Wiederholung

 

Kolloquien vom 1. Oktober 2011 und 29. September 2012

Wiederholung

Damit kommt unsere Gesellschaft zum ersten Mal zu einem Thema, wo nicht ein Ding (der Baum, die Reise), sondern eine Struktur eine Deutung evoziert.

Zu fragen ist jeweils: Was bewirkt die Wiederholung? Welche Schlüsse lassen sich aus der Tatsache, dass etwas wiederholt wird, ziehen? Welcher Bedeutungsüberschuss ergibt sich? Welche Einsichten in die Mentalität des eine Wiederholung Erlebenden lassen sich erschließen? Welche Folgen für das Lebensgefühl, oder gar für das moralische Handeln folgen aus der Vorstellung sich wiederholender Episoden? Welche Funktion für eine Symbol-Gemeinschaft hat das gemeinsame Wiederholen eines Ereignisses? Was leistet die Wiederaufnahme eines Elements in einem Text / Bild / Musikstück bildnerischen Werks und wie verhalten sich dabei Wiederholung und Variation zueinander? Usw.

Das Themenfeld verlangt einen interdisziplinären Zugang: Psychologie, Literatur- und Medienwissenschaft, Bildwissenschaft (Kunstgeschichte), Religionsphänomenologie / Theologie / Kirchengeschichte, Musikwissenschaft, Philosophie, Geschichte der Biologie, Geschichte der populären Kulturen ...

 

Das war das Programm des Kolloquiums am 29. September 2012

09:45 Uhr Martin Huber : Symmetrie – Wiederholung in der Geometrie
10:30 Uhr Urs Beat Roth : Wiederholung ohne Wiederholung – zur Geometrie aperiodischer und quasichaotischer Pattern
11:30 Uhr Andreas Isler : Zur islamischen Dhikr-Rezitation
12:30 Uhr Mitgliederversammlung
14:15 Uhr Christina Vogel : Wiederholung ― Macht ― Zeit (zum Nouveau Roman)
15:15 Uhr Peter Rusterholz : Dürrenmatts und Kierkegaards Wieder-Holungen  
  Pause
16:30 Uhr Doreen Triebel : Wiederholung als Einfluss auf die kognitive Verarbeitung literarischer Texte 
17:30 Uhr Ursula Ganz-Blättler : Baby, die Wassermelone und andere …
  Pause
19:30 Uhr Dominik Sackmann : Wiederholung in der Musik
20:30 Uhr Doris Lier : Ich möchte lieber nicht. Zur Wiederholung dieses Satzes in »Bartleby the Scrivener« von Herman Melville (1853)

 

(Auf den Namen klicken > Exposé des Referats)

.... und das war das Programm des Kolloquiums am 1. Oktober 2011

09:45 Uhr Ordentliche Mitgliederversammlung
10:30 Uhr Andreas Hebestreit: Ursprünge des Ornaments. Zur Genealogie einer Symbolform
11:30 Uhr Werner Egli: Wiederholung im schamanistischen Ritual
Mittagspause  
14:15 Uhr Katalin Horn: Wiederholung und Variation im Europäischen Märchen
15:15 Uhr Franziska Struzek-Krähenbühl: Das Prinzip der Wiederholung bei Herder und Hopkins
Pause  
16:30 Uhr Doris und Peter Walser: Karl Viktor von Bonstetten auf den Spuren des Aeneas
17:30 Uhr Romy Günthart: Revenants. Gespenster in der Literatur der frühen Neuzeit
Pause  
19:30 Uhr Josephine Papst: Eine Wiederholung unterlassen oder Eine Welt verlassen – Das Wiederholungsverbot als Formprinzip der seriellen Musik
20:30 Uhr Hans Meierhofer: Wiederholung in der Musik
dann und wann wiederholt ...

Martin Städeli: »An Engelhand«

… und generell: Marcel Weber: »Gedanken zum Phänomen Wiederholung« hier als PDF-Datei (24 Seiten A4) zum Download

 

 

Anregungen

Materialien

 

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Exposés der Referentinnen und Referenten; zum Teil stehen die Referate zum Download bereit.

In alphabetischer Folge der Namen

 

Werner Egli:  Wiederholung im schamanistischen Ritual

Eine der klassischen Arbeitsweisen von Ritualen ist die Wiederholung. Immer wieder die gleichen Sätze, die gleichen Wörter, die gleichen Gesten. So auch bei den spektakulären schamanistischen Ritualen der Sunuwar, einer ethnischen Gruppe in Ostnepal. Diese Rituale, die vordergründig der Krankenheilung dienen, und in deren Mittelpunkt die spirituelle Reise des Schamanen (oder öfters der Schamanin) an den mythologischen Ursprungsort und von dort zurück steht, vermitteln allen, die an ihnen teilnehmen, das Gefühl einer  Wiederholung des Ursprungs. Soziale Konflikte, die die Krankheiten einzelner verursachen, werden im Kollektiv – nebst einem ins Ritual eingebeteten Mediationsverfahren im rechtlichen Sinne – dadurch gelöst, dass die kulturelle Ordnung von Grund auf erneuert wird, oder, wie es ein junger und bereits mit dem Computer vertrauter Schamane sagte, indem das System gebootet wird. Das wirkt, bis sich der Systemabsturz erneut in der Krankheit eines Individuums äussert. Dann muss das kulturelle Programm neu aufgestartet bzw. das Ritual wiederholt werden.

