vogels zů Nürenberg getruckt/ vnd mir mit diesen worten zůgeschickt worden:  […] Er hat keine füß/ dann er flügt stäts/ vnnd ruowet nimmer. (lat.: pag. 611: pedes nulli, perpetuo uolat).

Bereits zwei Jahre nach der lat. Ausgabe kennt Gessners Briefkorrespondent Conrad Wolffhart (1518–1561; nach Humanistenbrauch gräzisiert: Lycosthenes) das Tier und bringt es in seinem Buch: Prodigiorum ac ostentorum chronicon: quae praeter naturae ordinem, motum, et operationem, et in superioribus et his inferioribus mundi regionibus, ab exordio mundi usque ad haec nostra tempora, acciderunt ..., conscriptum per Conradum Lycosthenem; Basileae, per Henricum Petri 1557.

Wie kommen die Paradiesvögel in dieses Buch?  Wolffhart/Lycosthenes kennt zwei Wunderbegriffe: (a) Das Wunder der sich in der Schöpfung bzw. in den Naturgesetzen manifestierenden Gottheit; (b) das Wunder des diese Gesetzmäßigkeit außer Kraft setzenden, persönlich eingreifenden Gottes, sog. ›Prodigien‹, ›Monstra‹; diese können gedeutet werden als Fingerzeig Gottes, der mahnt und droht. Das Buch ist chronikalisch geordnet, es beginnt bei der Schöpfungsgeschichte und schreitet fort bis zum Jahr der Drucklegung. – Dabei fabriziert er folgende (unbiblische) Geschichtskonstruktion: Nach dem Turmbau von Babel (im Jahre 2173 vor Christus) habe Gott nicht nur die Sprachen verwirrt, sondern auch die missgestaltigen Monstra hervorgebracht, von denen er eine ganze Reihe vorführt.  Diese habe Gott geschaffen, damit im Kontrast dazu die vnaußsprechliche schöne [Schönheit] weltlichs geschöpff desto baß mit der seltzame [Seltsamkeit, wie lat. monstruositas] geziert wurde. Und ebenso wolle man jetzt noch die wundergestalt der thieren besehen (Übersetzung von Herold S. xvi). – In diesem Exkurs erscheint neben Elefant, Nashorn, Salamander, Basilisk, Sirene, Krokodil u.a. dann auch der Paradiesvogel, der hatt gar kein fuoß/ er haltet sich hoch im lufft. […] Stäths schwäbt vnnd wonet er im lufft. (Das Bild ist aus Gessner übernommen; vereinfacht nachgeschnitten.)

Hier aus der deutschen Ausgabe: Wunderwerck oder Gottes unergründtliches vorbilden, das er inn seinen gschöpffen allen, so Geystlichen, so leyblichen ... von anbegin der weldt, biß zu unserer diser zeit, erscheynen ... lassen: Alles mit schönen Abbildungen gezierdt ..., durch Johann Herold ... Verteütscht, Basel: Petri 1557; pag. xxx. – Reprint: Hildesheim, Olms 2007.

Abraham Ortelius (1527–1598) zeichnet auf seiner Asienkarte »Asiae orbis partium maximae nova descriptio«, Antverpiae 1567 zwischen den Philippinen (MINDANAO ist angeschrieben) und Neuguinea (GVINEA NOVA ORIENTALIS) einen Paradiesvogel; in der Legende heißt es: In Insulis Moluccis reperitur avis ab incolis Manucodiatta (id es avicula Dei) dicta […]. pedes ei sunt nulli […].  (Hinweis bei Ingrid Faust u.a., Zoologische Einblattdrucke und Flugschriften vor 1800, Band II Stuttgart: Hiersemann 1999, Nr. 158)

Digitalisat > http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-12900

Auch Ulysse Aldrovandi glaubt noch 1599 fest an die Fußlosigkeit, und in der »Ornithologia« bringt er Bilder von solchen Vögeln, die aber nicht aus der Natur gezeichnet sind. Eines der Bilder stammt direkt aus Gessner. – Ulisse Aldrovandi, Ornithologiae hoc est De auibus historiae libri XII, Bononiae: apud Franciscum de Franciscis Senensem 1599, Vol. I., pag. 806–816. > http://amshistorica.unibo.it/26

