Haus, Hausbau, Architektur, Inneneinrichtung, Kloster

 

Mechthild von Magdeburg

»Fließendes Licht der Gottheit«, Buch VII; Kapitel 48 (Beginn)

In der naht sprach ich alsus ze únserm herren: »Herre, ich wone in eime lande, das heisset ellende, das ist disú welt; wand alles, das da inne ist, das enmag mich getrösten noch gevröwen ane pine. Da inne han ich ein hus, das heisset pinenvol, das ist das hus, da min sele inne gevangen lit, min lichame. Dis hus ist alt, clein und vinster.«

Dis sol man geistlich vernemen.

In disem hus han ich ein bette, das heisset unruowe, wan mir ist mit allen dingen we, die gotte nit zuo hörent.

Vor dem bette habe ich einen stuol, der heisset ungemach. Das ungemach git mir vrömde súnde ze bekennende, der ich nie wart schuldig.

Vor dem stuole han ich einen tisch, der heisset unwille, das ich geistliches lebendes under geistlichen lúten so cleine vinde.

Uf dem tisch lit ein tischlachen, das ist reine, das heisset armüete; das hat in ime vil manige helige güete. Wolte man es rehte gebruchen, so hette man es von herzen liep. Die liebin des richtuomes ist des armüetes ein diep.

Uf den tisch kumt mir ein spise, die heisset bitterkeit der súnden, dar zuo sol das heissen guotwillig arbeit. Das drank heisset kume loben, wan ich leider alze kleine guoter werke an mir han.

Dis hus sach ich vinster enbinnen. Do offenbarte sich mir die geware gottes minne, die was glich einer edelen keyserinne.

 

Pseudo-Bernhard von Clairvaux, »Tractatus de interiori domo«, in: PL 184, 507–552.

Incipit: Domus haec, in qua habitamus, ex omni parte sui ruinam nobis minatur. Idcirco quia in brevi est casura, alia nobis est aedificanda

Herzkloster

Der sog. Sankt Georgener Prediger

hg. Karl Rieder (DTM 10), Berlin 1908; Nr. 6 (S.19–21)

Der Text des ›Georgener Predigers‹ ist eine Kombination von zwei Bildfeldern:

  • die Seele als Klostergebäude
  • die Tugenden als Klosterämter.

Von maenger hande tugend gaischliches lebens.
Providentes bona non tantum coram deo etc.
Sant Paulus sprichet: »wir súllent ersam sin vor den lúten und wol geordnet vor Got«. Salomon sprichet in der minnen buoch: »únser herre hât sin minne in mir geordenet«.
Hie bi git er úns ze merkenn wie dú minne sol geordnet sin in únserm hertzen. reht alz daz closter geordnet ist, als sol ôch dú minne geordnet sin . nu muoss ain ieklich closter vier ding han, daz wol geordnet ist.
[…]

Der Text ist hier als PDF-Datei strukturiert wiedergegeben.

Der Text des ›Georgener Predigers‹ ist eine Kombination von zwei Bildfeldern:

  • die Seele als Klostergebäude
  • die Tugenden als Klosterämter.

Es gibt auch Texte, in denen diese Bildfelder unvermengt vorkommen:

Einzelne Gebäudeteile bedeuten das Herz bzw. die Tugenden: Mit der maur guter werk wirt das kloster umfangen und die pfort der stille soll steteklich sein verslozen … In dem mittel sol werden gepflanzet ein palme, daz ist überwindung. … Vier wende sollen am kloster sein … Die want an dem morgen ist ermüd und erkentnis der snödigkeit der ontphovnge der geburt und all unsers lebens … die pfeiler, die das kloster tragen, das sein die gebot der alden und auch der neuen ee … (Bauer 1973, S.400ff.)

Einzelne Ämter im Kloster bedeuten Tugenden des Mönchs/der Nonne: In einem geistlichen kloster der sel sol got pryor sein, die bescheidenheit subprior. Die armut sol schaffer sein, die forcht pfortner, die diemütigkeit kleidermeister … (Bauer 1973, S.321ff.)

Von diesem Typ ist die Allegorie bei Mechthild von Magdeburg, »Fließendes Licht der Gottheit« VII, 36 (hg. von Hans Neumann, Band I: Text, besorgt von Gisela Vollmann-Profe, (MTU 100), München / Zürich: Artemis 1990; dazu im Kommentarband S. 155f.)