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Ursula Ganz-Blättler: Baby, die Wassermelone und andere, immer wieder schöne, (Kino-)Momente mit Kultpotenzial

Niklas Luhmann hat in einem vielbeachteten Aufsatz zur Unterhaltung als Textgattung geschrieben, dass Fiktionen grundsätzlich nur im ersten Anlauf funktionieren  – über die Spannungsmomente, die sich nach und nach im allgemeinen Wiederkennen und entsprechendem Spass oder erlösendem Wohlgefallen auflösen, worauf man wieder, aus der alternativen Realität austretend, entspannt und gestärkt bei sich zuhause im Alltag ankommt.

Niklas Luhmann war ein kluger Mann, aber er hat sich offenbar weder erklärte Kultserien wie »Grey’s Anatomy« noch alte Schinken wie etwa »Ben Hur« oder »Roman Holidays« im Fernsehen angeschaut. Sonst wäre ihm aufgefallen, dass gewisse Fiktionen geradezu danach schreien, wieder und wieder angeguckt, angehört oder auch wiedergelesen zu werden – allen längst bekannten Handlungabläufen und aufgelösten Rätseln oder im Schlaf nacherzählbaren Gags zum Trotz. Das beste Beispiel dafür ist wohl »Dinner for One« – ein harmloser Theatersketch, den sich Millionen von Erdenbürgern immer und immer wieder im Fernsehen ›antun‹ … und zwar pünktlich zur selben Jahres- und Tageszeit; als Silvesterritual ohne wirkliche Überraschung.

In diesem Referat wird der Frage nachgegangen, was Kultfilme im Kino ausmacht und wie einzelne Momente, die sich erst in der Wiederholung als ›magische‹ Momente überhaupt etablieren und ins kollektive Imaginäre einschreiben, zum Kult um populärkulturelle Artefakte beitragen. Argumentiert wird mit Erkenntnissen der Erzähltheorie und der Wissenssoziologie hinsichtlich der Bedeutung von Wiederholungen für das Entstehen von geteilten Wissensbeständen, aber auch mit einem Rückgriff auf Grundlagen der Anthropologie und des ›sozialen Dramas‹. Die Beispiele stammen aus der Kinogeschichte – und aus dem Web 2.0, welches den kultigen Moment für die Allgemeinheit bewahrt, aber auch adaptiert, kommentiert, in vielfacher Weise remixt und so seine tendenzielle Flüchtigkeit mit einer fast schon unsterblich zu nennenden kreativen Energie kontert.

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Romy Günthart: Gespenster in der Literatur der frühen Neuzeit

Gespenster sind in mehrfacher Hinsicht Wiederholungstäter. Im Gegensatz zu den Normalsterblichen ist für sie der Tod nicht das absolute Ende des diesseitigen Seins. Eine Rückkehr ins Diesseits und die Kontaktaufnahme mit den Lebenden bleibt möglich und ist für die literarische Existenz von Gespenstern und Wiedergängern unabdingbar. Diese Toten bleiben nicht im Jenseits, sondern kommen wieder. Dabei sind die Gespenster in ihrem Erscheinen so vielfältig wie die Gründe ihrer Wiederkunft. Immer wieder wird von Gespenstern berichtet, die bei ihrem Erscheinen zentrale Ereignisse ihres Lebens wiederholen oder die zur selben Zeit und am selben Ort auftauchen, wieder und immer wieder, bis der Zwang zur Wiederholung aufgehoben wird und sie ihre Ruhe finden. Das Ende der Wiederholung wird für sie zur Erlösung. Die literarische Wiederholung ihrer Geschichten lässt sie weiterleben.

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Andreas Hebestreit: Ursprünge des Ornaments. Zur Genealogie einer Symbolform

Wenn man Kultur versteht als wiederholtes Zurückgreifen auf bestimmte Vorstellungen, Begrifflichkeiten,  Methoden und Einrichtungen, die für eine Anzahl von Personen in den jeweiligen Situationen als angemessen und zweckdienlich gelten, dann ist das friesartig wiederholende Ornament der symbolische Ausdruck dieses repetitiven Verhaltens und somit eine Art Meta-Symbol unserer Kultur. Die Ursprünge dieses Meta-Symbols, die sich bereits in der eiszeitlichen Parietalkunst nachweisen lassen, werden in diesem Beitrag erklärt aus den Anforderungen exogamer Heiratssysteme.

Der Vortrag hier online

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 Martin Huber: Symmetrie – Wiederholung in der Geometrie

Das Wort Symmetrie stammt aus dem Altgriechischen: συμμετρία ist zusammengesetzt aus συμ (mit) und μέτρον (Mass). In der Antike bedeutete Symmetrie die wechselseitige Entsprechung von Teilen eines Ganzen. In der modernen Geometrie wird eine Figur als symmetrisch bezeichnet, wenn sie invariant ist gegenüber gewisser Transformationen (Symmetrieoperationen). Dies bedeutet, dass die Figur bei einer solchen Transformation mit sich selbst zur Deckung gebracht wird. In diesem Vortrag geht es zunächst um die Veranschaulichung dieses modernen Symmetriebegriffs anhand von Rosetten, Band- und Flächenornamenten. Die Symmetrieoperationen eines Ornamentes bilden eine sog. Gruppe, die Symmetriegruppe dieses Objektes. Auch der Gruppenbegriff soll anhand eines einfachen Beispiels illustriert werden. Es zeigt sich, dass die Klassifikation von Ornamenten am geeignetsten über ihre Symmetriegruppe erfolgt. Es gibt in diesem Sinne nur sieben Klassen von Bandornamenten und 17 Klassen von Flächenornamenten.