Daraus nur ein Beispiel – das uns gleich wieder begegnen wird:

Weitere Gelehrte kolportieren dies weiter bis ins 17.Jahrhundert, so etwa Johann Eusebius Nieremberg S.J. in seiner »Historia naturæ, maxime peregrinæ, libris XCI«, Antwerpen 1635. Das eine Bild (pag. 210) ist eine Kopie aus Gessner. > https://archive.org/stream/IoannisEvsebiiN00Nier#page/210/mode/2up

 

John Johnston, »Historia naturalis animalium« (1650) bildet mehrere ab:

> http://de.wikipedia.org/wiki/Paradiesvögel#mediaviewer/File:Birds_of_paradise_Gea.jpg

Der Jesuit Ferdinand Verbiest (1623–1688) hat 1674 für den Kaiser von China  eine Weltkarte gezeichnet: 坤輿全圖 KUNYU QUANTU. Er hat darauf verschiedene Tiere abgebildet, einige offensichtlich kopiert aus Conrad Gessner. Über Australien schwebt ein Paradiesvogel, und zwar der aus Aldrovandi 1599 (siehe oben):

         

Digitalisat des Hunterian Museum Glasgow > http://tinyurl.com/y9bnwd4j
 


 

Selbstverständlich haben sich die Emblematiker diese Eigenschaft nicht entgehen lassen.

Die Fußlosigkeit und das dadurch bedingte ständige In-der-Luft-Sein, die Abgeschiedenheit vom Irdischen werden verschieden gedeutet: negativ als Flucht vor dem tätigen Leben bzw. fruchtlose Rastlosigkeit oder positiv als Streben nach dem Himmlischen. (Wir listen Beispiele chronologisch auf; interessant ist der Vergleich mit der Chronologie der naturwissenschaftlichen Entdeckungen dieser Vögel; siehe die Tabelle unten.)

Joannes Sambucus, Emblemata, Antwerpen: Christophe Plantin 1564 deutet den Vogel ad malam partem:

  

Qui requiete caret, curis nec edacibus unquam
Proficit, hunc avibus dic similem esse novis. 

Who lacks rest, and never makes progress because of consuming worries, call him similar to these new birds. http://www.emblems.arts.gla.ac.uk/french/emblem.php?id=FSAb092

Juan de Borja in den »Empresas morales«, Praga: Jorge Nigrin, 1581:

 

Wer gesinnt ist, ein stilles Leben in Ruhe zuzubringen, nehme das Sinnbild des Paradies-Vogels mit der Überschrift: Fliegen oder ruhen. Dann wie dieser Vogel/ weil er keine Füsse hat/ fliegen oder ruhen muß/ also erweiset derjenige/ der etwas Grosses zu thun/ nicht Gelegenheit hat/ worinnen er seine Tapfferkeit erweisen könte: Er wolle lieber sein Leben in der Stille und Einsamkeit ehrlich beschliessen und hinlegen.

Text aus der deutschen Übersetzung: Joannes de Boria, Moralische Sinn-Bilder. Von Jhme vor diesem in Spanisch geschrieben/ nachmahls in Lateinisch/ nunmehro aber wegen seiner Vortrefflichkeit in die Hoch-Teutsche Sprache übersetzet/ von Georg Friedrich Scharffen, Berlin: Rüdiger 1698; Nr. XLIX. Vgl. das Digitalisat > http://diglib.hab.de/drucke/xb-2/start.htm

Hier die Variante von Joachim Camerarius (zuerst lateinisch in der Ausgabe 1596) :

[Lemma:] Terræ commercia nescit  in der deutschen Übersetzung 1671: Er weiß nichts vom Erden-Wesen — [aus der Subscriptio:]  Dieses Sinn=Bild schickt sich auff die/ welche die irrdische Ding verachten/ und sich zu den Himmlischen und Ewigen auß gantzem Hertzen wenden.

Quelle: Joachim Camerarius, Symbolorum et Emblematum ex Volatibilibus et Insectis desumptorum Centuria tertia, Nürnberg 1596. — Vierhundert Wahl-Sprüche und Sinnen-Bilder, durch welche beygebracht und außgelegt werden die angeborne Eigenschafften, wie auch lustige Historien und Hochgelährter Männer weiße Sitten-Sprüch […] Maintz: Bourgeat 1671. Band III, Emblem 43.