Folgende Gebäudeteile [G] werden genannt: Gasthaus – Refektorium/Speisesaal (reventer) – Dormitoriuem/Schlafsaal (dormiter) – Kapitelhaus (capittel hûs)

In den ersten drei Gebäudeteilen sind jeweils drei Amtsträgerinnen [A] (jungfrowen) zuständig für moralische Handlungen [H]

Im Kapitelhaus findet gemäß Regula S.B. das Schuldkapitel statt, die Bekenntnis der Verfehlungen vor Abt und Brüdern/Schwestern. Hier hat der Text beinahe die Anlage einer Psychomachie; es bezichtigen einander des Übermaßes die Personifikationen

  • Ersamkeit — Demuot
  • Reht — Erbärmde
  • Minne — Beschaidenheit

Texte der Ausgabe von G.Morel 1869:

Mechthild_von_Magdeburg_VII_26-1

Mechthild_von_Magdeburg_VII_26-2

Mechthild_von_Magdeburg_VII_26-3

Kurzversion : Wilhelm Wackernagel, Altdeutsche Predigten und Gebete aus Handschriften, Basel 1876, S.609f.:

Ein fridesam hercze ist ein kloster da ist got ein apt inne ¶ Bescheidenheit ist die eptissen ¶ Demuot ist ein priorin ¶ Gedult ist die custerin ¶ Göttlich forhte ist die portenerin ¶ Miltekeit ist die siech meisterin ¶ Die heilige triualtikeit ist die schuolmeisterin ¶ Gnode ist der priester ¶ Danckbarkeit ist die sengerin ¶ Armuot ist die schaffnerin ¶ Gehorsamkeit ist die klosterfrowe ¶ Andaht ist der kor ¶ Minne ist der altar ¶ Die engel sint die diener ¶ Bekenntnisse ist das criutz ¶ Vebung ist der cruczgang ¶ Gedehtnisse des todes ist der kirch hoff ¶ Barmherczikeit das siech husz ¶ Messikeit ist der reuentor ¶ Zuhtikeit der tisch ¶ Göttlicher trost ist die köcherin ¶ Götlich suesikeit ist die spise ¶ Kiuschkeit ist das slosshusz ¶ Einœte die zelle ¶ Ein gerüewic hercz ist der strosak ¶ Fride ist der bomgarte ¶ Swigen ist der weg ¶ Vndergon sind die böim ¶ Vollhertunge [Ausdauer] in tugenden vntz an das ende ist die fruht die wür eweklichen niesen werden Amen

Vgl. ferner: Hugo de Folieto, »Claustrum animae«

Literaturhinweise hierzu:

Gerhard Bauer, Claustrum animae. Untersuchungen zur Geschichte der Metapher vom Herzen als Kloster, München: Fink 1973. [nur Band 1 erschienen]

Gerhard Bauer, Artikel »Herzklosterallegorien«, in: Verfasserlexikon Band 3 (1981), 1153–1167.

Wolfgang Braunfels, Abendländische Klosterbaukunst, Köln 1969.

Jörg Sonntag, Klosterleben im Spiegel des Zeichenhaften. Symbolisches Denken und Handeln hochmittelalterlicher Mönche zwischen Dauer und Wandel, Regel und Gewohnheit, Berlin: Lit Verlag 2008 (Vita regularis. Abhandlungen, Band 35).

Teresa de Ávila

»Moradas del Castillo Interior« (1577)

Kurt Tucholsky

in einer Rezension von Schriften von von Clément Vautel (1876–1954), der Glossen (»Mon Film« in einer Pariser Tageszeitung) und Romane geschrieben hat.

Jahraus, jahrein beschäftigt sich »Mon Film« mit dem, was das kleinbürgerliche Herz bewegt: mit der Steuer, mit der Erhöhung der Fahrpreise, mit den vielen Fremden in Paris, mit der Steuer, mit der schlechten Beleuchtung in manchen Straßen, mit dem letzten Mord, mit der Steuer, mit dem Parlament. […]

[Die Rezension endet so :] Wenn die französische Literatur ein Haus ist – Proust wohnt in einem Seitenflügel à part; die Académie in der ersten Etage; Pierre Hamp wäscht in der Küche Geschirr; Valéry Larbaud geht im Vorgarten spazieren; Daudet steckt den Kopf zum Fenster heraus und schreit, dass man glaubt, das ganze Haus gehöre ihm allein; Maurras ist Schornsteinfeger und ruft fortwährend: »Feurio!«; Maurice Rostand wohnt nach hinten, und Paul Morand hat eine sturmfreie Bude –: wenn die französische Literatur ein Haus ist, dann sitzt vorn in der Portierloge ein Mann, mit rundem, glattrasiertem Gesicht und breiten Naslöchern, fast wie ein verkrachter Schauspieler anzusehen. Sie klingeln, Sie wollen eintreten. Sie müssen an ihm vorbei. Es ist Clément Vautel, der Nationalconcierge des französischen Volkes.

Peter Panter, in: Vossische Zeitung, 30.09.1925,
> http://www.textlog.de/tucholsky-clement-vautel.html

Literatur

Friedrich Ohly, Artikel "Haus III (Metapher)" in: RAC = Reallexikon für Antike und Christentum, Band 13 (1986), Spalten 905–1063.