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Andreas Isler: Zur islamischen Dhikr-Rezitation

»Im Atemholen sind zweierlei Gnaden: Die Luft einziehen, sich ihrer entladen.« Was Johann Wolfgang von Goethe im West-östlichen Divan anspricht, nimmt Bezug auf eine im Islam geübte Gebetspraxis, das iterative Rezitieren einer gottgedenkenden Formel, die mit dem arabischen Begriff ذكر dhikr, ›Erinnerung, Gedächtnis, Ruf‹, bezeichnet wird. Inhalt dieser knappen Sequenz ist eine Anrufung, ein Gotteslob und kann einer der neunundneunzig schönsten Namen Gottes sein oder auch der Anfang des islamischen Glaubensbekenntnisses.

Diese Rezitation, die entweder bloss in Gedanken formuliert oder mit Stimme ausgesprochen beständig wiederholt wird, tritt oft in Kombination mit einer an den Wortlaut gebundenen Atemtechnik auf. So folgt beispielsweise der Negation im Ausatmen Lā ilāha ›Es gibt keinen Gott‹ die aufatmende Bezeugung illā ’llāhu ›ausser Gott‹. Die rhythmisierte Repetition lässt den Praktizierenden ganz in die von göttlichem Geben und Nehmen durchdrungene Welt eintreten, lässt ihn, wie in Sufi-Kreisen gesagt wird, entwerden in Gott.

Der Vortrag hier online

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Doris Lier: Ich möchte lieber nicht. Zur Wiederholung dieses Satzes in »Bartleby the Scrivener«  von Herman Melville (1853) 

Der Schreibgehilfe Bartleby in Melville’s Kurzgeschichte beginnt ein paar Wochen nach seiner Einstellung in einer Anwaltskanzlei – vorerst nur zeitweise, später grundsätzlich – , die Arbeit zu verweigern. Dabei wendet er ein ungewöhnliches Mittel an: Bei der Aufforderung, dies oder jenes zu erledigen, meldet er freundlich-bestimmt, dass er es vorziehe, dies nicht zu tun. Das entscheidende Sätzchen lautet: I prefer not to – ich möchte lieber nicht. Es wird zum Refrain und bringt den Arbeitgeber, den Besitzer der Kanzlei, in eine ungewöhnliche Lage. Denn über diesen Satz hinaus ist aus Bartleby kaum etwas herauszuholen, und die versuchte Entlassung scheitert kläglich. Bartleby besteht darauf, in der Kanzlei zu bleiben; ja er zieht es sogar vor, dort auch zu wohnen.

Das Referat geht der Frage nach der Bedeutung dieser Wiederholung nach. Was bringt es Bartleby, an seinem Arbeitstisch zu sitzen und immer wieder dasselbe zu vermelden, – dass er die Arbeit ›lieber nicht erledigen möchte‹? Was löst diese Wiederholung beim Arbeitgeber aus? Und: Wo führt sie hin?

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Katalin Horn: Der eine war aus Gold, der zweite aus Silber, der dritte aus Kupfer ... – Wiederholung und Variation im Europäischen Volksmärchen.

Im Europäischen Volksmärchen spielt die (dreifache) Wiederholung eine aussergewöhnlich wichtige Rolle. Max Lüthi, der grosse Schweizer Märchenforscher, hat in seinem Artikel in der Enzyklopädie des Märchens über die Dreigliedrigkeit im Märchen Folgendes geschrieben: Es »setzt sich der Drang zur Dreigliedrigkeit immer wieder durch, auch wenn die drei Glieder ungleiches Gewicht haben: Im Dreibrüdermärchen [etwa) ist dem JJüngsten die längste und bedeutendste Sequenz zugeteilt. [...]

Das Märchen kennt stetige Steigerung (drei immer schwierigere Aufgaben, drei immer besser gelingende Versuche, [wobei] erst das letzte [Glied] einen anderen (den ausschlaggebenden) Verlauf zeigt: Die beiden ersten Glieder zeigen Misserfolg, das letzte zeitigt Erfolg. Oder: Die beiden ersten Kämpfe sind erst Vorläufer des letzten, Schwersten (Drachenkämpfe).

Gründe für die Häufigkeit der Dreigliedrigkeit sind neben der allgemeinen und im Okzident besonders ausgeprägten Beliebtheit der Dreizahl: die Übersichtlichkeit und Klarheit [...], die Vereinigung der Prinzipien Wiederholung und Variation und die Möglichkeit der Polarität innerhalb der Reihung.«

Diese Eigentümlichkeiten werden mit Volksmärchen-Beispielen verschiedener Nationalität illustriert.

Der Vortrag als PDF-Dokument

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Hans Meierhofer: Wiederholung in der Musik

Repetition ist einer der wichtigsten Formprinzipien (nicht nur) in der Musik: Kommt nie eine Wiederholung, verliert der Durchschnittshörer bald einmal den Faden. Doch: Kann überhaupt etwas wiederholt werden ohne Veränderung? Erklingt ein Ton zum zweiten Mal, ist er schon dadurch anders, dass zusätzlich die Erinnerung an das erste Mal mitschwingt. Das Wechselspiel von Gleichheit (Ostinato) und Verschiedenheit (Variation, Kontrast) kann im Kleinen (Motive), aber auch in den grossen Formzusammenhängen (Reprise) für jeden hörbar deutlich aufgezeigt werden. Ist nicht jede Aufführung eines Werkes eine ›Wieder-Holung‹, welche dennoch jedes Mal anders herauskommt? Hoffentlich! Der Vortrag soll durch viele Hörbeispiele zum genauen Hinhören anregen.