Paolo Aresi (1574–1644) appliziert das Paradiesvogel-Emblem auf Johannes den Täufer in der Wüste, der nicht isst und trinkt (Matth. 11,18)

Delle Sacre Imprese Di Monsigr. Paolo Aresi Vescovo Di Tortona Libro ... : In cui le fatte in lode di Chro. Signor N. e di altri Santi, e Beati si contengono, da singolari Discorsi ... ; Con le solite Tavole, Delle Imprese [4.Buch], Tortona 1630.

> http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10899702_0...

Das Emblem wird übernommen in der Kirche von Hergiswald (West 6), vgl. Dieter Bitterli, Der Bilderhimmel von Hergiswald. Der barocke Emblemzyklus der Wallfahrtskirche Unserer Lieben Frau in Hergiswald bei Luzern, seine Quellen, sein mariologisches Programm und seine Bedeutung, Basel: Wiese Verlag 1997.

Georg Philipp Harsdörffer (1607–1658) ersinnt in den Frauenzimmer-Gesprächspielen, VI. Teil (1646) um das Emblem herum ein Lehrgedicht/ Jn welchm die Eigenschaft des Glaubens/ durch Verwahrung eines Paradisvogels erzehlet wird. Der Erzähler, ein Knabe, berichtet, dass ein Gast beim Abschied ihm einen Vogel=schrein übergeben habe mit der  Bemerkung, erst wenn er ein Mann sei, werde er erfassen, was darin verborgen sei. Ein Spielgesell sagt dem Knaben, darin befinde sich ein Paradiesvogel, und beschreibt ihn (er schweift ohne Füße durch die Luft usw.). Der Knabe, neugierig, öffnet den finstern Keffig, und der Vogel entfliegt. — Moral: Gott war der Gast, der ihm im Wort verborgen den Glauben/ Gnad und Leben gegeben hat. Aber wenn man das anvertraute Pfand mit dem Auge schauen will, verliert man es; vgl. Hebräerbrief 11,1: »Es ist kein Glaub zu nennen/ was man mit Menschensinn kan fühlen und erkennen.«

Zugabe bestehend in XII. Andachtsgemählen/ … Dem VI. Theil der Gesprächspiele beygelegt durch den SPIELENDEN; p. 24 [im Reprint 1969: S. 534ff.]

Celestino Sfondrati (1644–1696) verwendet den Paradiesvogel in seinem mariologischen Buch Innocentia Vindicata, In Qua Gravissimis Argumentis Ex S. Thoma petitis ostenditur, Angelicum Doctorem, Pro Immaculato Conceptu Deiparae Sensisse & Scripsisse, S. Galli: Müller 1695:

Er hat einen solchen Haß wider das Koth/ und förcht die schönste Feder zu bemacklen/ daß er niemahls die Erde berühre/ und allzeit entweder in der Lufft/ oder Baum-Aesten hangend seye. Es ist kein Unrath in seinem Leib/ so ein Zeichen ist/ er geniesse allein den Lufft. – Der eintzigen Jungfrau Freyheit ist/ niemals sich zu der Erde gewendet zu haben/ niemals mit dem Koth bespritzet gewesen zu seyn.

Die Erledigte Unschuld, In welcher Mit Uberschwäresten Beweißthumben Auß dem H. Thoma Erwiesen wird, Der Englische Lehrer habe beschlossen und geschrieben Für die Unbefleckte Empfängnuß Der Mutter Gottes, Wienn: Schwendimann 1717 > http://digital.staatsbibliothek-berlin.de/werkansicht/?PPN=PPN688817572&...

Der Kapuzinerpater Laurentius von Schnüffis (1633–1702) verwendet den Paradiesvogel 1696, wo er das Dictum Trachtet nach dem/ was dort oben/ nicht nach dem/ was auff Erden ist (Kolosserbrief 3,2) versinnbildet:

In Strophe 17 des zugehörigen Liedes heißt es:

Keine Vögel   in die Bögel*
   Bringt der Vogler/ die fast nie
In den Feldern/   Büsch und Wäldern
   Sich befinden weilen sie
Da sie in die Höhe schweben/
In Gerahr sich nicht begeben.