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Josephine Papst: Eine Wiederholung unterlassen oder Eine Welt verlassen – Das Wiederholungsverbot als Formprinzip der seriellen Musik und diese als existentieller Ausdruck sub specie aeternitatis einer Generation

Aus dem Rundfunk hört man plötzlich, an Stelle der Tanzmusik, einen Choral aus der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach.

DER FUNKER:  Abstellen! …

Ich finde das Schöne zum Kotzen. …

Die Welt ist nicht schön. …

Ich habe einen Menschen gekannt, der spielte solche Musik, wunderbar. Es war vor dem Krieg, … Er redete über solche Musik, daß unsereiner nur staunen konnte, so klug, so edel, so innerlich, verstehst du, so innerlich! Und doch ist es der gleiche Mensch, der Hunderte von Geiseln erschießt, Frauen und Kinder verbrennt – genau der gleiche, so wie er Cello spielt, so innerlich, verstehst du, so innerlich …

(Aus: Max Frisch: »Nun singen sie wieder. Versuch eines Requiems«; uraufgeführt am 29.3.1945 am Schauspielhaus Zürich.)

Wie die historischen Entwicklungen wieder und wieder demonstrieren, kann der Gehalt menschlicher Ausdrucksformen verloren gehen, obschon das Werk an sich bestehen bleibt, können sich Musik und ihre damit verbundenen Formen erschöpfen, spätestens nämlich dann, wenn sie als leere, dekorative Schemata gesellschaftlich zur Aufrechterhaltung von Macht- und Wirtschaftsverhältnissen in Funktion treten. Vernichtend. Das ist eine unmittelbare musikalische Wahrnehmung, eine musikalisch-menschlich-kosmische Gesamtempfindung, eine Empfindung privatim. Das lässt verstummen. Schweigen. In der Verstummung jedoch generieren sich neue Ausdrucksformen und -paradigmen, eröffnen sich Wege, die ein Verlassen jener Gesellschaften, jener Welten, ermöglichen. Das Unterlassen einer Wiederholung einer Lebensform, einer Gesellschaftspraxis oder einer bestimmten Kompositionstechnik ist demnach der stärkste Ausdruck eines Widerstands.

In der Musik wurde dieser Widerstand und die Erschaffung neuer Welten durch die serielle Kompositionstechnik oder Reihentechnik, die gegen Ende der 40iger Jahre des vorigen Jahrhunderts entwickelt wurde, zum Ausdruck gebracht. Hier tritt als ein syntaktisches Stilmittel oder als ein Formprinzip zur Abkehr von der Tradition das Wiederholungsverbot programmatisch auf.  Die bislang kleinsten klanglichen Einheiten werden in der seriellen Musik in die eigenständigen Phänomene Tonhöhe, Tondauer, Lautstärke und Klangfarbe aufgelöst, die dann nach streng objektiven, rational quantifizierbaren Kriterien und nach deterministischen Kompositionsregeln in Beziehung gesetzt werden, wobei der streng deterministische Ansatz später reduziert wird. Die Kompositionsregeln beinhalten zentral auch ein striktes Wiederholungsverbot, da in einer spezifisch angeordneten Reihe von gleichwertigen Elementen jedes Element nur einmal vorkommen darf, was an ausgewählten Beispielen gezeigt wird. Als wichtige Vertreter der seriellen Musik gelten Karlheinz Stockhausen und Pierre Boulez bzw. die Darmstädter Schule. Ein explizites Wiederholungsverbot war beispielsweise auch im Katalog von Verboten für die Kollektivimprovistaionen der von Franco Evangelisti in Rom in den 60iger Jahren gegründeten Gruppo di Improvvisazione Nouva Consonanza enthalten.

Selbst wenn sich eine Wiederholung der Geschichte dieser Welt asynchron und diachron in Variationen nicht vermeiden lässt, so kann diese Welt durch die Unterlassung einer Wiederholung verlassen und es können genuin menschliche, real mentale Welten wieder und wieder symbolisch generiert werden. Zunächst privatim, möglicherweise an verschiedenen Orten, möglicherweise zu unterschiedlichen Zeiten. Und möglicherweise privatim en plusieurs. Nicht konventionell! Nicht global! Nicht als statisches Programm! Dies zu zeigen wird am Beispiel der seriellen Musik – die paradoxerweise genau den Aspekt des Individuellen, den Aspekt des genuin privatim schöpferischen Prozesses für ihren programmatischen Ansatz negiert – versucht. Damit ist serielle Musik als der existentielle Ausdruck sub specie eternitatis einer Generation zu verstehen.

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Urs B. Roth: Wiederholung ohne Wiederholung – zur Geometrie aperiodischer und quasichaotischer Pattern

1974 entwickelte der britische Mathematiker Roger Penrose mit »Darts & Kites« die mathematische Grundlage zu Mustern, die sich systematisch unendlich fortsetzen lassen, ohne sich je zu wiederholen. 30 Jahre später entdeckte Peter J. Lu an mittelalterlichen Bauten in Buchara und Isfahan Muster mit derselben Eigenschaft.

Wiederholung ist das Grundprinzip jedes Musters. Anhand einiger Arbeiten aus dem ›Atelier für Konkrete Kunst‹ soll gezeigt werden, wie solch komplexe Muster entstehen und dass die Essenz dieser Muster nicht in den Elementen selbst steckt, sondern nur in deren Anordnung. 

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Peter Rusterholz: Dürrenmatts und Kierkegaards Wieder-Holungen

Nach der katastrophalen Uraufführung seiner Komödie »Der Mitmacher« am 8. März 1973 beginnt Dürrenmatt, wie in allen Lebenskrisen, Kierkegaard zu lesen. Vom 30. Mai bis zum 2. Juni liest er Kierkegaards »Die Wiederholung«. Die zentrale Frage dieser Schrift – Ist Wiederholung möglich? – ist auch für ihn in mehrfacher Hinsicht bedeutend. Die Mitmacher-Katastrophe erschütterte ihn als Menschen, als Autor, als gescheiterten Dramatiker und als Schreiber eines problematischen Versuchs, wenn nicht eine Autobiographie, so doch eine Autobiographie seiner Stoffe zu schreiben und das heisst, schreibend sein Leben und sein früheres Schreiben zu ›wiederholen‹. Inwiefern ist der  Begriff der Wiederholung nicht nur eine Grundfigur von Kierkegaards, sondern auch von Dürrenmatts Denken und Schreiben? Hat er die  Verwandlung des gescheiterten Dramatikers zum Autor der späten Stoffe ermöglicht? D. schrieb in Turmbau (Stoffe VII): Ohne Kierkegaard bin ich als Autor nicht zu verstehen. Wie ist D. mit Kierkegaard neu zu lesen?

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Dominik Sackmann: Wiederholung in der Musik

Musik ist die Ordnung der Zeit mittels Klang. Orientierung im Fluss der Zeit wird in erster Linie ermöglicht durch Wiederholung. Die formale Gestaltung eines Musikstücks seitens des Komponisten oder Improvisators basiert auf Wiederholung, Musiker und Zuhörerinnen konditionieren sich dank Wiederholung. Wiederholungen schaffen einerseits Übersicht und Wohlbefinden. provozieren andererseits Lust auf Veränderung. Sprach- und emotionale Ausdrucksfähigkeit der Musik ist ohne Wiederholung kaum denkbar, ebenso wenig ihre Textualität und Intertextualität. Das Referat berührt einige Stationen der (abendländischen) Geschichte der wechselnden Spielarten des Umgangs mit klingender Wiederholung und der Bereitschaft zur auditiven Erinnerung. Ausserdem geht es darin um Implikationen auf musikalische Interpretation und Improvisation und um Wiederholung als Instrument der Geschmacks- und Repertoirebildung.

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Franziska Struzek-Krähenbühl: Das Prinzip der Wiederholung bei Herder und Hopkins

Alle Dichtkunst sei ein fortgehender Parallelismus, schreibt Johann Gottfried Herder in den Fragmenten zu einer »Archäologie des Morgenlandes« (1769) und bestimmt das Moment der Wiederholung als zentrales Moment, ja als Inbegriff der Poesie. Gerhard Manley Hopkins führt in »Poetic Diction« (1865) diesen Gedanken weiter und betont, dass der Ausdruck der poetischen Sprache mit ihren Parallelismen und Wiederholungen stärker sei als die der gewöhnlichen Rede- oder Schreibweise, und dass daher auch das poetische Denken stärker sei als das gewöhnliche. Es stellt sich die Frage, ob die Wirkung der Wiederholung durch den Aspekt der Sinnverstärkung vollumfänglich erfasst werden kann. Die Wiederholung macht auch auf das Sprachmaterial selbst aufmerksam und bewirkt damit zugleich eine Sinnentleerung. Es gilt demnach zu fragen, inwiefern diese zugleich auftretende Stärkung und Schwächung des Sinns bei der Wiederholung eine doppelte und widersprüchliche Wirkung nach sich zieht. 

Gerard Manley Hopkins (1844–1889), »Poems« (1918):

Repeat that, repeat,   
Cuckoo, bird, and open ear wells, heart-springs, delightfully sweet,   
With a ballad, with a ballad, a rebound   
Off trundled timber and scoops of the hillside ground, hollow hollow hollow ground:   
The whole landscape flushes on a sudden at a sound.

 Der überarbeitete Vortrag hier als PDF

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Doreen Triebel: Wiederholung als Einfluss auf die kognitive Verarbeitung von Kunstwerken

Mannigfaltige Variationen der Wiederholung von Signifikat und Signifikant, welche innerhalb aber auch zwischen verschiedenen Werken auftreten können, sind ein häufig vorkommendes Stilmittel in Musik, Literatur und bildender Kunst. Diese Wiederholungen können jedoch nicht nur die Salienz bestimmter Inhalte erhöhen, Intertextualität herstellen oder einem Werk einen bestimmten Rhythmus verleihen, sondern auch weitreichenden Einfluss auf die kognitive Verarbeitung und die affektive Evaluation eines Werks nehmen.

Die bloße wiederholte Präsentation eines Stimulus – ob es sich hierbei um eine literarische Struktur, ein Gemälde oder ein Musikstück handelt – kann, wie vielfach bewiesen wurde, dazu führen, dass die Einstellung des Wahrnehmenden diesem Reiz gegenüber eine positive Beeinflussung erfährt. Die subjektive kognitive Erfahrung der Familiarität wird hierbei in Urteils- und Entscheidungsprozessen als heuristische Information benutzt. Darüber hinaus führt die Wiederholung eines Stimulus zu einer gesteigerten Flüssigkeit der kognitiven Informationsverarbeitung, was wiederum mit einer höheren ästhetischen Bewertung des Stimulus einhergehen kann. In diesem Vortrag möchte ich aufzeigen, in welcher Weise und durch welche Mechanismen Wiederholungen unsere subjektiven ästhetischen Präferenzen beeinflussen können.