Quelle: Mirantische Maul-Trummel Oder Wohlbedenckliche Gegen-Säze böser, und guter Begirden … Mit schönen Sinnbilderen … geiehrt. Durch F. LAURENTIUS von Schnüffis … Zu Costanz in Verlag Leonhard Parcus. Anno 1696. Part 3, Symb.2. — *) Bögel: Strick von Pferdehaar, worin man Vögel fängt.

Antonius Ginther (1655–1725) verwendet das Verhalten der Paradiesvögel in einem Marien-Emblem so:  Innixa ascendit (Unterstützt steigt sie empor). Die Jungfrau Maria wird von ihrem geliebten Sohn zur himmlischen Glorie aufgenommen.  (Consideratio LXIII.)

Mater Amoris Et Doloris, Quam Christus In Cruce Moriens Omnibus Ac Singulis Suis Fidelibus In Matrem Legavit: Ecce Mater Tua: Nunc Explicata per Sacra Emblemata, Figuras Scripturæ quàm plurimas, ... Pios Ad Jesum Patientem, Ac Sanctissimam ... Cum triplici Indice Considerationum, Rerum. memorabilium, & Concionatorio, formandis per annum Concionibus opportuno, Augustae Vindelicorum: Schlüter & Happach 1726. > http://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-1806...

Coelestin Leuthner OSB (1695–1759) verwendet den Paradiesvogel mehrfach, so etwa in der Consideratio XX, wo er zum Herrenwort Beati paueperes in spiritu (Matth. 5,2) gestellt wird. Das Lemma lautet: Procul a terrestribus axem contingit  (Fern vom Irdischen berührt er den Himmel)

Vita, Doctrina, Passio Domini nostri Jesu Christi, Symbolicîs figurîs expressae, Epigrammate sacrô elucidatae, pia Meditatione expensae, Centum iconismîs aenaeîs exhibitae, Augustae Vindelicorum: Strötter 1733 .> https://books.google.ch/books?id=OPU8AAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_...

Louis XIV. steht in der Tradition der  positiven Deutungen. Er ließ sich (auch) auf riesigen Gobelins preisen. Der Hofmaler Charles le Brun ersann dazu Bildprogramme, die auch als Kupferstiche gedruckt wurden. Eines stellt die vier Elemente ins Zentrum. Beim Element Luft dient auch der Paradiesvogel als Basis der Lobhudelei:

SEMPER SVBLIMIS: Auf die Großmüthigkeit in dem Stuck vom Element der Lufft. Der Paradeiß-Vogel/ woferne den Naturalisten zu glauben/ hält sich stets in hohen Lüfften/ und kommt nimmer auf die Erden/ welcher mit dem Denckspruch: »Nur immer in der Höhe / mit meinem Flug ich stehe.« die Hochheit und Vortrefflichkeit seiner Majestät/ Königlichen Seele/ welche immerdar mit hohen Dingen beschäfftiget/ sich nichts/ als was hoch und herrlich/ vornimmt/ vortrefflich außtrucket.

 

Tapisseries du roy, ou sont representez les quatre elemens et les quatre saisons, avec les devises qvi les accompagnent et leur explication = Königliche französische Tapezereyen, oder überaus schöne Sinn-Bilder, in welchen die vier Element, samt den vier Jahr-Zeiten, neben den Dencksprüchen und ihren Ausslegungen, vorgestellet werden. [Kupferstiche von Johann Ulrich Krauss], Augsburg, Koppmayer 1690.http://diglib.hab.de/drucke/xb-4f-354/start.htm

Titelauflage Augsburg 1710 bei  https://archive.org/stream/tapisseriesduroy00feli#page/n6/mode/1up

1738 verfasst ein Benediktiner-Prediger ein enzyklopädisches Werk, gedacht zur Erbauung und als Predigthilfe: Willibald Kobolt (1676–1749), Die Groß- und Kleine Welt, Natürlich-Sittlich- und Politischer Weiß zum Lust und Nutzen vorgestellt, Das ist: Der mehrist- und fürnemsten Geschöpffen natürliche Eigenschafften, und Beschaffenheit, auf die Sitten, Policey und Lebens-Art der Menschen ausgedeutet.  [...] mit mancherley curios- und nutzlichen mehrentheils allegorischen Concepten, Moralien, Geschicht und Fabeln versehen; mithin zur Auferbauung und Ergötzlichkeit aller Gelehrt- und Ungelehrten […]. Augsburg: Martin Veith / und Happachische Interessenten, 1738.

Darin gibt es auch ein Kapitel zum Paradeyß-Vogel (III, viii, 9), in dem er seine Lesefrüchte zusammengestellt hat:

Dieses soll gewiß seyn/ daß der Paradeyß-Vogel keine Füß habe/ deßwegen er auch niemahl auf die Erden kommt/ sondern immerdar in der Lufft umschwebet/ oder mit seinen Federen an den Aesten der Bäumen sich anhenckt. Er isset auch wenig / oder gar kein irrdische Speiß: doch lebt er auch nicht gar von dem Lufft/ wie einige ihnen einbilden (dann ein pures Element ist nicht tauglich einen lebendigen Cörper zuernären) wohl aber von dem Himmels-Thau/ und etwann geniesset er auch etwas weniges/ was er an gewissen Bäumen ihme anständiges findet. Der Paradeyß-Vogel hat einen kleinen ringen Leib / aber in dem Schweif/ und in den Flüglen/ die er im Fliegen zugleich und weit ausbreitet vil/ lange und zarte Federen/ schmahl / und mehren theils Gold-Farb mit roth untermenget: der Kopf und vordere Leib ist auch unterschiedlich schön gefärbet: in den Moluchischen Insuln sollen sich diese Paradeyß-Vögel befinden/ sie werden auch Lufft-Vögel genennt/ weilen sie sich immerdar in dem Lufft/ und niemahl auf der Erden aufhalten: sie haben keine Flügel wie andere Vögel/ die sie bald ausstrecken/ und bald zusammen ziehen/ sondern sie bleiben immerdar gleich ausgebreit und also schweben sie gantz sanfft ohne Floderen in dem Lufft.

Eben dieser Ursachen halber deuten uns diese Paradeyß-Vögel füglich an einen der Betrachtung/ oder dem beschaulichen Leben gantz ergebnen Menschen/ welcher immerdar in dem Lufft umschwebt/ und niemahl die Erden betritt: ich will sagen/ welcher immerdar mit seinem Sinn und Gedancken/ mit seinen Begierd/ und Anmuthungen in der Höhe bey GOtt/ und himmlischen Dingen sich aufhaltet/ und mit den Fuß seiner Anmuthungen die Erden oder irrdische Ding nicht berühret/ welcher nicht von den Erd-Früchten/ oder zeitlichen Dingen/ sondern von dem Himmels-Thau/ das ist/ mit göttlichem Seelen-Trost sich nähret/ und ersättiget.

Der ganze Text  >  http://www.zeno.org/pnd/121318540

Literaturhinweis: Dietmar Peil, Willibald Kobolt, Die Groß= und Kleine Welt (1738), in: Eybl, Franz M. / Harms, Wolfgang / Krummacher, Hans-Henrik / Welzig, Werner,(Hgg.): Enzyklopädien der frühen Neuzeit. Beiträge zu ihrer Erforschung. Tübingen: Niemeyer 1995; S. 141–161.

 


Kritik an den Meldungen von den fußlosen Vögeln

Das Wissen über diese Vögel stammte meist von Eingeborenen; Europäer kannten in der Regel nur tote Tiere.

Der Begleiter von Magellan auf dessen Entdeckungsreisen, Antonio Pigafetta († 1534) beschreibt in seinem Reisebericht 1524 deutlich Paradiesvögel mit kleinem Kopf, langem Schnabel und einer Handbreit langen, dünnen Beinen. Dies wurde aber später – unter dem Eindruck der gewichtigen Autoritäten Cardano, Gessner, Aldrovandi – verdrängt. > https://it.wikisource.org/wiki/Relazione_del_primo_viaggio_intorno_al_mo...

Jakob van Heemskerk, Admiral des Geschwaders der Holländer, das 1599 auf der Insel Ambon (Molukken) landete, schreibt in sein Journal, dass die Eingeborenen den erlegten Paradiesvögeln Fleisch und Beine herausreißen und den Kopf samt der Haut trocknen und diese Bälge verkaufen.