Christina Vogel: Wiederholung ― Macht ― Zeit

Im Jahr 2001 publiziert Alain Robbe-Grillet »La Reprise« und stellt diesem Text, der Strategien von Spionage- und Kriminalromanen imitiert, ein Motto von Søren Kierkegaard voran, das die enge Verbindung von Wiederholung, Erinnerung und Zeit thematisiert: Reprise et ressouvenir sont un même mouvement, mais dans des directions opposées; car, ce dont on a ressouvenir, cela a été: il s'agit donc d'une répétition tournée vers l'arrière; alors que la reprise proprement dite serait un ressouvenir tourné vers l'avant. (»La Répétition« oder »La Reprise« ist der französische Titel eines Werks von Kierkegaard.)

Der Roman »La Reprise« vollzieht im Prozess des Erzählens verschiedene Formen von Wiederholung und schafft eine nicht lineare Zeitstruktur, welche die chronologische Ordnung konsequent durchbricht. Die Zeitlichkeit, die der Roman erfahrbar macht, ist multidirektional und artikuliert Vergangenes und Zukünftiges in einer Art und Weise, welche die Identität von Personen und Orten prekär und unbestimmbar macht. (Sich) wiederholen ist bald Ausdruck eines Triebs, einer Macht, die sich jeglicher Kontrolle zu entziehen scheint, bald Möglichkeit einer – fiktiven – Selbsterkenntnis.

Ausgehend von diesem Alterswerk Alain Robbe-Grillets wollen wir fragen, wie Wiederholungen Figuren von Identität und Alterität (de-)konstruieren, Zeiträume narrativ entfalten und von neuem auflösen, Rezeptionshaltungen verändern. Was geschieht mit den Erzählinstanzen und literarischen Wirkungen, wenn das, was wir lesen, unter der Devise oder vielmehr dem Impuls des ›RE‹ steht?

Der Vortrag hier als PDF-Dokument

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Doris und Peter Walser Wilhelm: Karl Viktor von Bonstetten auf den Spuren des Aeneas

Nur in den geschichtlich einmaligen Augenblicken ursprünglicher Vergewisserung und Entscheidung der Existenz selber können die Chiffern wirklich erhellende Kraft haben. (Karl Jaspers, »Die Chiffern der Transzendenz«, Schwabe 2011, Achte, letzte Vorlesung)

Bonstetten kehrte 1801 von seinem politischen Asyl in Dänemark nach der Schweiz zurück, die sich mitten in den helvetischen Wirren befand. Als sein Versuch, im Vaterland wieder Fuss zu fassen, misslang, verliess er das »brennende Troia« abermals und begab sich nach Rom. In der Überzeugung, dass Vergil die Landnahme der Troianer in Latium mit untrüglichem Wahrheitssinn verortet habe, schritt er den Schauplatz auf seinem Voyage sur la scène des six derniers livres de l’Énéide (1805) ab und vollzog dabei, den Vorgang wiederholend, einen topographischen Modellwechsel, der nicht nur in die klassische Vergil-Forschung Eingang fand, sondern ihn selber in einem neuen Leben Fuss fassen liess. 

Literaturhinweis: BONSTETTIANA. Karl Viktor von Bonstetten, Charles Victor de Bonstetten, Historisch-kritische Ausgabe. Hrsg. von Doris u. Peter Walser-Wilhelm u.a., Schriften (Rote Reihe). Schriften über Italien, 1800–1808. Erster Teilband: Voyage dans le Latium / Reise durch Latium; [...]. – Zweiter Teilband: [...] Kommentar: Vergil’s poetische Topographie in Bonstettens Deutung (S. 617–779), Göttingen, Wallstein Verlag 2008 (ISBN 978-3-8353-602-6).

Der Vortrag als PDF-Dokument (1.4 MB)

 

Anregungen in bunter Folge:

• Abgrenzung von blosser Repetition, Routine – Wiederholung vs. Erinnerung

 ...

• Die Reprise in der Musik

Musik als 'Spiel von Identität und Differenz' - redicta-Verbot in der Renaissance - Josquin Desprez: Wiederholungen desselben Motivs als Symbol der Dreieinigkeit –  Scarlatti – Theoretiker das Sonatensatzes

• Funktion von Reim, Refrain, Motiv-Wiederaufnahme (u.a. Stilmittel in der Rhetorik und Belletristik)

Wolfram Groddeck, Reden über Rhetorik. Eine Stilistik des Lesens, Stroemfeldverlag 1995

Beispiel: Rede des Anton in Shakespeares »Julius Caesar«: Act 3, Scene 2: For Brutus is an honourable man

• Das Ornament

Owen Jones (1809–1874), The Grammar of Ornament, Day and Son, Ltd, London, 1856 (Großfolio mit 100 Chromolithographien). Digitalisat der Ausgabe von 1910 in der Digital Library for the Decorative Arts and Material Culture.

• Zitat, »Intertextualität«

Julia Kristeva (1967): »tout texte se construit comme mosaïque de citations, tout texte est absorption et transformation d’un autre texte.«  Fragekatalog zum Thema 

• Die Neuauflage

 Das Überarbeiten von Werken (Montaigne, Fischart, C.F. Meyer)

• Spolien in der Architektur

Arnold Esch , Wiederverwendung von Antike im Mittelalter. Die Sicht des Archäologen und die Sicht des Historikers, Berlin: de Gruyter 2005.