Ole Worm (1588–1654) bildet in seinem »Museum Wormianum« (Amsterdam 1655; S. 294) einen befußten Vogel ab:

http://archive.org/stream/gri_museumwormia00worm#page/n323/mode/1up

Adam Olearius (1599–1671) hat 1658 die Reisebeschreibung von Johann Albrecht von Mandelslo (1616–1644) herausgegeben. In einer Fußnote schreibt er

Dieses schreibet der von Mandelslo nach der gemeinen Rede/ mit welcher es auch Jonstonius (l. 6. de avibus) hält/ wenn er spricht: Omnibus (scilicet avibus paradiseis) peculiare est, ut pedibus careant, ist aber unrecht/ und kann nicht von allen gesaget werden/ dann wir haben in der Gottorffischen Kunstkammer etliche/ welche zweene vollkommene Beine und Füsse haben/ der Regulus aber oder König der Paradiß-Vögel hat von Natur keine Füsse/ sondern am Schwantze zwo lange Stralen als Pferde Haar/ an deren Ende schöne umbgekrümte grüne Federn/ mit welchen er sich an die Bäume anhengen kan.

Johann Albrecht von Mandelslo, Morgenländische Reyse-Beschreibung […]. Heraus gegeben Durch Adam Olearium . Mit desselben unterschiedlichen Notis oder Anmerckungen, wie auch mit vielen Kupfferplaten gezieret, Schleswig 1658; S. 227f.  > http://diglib.hab.de/drucke/275-9-hist-2f/start.htm

In Olarius’ Edition der »Gottorffischen Kunst-Cammer«, Bd. 2 (1666), Tab. XIIII, fol.25 ist ein auf dem Rücken liegender Paradiesvogel abgebildet, dessen Füße deutlich sichtbar sind, und ein zweiter, fußloser. Dazu im Text der Kompromiss: Ich bin berichtet worden/ daß die Einwohner in Indien ihnen/ wenn sie todt auff der Erden gefunden werden/ alsbald die Füsse abbrechen sollemn/ umb selbige unter ihren Wahren desto besser einzupacken. Aber einen Regulum haben wir/ den man den König der ParadißVögel nenet/ […] hatte keine Füsse gehabt/ sondern mit zweyen langen Stralen/ als PferdeHaare/ unten […] sich an die Bäume hangen müssen.

> http://diglib.hab.de/drucke/24-1-2-phys/start.htm?image=00031

Georg Horst, der Herausgeber einer Neuauflage von Gessners Vogelbuch (1669), kopiert mehrere Bilder aus Aldrovandi – aber er kennt auch ein Geschlecht (eine Art) Rex Avium Paradysearum, von dem er schreibt:

Seine Füsse sind gestaltet/ und fast so groß als Krammets= oder andern Vögel Füsse. Dann ob zwar meiste Authores, Aldrovandus auch selbsten / dafür halten/ daß die Paradißvögel insgemein kein Füß haben/ so wird doch heutiges Tags ein anders durch den Augenschein bewiesen. Daß aber viel dieser Vögel ohne Füsse gesehen werden/ gibt Thuanus die Ursach/ wann er sagt/ daß etliche/ so solche Vögel zu fangen pflegen/ ihnen nicht allein die Füsse/ sondern einen guten Theil deß Leibes hinweg schneiden/ und nichts als das Haupt/ den Halß/ und die schönen Federn daran lassen/ damit sie dieselbige als ein grosses Wunderwerck/ nachmals desto theurer verkauffen/ und man sie auch umb so viel desto zierlicher und füglicher auff Hüten tragen könne … (S.368) — Auf Figur D sind die Füße deutlich erkennbar:

Gesneri Redivivi, Aucti et emendati Tomus II oder Vollkommenes Vogelbuch, Darstellend eine wahrhafftige und nach dem Leben vorgerissene Abbildung aller wowohl in den Lüfften und Klüfften als in den Wälder und Feldern und sonsten auff den Wassern und daheim in den Häusern nicht nur in Europa, sondern auch in Asia, Africa, America, und anderen neu-erfundenen Ost-und West-Indischen Insulen sich enthaltender zahmer und wilder Vögel und Feder-Viehes. … an itzo aber von neüem übersehen, Corrigieret und um sehr viel vermehrt, durch Georgium Horstium, Franckfurt am Mayn: Wilhelm Serlin 1669. > http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb11057948_0...