• Serielle Kunst

Andy Warhol, »Soup Cans« (MoMa NY)

• Plagiat – Parodie – Travestie

Robert Neumann (1897–1975), Mit fremden Federn (1927)

Raymond Queneau (1903–1976), Exercices de Style, 1947

• Feste Figuren – neue (?) Abenteuer

 Die narrative Logik von Fernsehserien

• Altes – Neues Testament (›Typologie‹)

Matthäus 12,40: Denn gleichwie Jona war drei Tage und drei Nächte in des Walfisches Bauch, also wird des Menschen Sohn drei Tage und drei Nächte mitten in der Erde sein. — Vgl. die kurze Übersicht zur Geschichte der Bibel-Exegese (PDF)

 • Wiederholungszwang

In der Psychopathologie: Prozess, wodurch das Subjekt sich aktiv in unangenehme Situationen bringt und so alte Erahrungen wiederholt, ohne sich des Vorbilds zu erinnern. In wessen Dienst steht diese Tendenz? –  Freud hat seine Theorie hierzu in »Jenseits des Lustprinzips« (1920) revidiert.

E-Text von »Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten« (1914) hier

• Kognitionspsychologie / Epistemologie

Erkennen als Wiedrerkennen des bereits Gewussten (bei Platon: anhand eingeborener Ideen)

• Friedrich Nietzsche, »Die Ewige Wiederkunft des Gleichen«

Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts, ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: »Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues daran sein, ...« (Die fröhliche Wissenschaft, Viertes Buch, Aphorismus 341).Pierre Klossowski, Nietzsche et le cercle vicieux, Paris: Mercure de France 1969.

• Parusie

Sie werden sich über euch lustig machen und sagen: Er hat doch versprochen wiederzukommen! Wo bleibt er denn? ... Ihr dürft nicht übersehen: Beim Herrn gilt ein anderes Zeitmaß als bei den Menschen (2 Petrus 3,4–9) – Darum seid wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommen wird. (Mt 24,42)

• apokatastasis pantôn

Warum wurde die Lehre des Origenes von der Wiederherstellung aller Seelen in ihrer Einheit mit Gott verurteilt? Wenn einer sagt oder dafürhält, ... es werde eine Wiederbringung von Dämonen oder gottlosen Menschen geben — so sei er im Banne. Edikt des Kaisers Justinian gegen Origenes (Synode von 543), Anathema 9.

• Gedenken; Erinnerungskultur

Beispiel: das Pessachfest als Erinnerung an den Auszug aus Ägypten

• Palingenese

Charles Bonnet, La palingénésie philosophique , 2 vol. Genève 1769.– dt. Übers. von J. C. Lavater, Philosophische Palingenesie, Bd. 1 / Bd. 2

Vgl. den Artikel »Palingenesis« von H. Schlüter im Histor. Wörterbuch der Philosophie Band 7 (1989), Sp. 39–46. – Helmut Zander, Geschichte der Seelenwanderung in Europa. Alternative religiöse Traditionen von der Antike bis heute, Darmstadt: wbg 1999.

• Reinkarnation, Metempsychose

Seelenwanderung bei Plato – im Hinduismus – im Buddhismus

• Wiederholung im Ritus

Hinweise:

Arnold van Gennep: Les rites de passage. Nourry, Paris 1909.

Walter Burkert , Homo necans. Interpretationen altgriechischer Opferriten und Mythen, 1972.

Andréa Belliger, David J. Krieger (Hrsg.), Ritualtheorien. Ein einführendes Handbuch, Opladen: Westdt. Verlag, 1998.

Im Sonderforschungsbreich 619 »Ritualdynamik « der Universität Heidelberg --- In 21 Teilprojekten arbeiten derzeit (2011) über 90 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

• Wiederholung im Mythos

Mircea Eliade (1907–1986), Le Mythe de l’Éternel Retour, Paris 1947; deutsch: Kosmos und Geschichte. Der Mythos der ewigen Wiederkehr, Düsseldorf 1953.

• Das Rosenkranzgebet

Anhand der Perlenschnur betet die/der Fromme 150 »Ave Maria«.

Maria im Rosenkranz

• Søren Kierkegaard, »Gjentagelsen« (1843)

Vorwort aus der Ausgabe von »Die Wiederholung« hg. Hans Rochol. Meiner, Hamburg 2000 (Philosophische Bibliothek 515). – Dorothea Glöckner, Kierkegaards Begriff der Wiederholung. Eine Studie zu seinem Freiheitsverständnis, Berlin: de Gruyter 1998.

• Die »biogenetische Grundregel«

Ernst Haeckels These : Die Ontogenesis ist eine kurze und schnelle Rekapitulation der Phylogenesis.

• Revenants, Zombies, Gengangere

Claude Lecouteux, Geschichte der Gespenster und Wiedergänger im Mittelalter, Köln: Böhlau 1987.

• Geschichte, Kulturgeschichte

Hartmut Heller (Hg.) Wiederholungen. Von Wellengängen und Reprisen in der Kulturentwicklung, Wien/Berlin: LIT-Verlag 2009. (auszugsweise bei Google Books )

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Materialien:

Quirinus Kuhlmann (1651–1689), »Der Kühlpsalter«, Sechstes Buch, Der 3. (78.) Kühlpsalm

... gehosanniret zu Losanna den 5 Dec. 1681.