Der auf empirische Begründung erpichte Michael Bernhard Valentini (1657–1729) zeigt 1704 einen solchen Vogel dezidiert ventral (von der Bauchseite her) abgebildet, der uns die Füße entgegenstreckt:

Museum Museorum, oder Vollständige Schau-Bühne aller Materialien und Specereyen / nebst deren natürlichen Beschreibung, Election, Nutzen und Gebrauch / Aus andern Material-, Kunst und Naturalien-Kammern […], Frankfurt a.M.: Zunner 1704; Drittes Buch: Von allerhand Thieren/ Vögeln/ Fischen/ Gewürm; 21.Capitel: Von dem Pfauen-Spiegel/ Paradiß- und Königs-Vögeln (pag. 462–465).

Valentini fragt: Wenn einige Autoren vorgeben, daß dise Vögel keine Füsse hätten/ so fragt sichs/ ob deme so seye? allwo zwar bekandt und unläugbar ist/ daß vor diesem [früher] die meiste/ ja fast alle Paradiß-Vögel/ so auß Indien gekommen/ keine Füsse gehabt: Allein es ist doch auch gewiß und am Tag/ daß solche von den Indianern abgeschnitten worden/ es seye nun solches deßwegen geschehen/ daß sie soich ohne Füsse besser præpariren und halten/ oder wie andere meinen/ besser an die Cascetten [Mützen] und Hüte zu Plumagen hefften liessen. Nachdem aber die Moluccischen Insuln unter die Regierung von Bantam gekommen/ werden auf Veranlassung der Holländer [die Niederländische Ostindien-Kompanie] nun an den Vögeln gelassen/ wie sie nicht allein von D.Wormio in Museo p. 294 damit abgemahlt und beschrieben/ sondern auch von mir und andern in vielen Kunst- und Naturalien-Kammern also gesehen worden

Der ebenfalls lange Zeit auf den Molukken lebende François Valentijn (1666–1727) hat die Beobachtungen von Georg Eberhard Rumpf (Rumphius 1627–1702) übernommen in seinem mehrbändigen Werk »Oud en Nieuw Oost-Indiën« 1724/26. > https://archive.org/stream/oudennieuwoostin03vale#page/n364/mode/1up

Indessen gelang es erst René Primevère Lesson (1794–1849) 1824 als erstem Europäer, lebendige Paradiesvögel zu beobachten. Er beschreibt sie in seinem Buch Histoire naturelle des oiseaux de paradis et des épimaques: ouvrage orné de planches, dessinées et gravées par les meilleurs artistes, 1835. > https://books.google.ch/books?id=NyAOAAAAQAAJ&printsec=frontcover&hl=de#...

http://biodiversitylibrary.org/page/43101474

So führen die Paradiesvögel ein Doppelleben: In der Naturkunde bekommen sie allmählich Füße, – aber in der Sinnbildkunst haben sie keine. ›Das raffinierte Tier tut’s um der Symbolik willen.‹

Dass die fußlose Rasse ausstirbt, liegt nicht am naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, sondern daran, dass die literarische Gattung der Allegorie/Emblematik im 18. Jahrhundert erlahmt.

 

 

Postscriptum: Die Flagge Papua-Neuguineas zeigt seit 1971 im oberen rechten Dreieck auf rotem Feld einen Paradiesvogel >   https://id.wikipedia.org/wiki/Bendera_Papua_Nugini

Literatur:

Erwin Stresemann, Was wussten die Schriftsteller des XVI. Jahrhunderts von den Paradiesvögeln? Ein Beitrag zur Geschichte der Ornithologie. in: Novitates Zoologicae. A Journal of Zoology XXI (London 1914), S. 13–24. > https://archive.org/stream/novitateszoologi21lond#page/12/mode/2up

Erwin Stresemann, Die Entdeckungsgeschichte der Paradiesvögel, in: Journal für Ornithologie, 95. Band (1954/55), S. 263-291.

Hinweise auf die Embleme unter Verwendung von Materialien von Urs Herzog.

intressanter Link > http://www.commodityhistories.org/research/disembodied-birds

——————

Lothar Dittrich, Emblematische Weisheit und naturwissenschaftliche Realität, in: Jahrbuch für Internationale Germanistik 13 (1982), S. 26–60.

Zur Emblematik hier mehr.

 

 letztes Update 19.10.2017, PM


 zurück zur Übersichts-Seite Tiersymbolik