Hosann! Di stund ist da! Hosann! der grossen Wunder!
Hosann! Es ist vollbracht!

Hosann! Komm, Jesus, komm! Hosann! Ich bin dein zunder!

Hosann! Dein A.L.L.S. erwacht!

Hosann! Mein Geist entflammt! Hosann! in deinem lichte!

Hosann! voll deiner krafft!

Hosann! Dein Heilges Reich! Hosann! eilt ins gesichte!

Hosann! Der Völkerschafft!

Hosann! Di Ehr sei Gott! Hosann! Frid aller Welt!

Hosann! Der Mensch sei hergestellt.

http://www.zeno.org/Literatur/M/Kuhlmann,+Quirinus

 


 

Und weiter sah ich den Sisyphos in gewaltigen Schmerzen: wie er mit beiden Armen einen Felsblock, einen ungeheuren, fortschaffen wollte. Ja, und mit Händen und Füßen stemmend, stieß er den Block hinauf auf einen Hügel. Doch wenn er ihn über die Kuppe werfen wollte, so drehte ihn das Übergewicht zurück: von neuem rollte dann der Block, der schamlose, ins Feld hinunter. Er aber stieß ihn immer wieder zurück, sich anspannend, und es rann der Schweiß ihm von den Gliedern, und der Staub erhob sich über sein Haupt hinaus.Homer, Odyssee, 11. Gesang, 593–600 (in der Übersetzung von Wolfgang Schadewaldt)

Sisyphos hier als Appell an den Frommen, trotz der Sündhaftigkeit nicht vom erfolglos scheinenden Tugendpfad abzuweichen. Aus: Gabriel Rollenhagen / Crispin de Passe, Nucleus Emblematum, Arnheim 1611/1613; Reprint unter dem Titel: Sinn-Bilder, hg. Carsten-Peter Warncke, Dortmund 1983 (Bibliophile Taschenbücher 378); Emblem I, 19. — Vgl. das Digitalisat der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel: http://diglib.hab.de/drucke/21-2-eth-1/start.htm


Catull, Carmen V

Vivamus, mea Lesbia, atque amemus,
rumoresque senum severiorum
omnes unius aestimemus assis.
soles occidere et redire possunt:
nobis, cum semel occidit brevis lux,
nox est perpetua una dormienda.
da mi basia mille, deinde centum,
dein mille altera, dein secunda centum,
deinde usque altera mille, deinde centum.
dein, cum milia multa fecerimus,
conturbabimus illa, ne sciamus,
aut nequis malus invidere possit,
cum tantum sciat esse basiorum.

Lass uns leben, mein Mädchen, und uns lieben,
Und der mürrischen Alten üble Reden
Auch nicht höher als einen Pfennig achten.
Wir nur, geht uns das kurze Licht des Lebens
Unter, schlafen dort eine lange Nacht durch.
Gib mir tausend und hunderttausend Küsse,
Noch ein Tausend und noch ein Hunderttausend,
Wieder tausend und aber hunderttausend!
Sind viel tausend geküsst, dann mischen wir sie
Durcheinander, dass keins die Zahl mehr wisse
Und kein Neider ein böses Stück uns spiele,
Wenn er weiß, wie der Küsse gar so viel sind.

(Übersetzung von Eduard Mörike)

 


Laurence Sterne, »Tristram Shandy« (Vol. V, chapter I, 1. Abschnitt):

Shall we forever make new books, as apothecaries make new mixtures, by pouring only out of one vessel into another? Are we forever to be twisting, and untwisting the same rope?

Die Passage ist ein Plagiat von Robert Burtons Kritik an literarischen Imitationen in seiner Einleitung zu »The Anatomy of Melancholy«: As apothecaries we make new mixtures every day, pour out of one vessel into another … Again, we weave the same web still, twist the same rope again and again. (DEMOCRITUS JUNIOR TO THE READER )

Mitgeteilt von S.M. aus Z.



Rainer Maria Rilke, 1906

Das Karussell

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.

.....  .....  .....

 



Die Werbung von VolksWagen etwa 1964 Er läuft und läuft und läuft … (auf der Homepage der Werbeagentur Redbox). Hier die Variante Er spart und spart und spart … (aus dem Archiv der Gesellschaft):

 

 


Woher kommt die Redewendung ›dasselbe in grün‹ ?

Vgl. die hübsche Seite von Farbimpulse .

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 Auf dem Blog von Monique Joly habe ich <26.2.2012> die interessante Zusammenstellung »Picasso et les maîtres« gefunden, woraus die beiden Bilder hier wieder-gegeben werden:

 

Vgl. Karl Eric MAISON, Bild und Abbild. Meisterwerke von Meistern kopiert und umgeschaffen, München 1960 (Themes and variations. Five centuries of interpretations and re-creations, London: Thames and Hudson [1960]).

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Wir haben die Nase wieder einmal ganz vorn:

Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe zeigte bis 5. August 2012

Déjà-vu? Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube

Ziel de Ausstellung war es, Phänomene des Kopierens und Reproduzierens vom späten Mittelalter bis zur zeitgenössischen Kunst darzustellen. Es wurden herausragende Beispiele aus sieben Jahrhunderten vorgestellt und miteinander in Beziehung gesetzt. Der Gang durch die Epochen macht deutlich, dass Kopien und Originale im Lauf der Zeit verschiedene Funktionen erfüllen und sehr unterschiedliche Wertschätzungen erfahren konnten.

Freundlicher Hinweis von M.St. in B.